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Das geniale Früchtchen: Gaëlle Bélems zweiter Roman „Die seltenste Frucht“

6 min · 29. mai 2026
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Beskrivelse

Montezuma soll täglich zwanzig Tassen Kakao getrunken haben, verfeinert mit Vanille, um sich fit zu halten für seine zahlreichen Ehefrauen. Bekanntlich wurden der Aztekenherrscher und dessen Volk vom spanischen Conquistador Cortés 1520 niedergemetzelt. Der nahm die Vanillepflanze mit nach Hause und versprach sich ein Vermögen vom Anbau. Wie es so läuft im Kolonialismus. In Europa und später in den Kolonien wuchsen die Pflanzen zwar wie Unkraut, blühten reichlich, trugen aber keine Früchte, aus denen die dunklen, duftenden Vanille-Schoten ja erst gewonnen werden. Zur Befruchtung fehlte jene Kleinbiene, die in Mexiko den Job machte. EIN ZWÖLFJÄHRIGER, BESESSEN VOM GEHEIMNIS DER VANILLE Mehr als 300 Jahre später gelingt auf der Île de Bourbon vor der Küste Afrikas – dem heutigen La Réunion – 1841 erstmals die künstliche Bestäubung der empfindlichen Vanilleblüten im großen Stil. Und entwickelt hat dieses Verfahren nicht etwa ein berühmter weißer Botaniker, sondern ein zwölfjähriger Schwarzer Junge namens Edmond, Kind mosambikanischer Sklaven und Schützling des französischen Kolonisten Ferréol. Der, selbst ein besessener Orchideenzüchter, hatte dem kleinen Edmond wieder und wieder von dieser sagenhaften „seltensten Frucht“ erzählt: > Der Geschichte der Vanille, von den aztekischen Wäldern über Gibraltar und die Weiten Andalusiens bis nach Bellevue, lauscht Edmond, seit er vier Jahre und sieben Monate alt ist und mehrere Zyklone erlebt hat, mit offenem Mund. [...] > > > Quelle: Gaëlle Bélem - Die seltenste Frucht „So kommt es, dass er von der Vanille besessen ist, süchtig ist nach einer verwaisten Liane, die zwischen vier kleinen Holzbrettern um den halben Globus gereist ist. Edmond entbrennt so sehr für diese Orchideengeschichte, dass er derjenige sein will, der ihr Geheimnis lüftet. [...] Ferréol, der viel redet, aber nicht mehr zuhört, bemerkt den Sturm nicht, der sich unter dem Schädel seines kleinen kreolischen Linné zusammenbraut, der nun selbst nach der seltensten Frucht sucht.“ MIT LIEBE ZUR FIGUR Diesen Edmond, der sich nach dem Ende der Sklaverei den Nachnamen „Albius“ gab, lässt die Schriftstellerin Gaëlle Bélem, geboren 1984 auf La Réunion, wo sie heute wieder lebt und arbeitet, in ihrer Romanbiografie „Die seltenste Frucht“ mit spürbarer Liebe zu ihrer Figur wieder lebendig werden. Sie zitiert aus zeitgenössischen Briefen und Berichten und ergänzt die Lücken in diesen Dokumenten eines Zeitalters, das von versklavten Menschen in der Regel wenig Notiz nahm, mit überzeugender Fabulierfreude. So wird der eigensinnige Charme des kleinen Edmond genauso anschaulich wie die Illusionslosigkeit, die Melancholie des Erwachsenen, der von seiner großen Entdeckung letztlich nichts hatte – außer ein paar Monaten flüchtigen regionalen Ruhms, während er den Pflanzern sein Befruchtungsverfahren beibrachte. Dabei profitierte vom Boom der Vanille die ganze Insel, die Großgrundbesitzer, die „Gros Blancs“, ebenso wie die verarmten Kolonisten, die „Petit Blancs“, und selbst die in Asien angeworbenen Arbeitsmigranten. Edmond Albius hingegen landete wegen der Verwicklung in einen Diebstahl für Jahre im Gefängnis. Eine Belohnung für seine Verdienste erhielt er nie und starb 1880, fünf Jahre nach dem frühen Tod seiner jungen Frau, gerade fünfzig und völlig mittellos.   DER EINZELNE UND DIE VERHÄLTNISSE – UND DER KOLONIALISMUS Albius‘ wechselvolle und traurig endende Lebensgeschichte macht Gaëlle Bélem zum Lehrstück über die absurde Macht der Verhältnisse, gegen die das individuelle Streben, und sei es noch so ambitioniert, keine Chance hat. Zum historischen Roman wird das Buch, indem sie darin wichtige Kapitel der französischen Kolonialgeschichte aufblättert. Diese Geschichte erzählt sie in den Geschichten Einzelner: in den Geschicken der Vorfahren von Edmonds Mentor Ferréol oder der Geschichte von Edmonds Schwiegervater, einem Mann aus dem französisch kolonisierten Teil Südindiens, der als billige Arbeitskraft auf die Insel gekommen war. „Auf seiner neuen Insel unterschrieb er einen Sechsjahreskontrakt und tauschte Koromandel gegen das Camp der Malabars, einen Stadtteil von Saint-Denis zwischen der Rue Labourdonnais und dem Meer.“ > Dort lebten Steineklopfer, Ziegelbrenner, Korbflechter, Silberschmiede und Bootsbauer. Für sie alle waren Karaikal, Bengalen und die Stadt Daman nur noch eine in Tränen und Blut getränkte Vergangenheit. > > > Quelle: Gaëlle Bélem - Die seltenste Frucht > Die Desbassayns und andere Großgrundbesitzer taten sich zusammen. Sie warben eine Menge Inder an, die mit der Hacke umzugehen wussten, bauten für sie Tempel und vergaben Großaufträge: dreihundert Kilo Reis, rund fünfzig Trommeln und maalais, Blumengirlanden in Mosaikfarben. > > > Quelle: Gaëlle Bélem - Die seltenste Frucht „Sodann fünfunddreißig Paar Ohrstöpsel für die vier Tage im Januar, an denen das Pongal-Fest stattfinden und das Gesinde Le Barachois mit Tamil Nadu verwechseln würde.“ Solche Exkurse geschehen nur scheinbar nebenbei. Gaëlle Bélem, die als Lehrerin für Latein, Geschichte und Geografie arbeitet, ist eine gewiefte, effektsichere Erzählerin, die unterschiedlichste Stilmittel in einem überzeugenden Erzählkonstrukt verbindet. DER SCHMERZENSMANN UND DIE DERBE KOMIK Mit einem Hauch von magischem Realismus schildert sie die Atmosphäre im Haus des verbitterten Witwers Ferréol, bevor sein Sonnenschein Edmond in sein Leben tritt, die schimmelnden Tapeten und spukenden Toten. Ausdrücke und Phrasen aus dem Réunion-Kreolisch stehen neben Sentenzen in der Tradition der moralischen Erzählung. In der Manier der Klassiker versieht sie Edmond, seinem lebhaft-unbekümmerten Kindheitstemperament zum Trotz, von Anfang an mit Attributen des Schmerzensmanns, doch die Vorausdeutungen auf tragische Entwicklungen, die so erzeugte Erwartung erhabener Ereignisse bricht sie mit Komik, ja Derbheit. Selbst im Augenblick des größten Triumphs: „Angesichts all dieser Menschen, die, den Mund halb offen, in gespannter Erwartung zu ihm aufsehen, fühlt Edmond, wie ihm die Flügel des Ikarus wachsen. Sie werden ihn bis zur Sonne tragen. [...] Mit einem Mal kommt er ins Grübeln. Mit einem Mal verlässt ihn der Mut. Mit einem Mal bricht er zusammen. > Er ist Schwarz, er ist arm, er ist Waise und ... Scheiß drauf! > > > Quelle: Gaëlle Bélem - Die seltenste Frucht Gaëlle Bélem ist ein spannender, sinnlicher, lehrreicher und auf jeder Seite lesenswerter Roman über eine der großen Ungerechtigkeiten in der Geschichte menschlicher Entdeckungen gelungen. Diese kreolische Erzählstimme wird noch viele Leserherzen in aller Welt erobern.

