SWR Kultur lesenswert - Literatur
Norbert Scheuer [https://www.swr.de/kultur/literatur/hausbesuch-bei-norbert-scheuer-neuer-roman-holunderholz-100.html] führt uns in seinem neuen Roman Holunderholz in eine melancholische, unaufgeräumte Welt, voller Fehler, an deren Ende eine riesige Katastrophe steht. Da ist der Erzähler Johann, der in einem heruntergekommenen Hochhaus wohnt, als Programmierer zuständig für ein furchtbar verkorkstes Computerprogramm. Er soll es fixen, aber das dauert. Und sein Chef baut lieber Schiffsmodelle zusammen, der Kollege flieht nach Thailand, er selbst hat keine Freundin nur eine Geliebte und eine Stammprostituierte im Haus gegenüber. So einsam waren die Helden von Norbert Scheuer noch nie. 500 TONNEN SPRENGSTOFF EXPLODIEREN Johann hat Tonbänder seines Großvaters geerbt. Angeblich dokumentieren sie die Geschichte seiner Familie rund um den 2. Weltkrieg. Irgendwie steht am Ende die größte Explosion, die es in Deutschland jemals gegeben hat: am 15.7.1949 nämlich explodierten in einem Bunker bei Prüm 500 Tonnen Sprengstoff. Der Kalvarienberg, in dem der Bunker eingegraben war, verlor seine Kuppe, stattdessen klaffte ein 90 Meter tiefes Loch. 12 Menschen starben, Prüm wurde vier Jahre nach dem Krieg erneut verwüstet. Dieses Ereignis gab es, genau zwei Jahre vor der Geburt von Norbert Scheuer. Der Roman ist kein Bericht der Ereignisse – er ist eher ein Spiel mit der Ungewissheit, mit dem Bedrohlichen,– und mit der Strategie, die er seiner Einsamkeit entgegensetzt. Denn die Tonbänder sind eigentlich längst zersetzt, das Magnetophon völlig kaputt. Da ist nichts mehr zu holen. Trotzdem hört der Held die Bänder ab – und verliert sich im Wispern und Pfeifen und Rauschen. Der entscheidende Satz steht auf der ersten Seite: > Irgendwann merkte ich, dass ich nicht mehr zuhörte, sondern nur noch erzählte. > > > Quelle: Norbert Scheuer - Holunderholz EIN TONBAND UND EINE FLÖTE Denn darum geht es: Der Held erfindet sich die Tonbandprotokolle, sie bilden die Tonspur für seine Fiktion der Geschichte seines Großvaters. Vielleicht ist es eine Liebesgeschichte. Die Geräusche vermischen sich mit dem Titel gebenden „Holunderholz“, aus dem man eine Kinderflöte herstellen kann – das Netz ist voll von Bauanleitungen. Sichere Fakten gibt es nur wenige, sogar seine eigene Geburt wird zum Mysterium, weil auf einmal ein zwielichtiger, in der Gegend irrlichternder Bekannter in die Nähe seiner Mutter gerät. DIE MISERE DES PROTAGONISTEN Als der Erzähler dann auch noch krank wird, bekommt der Roman noch eine düstere Ebene, etwas Somnambules, weil der Held nicht ganz bei sich ist. Immer wieder gibt es, gegen Ende noch mehr als zu Beginn, Sätze, die zeigen, WAS DAS heißt: Als der Held, so wörtlich, > glaubte, etwas zu verstehen, zog es sich zurück > > > Quelle: Norbert Scheuer - Holunderholz später stellt er die Frage, > ob Worte die Welt enträtseln können. > > > Quelle: Norbert Scheuer - Holunderholz Es ist wirklich beeindruckend, wie Norbert Scheuer es hinbekommt, der Misere seines Helden eine Sprache zu geben, seinen Untergangsfatalismus in Worte zu fassen, die Melancholie und Schönheit gleichzeitig zulassen. Diese Frage ist aber kein poetischer Selbstzweck – der Held ist nicht umsonst Programmierer, der in seiner Jugend die technische Welt anders verstanden hat, als, so wörtlich > Residuum schöner Abstraktionen und reiner Ideen. > > > Quelle: Norbert Scheuer - Holunderholz DIE GEFAHREN DER TECHNIK Die Programme im Buch sind dagegen ein Labyrinth, eine unheilschwangere Prophezeiuung. Und damit ist Norbert Scheuer auch in seinem elften Roman das gelungen, was in den vielen vorher auch der Fall war: Er berichtet aus seinem Wohnort, aus Kall in der Eifel – aber er berichtet über die Themen von heute – und das ist in diesem Fall eine zutiefst neue, verstörende und sehr poetische Sicht auf die Gefahren, die uns heute von KI und Techunternehmen zu überrennen drohen. Norbert Scheuers Romane, um es mal ganz pathetisch zu sagen, sind große, helle Sterne am Firmament, die einem, wenn man will, tatsächlich Orientierung geben können. Die Welt ist alles, was Kall ist.
5717 afleveringen
Reacties
0Wees de eerste die een reactie plaatst
Meld je nu aan en word lid van de SWR Kultur lesenswert - Literatur community!