SWR Kultur lesenswert - Literatur

Nea Schmidt – Sprechen in Flechten. Gedichte

6 min · 12. juni 2026
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Beskrivelse

Wie staunenswert fein gestrickt Nea Schmidts Sprache ist! Das fällt schon beim Lesen und Hören des halbgereimten Titels ihres ersten Gedichtbands auf: „Sprechen in Flechten“. Flechten sind eigenartige Wucherungen, Lebensgemeinschaften zwischen einem Pilz und einer Photosynthese betreibenden Alge. Sie wandeln Licht in organische Substanzen um. Flechten sind nutzenbringende Hybridwesen, ein Joint Venture von Alge und Pilz. Und genauso hybrid wird auch bei Nea Schmidt gesprochen. In ihren Gedichten erscheint die Sprache als Verbindung einer organischen, menschengemachten und einer maschinellen, computergenerierten Sprache, die sich von der organischen parasitär ernährt, darin aber eine eigene Qualität ausbildet. Die Sprache und ihre Sphären werden ständig befragt: > der Austausch der Spuren folgt der Partitur der Partikel oder ihrem Schirmherrn / dem Staub der heiser raunt Asche zu Asche Pixel zu Pixel Tür zu /Tür auf > > > Quelle: Nea Schmidt – Sprechen in Flechten Dass sich dieses Überlagern von natürlich gewachsener und Kunstsprache zu etwas Sinntragendem verbindet, kennt man nicht erst in Zeiten von AI und ChatGPT. Auch Kunstsprachen wie Volapük oder Esperanto folgen keiner historischen Sprachgenese. Auch sie sind menschengemacht und nach Mustern entwickelt. LOREM IPSUM DOLOR Die Formel „Lorem ipsum dolor“ die dem ersten Zyklus in Nea Schmidts Band den Titel gibt, wird seit Jahrzehnten als sogenannter Blindtext an Stellen verwendet, an denen markiert wird, dass an genau dieser Stelle später sinntragender Text eingesetzt werden soll, beispielsweise in einer Broschüre. Die Wörter der Zeile entstammen in etwa einem Text von Cicero und suggerieren, es handle sich um echtes Latein, das als antike Sprache zum Kanon humanistischer Bildung gehört. Ihr Sinn wird aber dann vom Blindtextgenerator zerfranst. „Denk darüber nach, wie Sinn suggeriert wird“, sagen Schmidts Gedichte. Sie untersuchen das Zerfransen, Aufdröseln, das Wechseln von Aggregatszuständen der Sprache: > Sprich farbene Dinge in den Mund. / Sprich blitzenden Chrom in mich hinein > > > Quelle: Nea Schmidt – Sprechen in Flechten heißt es im ersten Zyklus und macht noch einmal den Gegensatz von lebendig Farbigem und künstlich glitzerndem Chrom deutlich. Das Moment von Nicht-Verstehen, von Außenvor-Sein wird in diesen Gedichten immer wieder zum Thema, um zu erkunden, wie Mensch und Maschine in unserer Gegenwart aneinander und ineinander geraten. > Gott stapelt hoch. Kopie über Kopie. / ich rede gut und höre nichts. Streckstoff ohne Gegenlicht. / alle haben alles verstanden > > > Quelle: Nea Schmidt – Sprechen in Flechten BIBLISCHE SCHÖPFUNG UND DIGITAL NATIVE 1995 geboren ist Nea Schmidt Digital Native und selbstverständlich aufgewachsen mit einer technisierten Kommunikation. Doch ihr Debüt ist nicht nur auf der Höhe unserer Zeit, sondern reicht auch weit in die Geistes- und Literaturgeschichte zurück. Die Bibel, kanonische Texte der Antike, dazu zahlreiche philosophische Referenzen, etwa auf Thomas Hobbes zeigen, dass diese junge Autorin sich in der Tradition der Sprachreflexionen auskennt: > Was ist der Mensch? / Fleischfressendes Fleisch und / sein eigener Wolf und / Fleisch vom Fleisch der Schöpfer / abgeschöpft. > > > Quelle: Nea Schmidt – Sprechen in Flechten Wie Schmidt in den eben zitierten Versen biblische Schöpfung und Thomas Hobbes‘ Ausspruch „Der Menschen ist dem Menschen ein Wolf“ zusammenbindet, ja flicht, ist originell und deutet zugleich an: Das Licht der Aufklärung wirft immer schon den Schatten eines Rückfalls in die Barbarei. Doch zugleich ist die Vernunft nun einmal das Mittel, das Zivilisationen stabil hält. Es gilt, daran festzuhalten. Immer neu wird dieser Gedanke in Schmidts Gedichten im ununterscheidbar werdenden Überlagern von Mensch und Maschine poetisch realisiert: „Mein Kopf verknüpft dies und das und verstrickt sich in Widersprüche und findet zB die Frage Wie macht eine Maschine einen Schal / egal / hebt Maschen auf lässt Maschen aus denkt sich Muster aus die Streben mit /Hebeln bewegen die Streben die noch wie Bäume stehen die noch ihre Kronen heben“ So werden die Grenzen zwischen wildem und Mustern folgendem Denken flüssig. Es ist beängstigend, dass in diesem Band maschinell erzeugte Sprache verwendet wird, worauf Schmidt in den Kommentaren verweist, wenn sie beschreibt, dass sie Texte von Google übersetzen und rückübersetzen lässt. DER MENSCH KANN DICHTEN Man kann diese Textstellen in den Gedichten nicht mehr zweifelsfrei von menschlich generierten unterscheiden. Doch immer bleibt klar, dass hier eine denkende Instanz das letzte Wort behält – und den Humor. Der politische Kommentar dieser Gedichte zu einer hybriden Sprache lautet indirekt: Wir können die Maschinensprache integrieren. Das Musterbildende, die Wiederholung, all diese Mechanismen sind eben auch menschlich. Beim Sprechen dürfen wir nicht aufhören zu fragen, zu denken und zu spielen. Denn der Mensch kann dichten, und damit Dinge, die die Maschine nicht kann, er kann zum Beispiel doppelsinnige Enjambements schreiben, was der Maschine unmöglich ist. Anders gesagt: der Mensch kann mehr als rechnen, er ist unberechenbar und genau das ist seine lebendige und warme Stärke gegen eine totale Automatisierung und Vereisung der Sprache. Nea Schmidts Gedichtband glüht regelrecht vor Witz und Intelligenz. Wenn das keine Aufforderung ist, „Sprechen in Flechten“ zu lesen!

