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Erschreckend guter Theaterabend: „Die Räuber“ in Stuttgart sind ein Warnruf für die Demokratie

4 min · 6 de jul de 2026
Portada del episodio Erschreckend guter Theaterabend: „Die Räuber“ in Stuttgart sind ein Warnruf für die Demokratie

Descripción

DIE WELT KURZ VOR DEM UNTERGANG Alles aschgrau und düster, selbst der riesige Mond im Hintergrund der Bühne. Dazu ein paar Mauerreste und in der Mitte aufgehäufte Steine, obendrauf thront ein rechteckiger, hermetisch geschlossener Betonbau mit einer Aussichtsplattform. Es könnte eine niedergebrannte Stadt oder die Welt kurz vor dem Untergang sein. Hier schmiedet Franz Moor – wunderbar gespielt von Therese Dörr –  finstere Intrigen, um an die Macht zu kommen.  AUF DER BÜHNE PASSIERT ALLES GLEICHZEITIG Schon ist man mittendrin in der fantastischen Überforderungsmaschinerie, die Regisseur Stefan Pucher an diesem Abend anwirft. Alles scheint gleichzeitig zu passieren: Auf die Fläche des Betonbaus projizierte Videos, Leinwände, die überall herunterfahren. Die Bühne dreht sich, ein in Stein gehauener Riese, ein Koloss, wird sichtbar, überzogen mit Filmen von Explosionen, Hubschraubern über Kriegsgebieten, Lavaströmen oder Totenschädeln. Parallel dazu flimmert Franz in silberfarbenem Kostüm mit übertriebenen Schulterpolstern in Nahaufnahme über eine von oben heruntergelassene Leinwand, verleugnet seinen Bruder, bis ihn der Vater verstößt. Und dann ist da noch Amalia, die Geliebte Karls, die auf ihn wartet und anfängt, alles zu hinterfragen. AMALIA EMANZIPIERT SICH: DIE STÄRKSTE FIGUR Amalia emanzipiert sich von den patriarchalen Strukturen, den Macht- und Ränkespielen, die alle ins Verderben führen. Thomas Melles Text macht sie zur stärksten Figur. Sie lotet aus, was Freiheit sein kann, wie sie aussehen muss. Sie erklärt auf der Bühne, dass Freiheit einen Rahmen und eine Ordnung braucht, um zu funktionieren. KARLS RÄUBER SIND EINE TERRORBANDE Währenddessen scheitert der verstoßene Karl, der eigentlich mit seiner Räuberbande gegen bestehende Machtverhältnisse und Ungerechtigkeit ankämpfen wollte. Doch seine Truppe ist zu einer mordenden und plündernden Terrorbande verkommen „Brenne, Stadt, brenne“, schreien die Räuber, aufgereiht als Punkband, an der Bühnenrampe. In dieser Truppe versammelt sich jede politische Couleur: ein aalglatt gegelter Rechtsradikaler in Bomberjacke neben dem linksalternativ angehauchten Typen in kurzer Adidashose und Felljacke. „Wer sind denn die wahren Verbrecher?“ Und: „Ihr habt uns allein gelassen,“ schreien die Räuber als frustrierte Jugend ins gutsituierte Stuttgarter Publikum. Am Ende ermorden sich die gescheiterten Brüder Franz und Karl. Amalia, über die ganze Bühnenfläche eingeblendet, fordert die restliche Räuberbande daraufhin auf, die Gräueltaten hinter sich zu lassen. FINGER TIEF IN DEN WUNDEN DER GEGENWART Die alten Parolen haben ausgedient. Wozu erzählen, wenn man handeln kann? Hier beginnt kein neues Zeitalter. Hier beginnt die Arbeit.  Ein großartig aufspielendes Ensemble vermittelt gekonnt die Botschaft des Abends: Handeln, solange es geht, sich einbringen, Demokratie und Freiheit schützen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus, in Zeiten des Krieges, in Zeiten, in denen Despoten die Welt ins Chaos stürzen. Es ist eine Inszenierung, die erschreckend gut die Finger ganz tief in die Wunden der Gegenwart stößt. Das ist auch dem Text von Thomas Melle zu verdanken, der Schiller ins Heute holt. Sehenswert!

