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Ein Mythos wird hinterfragt – „Die Seherin von Prevorst“ im Heilbronner „Museum im Deutschhof“

3 min · 15. juni 2026
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Beskrivelse

FÖRSTERSTOCHTER, ZUM SPIRITISTISCHEN MEDIUM GEMACHT Es ist eine winzige, unspektakuläre Bleistiftzeichnung von 1829, angefertigt im Todesjahr von Friederike Hauffe. Und doch ist ihre Bedeutung für den Mythos der Seherin kaum zu unterschätzen. Die Darstellung  – die Zähne waren ausgefallen, sie war ausgemergelt – bilde den Ausgangspunkt für die späteren Darstellungen, erklärt Ralf Michael Fischer vom Heilbronner „Museum im Deutschhof“. „Also alle Bildnisse, die wir hier sehen, sind im Grund von Anfang an, Bildnisse der Seherin und nicht von Friederike Hauffe“, ergänzt die Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Eva Klingenstein. Sie gab durch ihre Forschungen mit den Anstoß zu dieser Ausstellung, die versucht, einen Blick hinter die übermächtigen Bilder zu werfen, die aus einer jungen Försterstochter ein spiritistisches Medium gemacht haben. STARK IDEALISIERTE GEMÄLDEPORTRAITS Mehr als 50 Jahre nach ihrem Tod reist der Maler Gabriel Max gleich mehrere Male von München nach Weinsberg. Er will genau wissen, wie sie gelebt hat: Seine stark idealisierten Gemäldeportraits zeigen jedoch eine in weiß gekleidete Frau mit Tuch um den Kopf, die im Bett sitzt oder liegt. Mal schaut sie mit ineinander gelegten Händen vergeistigt nach oben, dann wieder hält sie die Augen geschlossen, in sich gekehrt, die Arme von sich gestreckt.  1826 kommt die erst 25-jährige Friedrike Hauffe nach Weinsberg, um sich von dem über die Region hinaus bekannten Arzt und Dichter Justinus Kerner behandeln zu lassen. SCHWIERIGE SCHWANGERSCHAFTEN, UNGLÜCKLICHE EHE Sie will Stimmen hören und Geistererscheinungen gehabt haben. Zugleich ist sie innerlich ausgebrannt: nach zwei schwierigen Schwangerschaften, anstrengenden Behandlungen und gefangen in einer unglücklichen Ehe. In ihrem Tagebuch, das Mitkuratorin Eva Klingenstein 2018 im Heilbronner Stadtarchiv entdeckt hat, notiert Friederike Hauffe, was sie empfindet. Historikerin Eva Klingenstein: „Sie sagte immer, die Menschen sind sehr freundlich, aber sie findet dort niemand, der mit ihr leidet. Sie wurde immer als Informationsquelle verwendet, aber keiner hat ngesagt: Und? Wie geht es denn heute so? Und diesen Konflikt hat sie sehr stark wahrgenommen, dass es eigentlich nicht um sie geht, sondern um das, was sie produziert.“ MEHR FASZINATION ALS MITGEFÜHL Einen gewichtigen Anteil am Mythos der jungen Frau hatte Justinus Kerner. Sein Buch „über das innere Leben des Menschen und das Hereinragen einer Welt der Geister in die unsrige“ beruht auf Beobachtungen und Experimenten mit Friederike Hauffe, die er unter dem Titel „Die Seherin von Prevorst“ veröffentlichte. Ein kostbar verziertes Exemplar dieses Buches, das persönliche Exemplar des Malers Gabriel Max, ist in dieser Ausstellung zu bewundern. Ein Highlight der Ausstellung neben Gemälden, Skizzen, Heilgeräten und einer modernen Rekonstruktion von Friederike Hauffes Zimmer in Weinsberg. Die kleine, sehr durchdachte Ausstellung fragt dabei immer nach Schein und Sein. Mitkurator Ralf Michael Fischer: „Dieses ganze Thema wird auch von einer unglaublichen Ambivalenz getragen. Das betrifft dann vor allem die Bilder, mit denen wir es zu tun haben. Wir finden die Bilder toll, aber die Hintergrundgeschichte dieser Bilder ist manchmal nicht ganz so toll.“

