SWR2 Kultur Aktuell
ZWEI FRAUEN, EINE VISION: DIE GEBURTSSTUNDE VON „DIRTY DANCING“ „Dirty Dancing ist Paartanz, bei dem man sehr eng tanzt und sich am Körper des Partners entlang bewegt“, sagt die Drehbuchautorin Eleanor Bergstein. Bei einem Mittagessen erzählt sie der Filmproduzentin Linda Gottlieb von diesem erotisch knisternden Tanz. „Mir fiel buchstäblich der Löffel aus der Hand. Ich hab ihr gesagt: Das ist ein Millionen-Dollar-Titel. Ich sah schon das Plakat und es kribbelte. Eleanor meinte, Dirty Dancing hat nichts mit der Story zu tun. Und ich: Das ist der Titel und jetzt entwickeln wir die Story“, erinnert sich Linda Gottlieb in der Arte-Doku „Dirty Dancing: Romantik, Drama, Tanz!“. Zwei Frauen, eine Vision: „Dirty Dancing“. Der Low-Budget-Film wurde zum Mythos. Gedreht wurde der Film mit nur fünf Millionen Dollar – ein Bruchteil von dem, was Hollywood-Filme damals kosteten. Niemand glaubte, dass sich der kleine Independent-Film länger als eine Woche in den Kinos halten würde. Am Ende lief er 19 Wochen und spielte 210 Millionen Dollar ein. WEIBLICHE BEFREIUNG – MIT EINER MELONE IM ARM Baby, eine junge, idealistische, kluge Frau, macht mit ihren Eltern in den 1960er-Jahren Urlaub in einem Nobel-Resort nördlich von New York. Dort lernt sie den Tanzlehrer Johnny Castle kennen, gespielt von Patrick Swayze. Und sie entdeckt Dirty Dancing. Eine von vielen ikonischen Film-Szenen: Baby – mit einer riesigen Wassermelone im Arm – betritt eine Holzhütte, in der die Hotel-Angestellten tanzen. Eine brodelnde Menge, wild, ekstatisch, die Körper eng umschlungen. Damit verlässt Baby die bürgerliche Ödnis des Familienurlaubs und tritt ein in eine neue Welt. „Die Energie, die dieser Raum ausstrahlt, ist absolute Befreiung. Man merkt, wie unbeholfen sie ist. Sie ist zum ersten Mal in ihrem Körper auf eine Art, die ihr gefällt. Es gibt da eine Freiheit im Körper, die sie vermutlich noch nie zuvor erlebt hat“, sagt Sachbuchautorin Andrea Warner in der neuen Arte-Doku. „DIRTY DANCING“: NICHT NUR SEXY, VOR ALLEM AUCH POLITISCH Die Doku holt „Dirty Dancing“ aus der sommerlich leichten Romcom-Ecke und zeigt seine politische Dimension: Baby lernt tanzen, damit sie für Johnnys eigentliche Tanzpartnerin bei einem wichtigen Auftritt einspringen kann. Diese muss einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, 1963, das Jahr in dem der Film spielt, eine gefährliche illegale Sache. 1987 sind Abtreibungen in den USA zwar legal. Doch unter US-Präsident Ronald Reagan gewinnen Abtreibungsgegner wieder stark an Einfluss. In dieser gesellschaftlichen Stimmung schreibt Drehbuchautorin Eleanor Bergstein „Dirty Dancing“ und legt die Handlung ganz bewusst in die 1960er-Jahre vor der Legalisierung. Damit nicht vergessen wird, wie gefährlich illegale Abtreibungen sind. Heute ist der Film mit diesem Thema so aktuell wie nie: 2022 kippte der Supreme Court in den USA das Grundrecht auf Abtreibung. „Dirty Dancing“ ist hochpolitisch. Und ist auch ein Film über weibliche Selbstbestimmung und Sexualität. Die Arte-Doku arbeitet das fein heraus. BABY TANZT SICH FREI Baby entdeckt beim Tanzen mit Johnny Castle ihre Lust. Der Film erzählt davon konsequent aus ihrer Perspektive – ein Novum im amerikanischen Film. In einer intimen Tanzszene greift Baby nach Johnnys Hintern, sie küsst seinen Oberkörper. Ihre ganze Körpersprache schreit nach Sex. Und anders als sonst ist diesmal der Mann das Sexobjekt. „Nichts davon ist schambesetzt, denn es gilt ja in Hollywood oft als beschämend, wenn Frauen Sex möchten. Das dürfen sie nicht wollen. Und sie werden dafür bestraft. In Horrorfilmen überleben nur die Jungfrauen. In vielerlei Hinsicht ist Sex zu wollen das Schlimmste, was Frauen tun können“, ordnet Autorin Andrea Warner ein. Bei „Dirty Dancing“ allerdings nicht: Sex wird nur wenig romantisiert. Es gibt keine großen Liebesversprechen, keine Hochzeit zwischen Johnny und Baby. Das Happy End ist kein „Sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“. Baby tanzt sich frei, sprengt die Konventionen – die sozialen und die filmischen. Und die legendäre Hebefigur am Schluss des Films lässt sie im wahrsten Sinne des Wortes fliegen. ARTE-DOKU „DIRTY DANCING": ROMANTIK, DRAMA, TANZ!“ – ONLINE VERFÜGBAR BIS 27.03.2027, ERSTAUSSTRAHLUNG AM 26.07.2026:
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