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Das Chaos der Ordnung: „Spiel auf vielen Trommeln“ von Olga Tokarczuk

4 min · 8 de jul de 2026
Portada del episodio Das Chaos der Ordnung: „Spiel auf vielen Trommeln“ von Olga Tokarczuk

Descripción

Kriminalromane zu lesen, glaubt die Heldin in einer der Geschichten von Olga Tokarczuk, hat etwas Beruhigendes. Ein bisschen sei es wie aufräumen.  > Schritt für Schritt verwandelt Chaos sich in Ordnung. Manchmal aber hat man auch genug von der Ordnung. > > > Quelle: Olga Tokarczuk - Spiel auf vielen Trommeln Tatsächlich hat sie diesmal genug vom schleppenden Gang der Erzählung. Eine Gruppe von Krimi-Autoren trifft sich auf einem flämischen Landsitz, aber es geschieht eigentlich nichts. Die leidenschaftliche Leserin erträgt das nicht. Anders als in Woody Allens Film „Purple Rose of Cairo“, wo sich Filmstars von der Leinwand ins wirkliche Leben verirren, geht Tokarczuks Protagonistin den umgekehrten Weg: Sie mischt sich unter die fiktiven Krimi-Autoren, schubst die Handlung an und wird schließlich zu einer heillos Umherwandelnden zwischen den Welten. „Als sie am Morgen die Katze auf den Balkon ließ, sah sie, wie vor ihrem Hochhaus ein Streifenwagen vorfuhr. Drei Männer stiegen aus und strebten dem Eingang zu ihrem Treppenhaus entgegen. Einer von ihnen trug einen Trenchcoat und einen seltsam altmodischen Hut. Es war ihr, als müsste sie ihn von irgendwoher kennen.“    IM WARTESAAL DER WIRKLICHKEIT  Diese erste von neunzehn Geschichten im Band „Spiel mit vielen Trommeln“ trägt den schön doppelbödigen Titel „Mach die Augen auf, du lebst nicht mehr“. Sie mag als Parabel auf die Macht der Illusion, den Schein des Realen und das unbewusste Weiterwirken der Kunst gelesen werden. Als literarisches Spiel mit kleinen Verschiebungen in der Wahrnehmung und der unberechenbaren Verrückung des Alltäglichen, das die Literaturnobelpreisträgerin wunderbar beherrscht. So wird eine polnische Schriftstellerin in einem anderen Text von einer Schottin für einen Monat beherbergt – sie möchte Gesellschaft, im Gegenzug soll der Autorin ein kreatives Ambiente geschaffen werden. Zeit zum Schreiben, Zeit, um über das Schreiben nachzudenken.  „Die Literatur ist letztlich eine sanktionierte, von ethischen Beschränkungen befreite, gesellschaftlich anerkannte und bewunderte Lüge. Ebendarum, so denke ich, hat mich das Schreiben schon immer angezogen.“ VON ALLEM WAS DABEI Auf einen Nenner sind diese neunzehn Erzählungen dennoch nicht zu bringen: Sie greifen aus ins Fantastische, beherbergen Spurenelemente des Lebens Tokarczuks, handeln von Gestrandeten und Verstörten, von Wandernden und sich fortwährend Verwandelnden, zuweilen eben auch von jenen professionellen „Anarchisten des Universellen“, wie Schriftsteller einmal bezeichnet werden. Die Geschichten sind mal kürzer und manchmal dutzende Seiten lang, kreisen um oder bewegen sich zu auf eine Kuriosität. Es schwingt in ihnen eine sentimentale Note mit, oder es herrscht ein ironischer Grundton. In der Titelgeschichte „Spiel auf vielen Trommeln“, entstanden während Tokarczuks Zeit als DAAD-Stipendiatin in Berlin, ist es eine Erzählerin, die von ihrem Küchenfenster aus in den Hof auf eine Wagenburg blickt. Immer mehr taucht sie in diese ihr fremde Welt ein, und sie ist fasziniert vom Trommelspiel, das abends anhebt und einen Rhythmus für dieses andere Leben vorgibt, einen Puls. Gleichzeitig fehlt ihr selbst dieser Takt, die Stadt erscheint ihr konturlos, es ist, als würde sie die Kontrolle verlieren, wenn sie sie mit der Bahn durchquert.  HALTLOSER BLICK  „Mein ganzes offenes, aufnahmebereites, von Eindrücken schwellendes Ich löste sich auf, da mein Blick nichts einfangen konnte.“  Im Original ist dieser Erzählungsband bereits 2001 erschienen, 2006 dann erstmals in Auszügen auf Deutsch in der Übersetzung von Esther Kinsky. Nun liegen alle Texte in der auch die verschiedenen Stimmungen und Töne treffenden Übertragung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein vor. Wie bei vielen großen Autorinnen und Autoren ist auch die Sprache Tokarczuks nicht komplex, nicht experimentell, nicht darauf aus, Kunstfertigkeit auszustellen. Das Geheimnis liegt vielmehr zwischen den oft klar formulierten, eine poetische Aura in sich tragenden Sätzen. Die im vermeintlich Einfachen verborgene Poesie aber in eine andere Sprache hinüberzuretten, ist gar nicht so einfach. Palmes und Quinkenstein gelingt das vortrefflich.

