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Der Bundeskanzler ist kein König: Das hat der Spiegel nicht verstanden

5 min · 5. Juni 2026
Episode Der Bundeskanzler ist kein König: Das hat der Spiegel nicht verstanden Cover

Beschreibung

Eine Spiegel-Kolumnistin darf selbstverständlich Respekt vor Friedrich Merz haben – sie sollte aber aufhören, zu erwarten, dass „wir“ einen solchen Respekt haben. Doch genau das fordert sie in einer aktuellen Kolumne [https://www.spiegel.de/politik/deutschland/friedrich-merz-es-ist-nicht-irgendein-fritze-es-ist-der-bundeskanzler-a-e3106d2c-a447-4bbe-ba97-40a38ec26e27]. Interessant ist der Beitrag deshalb, weil er einen tiefen Einblick in eine Grundhaltung gibt, die im Journalismus nichts verloren hat. Aus ihren Zeilen spricht der Geist des Untertanentums, der fehlenden Respekt vor „Amt und Würde“ beklagt und nicht begreifen will: Ein Politiker verdient keinen Respekt durch sein Amt, sondern durch seine Politik und sein Verhalten. Überhaupt: Die Perspektive ist verräterisch. In einer Demokratie hat an erster Stelle ein Politiker Respekt vor den Bürgern zu haben. Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Aus medienanalytischer Sicht ist der Kolumnenbeitrag von Susanne Beyer wertvoll. An ihm lässt sich ablesen, wie nicht wenige Journalisten aus dem Medienmainstream ticken. Anstatt in die Vollen zu gehen und anzuklagen, dass ein Bürger von einem Amtsgericht verurteilt wird, der den Bundeskanzler als „Lügenfritz“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151513] bezeichnet hat, schreibt Beyer in der Überschrift: „Es ist nicht irgendein Fritze, es ist der Bundeskanzler“. Die ganze Tragik des Mainstreamjournalismus ist in diesen Aussagen verdichtet – und damit auch das Elend der Demokratie, die unter einer herrschaftsnahen „Berichterstattung“ [https://schneider-franziska.de/2020/11/17/journalismus-die-selbstgemachte-zensur/] seit langem leidet. Für die Kolumnistin ist der Bundeskanzler nicht „irgendein Fritze“ – und als Leser drängt sich einem die Frage auf: Was ist für die Dame wichtiger? Will sie ihrer journalistischen Pflicht nachkommen und Politiker mit der dringend notwendigen Härte kritisieren? Oder den publizistischen Schutzmantel um die Schultern des Kanzlers legen, vor dem man zwar keine Ehrfurcht zu haben brauche, aber doch bitteschön Respekt? Mit dieser Grundhaltung darf man gerne Pressesprecher des Kanzlers sein. Im Journalismus ist diese Grundhaltung fehl am Platz. Da steht der Kanzler der Bundesrepublik hinter einer Politik, die das gesamte Land kriegstüchtig [https://www.nachdenkseiten.de/?p=127039] machen will, da fließen Milliarden und noch mehr Milliarden zum schweren Nachteil Deutschlands in einen Stellvertreterkrieg [https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/interview-mit-michel-wyss-es-ist-der-erste-stellevertreter-krieg-zwischen-russland-und-der-nato-in-europa_id_94392173.html], und Beyer vertritt die Ansicht, Respekt vor dem Kanzler sei angebracht. Zwischen den Zeilen offenbart sich eine Art Psychogramm des Untertanentums. In völliger Verkehrung politischer Mündigkeit und in maximaler Nichtemanzipation wird missverstanden: Der Bundeskanzler ist kein König. Bürger wählen ihn – die überwiegende Mehrheit aller Bürger wollte ihn übrigens nicht als Bundeskanzler – und geben ihm damit einen politischen Auftrag. Merz hat den Rang eines Dieners. Genauer: Er ist Diener dieses Staates – und damit ein Diener von uns allen. Denn wir sind der Staat. Er hat Respekt vor seinem „Herrn“ – dem Volk – zu haben. Ein Diener, der so agiert wie Merz, hat jeden Respekt im Hinblick auf sein politisches Amt und seine Funktion verloren. Gewiss, da hat die Kolumnistin recht: Merz ist auch Mensch. Und vom Grundsatz her ist Respekt vor Mitmenschen angebracht. Aber so wie man in den Wald reinruft, so schallt es bekanntlich raus. Ein Kanzler sollte nun mal nicht einen Amtseid abgeben, das heißt, feierlich geloben: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden“, um dann dem Volk vor die Füße zu spucken. „Frieden gibt es auf jedem Friedhof“ [https://www.zeit.de/news/2024-03/08/merz-frieden-gibt-es-auf-jedem-friedhof], sagte Merz. Wie sollen Bürger mit einem gesunden Demokratieverständnis, die in einem Land mit einer furchtbaren Weltkriegsgeschichte leben, einem solchen Kanzler „Respekt“ entgegenbringen? Die Spiegel-Kolumnistin vertritt die Auffassung, Merz sollte zuerst als „Mensch“ betrachtet werden. Was sie offenbar nicht versteht: Die Kritik an Merz richtet sich nicht gegen den Menschen, sondern entzündet sich an einer Politik, die mit „große Sauerei“ noch sehr zurückhaltend umschrieben ist. Titelbild: Screenshot Spiegel[http://vg09.met.vgwort.de/na/1b9aaaf41d89452b830dcbdd96c8b463]

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Episode Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (22) Cover

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (22)

