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Gefahren allenthalben – ein Rundblick

4 min · Eilen
jakson Gefahren allenthalben – ein Rundblick kansikuva

Kuvaus

GEFAHREN ALLENTHALBEN – EIN RUNDBLICK Wenn T.C. Boyle schwarz sieht, wird es spannend. Die Natur ist aus dem Gleichgewicht und die Menschen sind es auch – diese Beobachtung ist für ihn schon lange ein Thema, das er immer wieder umkreist und mit dem er seinem Publikum Gänsehaut, Horror und manchen Schrecken bereitet.  Exemplarisch steht dafür in seinem neuen Story-Band die Erzählung „Kalter Sommer“. Ein Ehepaar hat in seinem abgelegenen Traumhaus ganz auf Sonnenenergie gesetzt, doch plötzlich scheint aufgrund verschwörerischer Machenschaften keine Sonne mehr und es schneit mitten im Sommer.  HILFLOSIGKEIT UND SCHMERZ  Aus diesem dystopischen Szenario entwickelt sich das, worauf sich Boyle meisterhaft versteht: Eine Schauergeschichte, in der alles, was gerade noch alltäglich war, umschlägt in eine Abfolge von quälenden Schockmomenten.  > Meine Frau lag verletzt auf dem Sofa, mein Wagen stand nutzlos in der Einfahrt, mein Haus hatte keinen Strom, und niemand ging ans Telefon. > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Wie schnell alle Sicherheit von Hilflosigkeit und Schmerz hinweggefegt werden kann, darum geht es in T.C. Boyles neuem Story-Band immer wieder, auch in der Titelerzählung „Das Ende ist nur ein Anfang“. Ein Schriftsteller besucht seinen Verlag in Paris, und der zunächst langweilige Besuch entwickelt sich zu einem kleinen Fest fürs Leben. Doch bald nach seiner Rückkehr bekommt seine geliebte Frau Atemnot. Er hat sie, ohne etwas zu ahnen, mit Corona angesteckt, was sie nicht überlebt. Das ist eine von diesen kaltblütigen Pointen, mit denen Boyle seiner Leserschaft vorführt, wie gemein das blinde Schicksal zuschlagen kann.  MULTIDIMENSIONALE KATASTROPHEN  Mehrere der Kurzgeschichten handeln von den, wie Boyle es ausdrückt, „multidimensionalen Katastrophen, die unter der Oberfläche des Vorstadtlebens lauern“. Zu diesen Gefahren gehören auch jene Soziopathen, die ihre inneren Krisen in brutale Gewalt verwandeln. Eine Musikstudentin, die sich gerade noch in ihrem vom Autor sorgsam ausgemalten Idyll ziviler Kultiviertheit geborgen fühlen konnte, wird zum Opfer eines Amokläufers:  > Ja, er war voller Hass, blindem Hass, und hier war er und da war diese Studentin und stapfte mit ihren Stiefeln durch den Schnee, und spielte es wirklich eine Rolle, ob er vernünftig war, ob er die richtigen Zusammenhänge herstellte? > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Boyle gelingt es nach wie vor perfekt, einen Handlungsraum dramatisch zu beleben. Allerdings bewegt sich das alles im inzwischen doch sehr vertrauten thematischen Kosmos des Autors, dem hier keine neuen Akzente hinzugefügt werden. UMERZIEHUNG IN TRUMP-MANIER  Ausgerechnet die politisch aktuellste Story, die Dystopie mit dem Titel „2036“, bietet mit ihren Trump-Anspielungen nur einige matte satirische Pointen. Da kommen Abweichler in ein Umerziehungslager und müssen die gesammelten Worte des Präsidenten mit der großen Haartolle auswendig lernen. > ‚Versteh mich nicht falsch‘, sagte Lucas, ‚ich liebe den Präsidenten – aber zehn Bände? Mit jeweils fünfhundert Seiten. Ich weiß nicht, ob ich das in meinen Kopf kriege.‘ > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Richtig zündend wirkt diese Übertragung einer Orwell’schen Diktatur auf das Zeitalter Trumps nicht. Trotzdem wird es in diesem Erzählband nie langweilig, aber insgesamt fällt die Bilanz sehr gemischt aus. Schließlich haben diese neuen Storys eine unschlagbare Konkurrenz. Nämlich all die vielen großartigen Kurzgeschichten, die man von T.C. Boyle schon kennt, und keineswegs vergessen hat.