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Portada del episodio Unwegsamkeiten in Stadt und Land: Xaver Bayers neuer Roman „Hauch“

Unwegsamkeiten in Stadt und Land: Xaver Bayers neuer Roman „Hauch“

Bayers Roman setzt im Hoch- oder Spätsommer ein und endet im Frühjahr. Die Trennung der beiden Protagonisten – Veit und Dora – ist eine Abmachung. In dieser Zeit dürfen sie einander nicht persönlich treffen. Sie schreiben aber einander handgeschriebene Briefe, verschickt mit der Post. Dora arbeitet als Übersetzerin, Veit als Schriftsteller. Dora leidet an Albträumen und Schlaflosigkeit. Das hat auch mit der urbanen Umgebung zu tun. Doch auch auf dem Land ist nicht alles Idylle: Vögel fliegen erschrocken auf, weil eine Drohne vorbeisaust. Veit kommentiert das Geschehen: EIN SCHWANENGESANG AUF DIE NATUR  „Es kommt mir vor, alles in der Welt ist zu einem Kippbild zwischen friedlich und bedrohlich geworden. Man muss Mal für Mal selbst entscheiden, wie man die Dinge sehen möchte. Wenn man denn entscheiden kann.“ Und Dora ergänzt mit apokalyptischen Worten: „Lieber Veit, wenn ich Deinem letzten Brief noch etwas hinzufügen darf, ist die gesamte Menschheit eine Kriegserklärung an die Natur.“   Veit wiederum stellt eine existentielle Frage: „Warum konnte innerhalb so weniger Jahrzehnte eine derart eklatante Entfremdung des Menschen von der Natur stattfinden? Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Natur von immer mehr Menschen als veraltet, als nicht zeitgemäß angesehen wird.“ GRILLENZIRPEN IN DER U-BAHN Dora wiederum drückt dies in philosophischen Worten aus: „Das Sein hat sich hinter einer Kopie seiner Außenansicht zurückgezogen.“  Im urbanen Terrain beherrscht beständiger Lärm den Alltag. Der Smog greift die Lunge an. Und die Menschen? Dora nimmt sie zusehends als wandelnde Zombies wahr. Zwischen Baustellengetöse erlauscht Dora das Tschilpen der Spatzen.   > Gestern habe ich sogar ein Grillenzirpen vernommen, in der U-Bahn, aber es kam aus einem Mobiltelefon.  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch VERLUST LÄNDLICHER GEBORGENHEIT  Auf dem Land nimmt Veit naturgemäß etwas andere Veränderungen wahr: Auch dort gibt es Baulärm, rasende Rolande auf ihren Motorrädern und Flugzeuge ziehen ihre Bahn. Doch was auffällt, ist die Verödung der Dörfer: Gasthäuser und örtliche Einkaufsläden schließen, wer Besorgungen hat, muss zu den Shoppingmalls nächstgrößerer Städte. Und der Postkasten für die Briefe an Dora? Ist auch verschwunden – zahlt sich nicht mehr aus, sagt die Postverwaltung. Veit nennt diese Orte am Land das „Herz der Verlassenheit“.  Wenn man nun im Weiterlesen meinen würde, irgendwann und irgendwo müsste bald die Bombe einschlagen, irrt man. Zeitweise hat man das Gefühl, die Briefe würden allein den tristen Ist-Zustand der Welt abbilden. Aber auch das ist ein Fehlschluss. EIN HAUCH DES LEBENS Veit beobachtet die Vögel im Flug, das Fallen des Schnees, die Spuren der Hauskatze und das heftige Rauschen der Gräser und Bäume im Sturm. Die Bewegungen des Windes – sind sie nicht naturhafte Gleichung für den Atem, für den „Hauch“ im Dasein der Menschen?  Selbst Dora, geplagt von ihren Albträumen, hat Träume, die aus Hoffnung gestickt sind. Auch das – ein Hauch des Lebens.  > „Lieber Veit, heute, im Traum, habe ich auf der Straße einen Ring gefunden, den offenbar jemand verloren hat. Aber wo gibt man Traumfundstücke ab? Deine Dora.“  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch DIE GELASSENHEIT IM LEBEN Xaver Bayer ist mit seinem Roman Hauch etwas Besonderes gelungen: Apokalyptische Gedanken holen einen heutzutage öfters ein. Indem aber der Autor im Laufe des Geschehens durch Naturbeobachtung und durch die Dialoge der beiden Briefschreibenden ein Gefühl der „Gelassenheit“ erzeugt, nimmt er seine Leserschaft im Lesen der Briefe mit. „Hauch“ ist sprachlich gesehen, völlig unspektakulär, man könnte sagen, der Roman steht diametral zur Aufregungs- oder Betroffenheitsliteratur. Doch genau das macht die Seriosität des Textes aus. In einem Brief fasst Veit es in kurzer, unmissverständlicher Weise zusammen – eine Art Aphorismus, den man sich durchaus einprägen sollte.  > „Die Welt will wahrgenommen werden, und sie will beschrieben werden, das ist alles.“  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch