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Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

12. juli 20264 min
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Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“

Der Schriftsteller Iwan Heilbut wurde 1898 in Hamburg geboren und entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie. Er arbeitete als Journalist, schrieb aber auch Romane, bevor er 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, nach Paris emigrierte. FLUCHT ÜBER DIE PYRENÄEN Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heilbut auch im französischen Exil als feindlicher Ausländer interniert. 1941 gelang ihm und seiner Frau über Spanien und Portugal die Flucht in die USA. Heilbuts Roman „Zugvögel“ erschien 1943 in englischer Übersetzung unter dem Titel „Birds of Passage“ und erhielt durchaus gute Kritiken. ENTDECKUNG IM DEUTSCHEN EXILARCHIV Heilbut, der 1950 nach Deutschland zurückkehrte und 1972 in Bonn starb, ist heute mittlerweile kaum noch bekannt. Nun hat Peter Graf, der mit seinem eigenen Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ immer wieder Entdeckungen ans Tageslicht bringt, Iwan Heilbuts knapp 700 Seiten starken „Zugvögel“-Roman im Claassen Verlag erstmals im deutschsprachigen Original herausgegeben. Das Skript befand sich im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main. FLUCHT UND HOFFNUNG Die stark autobiografisch grundierte Geschichte erzählt von Heimatlosigkeit und Exil, von Flucht, Angst und Hoffnung. Ein Buch, das sich auch wegen seiner großen literarischen und erzählerischen Kraft zu lesen lohnt, wie Herausgeber Peter Graf im Gespräch betont.

10. juli 20269 min
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Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat.

10. juli 20269 min
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Spielarten der Liebe: Lily Kings „Herz König“

Mit dem Roman „Euphoria“ landete Lily King im Jahr 2014 einen internationalen Bestseller. Das war ein Buch über die berühmte Ethnologin und Sozialforscherin Margret Mead. Gefeiert wurde Lily King auch für „Writers and Lovers“, einen autobiografischen Roman, in dem sie die Geschichte ihrer Schriftstellerwerdung erzählt. Campus-Dreiecksgeschichte Lily Kings neuer Roman „Herz König“ eröffnet wie eine konventionelle „Campus Novel“ und weitet sich dann zu einer Dreiecksgeschichte. Die Ich-Erzählerin studiert Literatur an einem College in Neu-England und lernt dort die beiden hochbegabten Kommilitonen Sam und Jash kennen. Man liest, man schreibt, man redet über Literatur. Ein berührendes Ende Im Kern jedoch, so SWR Kultur-Literaturredakteurin Anja Brockert im Gespräch, ist „Herz König“ eine Liebesgeschichte und ein Nachdenken über verschiedene Spielarten der Liebe. Und trotz aller Einwände, die man gegen die zum Teil klischeehaft gezeichneten Figuren formulieren könne, so Brockert, sei „Herz König“ letztendlich in seinen überraschenden Wendungen am Ende doch ein berührendes Buch.

10. juli 20266 min