SWR Kultur lesenswert - Literatur

An Kipp-Punkten des Lebens: Julia Wolfs Erzählband „Du, hier“

3 min · 28 de jun de 2026
Portada del episodio An Kipp-Punkten des Lebens: Julia Wolfs Erzählband „Du, hier“

Descripción

„Du, hier“ heißt der Erzählband von Julia Wolf. Man könnte dahinter ein Fragezeichen setzen. Denn in allen Erzählungen sind die Frauen um die Vierzig, die stets im Mittelpunkt stehen – Männer bleiben nur Randfiguren –, erstaunt darüber, wohin ihr Leben sie geführt hat.  Das vorläufige Resümee fällt selten positiv aus. Es überwiegt ein Unbehagen. Darüber, sich verheddert zu haben in den Fallstricken des Lebens. Gestrandet zu sein. Zum Beispiel in einem Einfamilienhaus in der Provinz, wie in der titelgebenden Geschichte. BRANDENBURGER TRISTESSE  In dieser begegnen sich zwei Freundinnen aus Schulzeiten unverhofft vor einem Baumarkt auf dem Land wieder. Toni, eine Tennisspielerin, ist auf der Durchreise, Stella lebt in der Gegend ­– inmitten der „Brandenburger Monokultur“. „Stella, bist du das?“, fragt die Freundin – es ist die abgewandelte Form von „Du, hier?“.  Beide hatten einmal gedacht, dass aus Stella etwas Besonderes werden würde. Aber jetzt? Sie trinkt zu viel, ist arbeitslos, kann sich nicht konzentrieren, macht eine Therapie. In ihre Ehe hat sich ein herablassender Ton eingeschlichen. „Als sie sich kennengelernt haben, gab es so etwas nicht, damals herrschte eine Stimmung zärtlicher Verwunderung zwischen ihnen. Dass sie einander gefunden hatten.“ > Philip war zu diesem Zeitpunkt genauso verloren wie Stella, nur auf andere Art. Von der Behutsamkeit ist nicht viel übriggeblieben, ihr Umgang ist rauer geworden, neulich hat Philip sie sogar nachgeäfft. > > > Quelle: Julia Wolf - Du, hier HALTLOSER GEDANKENSTROM In einigen der Erzählungen wirkt die Corona-Pandemie als Katalysator des Missbehagens. Ein andermal ist der unerfüllte Kinderwunsch ein Krisenverstärker oder aber umgekehrt die krasse Überforderung mit einem Kind, wie in „Kopfbewohner“. In dieser Geschichte kriecht Julia Wolf förmlich in den Kopf ihrer Protagonistin, deren Gedankenstrom immer verworrener und haltloser wird, während sie – passend dazu – mit der Berliner U-Bahn in endlosen Schleifen unterwegs ist.  In einer Prosa, die immer kurzatmiger wird und am Ende in ein Stakkato übergeht, führt Julia Wolf diese Frau im Ausnahmezustand bis nah an den Kollaps. > Atmen. Atmen.  > Schlesisches Tor.  > Ich werde das überleben. Natürlich. Das fühlt sich jetzt schlimmer an, als es ist.  > Mich juckt’s halt auf einmal am ganzen Körper.  > Augen auf.  > Hallo, kleine Stadt.  > Ja, ich bin’s nochmal. Sitze immer noch an derselben Stelle. Ich mit meinen. Kopfbewohnern. > > > Quelle: Julia Wolf - Du, hier Das Buch bietet eine große Bandbreite unterschiedlicher Erzählweisen. Sie probiere immer wieder aus, was am besten zu einer Geschichte passe, sagt Julia Wolf. Die Erzählung „DELETE“, die sich um Missbrauch dreht, besteht etwa aus nichts anderem als einer Reihe immer neuer, nicht abgeschickter E-Mails.  In keiner der Stories verlässt Julia Wolf die Perspektive der Figuren, nie mischt sich eine auktoriale Instanz kommentierend ein. Die „vermeintlich neutrale Draufsicht“ interessiere sie nicht, sagt sie.  AKTE DER SELBSTERMÄCHTIGUNG  „Für mich gewinnt das Erzählen eine gewisse Dynamik, wenn ich in einer Figur drinbleibe oder an einer Figur dranbleibe, die ich brauche, um einen Text schreiben zu können“, so Julia Wolf. „Ich habe immer das Gefühl, wenn ich den Ton und die Perspektive gefunden habe, ergibt sich alles andere, Fragen des Plots und so weiter lassen sich lösen. Ich muss diese Haltung finden im Text, und dann kann ich auch einen Text schreiben. Ich bin immer auf der Suche, wie die Form den Inhalt noch besser hervorheben kann.“  Julia Wolfs Erzählungen sind im Alltag verankert. Doch in überraschenden Momenten großer Intensität verlassen die Protagonistinnen die einmal eingeschlagenen Pfade. Die Autorin spricht von „Akten der Selbstermächtigung“. Es sind Kipppunkte, die Möglichkeitsräume öffnen. Ob die Frauen dieser Erzählungen tatsächlich immer zu etwas Neuem aufbrechen, bleibt offen. Diese Rätselhaftigkeit spricht indes keineswegs gegen diese ausgereiften Stories, sie macht vielmehr zum nicht geringen Teil deren Reiz aus.

