SWR Kultur lesenswert - Literatur

Im spirituellen Funkloch

6 min · 12. juni 2026
episode Im spirituellen Funkloch cover

Beskrivelse

Landpfarrer – bei dieser Berufsbezeichnung schwingt eine gewisse Gemütlichkeit mit. Man stellt sich einen jovialen, dem Genuss nicht abgeneigten Geistlichen vor, der sich mit seinen Schäfchen ins Einvernehmen zu setzen weiß. Der tagebuchschreibende Landpfarrer in Georges Bernanos‘ Roman ist von diesem Bild jedoch so weit entfernt wie nur möglich: ein dürrer, magenkranker Mann von Anfang Dreißig, ganz zerfurcht und zergrübelt von seinem Ringen mit Gott. Und verzweifelt, wenn er wieder einmal ins spirituelle Funkloch gerät. 1920, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, tritt er seinen Dienst in der nordfranzösischen Gemeinde Ambricourt an. Den Ort beschreibt er als religiöse Steppe: „Plötzlich tauchte das Dorf vor mir auf: die Häuser dicht gedrängt, armselig unter dem trüben Novemberhimmel. Feuchter Nebel hing über dem Dorf, das wie ein erschöpftes Tier im nassen Gras lag. Und dies ist meine Pfarrei. (…) Meine Pfarrgemeinde ist von Gleichgültigkeit zerfressen. In vielen anderen Pfarrgemeinden ist es genauso. Die Lethargie breitet sich vor unseren Augen aus…“ Hier lebt der namenlos bleibende Landpfarrer nun in ärmlichsten Verhältnissen. Seinen Auftrag nimmt er bitter ernst. Er will die verstockten Menschen aus der Lethargie holen. Denn die Säkularisierung; so die Diagnose von Bernanos, hat längst auch die Provinz erreicht – erst recht in Frankreich, wo es seit der Aufklärung eine starke Tradition des Antiklerikalismus und Laizismus gibt. Brot und Wein Der Landpfarrer bleibt ein Fremder im Dorf, bald gilt er als Sonderling und Alkoholiker, weil er sich wegen seiner chronischen Magenschmerzen eine Diät aus schlechtem Wein und trockenem Brot verordnet hat. Dennoch gibt er sich Mühe bis zur Erschöpfung, unterrichtet die Kinder, die ihn provozieren, besucht die Kranken und die Familien. „Wie behutsam ich auch vorgehe – selbst wenn ich es meide, das Wort Gott in den Mund zu nehmen, liegt es immer irgendwann in der Luft, und die Mienen, die sich geöffnet haben, schließen sich plötzlich wieder. Sie werden düster. (…) Die jungen Leute haben mir den Spottnamen ‚Tristgesicht‘ verpasst.“ Als strenger Mentor nimmt sich Abbé Martin seiner an, ein robuster und erfahrener Kollege, Pfarrer einer Nachbargemeinde. Mit scharfen Worten kritisiert er den schwärmerischen Idealismus des jungen Landpfarrers. Und bringt einen pragmatischen seelsorgerischen Realitätssinn zur Geltung, der die Menschen nimmt, wie sie nun einmal sind.  Es gibt wenige Werke der literarischen Moderne, die zugleich so entschieden auf christlichem Grund stehen, auch wenn dieser stark erschüttert ist. Auf fast jeder Seite liest man – oft aphoristisch geschliffene – Reflexionen über Gut und Böse, über die Theologie der Armut, den geistlichen Ertrag des Leidens, die Heiligen, das Opfer oder die Versuchung des Selbstmords. Es ist eine teils befremdliche, aber auch faszinierende Gedankenwelt. Die Form des Tagebuchs Die Tagebuchform sorgt für die subjektive Perspektive, die Erlebnisnähe sowie die Dringlichkeit des Selbstgesprächs, aber diese Form wird von Bernanos nicht streng genommen. So gibt es