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jakson Hyperrealistischer Publikumsliebling: Die „Putzfrau“ der Staatsgalerie Stuttgart wird restauriert kansikuva

Hyperrealistischer Publikumsliebling: Die „Putzfrau“ der Staatsgalerie Stuttgart wird restauriert

AUF DEM TISCH DER RESTAURATORINNEN Zuletzt putzte sie die Böden bei den alten italienischen Meistern. Dort hockte sie in ihrem geblümten, ausgebleichten Kittel auf dem Boden, abgestützt mit der einen Hand, die andere am Rand des gelben Putzeimers, und blickte erschöpft von der schweren Arbeit ins Leere. Davon erholt sie sich gerade im Schauatelier der Wüstenrot Stiftung: Seitlich liegt sie auf dem Tisch und wird umsorgt von den beiden Restauratorinnen Lena Bühl und Lydia Schmidt: „Der Kittel hatte einen großen Riss, den wir jetzt mittels eines Spannstichs schließen. Außerdem ist er aber auch sehr ausgeblichen und die Unterwäsche hat auch Löcher, die wir schließen werden.“ DUANE HENSON MACHTE GIPS-ABGÜSSE VOM LEBENDEN MODELL Im Vorfeld haben sich die beiden Museums-Restauratorinnen intensiv mit dem US-amerikanischen Künstler Duane Hanson, seiner Technik und dem benutzten Material auseinandergesetzt, damit nichts zerstört wird oder abbricht – etwa beim Anheben der Figur. Denn die Plastik ist hohl. Und dort, wo man nicht hinsieht, wenn sie in der Ausstellung auf dem Boden sitzt, hat sie viele offene Stellen. Sie ist also filigraner, als es auf den ersten Blick scheint. Außerdem hat Duane Henson viele einzelne Abgüsse aus Gips vom lebenden Modell gemacht und sie dann aneinander gefügt. Die Abgüsse hat er anschließend mit Polyesterharz und Glasfaser bearbeitet, ohne sich der gesundheitlichen Folgen bewusst zu sein. „Das ist halt relativ toxisch“, erklärt Restauratorin Lena Bühl. „Deshalb unter anderem ist er damals erkrankt und hat dann das Material gewechselt. Aber das ist ja alles ausgehärtet. Die Dämpfe und die Glasfasern, die bei der Herstellung entstehen, sind natürlich lungengängig, und Hanson hat sich halt gerade zu Beginn nicht geschützt. Das kennt man auch von anderen Künstlern jener Zeit. Niki de Saint Phalle ist ja auch sehr stark erkrankt daran.“ KÜNSTLERATELIER, ZAHNARZTPRAXIS, SCHNEIDEREI UND OP-SAAL Im Schauatelier, wo die Besucher den Restauratorinnen durch eine große Glasscheibe bei der Arbeit zuschauen können, sieht es aus wie in einem Künstleratelier, einer Zahnarztpraxis, einer Schneiderei und einem Operationssaal in einem. Überall liegen Feinwerkzeuge, Pinsel, Farbtöpfchen, Sonden und Messgeräte herum. An der Wand hängen sogar Röntgenaufnahmen. „Das Tolle ist halt, dass wir hier im Haus auch eine Röntgenanlage haben, mit der wir die Kunstwerke durchleuchten können, um eben in tiefere Schichten zu schauen“, so Lena Bühl. Aus welchem Kunststoff die gräulich-beigefarbene Perücke genau ist, konnten die beiden Restauratorinnen nicht herausfinden. Bekannt ist aber, dass Duane Hanson im Frühwerk mit Kunsthaarperücken arbeitete, später mit Echthaarperücken. AUCH FEINE HAUTFALTEN REALISTISCH DARGESTELLT Ein weiteres Merkmal für das Frühwerk: Die Augen waren gemalt, später setzte er Glasaugen ein. Um den Unterschied zu erkennen, muss man allerdings schon genau hinschauen. So sehr perfektionierte Hanson seine Technik, auch was die Haut seiner Figuren anging. Man erkenne etwa am Ellenbogen, wie Henson es schaffte, mittels einer Silikon-Abformungstechnik die genaue Oberfläche der Haut abzubilden, erklärt Restauratorin Bühl, „sodass wir jetzt wirklich diese feinen Runzeln und die Beweglichkeit der Haut nachempfinden können. Und das hat er dann gleichzeitig auch mit der Ölfarbe, die er auf den Untergrund aufgebracht hat, extrem realistisch festhalten können.“   Übrigens: Das Model, das Duane Hanson für seine Plastik Patin stand, war eine echte Putzfrau aus Düsseldorf. Ihr kaufte der Künstler auch die Kleidung ab – Hyperrealismus in Perfektion eben. Im September wird die Figur, die von vielen Besucherinnen und Besuchern schon vermisst wird, ihre Arbeit nach einem halben Jahr Pause wieder in der Dauerausstellung aufnehmen. Wo? Das wird nicht verraten. Die Suche nach ihr gehört für Viele zum Besuch der Stuttgarter Staatsgalerie mit dazu.

