SWR Aktuell Im Gespräch
Fünf Jahre ist die Hochwasserkatastrophe jetzt her – und längst sind nicht alle Schäden an Erft, Kyll und vor allem an der Ahr behoben. In unserer SWR-Aktuell-Serie „5 Jahre nach der Ahrtal-Flut: Schicksal als Chance?“ geht es heute um die versprochenen Verbesserung beim Hochwasserschutz. Ob da beim Wiederaufbau genug eingeplant und eingebaut worden ist, darüber hat SWR-Aktuell-Moderator Andreas Fischer mit Lothar Kirschbauer gesprochen. Der ist Professor für Siedlungswasserwirtschaft und Wasserbau an der Hochschule Koblenz. SWR Aktuell: Nach der Flut wurden neue Schutzkonzepte fürs Ahrtal erarbeitet. Wie sieht denn der Hochwasserschutz dort mittlerweile aus? Lothar Kirschbauer: Hochwasserschutz ist ein langfristig angelegtes Projekt. Es gibt also zum einen das Projekt der Gewässerwiederherstellung, wo man dem Fluss selber versucht, soweit das im urbanen Raum möglich ist, mehr Raum zu geben. Das heißt also, damit mehr Wasser durchs Gewässer fließen kann, braucht es mehr Fläche, mehr Breite. Aber wir müssen natürlich auch in den Entstehungsgebieten einen sogenannten technischen Hochwasserschutz bauen. Das heißt, dort sind insgesamt 18 Hochwasserrückhaltebecken geplant. Die Planung und natürlich auch der Bau brauchen seine Zeit. Das sind Projekte, die auch teilweise Jahrzehnte dauern werden. Aber man muss sie einfach angehen. SWR Aktuell: Also: Eine schnelle Lösung gibt es nicht, das hört man schon raus. Schauen wir mal auf diesen einen Aspekt, den Sie genannt haben: dem Fluss mehr Raum gehen. Das Ahrtal ist ein sehr, sehr enges Tal mit sehr steilen Hängen an der Seite. Wie viel Raum kann man dem Fluss da überhaupt geben? > Wir müssen das ganze Einzugsgebiet der Ahr betrachten – und auch das jedes anderen Gewässers im Mittelgebirge. > > > Quelle: Lothar Kirschbauer, Experte für Wasserwirtschaft, Hochschule Koblenz Kirschbauer: Es gibt Bereiche, wo ich dem Fluss gar keinen Raum mehr geben kann, zum Beispiel im Bereich der „Bunten Kuh“. Dort haben wir so einen Engpass. Aber wir können dem Gewässer vorher Raum geben, sodass das Wasser zum einen langsamer abfließt, aber auch schon im Flusstal Wasser zwischengespeichert werden kann. Wir können natürlich nicht die Geologie und die Topografie komplett umbauen. Aber, und das ist ein ganz wichtiger Punkt, und das ist auch ein Aspekt, der immer mehr jetzt bewusst wird: Wir müssen das ganze Einzugsgebiet der Ahr betrachten – und auch das jedes anderen Gewässers im Mittelgebirge. Man darf nicht nur eine lokale Stelle sehen, denn das Wasser entsteht in der Fläche. Und ich muss zum einen gucken, was kann ich vielleicht in der Fläche schon zurückhalten durch kleinere Maßnahmen? Wo kann ich eventuell große Maßnahmen wie Hochwasserrückhaltebecken bauen? Denn ich muss ja nicht nur immer den Blick jetzt auf die Flut legen, sondern wir sehen es ja gerade ganz aktuell bei dieser Hitzephase, die wir haben: Wir müssen auch die Dürrephasen betrachten. Das heißt, wenn ich Wasser auch bei kleineren Ereignissen länger in der Fläche zurückhalte, erreiche ich eine höhere Grundwasserneubildung und habe dann mehr Wasser im Boden auch für solche trockenen Zeiten. SWR Aktuell: Ein Win-Win-Effekt quasi. Sie haben ja auch die Rückhaltebecken, die jetzt im Einzugsgebiet der Ahr gebaut werden sollen, schon erwähnt, haben gesagt, das dauert lange, die zu planen. Man plant die natürlich nach dem heutigen Stand. Kann man da schon gut abschätzen, wie groß mögliche Extremniederschläge in Zukunft, wo auch der Klimawandel immer eine größere Rolle spielen wird, sein werden? > Es kann durchaus sein, dass die Ereignisse noch größer werden. > > > Quelle: Wasserwirtschaftler Lothar Kirschbauer, Koblenz Kirschbauer: Das ist auch ein bisschen Glaskugellesen. Wir wissen, dass es diese extremen Ereignisse häufiger geben wird. Auch durch die Hitze, das heißt durch die Erwärmung, die wir ja haben, durch die Klimaveränderung, wird auch mehr Wasser in der Luft sein. Das