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DONALD TRUMP: NARZISSTISCHER CHARAKTER IN REINFORM Ob es irgendetwas gebe, was ihm weltpolitisch Grenzen setzen könne, wurde Donald Trump kürzlich von der New York Times gefragt. Ja, eine Sache, sagte der US-Präsident, seine eigene Moral, sein eigener Verstand. Bedürfte es noch eines Belegs, Donald Trump als gefährlichen Narzissten zu diagnostizieren – diese Selbstanmaßung liefert ihn. Trump ist ein narzisstischer Charakter in Reinform. Der mächtigste Politiker der Welt, der sich gerne als „sehr stabiles Genie“ bezeichnet, taucht an der ein oder andern Stelle des neuen Buches von Thomas Arnold und Thomas Fuchs auf. Aber es geht um Trump nur am Rande, mehr um ein Phänomen, das uns als Menschen ganz allgemein betrifft. Neben der psychischen Problematik untersuchen die beiden Philosophen die soziokulturelle Perspektive des Narzissmus. Ihr Ansatz ist ein interdisziplinärer. Sie wollen den populärwissenschaftlichen Deutungen einen phänomenologisch-existenzialen Ansatz entgegenstellen. Ziel ist es: „… das narzisstische Selbst- und Weltverhältnis in seinen Grundstrukturen zu beschreiben, wobei wir besondere Aufmerksamkeit auf seine leibliche Verfasstheit richten.“ Ihr Buch „Das unersättliche Selbst“ ist klar strukturiert, in allen Gedankengängen gut nachvollziehbar. Narzissmus analysieren sie zunächst als eine Leere, einen Mangel. Eine Neuinterpretation von Ovids Narziss-Mythos bildet den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. „EIN RAUM DES SCHEINS“ „Narzissten suchen ihr Selbstsein, ihren Selbstwert im Spiegel – in ihrem Bild, ihrem Image, ihrem Selfie, damit letztlich in der Bewunderung oder im Neid der anderen, jedenfalls in deren Blicken. Videor ergo sum, ich werde gesehen (bzw. gespiegelt), also bin ich.“ Der oft positiv konnotierten Rede von der Spiegelung setzen sie etwas anderes entgegen: „Selbstwert“ habe seine Basis in einem leiblichen Selbstgefühl, das nicht durch flache und kalte Spiegel erworben werde, sondern durch Erfahrungen der Wärme, der Berührung, des Gehalten- und Getragenwerdens – Erfahrungen, an denen es in der Kindheit von Narzissten gemangelt habe. Eine doppelte Leere: > Hunger, Gier und Mangel, Spiegelungssucht und zugleich deren Vergeblichkeit, schließlich eine existenzielle Verzweiflung – dies zeichnet die narzisstische Subjektivität aus. > > > Quelle: Thomas Arnold, Thomas Fuchs – Das unersättliche Selbst KAPITALISMUS UND SOZIALE MEDIEN Auf dieser Prämisse fußt ihre Untersuchung, von dort aus greifen sie aus ins Gesellschaftliche, etwa wenn sie feststellen, dass der Kapitalismus selbst in seiner fortwährenden Erzeugung von Bedürfnissen, die letztlich unbefriedigt bleiben, narzisstische Züge trage. Auch Soziale Medien nehmen sie dabei in den Blick. Dass es einen guten, dem Fortschritt förderlichen Narzissmus gebe, entlarven Arnold und Fuchs als Propaganda. Das Verlangen narzisstischer Persönlichkeiten ist immer auf das Zukünftige gerichtet, auf etwas, das noch nicht erlangt, erobert ist – und auch nicht durch noch so große Anerkennung oder Macht gestillt werden kann, weil es sich eben um einen inneren Mangel handele. FEHLEN VON EMPATHIE > Die innere Unruhe äußert sich zeitlich betrachtet in einem Sich-vorweg-Sein, einer ständigen Ungeduld. > > > Quelle: Thomas Arnold, Thomas Fuchs – Das unersättliche Selbst An Trump wiederum lässt sich sehr gut demonstrieren, was Narzissten fehlt: Sie können keine echten Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen, also solche, die nicht auf Spiegelung des eigenen Ego beruhen. Der andere wird von ihnen lediglich als Mittel zum Zweck betrachtet: „Damit stellt [der Narzisst] auch ein ethisches Problem dar.“ Zusammengefasst plädieren Arnold und Fuchs dafür, Narzissten einen Übergang vom Haben, Machen oder Können zum Sein und Sichsein-Lassen zu ebnen. DIE LEERE DES SELBST Narzissmus sei zwar eine Möglichkeit des Menschseins. Wir alle bewegen uns psychisch und gesellschaftlich in diesem Möglichkeitsraum. Wo aber echte Selbstliebe als Gegengewicht zum Narzissmus nicht einmal mehr am Horizont aufscheine, so Arnold und Fuchs, lauere die Leere des Selbst. Fazit: Ihre Studie ist nicht nur eine lohnende Einführung ins Thema, sondern dazu noch eine äußerst inspirierende Denkanregung, die uns beim Verstehen unserer unerfreulichen Gegenwart hilft.
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