21. heinä 20264 min
jakson Raumgreifende Kunst von Julia Steiner, Olaf Holzapfel und Raul Walch kansikuva

Raumgreifende Kunst von Julia Steiner, Olaf Holzapfel und Raul Walch

LEHMVERPUTZTE WÄNDE, FLECHTWERK AUS HEU UND STROH Die ersten Blicke in die aktuelle Ausstellung der Esslinger Villa Merkel geben Rätsel auf. Im Erdgeschoss dominieren riesige, abstrakte Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die aus der Ferne an Rußspuren erinnern. Manchmal überziehen sie ganze Wände, den Stuck und die Decken. Im Obergeschoss kommen dazu Collagen aus Jeans-Stoff, lehmverputzte Wände und Flechtwerk aus Heu und Stroh. Also, worum bitte geht’s hier gleich nochmal? – „Falsche Frage“, sagt Olaf Holzapfel, einer der drei Künstler. Es sei nicht das Ziel, Antworten zu geben, „sondern Dinge zu zeigen, die sich verbinden.“ Holzapfels Kollege Raul Walch, der mit ihm zusammen das Obergeschoss eingerichtet hat, ergänzt: „Wenn man sich in die Räume begibt, hat man, glaube ich, schon sehr starke Eindrücke. Man bewegt sich anders, es ist eine andere Akustik, man hat Gerüche, die durch verschiedene Materialien entstehen.“ MATERIAL, DAS NICHT ALS „KUNSTWÜRDIG“ GILT „Ideale Formen und roher Stoff“ betiteln Walch und Holzapfel ihren Ausstellungsteil. Sie verwenden Recyclingmaterial und Stoffe, die normalerweise nicht als kunstwürdig gelten, etwa Heu, Stroh und Lehm. Zwei Innenwände hat Holzapfel mit einer fasrigen Mischung aus Stroh und Lehm überzogen, wie die Füllung von Fachwerk. Der Witz dabei ist: Die klassizistische Villa Merkel wurde vor rund 150 Jahren eben nicht als traditioneller Fachwerkbau errichtet, sondern als damals supermoderne Betonkonstruktion – heute unter ökologischen Aspekten sehr fragwürdig.  IN SICHTWEITE: DIE KRISELNDEN FABRIKEN VON MERCEDES „Damals war das Hightech und jetzt ist es eine Erinnerung. Und so begreifen wir vielleicht verschiedene Industrien, die jetzt im Übergangsstadium sind, später auch als Erinnerung, aber auch als Teil von etwas, was wieder woanders hingeführt hat.“ Eine von Raul Walchs Druckgrafiken in der Ausstellung trägt den Schriftzug: „Wir hausen in den Ruinen unserer fossilen Utopien.“ Mit den kriselnden Fabriken von Mercedes quasi in Sichtweite klingt das ziemlich düster. Was die Kräfte der Kunst dem entgegensetzen können, darüber kann man im Erdgeschoss der Villa Merkel sinnieren, angesichts der meditativen Großzeichnungen von Julia Steiner. Im Lichthof der Villa hat sie ein Podest gebaut, auf dem man liegen und den Blick nach oben richten kann. Julia Steiner: „Mich interessiert bei der Zeichnung, die ja immer sehr großformatig ist, dass man sich als Betrachter oder auch ich als Macherin hineinbegeben kann, dass man fast wie in der Landschaft spazieren gehen kann, dass man sich auch mal in das Bild hineinlegen oder hineinsetzen kann und man kann wie so Teil davon sein.“

21. heinä 20264 min
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Gefahren allenthalben – ein Rundblick

