SWR Kultur lesenswert - Literatur
Er hat gewaltiges Pech, dieser zehnjährige Junge namens Skander. Er ist Kind einer Vergewaltigung; seine algerische Mutter Nora sitzt in der Psychiatrie. Lange konnte er in einer französischen Pflegefamilie leben; aber dann stirbt seine Pflegemutter an Krebs, die Familie zerfällt. Skander findet eine neue französische Familie und fühlt sich auf Anhieb wohl; aber seine Mutter Nora will davon nichts wissen. Stattdessen bringt sie ihn zu der Marokkanerin Madame Khadija – und damit in die südöstliche Banlieue von Paris. Der einst aufgeweckte Junge, der aus purer Neugierde auf die Welt stundenlang das dicke Larouche-Lexikon schmökerte – er beginnt, sich rapide zu verändern. In der Freizeit wie in der Schule: „Innerhalb weniger Trimester war ich zum Überläufer geworden. Die Franzosen gingen mir aus dem Weg, vorgewarnt von ihren Eltern. Schlimmer noch, meine Zeugnisse, nurmehr ein sehr dunkler Schatten von denen früherer Zeiten, charakterisierten mich als verkommen und frech. Und während der letzten Konferenz des Jahres machten die Lehrer mich fertig.“ LEBENSFEINDLICHE UMGEBUNG UND SINNLOSE BANDENKRIEGE Der Roman begleitet Skander durch seine Jugend hindurch. Von Jahr zu Jahr passt er sich stärker seiner lebensfeindlichen Umgebung in der Hochhaussiedlung an; denn er spürt: Würde er weiterhin den Idealen seines einstigen französischen Umfelds nacheifern, käme er hier hoffnungslos unter die Räder. Die sinnlosen Bandenkriege mit Jugendlichen anderer Viertel übersteht Skander halbwegs ungeschoren. Aber auch wenn er es sich lange nicht eingesteht, leidet er: „Wir waren hier noch bei den Anfängen von Darwin, als der Mensch primitiv war und von seinen aggressiven Trieben geleitet wurde. Für den Moment war ich einfach nur ein Opfer, wurde nicht mehr respektiert als irgendein beknackter Franzose, den man ganz nach Belieben beleidigt und belästigt.“ DROGEN UND GEWALT Schließlich wird auch Skander kriminell. Er macht mit bei Gewalttaten, verdient bald eine Menge Geld mit Rauschgifthandel. Der junge Psychologe Lombard allerdings, dem Skander eines Tages begegnet ist, nimmt sich den Jungen vor. Lombard redet Klartext: > Am Anfang habe ich mir gesagt, dass du ein Opfer der Einflüsse bist, aber jetzt bist du der Anführer! Du bist das Symbol unseres Versagens – meines Versagens – Frankreichs Versagens! > > > Quelle: Mokhtar Amoudi – Ein ziemlich anders Leben Von seiner Familie kann Skander nichts erwarten. Seine algerische Verwandtschaft bleibt im Hintergrund. Er trifft nach vielen Jahren seinen leiblichen Vater, aber auch der bleibt ihm fremd. Immerhin, als die beiden auf einem Gang durch Paris an der Gare du Nord vorbeikommen und dort das Gebrüll nordafrikanischer Einwanderer alles andere übertönt, kommt Skander ins Grübeln: „Wir waren nicht mehr in Frankreich. Das hier ist Algerien, das sind deine Wurzeln!‘, sagte er. Als ich all die üblen Gestalten sah, das Gesicht von Rasierklingen zerschnitten, dieses ganze verstörende Menschsein, da verfluchte ich meine Wurzeln, die schlimmsten, die man haben konnte. Was hätte ich dafür gegeben, woanders geboren zu sein.“ EIN FUNKEN HOFFNUNG Skander ist beim Rauschgifthandel erwischt worden – er findet allerdings einen Richter, der ihm zutraut, aus dem zerstörerischen kriminellen Milieu herauszufinden. Im Ganzen durchzieht „Ein ziemlich anderes Leben“ bei allen Tiefschlägen und Niederlagen, die Skander einstecken muss, ein steter Funken Hoffnung. Unmittelbar vor der Abschlussprüfung fliegt der Junge von der Schule – aber vielleicht ist das doch noch nicht das letzte Wort. Mokhtar Amoudi hat das Kunststück vollbracht, die Realität in seinem Roman ungeschminkt zu schildern, ohne in Klischees abzugleiten – und er findet einen überzeugenden Schluss. Was Skander erlebt, das ist für Millionen junger eingewanderter Franzosen trauriger Alltag. Ihnen „Ein ziemlich anderes Leben“ zu ermöglichen, wäre ein dringender Auftrag an die Politik – in Frankreich und anderswo.
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