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episode Schriftdesigner Erik Spiekermann: „Keiner weiß, wer ich bin – aber alle nutzen meine Arbeit“ cover

Schriftdesigner Erik Spiekermann: „Keiner weiß, wer ich bin – aber alle nutzen meine Arbeit“

DER „RUMPELSTILZCHEN-EFFEKT“ DES ERFOLGS Er gilt als einer der einflussreichsten Gestalter von Schrift und Konzerndesign im deutschsprachigen Raum. Gerade wurde Erik Spiekermann mit dem Gutenberg-Preis [https://www.gutenberg-gesellschaft.de/gutenberg-preis] der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft und der Stadt Mainz „als Pionier für prägende und stilbildende Schriften“ ausgezeichnet. Als „Legende“ möchte Erik Spiekermann trotz seines Lebenswerks nicht bezeichnet werden. „Wenn jemand sagt, ich sei Legende, dann bin ich ja eigentlich tot“, sagt der Typograf im Gespräch mit SWR Kultur. Er bevorzuge den „Rumpelstilzchen-Effekt“ seiner langjährigen Tätigkeit: „Keiner weiß, wie ich heiße, wer ich bin, aber alle benutzen meine Arbeit. Das finde ich eigentlich am schönsten daran.“ Was da alles zusammenkommt, ist weit mehr als das Tagewerk eines Rumpelstilzchens. Erik Spiekermann hat unter anderem das Schriftdesign der Deutschen Bahn entworfen, das Corporate Design von Audi und VW, von Bosch und ZDF. Bis 2001 führte er das damals deutschlandweit größte Designbüro mit bis zu 170 Mitarbeitern. GESTALTUNG DER DEUTSCHE TELEFONBÜCHER Das Wichtigste aus seiner Sicht: Ein guter Stil sollte nicht für Augenschmerzen sorgen. Auf Spiekermanns Entwürfe ging seit den 1980er Jahren auch die Gestaltung der deutschen Telefonbücher zurück. Da die „Schreibweise des Namens und die genaue Telefonnummer sehr, sehr, sehr wichtig sind“, sagt der Typograf, „darf man sich nicht zu weit von dem entfernen, was 84 Millionen Deutsche so unter Schrift verstehen.“ Als einer der ersten Designer importierte er elektronische Schriften aus den USA nach Deutschland. Heute dagegen habe er wieder angefangen, analog zu arbeiten. In Berlin hat er eine Buchdruckwerkstatt aufgemacht, wo er Andruckpressen und Schriftsätze aus Holz und Blei sammelt. Erik Spiekermann: „Ich bin wieder da, wo Gutenberg war, allerdings mit Strom und durchaus mit Computern.“ Heute verbinde er das elektronische und das altmodische Handwerk. Im Prinzip ist er nun auch wieder dort, wo er schon als 16-Jähriger war. Damals sei er durch die Stadt gefahren und habe an jeder Straßenecke etwas mitgenommen: „Und hatte dann nach einigen Jahren plötzlich eine Druckerei zusammen.“

24. juni 202613 min
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Mitmach-Ausstellung in Stuttgart: „Echt jetzt?!“ Haus der Geschichte zeigt Manipulation und KI-Fakes von Fotos

Spielstationen mit analogen und mit digitalen Tools vermitteln eine Vorstellung davon, wie Fotos früher bearbeitet wurden – und wie foto-realistische Bilder heute erzeugt werden: Von KI-Modellen, die sich derzeit zu einer echten Bedrohung der Menschheit entwickeln. SCHON FRÜHER GAB ES TRICKS DER FOTO-RETUSCHE Bei der Produktion von Fotopostkarten wurden früher viele Motive aufgehübscht. Die schwarz-weiße Ansicht von Ulm ist die fotografische Vorlage einer Postkarte, die aus einem kargen Foto mit leerem Horizont ein farbiges Panorama mit pittoreskem Alpen-Hintergrund macht. PROMPTS STATT PINSEL Was früher mit viel handwerklichem Geschick zusammenkopiert und -gepinselt wurde, kann heute jedermann im Handumdrehen mit Prompts erzeugen: lebensechte Bilder, die aussehen wie Fotos, aber pure KI-Konstruktionen aus dem Rechner sind.