Comentarios

0

Sé la primera persona en comentar

¡Regístrate ahora y únete a la comunidad de SWR Kultur lesenswert - Literatur!

Prueba gratis

Empieza 7 días de prueba

$99 / mes después de la prueba. · Cancela cuando quieras.

  • Podcasts solo en Podimo
  • 20 horas de audiolibros al mes
  • Podcast gratuitos

Todos los episodios

5669 episodios

episode Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“ artwork

Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“

Der Schriftsteller Iwan Heilbut wurde 1898 in Hamburg geboren und entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie. Er arbeitete als Journalist, schrieb aber auch Romane, bevor er 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, nach Paris emigrierte. FLUCHT ÜBER DIE PYRENÄEN Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heilbut auch im französischen Exil als feindlicher Ausländer interniert. 1941 gelang ihm und seiner Frau über Spanien und Portugal die Flucht in die USA. Heilbuts Roman „Zugvögel“ erschien 1943 in englischer Übersetzung unter dem Titel „Birds of Passage“ und erhielt durchaus gute Kritiken. ENTDECKUNG IM DEUTSCHEN EXILARCHIV Heilbut, der 1950 nach Deutschland zurückkehrte und 1972 in Bonn starb, ist heute mittlerweile kaum noch bekannt. Nun hat Peter Graf, der mit seinem eigenen Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ immer wieder Entdeckungen ans Tageslicht bringt, Iwan Heilbuts knapp 700 Seiten starken „Zugvögel“-Roman im Claassen Verlag erstmals im deutschsprachigen Original herausgegeben. Das Skript befand sich im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main. FLUCHT UND HOFFNUNG Die stark autobiografisch grundierte Geschichte erzählt von Heimatlosigkeit und Exil, von Flucht, Angst und Hoffnung. Ein Buch, das sich auch wegen seiner großen literarischen und erzählerischen Kraft zu lesen lohnt, wie Herausgeber Peter Graf im Gespräch betont.

10 de jul de 20269 min
episode Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet" artwork

Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat.

10 de jul de 20269 min
episode Spielarten der Liebe: Lily Kings „Herz König“ artwork

Spielarten der Liebe: Lily Kings „Herz König“

Mit dem Roman „Euphoria“ landete Lily King im Jahr 2014 einen internationalen Bestseller. Das war ein Buch über die berühmte Ethnologin und Sozialforscherin Margret Mead. Gefeiert wurde Lily King auch für „Writers and Lovers“, einen autobiografischen Roman, in dem sie die Geschichte ihrer Schriftstellerwerdung erzählt. Campus-Dreiecksgeschichte Lily Kings neuer Roman „Herz König“ eröffnet wie eine konventionelle „Campus Novel“ und weitet sich dann zu einer Dreiecksgeschichte. Die Ich-Erzählerin studiert Literatur an einem College in Neu-England und lernt dort die beiden hochbegabten Kommilitonen Sam und Jash kennen. Man liest, man schreibt, man redet über Literatur. Ein berührendes Ende Im Kern jedoch, so SWR Kultur-Literaturredakteurin Anja Brockert im Gespräch, ist „Herz König“ eine Liebesgeschichte und ein Nachdenken über verschiedene Spielarten der Liebe. Und trotz aller Einwände, die man gegen die zum Teil klischeehaft gezeichneten Figuren formulieren könne, so Brockert, sei „Herz König“ letztendlich in seinen überraschenden Wendungen am Ende doch ein berührendes Buch.

10 de jul de 20266 min
episode Eine aberwitzige Identitätssuche: Der neue Roman „Popóm“ von Johanna Sebauer artwork