keine Datumsangaben, und vor allem die langen Dialoge haben mit üblichen Tagebüchern wenig gemein. Denn auch wenn die Gemeinde verdorrt erscheint – das Merkwürdige ist, dass der junge Pfarrer mit allen Menschen tiefgründige religiöse Gespräche führt, als würden sie letztlich doch umgetrieben von den letzten Fragen. Ob enttäuschte Frauen wie die Gräfin von Ambricourt, die mit Gott hadert, seit ihr geliebter Sohn gestorben ist und ihr Mann sie notorisch betrügt, ob atheistische Ärzte oder ein Fremdenlegionär – sie alle debattieren mit dem Landpfarrer leidenschaftlich auf Augenhöhe. Metaphysik des Motorrads Auch die Beschreibungen der Landschaft haben eine metaphysische Dimension. Das gilt insbesondere für das kurioseste Kapitel des Romans, „Monsieur Olivier und das Motorrad“, wo der malade Landpfarrer zu dem adligen Fremdenlegionär Olivier auf die schwere, in der Sonne funkelnde Maschine steigt: „Es war der Gesang des Lichts… Die Landschaft flog auf uns zu, öffnete sich nach allen Seiten wie das Tor zu einer anderen Welt. Ich verlor das Gefühl für die Zeit… Die Luft bot nur am Anfang einen Widerstand; dann wurde sie zu einem schwindelerregenden Korridor, einem Vakuum zwischen zwei Luftwirbeln.... Ich spürte, wie die Wirbel links und rechts von mir wie zwei flüssige Wände quirlten.“ Im ausgezeichneten Anhang dieser Ausgabe erfährt man, dass Bernanos hier seine eigene Motorradbegeisterung verarbeitet hat. Drei Jahre vor der Publikation des „Landpfarrers“ hatte er allerdings einen schweren Unfall, der ihn zum Invaliden machte. Die Erfahrung von Schmerz und Leiden hat er ebenfalls auf seine Romanfigur übertragen. Nur dass deren Martyrium eine andere, ernüchternd profane Ursache hat: Magenkrebs, unheilbar. > Ich muss dem Drang widerstehen, mich auf den Boden zu werfen und mich wie ein Tier vor Schmerzen zu wälzen. Gott allein kann wissen, was ich durchmache. > > > Quelle: Georges Bernanos – Tagebuch eines Landpfarrers Religiöser Existenzialismus Man hat Bernanos als „katholischen Existenzialisten“ bezeichnet. Das ist eine ungewohnte Kategorie, haben doch gerade die französischen Existenzialisten eine Welt geschildert, in der alle religiösen Absicherungen und Sinnstiftungen verloren gegangen sind. Genau diesen drohenden Verlust aber nimmt – als Christ – auch Bernanos ins Visier. So wundert es nicht, dass der frühe Sartre von ihm beeinflusst wurde. In seinem zwei Jahre nach dem „Landpfarrer“ erschienenen Durchbruchsroman „Der Ekel“ treibt er den kriselnden, mit seiner Umgebung stark fremdelnden Ich-Erzähler auf ähnliche Weise in die tagebuchartige Selbstentblößung. Die Neuübersetzung des „Landpfarrers“ von Bernhard Lang ist schlackenlos und liest sich wie ein Original. Der Clou dieser bibliophilen Ausgabe ist jedoch ein ausführliches Glossar, das die Grundbegriffe der komplexen religiösen Gedankenwelt vermittelt, die zum Verständnis des Romans hilfreich sind und nicht mehr vorausgesetzt werden können. Mögen auch wir von der religiösen Indifferenz und „Lethargie“ befallen sein – noch immer zieht die Intensität dieses spirituellen Romans in den Bann, der einst für Leser wie Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Heinrich Böll, Josef Ratzinger oder Peter Handke eine prägende Lektüre war.

