Die Tagebücher der Etty Hillesum aus Amsterdam: Diese Serie ist ein Glücksfall: „Etty“ mit Julia Windischbauer und Sebastian Koch
SYSTEMATISCHE DISKRIMINIERUNG VON JUDEN UND OPPOSITIONELLEN
Als Etty Hillesum ihrem Slavistik-Professor erzählt, dass sie gerne Schriftstellerin werden will, eröffnet der ihr, dass er gerade am Morgen entlassen wurde. Anfang 1941 beginnen die Nazis, auch in den Niederlanden Juden und Oppositionelle systematisch zu diskriminieren, die Lebensbedingungen für sie kaum noch erträglich zu machen.
Der Professor begeht Selbstmord. Kurz darauf darf Etty als Jüdin offiziell keine Vorlesungen mehr besuchen. Aus einem Impuls heraus sucht sie den Psychoanalytiker Julius Spier auf.
TAGEBUCH-SCHREIBEN ALS THERAPIE
Er hat mit ungewöhnlichen Methoden wie Handlesen oder einer speziellen Körpertherapie eine kleine Gemeinde um sich versammelt. Und rät ihr, Tagebuch zu führen. Zwischen den beiden entsteht eine intensive Bindung, später auch eine Liebesbeziehung.
Etty nutzt die Tagebücher nicht nur, um gegen depressive Zustände anzuschreiben, sondern um in sich hinein zu horchen, eine Art von persönlicher Spiritualität zu erarbeiten. Einen Rückzugsort, aus dem sie Stärke und Würde gewinnt.
JULIA WINDISCHBAUER ALS ETTY FASZINIERT
Etty Hillesum ist hierzulande immer noch wenig bekannt, aber ihre Tagebuchtexte, die in 22 Sprachen übersetzt wurden, sprechen einen unmittelbar an. Man kann gar nicht umhin, sich von dem klaren, doch immer warmen Blick von Julia Windischbauer als Etty gefangen nehmen zu lassen. Selten erlebt man eine Kamera, die ihrer Hauptfigur so nahe kommt, ihr Gesicht erzählen lässt, ruhig, aber intensiv, subtil und nahbar.
Die Serie des israelischen Regisseurs Hagai Levi ist ein Glücksfall. Mit großem ruhigen Erzählfluss, getragen von Begegnungen, von Musik und Bildern. Das hat immer auch etwas Kontemplatives und man sollte nicht erwarten, dass hier ein dramatischer Aufreger den nächsten jagt. Hagai Levi wollte kein Biopic drehen, das sich in eine Reihe von Historienfilmen zur Nazizeit einordnen ließe.
„ETTY“ IST EIGENTLICH EIN SECHSSTÜNDIGER ARTHOUSE-FILM
Er verortet das Geschehen in einer mehr oder weniger unkonkreten Gegenwart, man hat das Gefühl, sich im heutigen Amsterdam zu bewegen: moderne Straßenbahnen, zeitlose Mode, es fehlen nur die elektronischen Geräte. Das rückt die Geschichte noch näher an uns heran.
Die Serie „Etty“ ist eigentlich ein sechsstündiger Arthouse-Film, der einen emotional noch lange beschäftigt. Nicht nur, weil sich Etty am Ende freiwillig zum Einsatz im Deportationslager Westerbork meldet und damit sehenden Auges in den Tod geht. Sie und ihre Familie werden 1943 in Auschwitz ermordet.
ETTY HILLESUM SOLLTE WIEDERENTDECKT WERDEN
Das zeigt die Serie allerdings nicht mehr. Sie endet mit Worten, die tröstend und erhobenen Hauptes an eine Nachwelt gerichtet sind. Sich mit diesen Worten, dem Leben und Schreiben von Etty Hillesum zu beschäftigen, ist unbedingt lohnenswert. Und die von arte und dem SWR produzierte Serie ist ein großartiger Einstieg.
„Etty“ von Hagai Levi in der Arte Mediathek [https://www.arte.tv/de/videos/RC-027654/etty/]
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