Big Brother, Facebook und Palantir: Neues Buch von Jens Balzer über „Die Nullerjahre“
SIEGESZUG DER SMARTPHONES KAUM VORHERGESEHEN
Nach Porträts der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre nimmt Jens Balzer nun in seinem neuen Buch „Confusion Is Next. Die Nullerjahre –Jahrzehnt des Umbruchs“ die Zeit nach der Jahrtausendwende unter die Lupe.
Für ihn ist es das Jahrzehnt, dessen technische Innovationen bis heute großen Einfluss auf unser Leben haben. Die Euphorie um die neuen Technologien steht im Fokus von Balzers Erkundungen. Um das Jahr 2000 hätte „niemand damit gerechnet, dass man eines Tages auf einem Telefon tatsächlich auf das gesamte Internet zugreifen würde“, so Balzer im Gespräch mit SWR Kultur – eine Entwicklung, die damals unterschätzt wurde.
„BIG BROTHER“ UND FACEBOOK GEHEN AN DEN START
Balzer beschreibt in seinem Buch sowohl die großen gesellschaftlichen Freiheiten als auch den Beginn neuer Formen der Kontrolle. Facebook, Reality-TV-Formate wie „Big Brother“ und immer mehr Überwachungstechnologie entstehen.
In den Achtzigerjahren hätten die Menschen noch gegen die Volkszählung in Westdeutschland demonstriert , so Balzer. Man hatte „größte Bedenken, dass jetzt der gläserne Mensch entsteht.“ Dabei seien die Daten über Wohnort, Arbeit und Konfession „völlig harmlos“ gewesen.
Im Vergleich dazu, hätten viele Menschen zwanzig Jahre später geradezu freiwillig ihre Daten abgegeben: „Vor allem Facebook machte die Menschen ab 2005 zu Objekten einer dauernden Überwachung, in dem jede Handlung im Netz registriert und dokumentiert wird“.
PETER THIEL ALS SCHLÜSSELFIGUR DIGITALER MACHTERWEITERUNG
Zeitgleich gründete der umstrittene Tech-Unternehmer Peter Thiel die Überwachungsfirma Palantir. Thiel war zudem der erste große Investor für Facebook – womit der den Erfolg von Mark Zuckerbergs damals neuer Plattform mit ermöglichte, betont Balzer.
„Er ist zweigleisig gefahren: Einerseits hat Thiel mit Palantir die staatliche, geheimdienstliche Überwachung unterstützt, also die Überwachung von oben. Andererseits hat er die Überwachung, in die wir uns alle freiwillig in den sozialen Netzwerken begeben, gefördert. Beides gehört zusammen.“
NAIVE EUPHORIE UND FINANZIELLE SORGLOSIGKEIT
„Es war eine Phase ungeheurer Technik-Euphorie“, erinnert sich Balzer. Auch in Berlin hätten alle in Startups gearbeitet: „Man hatte das Gefühl, dass da technologisch irgendwas möglich wird, was die Menschen nach vorne bringen könnte oder was ihnen auch ein einigermaßen sorgloses Leben ermöglicht.“
Freiheit und finanzielle Sorglosigkeit als Lebensgefühl der Hauptstadt also: So fand man in Berlin damals noch problemlos eine Wohnung, die Bahn kam pünktlich, das Leben war planbar, und man konnte dort mit sehr wenig Geld über die Runden kommen, so der Autor – „das können sich die jungen Leute heute überhaupt nicht mehr vorstellen.“
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