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Das Chaos der Ordnung: „Spiel auf vielen Trommeln“ von Olga Tokarczuk

Kriminalromane zu lesen, glaubt die Heldin in einer der Geschichten von Olga Tokarczuk, hat etwas Beruhigendes. Ein bisschen sei es wie aufräumen.  > Schritt für Schritt verwandelt Chaos sich in Ordnung. Manchmal aber hat man auch genug von der Ordnung. > > > Quelle: Olga Tokarczuk - Spiel auf vielen Trommeln Tatsächlich hat sie diesmal genug vom schleppenden Gang der Erzählung. Eine Gruppe von Krimi-Autoren trifft sich auf einem flämischen Landsitz, aber es geschieht eigentlich nichts. Die leidenschaftliche Leserin erträgt das nicht. Anders als in Woody Allens Film „Purple Rose of Cairo“, wo sich Filmstars von der Leinwand ins wirkliche Leben verirren, geht Tokarczuks Protagonistin den umgekehrten Weg: Sie mischt sich unter die fiktiven Krimi-Autoren, schubst die Handlung an und wird schließlich zu einer heillos Umherwandelnden zwischen den Welten. „Als sie am Morgen die Katze auf den Balkon ließ, sah sie, wie vor ihrem Hochhaus ein Streifenwagen vorfuhr. Drei Männer stiegen aus und strebten dem Eingang zu ihrem Treppenhaus entgegen. Einer von ihnen trug einen Trenchcoat und einen seltsam altmodischen Hut. Es war ihr, als müsste sie ihn von irgendwoher kennen.“    IM WARTESAAL DER WIRKLICHKEIT  Diese erste von neunzehn Geschichten im Band „Spiel mit vielen Trommeln“ trägt den schön doppelbödigen Titel „Mach die Augen auf, du lebst nicht mehr“. Sie mag als Parabel auf die Macht der Illusion, den Schein des Realen und das unbewusste Weiterwirken der Kunst gelesen werden. Als literarisches Spiel mit kleinen Verschiebungen in der Wahrnehmung und der unberechenbaren Verrückung des Alltäglichen, das die Literaturnobelpreisträgerin wunderbar beherrscht. So wird eine polnische Schriftstellerin in einem anderen Text von einer Schottin für einen Monat beherbergt – sie möchte Gesellschaft, im Gegenzug soll der Autorin ein kreatives Ambiente geschaffen werden. Zeit zum Schreiben, Zeit, um über das Schreiben nachzudenken.  „Die Literatur ist letztlich eine sanktionierte, von ethischen Beschränkungen befreite, gesellschaftlich anerkannte und bewunderte Lüge. Ebendarum, so denke ich, hat mich das Schreiben schon immer angezogen.“ VON ALLEM WAS DABEI Auf einen Nenner sind diese neunzehn Erzählungen dennoch nicht zu bringen: Sie greifen aus ins Fantastische, beherbergen Spurenelemente des Lebens Tokarczuks, handeln von Gestrandeten und Verstörten, von Wandernden und sich fortwährend Verwandelnden, zuweilen eben auch von jenen professionellen „Anarchisten des Universellen“, wie Schriftsteller einmal bezeichnet werden. Die Geschichten sind mal kürzer und manchmal dutzende Seiten lang, kreisen um oder bewegen sich zu auf eine Kuriosität. Es schwingt in ihnen eine sentimentale Note mit, oder es herrscht ein ironischer Grundton. In der Titelgeschichte „Spiel auf vielen Trommeln“, entstanden während Tokarczuks Zeit als DAAD-Stipendiatin in Berlin, ist es eine Erzählerin, die von ihrem Küchenfenster aus in den Hof auf eine Wagenburg blickt. Immer mehr taucht sie in diese ihr fremde Welt ein, und sie ist fasziniert vom Trommelspiel, das abends anhebt und einen Rhythmus für dieses andere Leben vorgibt, einen Puls. Gleichzeitig fehlt ihr selbst dieser Takt, die Stadt erscheint ihr konturlos, es ist, als würde sie die Kontrolle verlieren, wenn sie sie mit der Bahn durchquert.  HALTLOSER BLICK  „Mein ganzes offenes, aufnahmebereites, von Eindrücken schwellendes Ich löste sich auf, da mein Blick nichts einfangen konnte.“  Im Original ist dieser Erzählungsband bereits 2001 erschienen, 2006 dann erstmals in Auszügen auf Deutsch in der Übersetzung von Esther Kinsky. Nun liegen alle Texte in der auch die verschiedenen Stimmungen und Töne treffenden Übertragung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein vor. Wie bei vielen großen Autorinnen und Autoren ist auch die Sprache Tokarczuks nicht komplex, nicht experimentell, nicht darauf aus, Kunstfertigkeit auszustellen. Das Geheimnis liegt vielmehr zwischen den oft klar formulierten, eine poetische Aura in sich tragenden Sätzen. Die im vermeintlich Einfachen verborgene Poesie aber in eine andere Sprache hinüberzuretten, ist gar nicht so einfach. Palmes und Quinkenstein gelingt das vortrefflich.