15 de jul de 20264 min
Portada del episodio Für die Demokratie in die Schlacht ziehen: Paul Ingendaays „Entscheidung in Spanien“ | Buchkritik

Für die Demokratie in die Schlacht ziehen: Paul Ingendaays „Entscheidung in Spanien“ | Buchkritik

Im Sommer 1936 erheben sich in Spanien konservative Generäle gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung. Auf Bitten von General Francisco Franco schickt Hitler deutsche Flugzeuge. Das faschistische Italien unterstützt den Putsch ebenfalls.   Die drückende militärische Überlegenheit der „Nationalisten“ wird abgemildert durch die bald anrollende sowjetische Militärhilfe für die Republik, aber nicht ausgeglichen. Denn die liberalen Demokratien Frankreich und Großbritannien versagen der Republik die Unterstützung. Vor diesem Hintergrund strömen zigtausende Freiwillige aus über 60 Ländern auf die iberische Halbinsel, um die Republik gegen die Aufständischen zu verteidigen.  Darunter befinden sich zahlreiche Künstler und Schriftsteller. Ihnen widmet sich der Literaturwissenschafter und Schriftsteller Paul Ingendaay in seinem Buch „Entscheidung in Spanien“.  DIESE GESCHICHTE WIRD VON DEN BESIEGTEN GESCHRIEBEN „Die Schwarz-Weiß-Bilder, die [vom spanischen Bürgerkrieg] erzählen, gehören zu den fotografischen Ikonen des 20.Jahrhunderts. Wie kein anderer Konflikt hat [er] unsere Vorstellung von der heroischen Niederlage geprägt“, schreibt Ingendaay. „Und er gehört zu den wenigen Kriegen, deren Geschichte die Verlierer geschrieben haben: als Gegengeschichte zu einem Aufstand rechter Generäle, die das Leid eines ganzen Landes in Kauf nahmen.“  Ausgehend von den Erlebnissen prominenter Freiwilliger entwirft Ingendaay eine Chronik des beinahe drei Jahre andauernden Bürgerkriegs. Von der ersten Welle der Solidarität, über die Schrecken von Guernica bis hin zum erlahmenden internationalen Interesse im Vorfeld des näher rückenden Weltkriegs.  DIE IDEALE TRETEN IN DEN HINTERGRUND  Die Fotografen Gerda Taro und Robert Capa, das Kriegsreporterpaar Ernest Hemingway und Martha Gellhorn, Erika und Klaus Mann, Willy Brandt: Sie alle sind Protagonisten in dieser dichten und überaus lebendigen Darstellung, die sich weniger mit Frontlinien beschäftigt als mit Stimmungen, inneren Widersprüche, zwischenmenschlichen Verwerfungen und unterschiedlichen Graden von Heldenmut und Redlichkeit. Besonders