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Erschreckend guter Theaterabend: „Die Räuber“ in Stuttgart sind ein Warnruf für die Demokratie

DIE WELT KURZ VOR DEM UNTERGANG Alles aschgrau und düster, selbst der riesige Mond im Hintergrund der Bühne. Dazu ein paar Mauerreste und in der Mitte aufgehäufte Steine, obendrauf thront ein rechteckiger, hermetisch geschlossener Betonbau mit einer Aussichtsplattform. Es könnte eine niedergebrannte Stadt oder die Welt kurz vor dem Untergang sein. Hier schmiedet Franz Moor – wunderbar gespielt von Therese Dörr –  finstere Intrigen, um an die Macht zu kommen.  AUF DER BÜHNE PASSIERT ALLES GLEICHZEITIG Schon ist man mittendrin in der fantastischen Überforderungsmaschinerie, die Regisseur Stefan Pucher an diesem Abend anwirft. Alles scheint gleichzeitig zu passieren: Auf die Fläche des Betonbaus projizierte Videos, Leinwände, die überall herunterfahren. Die Bühne dreht sich, ein in Stein gehauener Riese, ein Koloss, wird sichtbar, überzogen mit Filmen von Explosionen, Hubschraubern über Kriegsgebieten, Lavaströmen oder Totenschädeln. Parallel dazu flimmert Franz in silberfarbenem Kostüm mit übertriebenen Schulterpolstern in Nahaufnahme über eine von oben heruntergelassene Leinwand, verleugnet seinen Bruder, bis ihn der Vater verstößt. Und dann ist da noch Amalia, die Geliebte Karls, die auf ihn wartet und anfängt, alles zu hinterfragen. AMALIA EMANZIPIERT SICH: DIE STÄRKSTE FIGUR Amalia emanzipiert sich von den patriarchalen Strukturen, den Macht- und Ränkespielen, die alle ins Verderben führen. Thomas Melles Text macht sie zur stärksten Figur. Sie lotet aus, was Freiheit sein kann, wie sie aussehen muss. Sie erklärt auf der Bühne, dass Freiheit einen Rahmen und eine Ordnung braucht, um zu funktionieren. KARLS RÄUBER SIND EINE TERRORBANDE Währenddessen scheitert der verstoßene Karl, der eigentlich mit seiner Räuberbande gegen bestehende Machtverhältnisse und Ungerechtigkeit ankämpfen wollte. Doch seine Truppe ist zu einer mordenden und plündernden Terrorbande verkommen „Brenne, Stadt, brenne“, schreien die Räuber, aufgereiht als Punkband, an der Bühnenrampe. In dieser Truppe versammelt sich jede politische Couleur: ein aalglatt gegelter Rechtsradikaler in Bomberjacke neben dem linksalternativ angehauchten Typen in kurzer Adidashose und Felljacke. „Wer sind denn die wahren Verbrecher?“ Und: „Ihr habt uns allein gelassen,“ schreien die Räuber als frustrierte Jugend ins gutsituierte Stuttgarter Publikum. Am Ende ermorden sich die gescheiterten Brüder Franz und Karl. Amalia, über die ganze Bühnenfläche eingeblendet, fordert die restliche Räuberbande daraufhin auf, die Gräueltaten hinter sich zu lassen. FINGER TIEF IN DEN WUNDEN DER GEGENWART Die alten Parolen haben ausgedient. Wozu erzählen, wenn man handeln kann? Hier beginnt kein neues Zeitalter. Hier beginnt die Arbeit.  Ein großartig aufspielendes Ensemble vermittelt gekonnt die Botschaft des Abends: Handeln, solange es geht, sich einbringen, Demokratie und Freiheit schützen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus, in Zeiten des Krieges, in Zeiten, in denen Despoten die Welt ins Chaos stürzen. Es ist eine Inszenierung, die erschreckend gut die Finger ganz tief in die Wunden der Gegenwart stößt. Das ist auch dem Text von Thomas Melle zu verdanken, der Schiller ins Heute holt. Sehenswert!