8. juli 20264 min
episode Achtung, Achtsamkeit! Der neue Roman „Einatmen. Ausatmen.“ von Maxim Leo cover

Achtung, Achtsamkeit! Der neue Roman „Einatmen. Ausatmen.“ von Maxim Leo

Meditation, Yoga, Waldbaden, Energiearbeit, Ayurveda – das und noch einiges mehr bietet die „Academy“. Ausgebrannte Overachiever können hier regenerieren, aufstrebende Führungskräfte sich den Habitus der Empathie antrainieren. Marlene Buchholz hält zwar wenig von solchem Psychokram, aber sie wird von der Konzernleitung der „Aviola“ zur Teilnahme verdonnert. Denn manche Mitarbeiter werfen ihr einen kalten Führungsstil vor – ein Hindernis für ihren anstehenden Karrieresprung zur CEO des Unternehmens.  „Zuerst hatte sie es für einen Witz gehalten, aber dann merkte sie, dass Dr. Finckenstein es wirklich ernst meinte. ‚Sie gehen zu Alex Grow, ein ausgezeichneter Unternehmens-Coach’, sagte er. ‚Es gibt Intensivkurse, zwei Wochen lang in einem kleinen Schloss in Brandenburg. Danach sprechen wir uns wieder.‘“  Alex Grow – der Name ist Programmmusik, wie so vieles im neuen Roman des Schriftstellers Maxim Leo. AUGENZWINKERN UND TRÄNEN  Der Achtsamkeitsbetrieb mit seinem Jargon und seiner ganz eigenen Betulichkeit ist ergiebiger Stoff für Komödien. Maxim Leo liegt es jedoch fern, die Komik ins Schmerzhafte zu treiben. Ein bisschen Augenzwinkern – unbedingt. Etwa wenn ausgerechnet der Super-Coach Alex Grow, der äußerlich als Profi der Tiefenentspannung auftritt, seine innere Panik kaum noch kontrollieren kann.  Marlenes anfängliche spöttische Reserviertheit aber wird nach alter psychoanalytischer Manier bald als „Widerstand“ erkennbar: Die Business-Frau will nicht heran an ihre Gefühle, weil sie diese seit ihrer Kindheit zu verdrängen gelernt hat. Während einer Familienaufstellung in der Academy brechen dann die Tränen und Einsichten über sich selbst, ihre Mutter und die Kriegserlebnisse ihrer Großmutter nur so aus ihr heraus:   „Sie begann zu ahnen, wie das Drama der Großmutter, die Kälte der Mutter und ihre eigenen Beziehungsprobleme zusammenhingen. Sie verstand, dass das Böse durch die Generationen wandert, so lange, bis man sich ihm stellte. Dass ein Gefühl sich nicht mit Schweigen begraben ließ. Es war schwer für sie, das alles an sich heranzulassen.“ GÄNGIGE MUSTER UND THEMEN  Für Marlene mögen dies überraschende Enthüllungen sein. Nicht aber für die Leser, die an dieser Stelle des Romans kaum etwas anderes erwartet haben dürften als den zeitgemäßen Rekurs auf „transgenerationale Traumata“. Auch sonst reichert Maxim Leo den Plot mit gängigen Debattenthemen an. Da gibt es zum Beispiel in der Nähe des Schlosses ein Protestcamp im Wald. Dort ketten sich Demonstranten an die Bäume, damit diese nicht gefällt werden für den Bau einer riesigen Geflügelmastanlage.   Eine klaffende Leerstelle bleibt dagegen die Firma „Aviola“. Was wird dort produziert und welche Leistungen haben Marlene so weit nach vorne gebracht? Solche Details wären nicht unwichtig in einem Roman über eine Managerin. Maxim Leo begnügt sich mit ein paar austauschbaren Business-Sprechblasen. WUNDERSAME WANDLUNG Endgültig verliert der Roman die psychologische Bodenhaftung, wenn es um Marlenes wundersame Wandlung im Zeitraffertempo geht. Wichtigen Anteil hat dabei ihre rasch aufblühende Freundschaft ausgerechnet mit dem Hausmeister des Achtsamkeits-Schlosses. Günther Mattissen (man sieht den Schauspieler Charly Hübner in einer möglichen Verfilmung schon vor sich) gibt sich anfangs schroff, taut dann aber auf – ein liebenswerter Kauz mit dem Herz auf dem rechten Fleck.   Schon nach wenigen Stunden Bekanntschaft vertritt Marlene ihn am Sterbebett seiner Mutter und wird von der Verwirrten für die endlich gefundene Schwiegertochter gehalten – das ist ebenso rührend gemeint wie schief erzählt. Und wenn Marlene dann noch gemeinsam mit Mattissen Rehe befreit, fragt man sich, was für eine Vorstellung Maxim Leo vom Mindset deutscher Führungskräfte hat. Der Schriftsteller wird gelobt als „Garant für filmreife Geschichten“. Nur dass man dabei diesmal nicht ans große Kino denken sollte, sondern an den ZDF-Fernsehabend mit seinen Kulissen und Klischees.

6. juli 20264 min