nahe stehen Ingendaay jene Persönlichkeiten, die der Krieg desillusioniert zurücklässt. George Orwell etwa, der in Barcelona einen Bürgerkrieg im Bürgerkrieg miterlebt und Ziel von kommunistischen Angriffen wird. Eine Erfahrung, die maßgeblichen Einfluss auf sein späteres Werk nehmen wird. Oder die Philosophin Simone Weil, die über die Verbrechen auf republikanischer Seite klarsichtig schrieb:   > Die Notwendigkeiten und das Klima des Bürgerkriegs setzen sich über die Ideale hinweg, die man durch das Mittel des Bürgerkriegs verteidigen will. > > > Quelle: Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien BLICK AUF DEN ALLTAG EINES ZERMÜRBENDEN KRIEGS  Ingendaay reproduziert nicht die eingangs erwähnten Schwarz-Weiß-Bilder des Spanischen Bürgerkriegs, sondern erzeugt mit seinem genauen Blick für das Alltägliche neue Bilder, die sich einprägen. Die Szenen aus Gefängnissen, belagerten Städten und verlassenen Landstrichen erzählen eindrücklich davon, was einen langen, unübersichtlichen und zermürbenden Krieg ausmacht.  Ingendaay wirft auch einen frischen und offenen Blick auf die Texte, die seiner Beschreibung zugrunde liegen. Zum Beispiel auf Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“, dem er in Handlung und Figurenzeichnung zwar „lächerliche Züge“ attestiert, dem er aber auch vieles zugutehält. EIN PROLOG FÜR DEN ZWEITEN WELTKRIEG Darunter fällt die Betonung gewisser Details, die auch Ingendaay ein Anliegen sind: „Doch auf andere Weise ist Wem die Stunde schlägt eine Liebeserklärung an das Spanien armer, stoischer und hochherziger Menschen, indem es immer wieder die hanfbesohlten Schuhe erwähnt, die billigste und natürlichste Fußbekleidung, die sich denken lässt.“  „Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen“, lautete ein berühmter Ausspruch des Philosophen Miguel de Unamuno, der sich nach anfänglicher Sympathie von den Putschisten abwendete. In einer Zeit, in der sich die Versuche mehren, die Franco-Diktatur zu rehabilitieren, ist Ingendaays Buch eine wichtige Erinnerung an diesen Prolog zum Zweiten Weltkrieg, eine packend geschriebene Mahnung an die Adresse aller demokratisch Gesinnten.

Ayer4 min
Portada del episodio Affen als Herausforderung für die Literatur: Lara Rüters Essay „Affenliebe”

Affen als Herausforderung für die Literatur: Lara Rüters Essay „Affenliebe”