Eine aberwitzige Identitätssuche: Der neue Roman „Popóm“ von Johanna Sebauer

EINE LITERARISCHE VERSUCHSANORDNUNG Ein junger Mann namens Hendrik Popom ist unzufrieden. Die Arbeit in einer „Kreativagentur“ macht dem Endzwanziger keine Freude mehr, und mit Freundin Anja läuft es auch nicht rund. Dann geschieht das Unfassbare: Der Ich-Erzähler meint einen Menschen zu treffen, der er selbst sei, nur ein paar Jahre älter. > Vor mir saß, ja es konnte anders nicht sein, ein auf gewisse Weise fortgeschrittenes, an den Lebensjahren gereiftes Ich. > > > Quelle: Johanna Sebauer – Popóm Der literarischen Versuchsanordnung, die Johanna Sebauer [https://www.swr.de/kultur/literatur/johanna-sebauer-das-gurkerl-102.html] in einer gelungenen Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit entwirft, liegt eine offensichtlich unrealistische Prämisse zugrunde. Was den Erzähler, der im Abstand von ein paar Jahren auf das Geschehen zurückblickt, erstaunlicherweise nicht unglaubwürdig erscheinen lässt. Sein Selbstbewusstsein zieht er offenbar aus seinem Vermögen, mögliche Kritik an sich und seiner Geschichte vornewegzunehmen. EIN ÜBERFORDERTER HELD > Es ist so: Man muss mir glauben. Das ist die Voraussetzung für alles, was jetzt kommt, denn Erklärungen werde ich keine bringen können, auch keine Theorien und Beweise schon gar nicht. > > > Quelle: Johanna Sebauer – Popóm „Man muss mir glauben, und das, obwohl ich zur damaligen Zeit – aus ein paar Jahren Entfernung, mit denen ich diese Geschichte nun erzähle, kann ich das sagen – ein unerträglich patscherter, grünschnäbliger Kerl war, der insgesamt wohl einen eher wenig glaubhaften Eindruck machte“, sagt der Ich-Erzähler. Hendrik entwickelt eine äußerst merkwürdige Beziehung zu dem zwar nicht optischen, aber eben wesensmäßigen Doppelgänger, der ständig Dosenpfirsiche kauft und in einem Pfeifenladen arbeitet. „Can I exist in another person?“ befragt der überforderte Held das Internet, aber die Antworten der Künstlichen Intelligenz machen ihn auch nicht schlauer. Das hält Hendrik aber nicht davon ab, ein romantisches Abendessen mit der Freundin kurzerhand zu beenden, um sich mit dem geheimnisvollen Fremden bzw. dem angejahrten Ich zu unterhalten.       UNTERHALTSAME ESKALATION MIT PHILOSOPHISCHEM TIEFGANG > Wer diese Geschichte hört, wird sich fragen, wie es so etwas überhaupt geben kann. Wie ich ihn, wie ich mich überhaupt hatte erkennen können, wie ich denn so sicher hatte sein können, wo er doch, äußerlich zumindest, ein anderer war. > > > Quelle: Johanna Sebauer – Popóm Man könnte meinen, der Roman erschöpfe sich auf der langen Strecke. Aber Johanna Sebauer ist eine Erzählerin, die im entscheidenden Moment nicht nur Nebenstränge zu entwickeln weiß, sie versteht ohnehin sehr viel von einer unterhaltsamen Eskalationsdramaturgie, die an die Theaterstücke von Yasmina Reza [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-05-07-102.html] erinnert. Die Autorin schreibt aberwitzige Dialoge und hat ein gutes Gespür für kuriose Details: So trägt der Doppelgänger zwar den gleichen Nachnamen wie der Erzähler, nur mit einem klitzekleinen Unterschied. „Ich: Du hast mir nie erzählt, warum du einen Akzent im Namen hast. Er: Popom kam mir irgendwann zu nackt vor. Also habe ich ihm etwas angezogen.  Ich: Aber warum nicht Pópom? Popóm klingt wie ein Paukenschlag. Da spielst du den Leuten in die Hände, die sich immer schon über den Klang lustig gemacht haben. Er: Manchmal muss man vielleicht einfach der Paukenschlag sein, der man ist.“ GROTESKE SINNSUCHE EINES JUNGEN MANNES IN DER QUARTERLIFE-CRISIS Natürlich fragt man sich während der Lektüre, ob Popóm und Popom ein und dieselbe Person sind, doch es bleibt vieles in der Schwebe. Die Beziehung der beiden verändert sich auch ständig. Mal wirken sie wie beste Freunde, dann wie Konkurrenten. Die Ähnlichkeit führt jedenfalls nicht zum großen Glück. Dass der Ältere einiges über die Zukunft des Jüngeren zu wissen scheint, macht die Lage nicht einfacher. Die Unklarheiten und Ungewissheiten führen in die hermeneutischen Tiefen dieser Prosa: Auf dem Cover des Romans ist eine geschwungen Pfeife zu sehen, die dem legendären Rauchwerkzeug auf dem Gemälde von Surrealist René Magritte ähnelt, auf dem der berühmte Satz zu lesen: „Ceci n´est pas une pipe.” HUMORISTISCHES MEISTERSTÜCK Der literarische Witz des Romans besteht nun darin, dass Johanna Sebauer dieses vielfach analysierte Paradox literarisch nachformt. Popom ist also nicht Popóm – oder vielleicht doch? Ist alles nur ein Fiebertraum? So lässt sich das Buch auch als Parodie jener beliebten Texte lesen, die in der Rubrik „Autofiktion“ firmieren. Identität, mag sie noch so „authentisch“ daherkommen, erscheint bei Sebauer als literarische Konstruktion und eben nicht als Angebot für biographische oder gar politische Sinnstiftung. Die wahre Superkraft der Literatur, das zeigt Sebauer in Popóm, liegt in der Erfindung. Wobei das Unwahrscheinliche in diesem Fall auf realistische Weise erzählt wird. Das Schöne an diesem Roman ist: Man muss sich mit solchen metatheoretischen Gedanken nicht herumplagen, der Text überzeugt auch als leicht groteske Sinnsuche eines Mannes in der Quarterlife-Crisis. Sebauer bestätigt mit diesem Buch ihre literarische Spezialbegabung: Sie hat mit dem zweiten Roman abermals ein humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang geschrieben.

10 de jul de 20265 min