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Affen als Herausforderung für die Literatur: Lara Rüters Essay „Affenliebe”

Leipzig, ein Primatenforschungszentrum. Aus dem Gewimmel des Zoos klingen Tierstimmen. Eine Forscherin steht vor einem der Gehege, beobachtet die Affen, macht Notizen. Eine Biologin? Nein, eine Dichterin. Ihr Name: Lara Rüter [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-05-09-102.html].  Die Aufzeichnungen in ihrem Notizbuch wirken zunächst wie ein Durcheinander aus Beobachtungen, Tagebucheinträgen und Gedichtfragmenten: Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als Versuche, das Verhalten der Affen möglichst genau zu erfassen.   MENSCHLICHES VERHALTEN Im Leipziger Zoo sind die Affen Individuen: Sie haben Namen, Vorlieben, vielleicht sogar Gefühle. Rüter gelangt schnell zu der Einsicht, dass sie sich von den menschlichen Verhaltensweisen der Tiere nicht distanzieren kann. Sie ertappt sich dabei, einzelne Lieblingsaffen zu haben. Besonders nähert sie sich dem Bonobo Tayo an – entgegen aller wissenschaftlichen Distanz:  „Tayo schlägt seine Zähne wie immer an die Schreibe, als er mich sieht, schließlich presst er seine Lippen kussmündig auf das Glas. Und ich zögere nicht, lege meine sofort darauf, bevor er verschwindet, lege sie auf die verstaubte, dreckige Scheibe, irgendwie direkt auf seine Lippen und auch nicht.”    FORSCHUNG ZWISCHEN NÄHE UND DISTANZ  Spätestens hier verlässt die Autorin die Rolle einer nüchternen Beobachterin. Der Institutsalltag wird zu einem Alltag der Gefühle. Die Affen setzen bei Rüter Erinnerungen und Reflexionen über ihre Vergangenheit in Gang. Dann entwickelt sich der Essay zunehmend zu einer biographischen Selbstbefragung.  > Meine Affen stellen keine Fragen an die Welt, scheinen Bruchstücke als das Ganze anzunehmen. Lieblingsfarbe. Lieblingstier. Als Kind wollte ich vom Kuckucksvater immer nur das wissen. […] Ich glaube, dass ich Halt suchte in diesem Ritual. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe Dokumentieren und Dichten: So könnte also das Motto von Rüters Buch lauten. Die Autorin ist eben beides: Forscherin und Dichterin; in „Affenliebe“ erprobt sie die Möglichkeit einer Symbiose dieser beiden Rollen.  Entstanden ist ein Text, der das Verhältnis von Menschen und Affen zum Ausgangspunkt einer Reflexion über die existenziellen Fragen des Menschseins nimmt. Im Hintergrund schwebt dabei immer die Frage: Kann eine Dichterin die Sprache der Tiere sprechen?  INTELLEKTUELLES BERÜHREN Schnell wird deutlich: Da, wo das literarische Verdichten beginnt, werden die Affen als Schreibanlässe instrumentalisiert. Ist das nicht jene Projektion, die Rüter eigentlich vermeiden wollte? Die Autorin reflektiert diesen Widerspruch kaum und macht stattdessen das sogenannte „intellektuelle Berühren“ zum Programm ihres Schreibens:  > Vertraue nie einem Affen. Berühre ihn nie, auch nicht, wenn er dein Freund ist, berühre ihn nur auf der intellektuellen Ebene. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe EIN INTERTEXTUELLES SCHREIBPROJEKT  Gelungen ist das Buch vor allem dort, wo es in den Dialog mit anderen Texten tritt. Zahlreiche philosophische Zitate begleiten die freien Assoziationen, eine Liste mit Literaturhinweisen am Ende des Buches dient hier als Einladung zum Weiterlesen.  Ein wichtiger literarischer Bezugspunkt des Essays ist Franz Kafka [https://www.swr.de/kultur/literatur/aexavarticle-swr-39000.html]. In dessen Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ spricht der menschgewordene Protagonist Rotpeter von seiner Vergangenheit als Affe: „Ich kann das damals affenmäßig Gefühlte nur mit Menschenworten nachzeichnen“.  Das Zitat steht dem Buch als Epitaph voran. Was bei Kafka pointiert klingt, mündet bei Rüter in langatmige Suchbewegungen.  Am Ende bleibt „Affenliebe“ ein Experiment: ein Schreibprojekt, das seinem fragmentarischen Charakter aufs höchste verbunden ist. Es folgt konsequent dem Grundsatz: Genaues Beobachten hat keine Stringenz. Stattdessen ist es Aufgabe einer Dichterin, das Gesehene zu verdichten.  Damit zeugt der Essay davon, was Lara Rüter – vor allem als Lyrikerin – gut kann: In aufmerksamer Versenkung ihre Umwelt beobachten.