6 de jul de 20264 min
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Zum 80. Geburtstag: Rocky und Rambo erzählen vom amerikanischen Traum

Zum 80. Geburtstag von Sylvester Stallone würdigt der Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt den Schauspieler als weit mehr als einen Actionstar. Seine ikonischen Figuren Rocky Balboa und John Rambo stünden für den amerikanischen Traum, aber auch für dessen Schattenseiten, so Schmitt im Gespräch mit SWR KULTUR: „Rocky ist ein ganz deutliches Zeichen: Man kann es schaffen – aber zu welchem Preis?“, sagt Schmitt. Rambo wiederum verkörpere einen Kriegshelden, der nach seiner Rückkehr von der Gesellschaft vergessen werde und um Anerkennung kämpfen müsse. Stallone sei deshalb lange unterschätzt worden, so Schmitt: „Sylvester Stallone wurde sehr lange unterschätzt – und das sollte jetzt aufhören.“

6 de jul de 20265 min
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Kicken mit Walblick: „Der Weltatlas der Fußball-Stadien“ von John Gillard

DIE HEIMAT DER FUSSBALLFANS Ein Stadion ist mehr als nur ein Sportplatz mit ein paar Tribünen drumherum. Zum einen ist das Stadion für Fans und Mannschaften so etwas wie eine Heimat. Nicht ohne Grund greifen Fußballer in diesem Kontext gerne zu militärischen Begriffen wie dem der Bastion.  Zum anderen kann der Spielort konkrete Auswirkungen auf das Spiel selbst haben: Lage, Wind, die Ausrichtung zur Sonne – all das hat Einfluss.  SPIEL IN RICHTUNG STEINWAND Zur Europameisterschaft in Portugal im Jahr 2008 hatte der Stararchitekt Eduardo Souto de Moura in der Stadt Braga ein spektakuläres Stadion mit Tribünen ausschließlich auf den Längsseiten errichtet. Hinter den Toren sitzen keine Fans; lediglich Felsformationen ragen in die Höhe. Nicht wenige Profis zeigen sich deutlich irritiert davon, auf eine Steilwand spielen zu müssen. John Gillard findet im Vorwort seines Bandes pathetische Worte für das Fußballstadion als Sammelbecken von Gefühlen: „Stadien sind voller Erinnerungen und Emotionen. Sie bringen Gemeinschaften zusammen, sind Schauplatz von Rivalitäten und Freundschaften, schaffen magische Momente und herzzerreißende Niederlagen.“  1.000 STADIEN UND IHRE GESCHICHTEN 1.000 Stadien, sortiert nach Kontinenten und dort wiederum gegliedert nach Nationalstaaten, hat Gillard in diesem reichlich bebilderten Buch gesammelt. Und gerade, wer ein Faible für das Abseitige hat, kommt in Gillards Weltatlas auf seine Kosten. Sicher, die großen, imposanten Arenen mit ihrem zum Teil aber auch austauschbaren Erscheinungsbild, dürfen nicht fehlen. Und auch nicht Kultstätten wie die atmosphärisch unfassbare „Bombonera“ (Pralinenschachtel) in Buenos Aires, die Spielstätte der Boca Juniors, dem Club von Diego Maradona.  Dann aber blättert man sich durch Deutschland und stößt zwischen der Veltins-Arena auf Schalke und dem Wildparkstadion in Karlsruhe auf das Schwabenstadion, den Ground des Bayernligisten FC 1920 Gundelfingen, und liest dazu: „Lehnen Sie sich zurück, entspannen Sie sich und genießen Sie Fußball der unteren Liga am Ufer des Gartnersees.