SWR Aktuell Im Gespräch
Es ist eine uralte Diskussion: Was hilft beim Abnehmen? Ernährung oder Sport? Wenn's um das Bauchfett geht, das gerade jetzt, im Sommer, manche Leute beim Schwimmbad-Besuch lieber verstecken wollen, ist sich Tim Hollstein sicher: Sport nützt gar nichts, nur auf Zucker- und Fett-Kicks in der Ernährung zu verzichten, hilft. SWR Aktuell-Moderatorin Petra Waldvogel hat mit dem Stoffwechselforscher und Leiter der Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel gesprochen. SWR Aktuell: Bierbauch, Hüftgold, Rettungsring - es gibt jede Menge mehr oder weniger beschönigende Ausdrücke für das Fett am Bauch. Woher kommt das, hat es immer die gleichen Ursachen? Tim Hollstein: Das Fett am Bauch kommt erstmal dadurch, dass wir zu viel Nahrung aufnehmen und zu wenig Energie verbrennen. Das ist einfach so, das sind Gesetze der Physik. Unser Körper ist eigentlich sehr schlau, denn in der Evolution hat sich die Natur ausgedacht, dass wir eine "Körperbatterie" entwickeln. Das ist das Fettgewebe, um zusätzliche Energie zu speichern, um dann für Fastenperioden oder schlechte Zeiten gewappnet zu sein. Das hat früher Sinn gemacht, aber heute ist es so, dass wir gar nicht mehr in solchen Zeiten leben. Wir leben stattdessen in der "Zuvielisation", wie ich immer sage, wo also zu viel von allem vorhanden [https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/wie-sinnvoll-ist-eine-zuckersteuer-100.html] ist. Unser Körper will aber trotzdem noch immer die ganze Energie speichern und deswegen sorgt das dafür, dass unsere ganzen Fast-Food-Besuche etc. sich schön in zu viel Bauchfett niederschlagen. SWR Aktuell: Wieso ausgerechnet am Bauch? Wenn man schon mal abnimmt, dann werden die Wangen hohl, die Arme dünn, aber der Bauch bleibt. Hollstein: Das ist einfach Genetik, dass unser Körper letztendlich da den besten Ort gesehen hat, wo man Fettgewebe effizient speichern kann, ohne dass es zu sehr stört. Wenn wir uns jetzt vorstellen, wir würden unsere größten Fettdepots an den Arm haben, dann können wir die Arme gar nicht mehr richtig bewegen. Also macht nicht so viel Sinn. Das heißt, in der Körpermitte ist es auch biologisch am sinnvollsten, weil wir das da am besten mit uns rumtragen können - wie ein Rucksack im Prinzip. Es gibt aber unterschiedliche Typen: Frauen zum Beispiel lagern ihr Fettgewebe eher im Hüftbereich, im Oberschenkelbereich ab. Das ist tendenziell noch etwas günstiger, weil sich Bauchfett in zwei Arten von Fettgewebe überteilt: Es gibt einmal das Unterhautfettgewebe. Das ist, wenn man sich in den Bauch fasst, das man greifen kann. Das ist nicht schlimm - das ist diese eigentliche Körperbatterie, von der ich spreche, die ist im Prinzip von der Natur entwickelt. Dann aber gibt es auch das sogenannte viszerale Gewebe am Bauch. Das ist das, welches man nicht greifen kann, das nicht nur unter der Haut liegt, sondern im Prinzip unter den Bauchmuskeln, also in den Organen und um die Organe herum. Das ist das gefährliche Fett und das müssen wir reduzieren, weil das entzündet sich und das kann dann viele Folgeerkrankungen machen, wie zum Beispiel Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen [https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/kardiologen-herz-kreislauf-kongress-mannheim-tabak-zucker-steuer-100.html] und da müssen wir was gegen tun. SWR Aktuell: Ursache sind zu viele Kalorien - also die Klassiker: zu viel Fett, zu viel Alkohol, zu viel Süßes? Hollstein: Ja, genau, zu viel hochverarbeitete Nahrung. Sie müssen sich vorstellen: Unser Körper und insbesondere unser Gehirn ist für eine Nahrung kalibriert, die unserer Nahrung als Jäger und Sammler entspricht - unverarbeitete Nahrung, mediterrane Kost, viel Gemüse, Obst, Nüsse, Beeren und wenn Fleisch, dann halt unverarbeitetes Fleisch, wenig Zucker, gute Öle, viele Ballaststoffe. In der Ernährung, die wir meistens zu uns nehmen, ist das alles nicht drin, da haben wir wenig Ballaststoffe, wir haben sehr viel zugesetzten Zucker und dann essen wir im Prinzip ja sehr fettreich, sehr kohlenhydratreich und vor allen Dingen diese perfekte Kombination aus Fett und Zucker, die es so in der Natur gar nicht gibt. Die sorgt dann dafür, dass unser Gehirn in Ekstase geht und wir immer mehr und mehr davon haben wollen. Das ist mitunter das Hauptproblem. SWR Aktuell: Nicht unbedingt die Bewegung, wie viele denken, sondern die Ernährung ist das Hauptproblem? Hollstein: Bewegung ist nicht das Hauptproblem - Sport, jeden Morgen ein paar Situps oder Liegestützen helfen nichts. Das ist ein totaler Quatsch, dass das irgendwie das Bauchfett reduzieren soll, das bringt nichts. Wir wissen, dass Sport per se natürlich sehr gesund ist. Das baut insbesondere Muskelmasse auf, das stärkt das Herz-Kreislauf-System [https://www.swr.de/leben/gesundheit/fit-durch-sport-bei-arbeit-im-garten-100.html] und stärkt auch das Immunsystem, also hat viele positive Effekte, aber Sport hilft nicht beim Abnehmen, das muss man ganz klar sagen. Unser Körper ist ja nicht doof. Damals in der Evolution hatten wir oft das Problem, dass wir uns sehr viel bewegen mussten, um dann zum Beispiel die nächste Gazelle zu fangen und unser Körper hat dann Mechanismen entwickelt, um diese hohe Aktivitätsenergie, den ganzen Energieverbrauch, wenn wir uns bewegen, entsprechend zu kompensieren.
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