GEFAHREN ALLENTHALBEN – EIN RUNDBLICK Wenn T.C. Boyle schwarz sieht, wird es spannend. Die Natur ist aus dem Gleichgewicht und die Menschen sind es auch – diese Beobachtung ist für ihn schon lange ein Thema, das er immer wieder umkreist und mit dem er seinem Publikum Gänsehaut, Horror und manchen Schrecken bereitet.  Exemplarisch steht dafür in seinem neuen Story-Band die Erzählung „Kalter Sommer“. Ein Ehepaar hat in seinem abgelegenen Traumhaus ganz auf Sonnenenergie gesetzt, doch plötzlich scheint aufgrund verschwörerischer Machenschaften keine Sonne mehr und es schneit mitten im Sommer.  HILFLOSIGKEIT UND SCHMERZ  Aus diesem dystopischen Szenario entwickelt sich das, worauf sich Boyle meisterhaft versteht: Eine Schauergeschichte, in der alles, was gerade noch alltäglich war, umschlägt in eine Abfolge von quälenden Schockmomenten.  > Meine Frau lag verletzt auf dem Sofa, mein Wagen stand nutzlos in der Einfahrt, mein Haus hatte keinen Strom, und niemand ging ans Telefon. > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Wie schnell alle Sicherheit von Hilflosigkeit und Schmerz hinweggefegt werden kann, darum geht es in T.C. Boyles neuem Story-Band immer wieder, auch in der Titelerzählung „Das Ende ist nur ein Anfang“. Ein Schriftsteller besucht seinen Verlag in Paris, und der zunächst langweilige Besuch entwickelt sich zu einem kleinen Fest fürs Leben. Doch bald nach seiner Rückkehr bekommt seine geliebte Frau Atemnot. Er hat sie, ohne etwas zu ahnen, mit Corona angesteckt, was sie nicht überlebt. Das ist eine von diesen kaltblütigen Pointen, mit denen Boyle seiner Leserschaft vorführt, wie gemein das blinde Schicksal zuschlagen kann.  MULTIDIMENSIONALE KATASTROPHEN  Mehrere der Kurzgeschichten handeln von den, wie Boyle es ausdrückt, „multidimensionalen Katastrophen, die unter der Oberfläche des Vorstadtlebens lauern“. Zu diesen Gefahren gehören auch jene Soziopathen, die ihre inneren Krisen in brutale Gewalt verwandeln. Eine Musikstudentin, die sich gerade noch in ihrem vom Autor sorgsam ausgemalten Idyll ziviler Kultiviertheit geborgen fühlen konnte, wird zum Opfer eines Amokläufers:  > Ja, er war voller Hass, blindem Hass, und hier war er und da war diese Studentin und stapfte mit ihren Stiefeln durch den Schnee, und spielte es wirklich eine Rolle, ob er vernünftig war, ob er die richtigen Zusammenhänge herstellte? > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Boyle gelingt es nach wie vor perfekt, einen Handlungsraum dramatisch zu beleben. Allerdings bewegt sich das alles im inzwischen doch sehr vertrauten thematischen Kosmos des Autors, dem hier keine neuen Akzente hinzugefügt werden. UMERZIEHUNG IN TRUMP-MANIER  Ausgerechnet die politisch aktuellste Story, die Dystopie mit dem Titel „2036“, bietet mit ihren Trump-Anspielungen nur einige matte satirische Pointen. Da kommen Abweichler in ein Umerziehungslager und müssen die gesammelten Worte des Präsidenten mit der großen Haartolle auswendig lernen. > ‚Versteh mich nicht falsch‘, sagte Lucas, ‚ich liebe den Präsidenten – aber zehn Bände? Mit jeweils fünfhundert Seiten. Ich weiß nicht, ob ich das in meinen Kopf kriege.‘ > > > Quelle: T.C. Boyle – Das Ende ist nur ein Anfang Richtig zündend wirkt diese Übertragung einer Orwell’schen Diktatur auf das Zeitalter Trumps nicht. Trotzdem wird es in diesem Erzählband nie langweilig, aber insgesamt fällt die Bilanz sehr gemischt aus. Schließlich haben diese neuen Storys eine unschlagbare Konkurrenz. Nämlich all die vielen großartigen Kurzgeschichten, die man von T.C. Boyle schon kennt, und keineswegs vergessen hat.

Eilen4 min
jakson Kunst Open Air: Skulpturen und Installationen von Tobias Rehberger in Baden-Baden kansikuva

Kunst Open Air: Skulpturen und Installationen von Tobias Rehberger in Baden-Baden

EHEMALIGE SOMMERHAUPTSTADT EUROPAS Im 19. Jahrhundert bezeichnete man Baden-Baden gerne als „Sommerhauptstadt Europas“. Auch wenn sich heute in der Kurstadt der europäische Adel und die internationale Kulturszene kein Stelldichein mehr geben – Baden-Baden bemüht sich um kulturelle Attraktionen. Unter dem Motto „Kunst findet Stadt“ lädt die Baden-Baden Events GmbH regelmäßig renommierte Künstler ein, ihre Werke im freien Raum, sozusagen Open Air, zu präsentieren. Tobias Rehberger ist Professor für Bildende Kunst an der Städelschule Frankfurt. 2009 erhielt er den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig sowie den Hans-Thoma-Preis des Landes Baden-Württemberg, heute der Landespreis für Bildende Kunst.

Eilen3 min