heißt, es kann durchaus sein, dass die Ereignisse noch größer werden. SWR Aktuell: Jetzt haben wir erst mal darüber gesprochen, wie man sich darauf einstellen kann, das Wasser so zu leiten, dass es idealerweise keine Wohngebiete überschwemmt. Gleichzeitig kann sowas ja dann trotzdem passieren. Es geht ja auch darum, wie man man im Ahrtal baut. Seit fünf Jahren wird wieder aufgebaut und viele Häuser stehen weiter nah am Gewässer. Ist das aus Ihrer Sicht verantwortbar? Kirschbauer: Die Frage wird häufig gestellt, und man muss die Menschen auch verstehen, die im Ahrtal leben und wohnen: Das ist ihre Heimat, und viele leben auch von dem Tourismus. Das heißt also, die müssen teilweise auch im Ahrtal bleiben. Und man findet auch direkt im Ahrtal keine Flächen außerhalb des Überschwemmungsgebietes. Dort haben wir andere Restriktionen, ob das Naturschutz ist, ob das dann die Weinberge sind. Das heißt, wenn man dort nicht wieder aufbauen möchte, muss man aus dem Tal raus, muss in eine ganz andere Gegend und dann werden natürlich auch soziale Strukturen, die da sind, teilweise zerstört. Das andere ist auch, dass es zum Beispiel von den Versicherungen teilweise nur Geld gibt, wenn man an dieser Stelle, wo man gebaut hatte, sein Haus wieder saniert. Das ist aber unterschiedlich von Versicherung zu Versicherung. SWR Aktuell: Eine Möglichkeit, sich dann doch irgendwie zu schützen, die habe ich auch mal selbst im Ahrtal in einem Gebiet gesehen, wo neu gebaut wird, ist, dass man die Häuser höher baut, mit einem höheren Sockel, sodass das Wasser da nicht reinläuft. Ist das dann eine gute praktikable Lösung? Kirschbauer: Man sollte auf alle Fälle auch die private Vorsorge nicht außer Acht lassen. Wenn Sie sich ältere Häuser angucken, dann ging man früher zwei, drei Stufen oder auch mehr hoch ins Erdgeschoss und darunter war der Keller oder wenn überhaupt vielleicht nur ein Kriechkeller. Das hat man heute einfach auch wieder vergessen und versucht natürlich möglichst barrierefrei in sein Haus reinzukommen. Für den Menschen ist das gut. Aber das heißt, dass das auch barrierefrei für das Wasser ist: Es kommt direkt ins Haus. Und deswegen ist eine Möglichkeit, in solchen Bereichen die Häuser entweder höher zu bauen oder sogar aufzuständern. Oder man sagt: Ich mache im Erdgeschoss untergeordnete Räume, wie man das zum Beispiel auch in den großen Flüssen kennt, am Rhein oder an der Mosel, wo ja regelmäßig Hochwasser sind, wo dann mal, flapsig gesagt, vorne und hinten die Türen aufgemacht werden. Und wenn die Flut da durchgegangen ist, dann wird mit dem Hochdruckreiniger gereinigt und dann ist es gut. > Man sollte sich wirklich deutlich machen, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt. > > > Quelle: Lothar Kirschbauer, Experte für Wasserwirtschaft, Hochschule Koblenz SWR Aktuell:Nun stand das Wasser im Ahrtal in der Flutnacht ja bei manchen Häusern bis in den zweiten Stock hinauf, was man auch baulich nicht verhindern kann. Müssen wir einfach damit leben, dass man mit solchen extremen Starkregenereignissen, dass man sich auf die nicht zu 100 Prozent vorbereiten kann, dass man sich nicht zu 100 Prozent schützen kann? Kirschbauer: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den Sie da ansprechen. Man sollte sich wirklich deutlich machen, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt. Ich kann für mich selbst ein privates Schutzniveau festlegen. Sagen wir mal, ich sichere mich bis ein Meter über Gelände, habe damit auch eine gewisse Zeit, entweder mich nach oben zu evakuieren oder sogar noch das Haus zu verlassen. Aber es gibt keinen absoluten Schutz. Dann kommen wir wieder auf Ihre Frage vorhin zurück. Werden die Starkniederschläge eventuell größer? Ja, das heißt, wir können nicht sagen, die nächste Flut wird nur maximal genauso hoch. Die kann auch größer werden.
10210 episodes
Comments
0Be the first to comment
Sign up now and become a member of the SWR Aktuell Im Gespräch community!