I går7 min
episode Gitarrenstreit um die Stratocaster: Musikhändler Thomann klagt gegen Fender cover

Gitarrenstreit um die Stratocaster: Musikhändler Thomann klagt gegen Fender

Der Streit um die legendäre Stratocaster spitzt sich zu: Nach einem umstrittenen Urteil verschickt Fender Abmahnungen an Hersteller und Händler weltweit. Nun geht mit Thomann erstmals der ein großer Musikhändler juristisch gegen Fenders Abmahnwelle vor – und will die Frage nach dem Schutz der legendären Gitarrensilhouette gerichtlich klären lassen. VOM PLAGIATENSCHUTZ ZUR GRUNDSATZFRAGE Was als juristisches Vorgehen gegen Gitarrenkopien begann, entwickelt sich zunehmend zu einem Grundsatzstreit der Musikinstrumentenbranche. Im März hatte Fender vor dem Landgericht Düsseldorf einen Erfolg erzielt: Das Gericht bewertete den Korpus der legendären Stratocaster erstmals als urheberrechtlich geschütztes „Werk der angewandten Kunst“. Bis dahin galt vor allem die charakteristische Kopfplatte als geschützt. Auf Grundlage dieses Urteils geht Fender inzwischen nicht nur gegen offensichtliche Fälschungen vor, sondern auch gegen Hersteller und Händler sogenannter „S-Style“-Gitarren, deren Form an die Stratocaster angelehnt ist. Branchenbeobachter berichten von Abmahnungen, Auskunftsforderungen und Vertriebsbeschränkungen. THOMANN KÜNDIGT RECHTLICHE SCHRITTE AN Europas umsatzstärkster Musikhändler Thomann hat am 22. Juni 2026 öffentlich erklärt, selbst rechtliche Schritte gegen Fender eingeleitet zu haben. In seiner Stellungnahme bezeichnet das Unternehmen das Düsseldorfer Urteil als ein „sogenanntes Versäumnisurteil“, das auf formalen Fristversäumnissen beruhe und aus seiner Sicht keine umfassende inhaltliche Prüfung der Rechtslage darstelle. Fender versuche nun, daraus einen grundsätzlichen Copyright-Anspruch auf die Stratocaster-Korpusform abzuleiten. Thomann argumentiert, die Fragestellung reiche weit über einen einzelnen Rechtsstreit hinaus und betreffe „die Zukunft von Vielfalt, Innovation und Wettbewerb“ in der Gitarrenbranche. „VERANTWORTUNG FÜR ALLE BETEILIGTEN“ Besonders deutlich wird Thomann-Chef Hans Thomann. In der Stellungnahme erklärt er: „Viele Betroffene haben nicht die finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten, einen solchen Rechtsstreit zu führen.“ Weiter sagt er: „Wir sehen es deshalb als unsere Verantwortung, diese Angelegenheit nicht nur für unser eigenes Unternehmen, sondern für alle Beteiligten gerichtlich klären zu lassen.“ Nach Angaben des Musikhauses betrifft der Konflikt nicht nur externe Hersteller und Händler, sondern auch die Eigenmarke Harley Benton. Thomann betont zugleich, man wolle auch künftig die „gesamte Bandbreite der Gitarrenwelt“ anbieten können. PRÄZEDENZFALL FÜR DIE GESAMTE BRANCHE? Der Fall könnte weit über die Gitarrenwelt hinaus Bedeutung erlangen. Sollte sich die Düsseldorfer Rechtsauffassung durchsetzen, könnte sie neue Maßstäbe dafür setzen, wann die Form eines Gebrauchsgegenstands urheberrechtlichen Schutz genießt. Genau diese Frage hatte bereits den Kern der bisherigen Debatte gebildet. Mit Thomann steigt nun erstmals ein Schwergewicht der europäischen Musikinstrumentenbranche offen in den Konflikt ein. Damit dürfte aus einem bislang vor allem juristischen Fachstreit eine Auseinandersetzung werden, die die gesamte Gitarrenindustrie aufmerksam verfolgen wird.

22. juni 20267 min