SWR2 Kultur Aktuell
LEHMVERPUTZTE WÄNDE, FLECHTWERK AUS HEU UND STROH Die ersten Blicke in die aktuelle Ausstellung der Esslinger Villa Merkel geben Rätsel auf. Im Erdgeschoss dominieren riesige, abstrakte Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die aus der Ferne an Rußspuren erinnern. Manchmal überziehen sie ganze Wände, den Stuck und die Decken. Im Obergeschoss kommen dazu Collagen aus Jeans-Stoff, lehmverputzte Wände und Flechtwerk aus Heu und Stroh. Also, worum bitte geht’s hier gleich nochmal? – „Falsche Frage“, sagt Olaf Holzapfel, einer der drei Künstler. Es sei nicht das Ziel, Antworten zu geben, „sondern Dinge zu zeigen, die sich verbinden.“ Holzapfels Kollege Raul Walch, der mit ihm zusammen das Obergeschoss eingerichtet hat, ergänzt: „Wenn man sich in die Räume begibt, hat man, glaube ich, schon sehr starke Eindrücke. Man bewegt sich anders, es ist eine andere Akustik, man hat Gerüche, die durch verschiedene Materialien entstehen.“ MATERIAL, DAS NICHT ALS „KUNSTWÜRDIG“ GILT „Ideale Formen und roher Stoff“ betiteln Walch und Holzapfel ihren Ausstellungsteil. Sie verwenden Recyclingmaterial und Stoffe, die normalerweise nicht als kunstwürdig gelten, etwa Heu, Stroh und Lehm. Zwei Innenwände hat Holzapfel mit einer fasrigen Mischung aus Stroh und Lehm überzogen, wie die Füllung von Fachwerk. Der Witz dabei ist: Die klassizistische Villa Merkel wurde vor rund 150 Jahren eben nicht als traditioneller Fachwerkbau errichtet, sondern als damals supermoderne Betonkonstruktion – heute unter ökologischen Aspekten sehr fragwürdig. IN SICHTWEITE: DIE KRISELNDEN FABRIKEN VON MERCEDES „Damals war das Hightech und jetzt ist es eine Erinnerung. Und so begreifen wir vielleicht verschiedene Industrien, die jetzt im Übergangsstadium sind, später auch als Erinnerung, aber auch als Teil von etwas, was wieder woanders hingeführt hat.“ Eine von Raul Walchs Druckgrafiken in der Ausstellung trägt den Schriftzug: „Wir hausen in den Ruinen unserer fossilen Utopien.“ Mit den kriselnden Fabriken von Mercedes quasi in Sichtweite klingt das ziemlich düster. Was die Kräfte der Kunst dem entgegensetzen können, darüber kann man im Erdgeschoss der Villa Merkel sinnieren, angesichts der meditativen Großzeichnungen von Julia Steiner. Im Lichthof der Villa hat sie ein Podest gebaut, auf dem man liegen und den Blick nach oben richten kann. Julia Steiner: „Mich interessiert bei der Zeichnung, die ja immer sehr großformatig ist, dass man sich als Betrachter oder auch ich als Macherin hineinbegeben kann, dass man fast wie in der Landschaft spazieren gehen kann, dass man sich auch mal in das Bild hineinlegen oder hineinsetzen kann und man kann wie so Teil davon sein.“
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