“ FLOSKELHAFTE BILDBESCHREIBUNGEN Das ist doch mal eine sehr spezifische Information. A propos Wildparkstadion: Das größte Problem dieses Buchs sind die kurzen Texte neben den Fotos. Die sind entweder schlecht übersetzt oder mutmaßlich gar durch eine KI generiert. Anders kann es nicht sein, so floskelhaft und auch sinnentstellt lesen sie sich zum Teil. Zum Karlsruher Stadion heißt es: „Trotz seines Namens sieht dieses Stadion alles andere als wild aus; sein klares Design ist symmetrisch und funktional. Vielleicht sind es ja die Fans des Karlsruher SC, die die Wildheit in die Spiele bringen.“ Offensichtlich wussten weder der Herausgeber noch der Verlag, was ein Wildpark ist. Beispiele dieser Art finden sich zu Dutzenden. KARLSRUHE, KOH PANYEE UND KURIOSES Da hilft dann nur, die Stadionfotos zu betrachten, und das macht wirklich großen Spaß: Im thailändischen Koh Panyi wird auf einem auf Pontons im Meer schwimmenden Platz gekickt. Wer den Ball ins Wasser schießt, muss ihn auch zurückholen.  Das Estadio Hernando Siles in Boliviens Hauptstadt La Paz ist mit knapp 3.700 Metern das höchstgelegene Stadion der Welt. Der Brasilianer Neymar bezeichnete die Bedingungen dort als „unmenschlich“.  Der grönländische Club Qeqertarsuaq trägt hingegen seine Heimspiele auf einem Kunstrasen mit Aussicht auf Eisberge und Wale aus. RELIKTE ALTER FUSSBALLKULTUR  Ein besonders aufmerksamer Blick lohnt sich auf die Stadien im Fußball-Mutterland England: Beim heutigen Drittligisten Luton Town müssen die Fans quasi durch die Treppenhäuser der benachbarten Wohnsiedlungen, um ins Stadion zu kommen.  So sehr der englische Fußball sich durch den Einstieg von Großinvestoren auch verwandelt hat – im Weltatlas der Fußball-Stadien finden sich noch zahlreiche Relikte der alten Fußballkultur. Und noch eines zeigt dieses Buch: Im Kern bleibt der Fußball ein Spiel für alle. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Sportplatz.

Ayer4 min
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Rolle der Amerika-Häuser nach dem Zweiten Weltkrieg: „Freihandbibliotheken waren nach amerikanischem Vorbild“

Vor 250 Jahren, am 4. Juli 1776, wurde in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung der USA unterzeichnet. Dreizehn britische Kolonien erklärten sich damit unabhängig von Großbritannien und bezeichneten sich zum ersten Mal als Vereinigte Staaten von Amerika, die United States of America. Daran erinnert jedes Jahr der Nationalfeiertag der USA, der Independence Day. Auch hier in Deutschland wird dieser Tag gefeiert: In vielen Amerika-Häusern bundesweit oder in deutsch-amerikanischen Instituten, in denen die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA gefördert werden sollen. Christiane Pyka, Direktorin des deutsch-amerikanischen Zentrums, dem DAZ in Stuttgart, betont in SWR Kultur, wie wichtig diese Zentren nach dem Zweiten Weltkrieg für die Redemokratisierung waren, etwa Dank der Bibliotheken in den Amerika-Häusern. „Sie konnten zum Beispiel in den Bibliotheken einfach an die Regale gehen. Diese Freihandbibliotheken, die für uns heute so völlig selbstverständlich sind, gab es damals noch nicht und das war amerikanisches Vorbild. Ihr könnt selbst entscheiden, was ihr lesen wollt, nehmt die Möglichkeiten wahr“, so Pyka.

3 de jul de 20265 min