13. juli 20264 min
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Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

I går4 min
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Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“

Der Schriftsteller Iwan Heilbut wurde 1898 in Hamburg geboren und entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie. Er arbeitete als Journalist, schrieb aber auch Romane, bevor er 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, nach Paris emigrierte. FLUCHT ÜBER DIE PYRENÄEN Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heilbut auch im französischen Exil als feindlicher Ausländer interniert. 1941 gelang ihm und seiner Frau über Spanien und Portugal die Flucht in die USA. Heilbuts Roman „Zugvögel“ erschien 1943 in englischer Übersetzung unter dem Titel „Birds of Passage“ und erhielt durchaus gute Kritiken. ENTDECKUNG IM DEUTSCHEN EXILARCHIV Heilbut, der 1950 nach Deutschland zurückkehrte und 1972 in Bonn starb, ist heute mittlerweile kaum noch bekannt. Nun hat Peter Graf, der mit seinem eigenen Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ immer wieder Entdeckungen ans Tageslicht bringt, Iwan Heilbuts knapp 700 Seiten starken „Zugvögel“-Roman im Claassen Verlag erstmals im deutschsprachigen Original herausgegeben. Das Skript befand sich im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main. FLUCHT UND HOFFNUNG Die stark autobiografisch grundierte Geschichte erzählt von Heimatlosigkeit und Exil, von Flucht, Angst und Hoffnung. Ein Buch, das sich auch wegen seiner großen literarischen und erzählerischen Kraft zu lesen lohnt, wie Herausgeber Peter Graf im Gespräch betont.

10. juli 20269 min
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Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat.

10. juli 20269 min
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Spielarten der Liebe: Lily Kings „Herz König“

Mit dem Roman „Euphoria“ landete Lily King im Jahr 2014 einen internationalen Bestseller. Das war ein Buch über die berühmte Ethnologin und Sozialforscherin Margret Mead. Gefeiert wurde Lily King auch für „Writers and Lovers“, einen autobiografischen Roman, in dem sie die Geschichte ihrer Schriftstellerwerdung erzählt. Campus-Dreiecksgeschichte Lily Kings neuer Roman „Herz König“ eröffnet wie eine konventionelle „Campus Novel“ und weitet sich dann zu einer Dreiecksgeschichte. Die Ich-Erzählerin studiert Literatur an einem College in Neu-England und lernt dort die beiden hochbegabten Kommilitonen Sam und Jash kennen. Man liest, man schreibt, man redet über Literatur. Ein berührendes Ende Im Kern jedoch, so SWR Kultur-Literaturredakteurin Anja Brockert im Gespräch, ist „Herz König“ eine Liebesgeschichte und ein Nachdenken über verschiedene Spielarten der Liebe. Und trotz aller Einwände, die man gegen die zum Teil klischeehaft gezeichneten Figuren formulieren könne, so Brockert, sei „Herz König“ letztendlich in seinen überraschenden Wendungen am Ende doch ein berührendes Buch.

10. juli 20266 min