Leipzig, ein Primatenforschungszentrum. Aus dem Gewimmel des Zoos klingen Tierstimmen. Eine Forscherin steht vor einem der Gehege, beobachtet die Affen, macht Notizen. Eine Biologin? Nein, eine Dichterin. Ihr Name: Lara Rüter [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-05-09-102.html].  Die Aufzeichnungen in ihrem Notizbuch wirken zunächst wie ein Durcheinander aus Beobachtungen, Tagebucheinträgen und Gedichtfragmenten: Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als Versuche, das Verhalten der Affen möglichst genau zu erfassen.   MENSCHLICHES VERHALTEN Im Leipziger Zoo sind die Affen Individuen: Sie haben Namen, Vorlieben, vielleicht sogar Gefühle. Rüter gelangt schnell zu der Einsicht, dass sie sich von den menschlichen Verhaltensweisen der Tiere nicht distanzieren kann. Sie ertappt sich dabei, einzelne Lieblingsaffen zu haben. Besonders nähert sie sich dem Bonobo Tayo an – entgegen aller wissenschaftlichen Distanz:  „Tayo schlägt seine Zähne wie immer an die Scheibe, als er mich sieht, schließlich presst er seine Lippen kussmündig auf das Glas. Und ich zögere nicht, lege meine sofort darauf, bevor er verschwindet, lege sie auf die verstaubte, dreckige Scheibe, irgendwie direkt auf seine Lippen und auch nicht.”    FORSCHUNG ZWISCHEN NÄHE UND DISTANZ  Spätestens hier verlässt die Autorin die Rolle einer nüchternen Beobachterin. Der Institutsalltag wird zu einem Alltag der Gefühle. Die Affen setzen bei Rüter Erinnerungen und Reflexionen über ihre Vergangenheit in Gang. Dann entwickelt sich der Essay zunehmend zu einer biographischen Selbstbefragung.  > Meine Affen stellen keine Fragen an die Welt, scheinen Bruchstücke als das Ganze anzunehmen. Lieblingsfarbe. Lieblingstier. Als Kind wollte ich vom Kuckucksvater immer nur das wissen. […] Ich glaube, dass ich Halt suchte in diesem Ritual. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe Dokumentieren und Dichten: So könnte also das Motto von Rüters Buch lauten. Die Autorin ist eben beides: Forscherin und Dichterin; in „Affenliebe“ erprobt sie die Möglichkeit einer Symbiose dieser beiden Rollen.  Entstanden ist ein Text, der das Verhältnis von Menschen und Affen zum Ausgangspunkt einer Reflexion über die existenziellen Fragen des Menschseins nimmt. Im Hintergrund schwebt dabei immer die Frage: Kann eine Dichterin die Sprache der Tiere sprechen?  INTELLEKTUELLES BERÜHREN Schnell wird deutlich: Da, wo das literarische Verdichten beginnt, werden die Affen als Schreibanlässe instrumentalisiert. Ist das nicht jene Projektion, die Rüter eigentlich vermeiden wollte? Die Autorin reflektiert diesen Widerspruch kaum und macht stattdessen das sogenannte „intellektuelle Berühren“ zum Programm ihres Schreibens:  > Vertraue nie einem Affen. Berühre ihn nie, auch nicht, wenn er dein Freund ist, berühre ihn nur auf der intellektuellen Ebene. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe EIN INTERTEXTUELLES SCHREIBPROJEKT  Gelungen ist das Buch vor allem dort, wo es in den Dialog mit anderen Texten tritt. Zahlreiche philosophische Zitate begleiten die freien Assoziationen, eine Liste mit Literaturhinweisen am Ende des Buches dient hier als Einladung zum Weiterlesen.  Ein wichtiger literarischer Bezugspunkt des Essays ist Franz Kafka [https://www.swr.de/kultur/literatur/aexavarticle-swr-39000.html]. In dessen Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ spricht der menschgewordene Protagonist Rotpeter von seiner Vergangenheit als Affe: „Ich kann das damals affenmäßig Gefühlte nur mit Menschenworten nachzeichnen“.  Das Zitat steht dem Buch als Epitaph voran. Was bei Kafka pointiert klingt, mündet bei Rüter in langatmige Suchbewegungen.  Am Ende bleibt „Affenliebe“ ein Experiment: ein Schreibprojekt, das seinem fragmentarischen Charakter aufs höchste verbunden ist. Es folgt konsequent dem Grundsatz: Genaues Beobachten hat keine Stringenz. Stattdessen ist es Aufgabe einer Dichterin, das Gesehene zu verdichten.  Damit zeugt der Essay davon, was Lara Rüter – vor allem als Lyrikerin – gut kann: In aufmerksamer Versenkung ihre Umwelt beobachten.

13 de jul de 20264 min
Portada del episodio Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

12 de jul de 20264 min
Portada del episodio Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat. Das Hörbuch zu Angelika Klüssendorfs Roman „Trost“ wird am 4. September in ARD Sounds veröffentlicht, gelesen von Corinna Harfouch.

10 de jul de 20269 min