In dieser 22. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erfahren wir von dem kalten Winter des Jahres 1946, in dem ein Säugling zur Welt kam, von den lang anhaltenden Folgen der Kriegstraumatisierung eines Vaters und schließlich in einem längeren Beitrag von den Erfahrungen einer Bauernfamilie aus Böhmen während Flucht und Vertreibung sowie von ihrer Ankunft im bayerischen Mittenwald. Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge! Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546], sowie den einundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151551] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Mir wären beinahe die Finger erfroren; die sind heute noch krumm Liebes Team der NachDenkSeiten! 1946 wurde ich im Februar geboren. Meine Mutter erzählte mir später, daß es so kalt war, mir wären beinahe die Finger erfroren; die sind heute noch krumm. Ich werde wohl drei oder auch schon vier Jahre alt gewesen sein, da nahm man mich mit aufs Kartoffelfeld, zwischen Wittlohe und Stemmen, im Landkreis Verden. Es war nicht, um Kartoffeln (nach der Ernte) nachzulesen, sondern um leere Patronen zu finden, um das Messing zu verkaufen. Ich kann mich auch erinnern, daß mein Onkel regelmäßig mit einem Pferdewagen kam. Er brachte altes Zigarettenpapier und hat es später, sauber und fein aufgestapelt, wieder abgeholt. Er fuhr in der Gegend herum, um das gebrauchte Zigarettenpapier kiloweise zu verteilen und später das gesäuberte Aluminium abzuholen – alles für ein paar Pfennige. Meine Mutter und meine Oma haben das Papier vom Aluminium getrennt. Dazu mußten sie das Zigarettenpapier in Wasser aufweichen, und nach einer Weile konnte das Papier gelöst werden. Der Trick war, das Papier in einem Zug zu lösen, anstatt arbeitsaufwendig in Fetzen. Wasser war kein Problem, vor dem Haus war ein Bach. Das war gleich nach dem Zweiten Weltkrieg; für viele Menschen gab es mehrere Jahre lang kaum Möglichkeiten, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Bei solchen Erinnerungen ist es unverständlich, wie heutige Politiker schon wieder derartig kriegslüstern sind. Haben die kein Gewissen? Vielen Dank für die NachDenkSeiten, Peter Sprunk ---------------------------------------- Oft saß er mehrere Tage in einer Kammer auf dem Dachboden, wo ihn keiner stören durfte Mein zweiter Mann, mit dem ich leider nur viereinhalb Jahre zusammen sein durfte, da er mit 57 Jahren an Krebs verstorben ist, hatte mir von seinem Vater Folgendes erzählt: Er kämpfte während des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad. Mein Mann und sein Bruder erlebten ihn als Vater so: Oft saß er mehrere Tage in einer Kammer auf dem Dachboden, wo ihn keiner stören durfte. Nur die Mutter ging zu ihm, um ihm das Essen zu bringen. Wenn der Vater dann wieder runterkam, erschien er ganz normal und man konnte mit ihm sogar hin und wieder lachen. Das ging so lange, bis er dann irgendwann starb. Mein verstorbener Mann war aufgrund einer psychischen Erkrankung Frührentner. Ich habe manchmal den Verdacht, dass er unter den Depressionen seines Vaters genauso litt und er deshalb auch krank und später arbeitsunfähig wurde. Martina R. ---------------------------------------- An den Bäumen der Allee hingen die Leichen der jungen Männer, zumeist noch halber Kinder Meine Großeltern bewirtschafteten ihren großen, blühenden Bauernhof in der Nähe des böhmischen Ortes Plan, tschechisch Planá, gut 20 Kilometer südlich von Marienbad. Das geschah damals noch per Handarbeit und dem Einsatz von Ochsen. Die weiten Getreidefelder wurden von den Männern mit Sensen gemäht, hinter denen die Frauen die Halme auffingen und zu Garben bündelten und diese so gegeneinander aufstellten, dass der Wind sie trocknete. Meine Urgroßeltern lebten, nachdem ihre Tochter, meine Oma, zusammen mit ihrem Mann den Hof übernommen hatte, im Austrag. Der Zweite Weltkrieg warf bereits 1938 seine Schatten voraus, und einige Männer des kleinen Dorfes versteckten sich, um nicht eingezogen zu werden, auch mein Großvater. Bis sich dann herausstellte, dass er aufgrund seines Asthmas ohnehin wehruntauglich war, stand meine Großmutter, die mit dem fünften Kind, meiner späteren Mutter, schwanger war, große Ängste aus. Dass diese Ängste sehr begründet waren, zeigte sich in den Jahren nach Ausbruch des Krieges zunehmend. Meine Oma hat mir Jahrzehnte später mit Tränen in den Augen erzählt, dass an den Bäumen der Allee zum Nachbardorf die Leichen der jungen Männer, zumeist noch halber Kinder, hingen, die sich dem Kriegsdienst hatten entziehen wollen. Meine Mutter wurde mit fünf Jahren eingeschult und hatte täglich zu Fuß den mehrere Kilometer weiten Weg zur nächsten Schule zurückzulegen. An einem Mittag im Herbst 1944 waren die Kinder der Grundschule wieder einmal auf ihrem Heimweg, den sie über die abgeernteten Felder abkürzten, als sie einen Tiefflieger nahen hörten. Sie rannten in den nahe gelegenen Wald – was ihnen das Leben rettete. Denn genau an die Stelle, an der die Kinder gewesen wären, hätten sie ihren Weg übers Feld fortgesetzt, fiel eine Bombe, die einen riesigen Krater hinterließ: der amerikanische Kampfpilot hatte sie auf Grundschulkinder abgeworfen! Die Kinder wurden von dem Einschlag der Bombe auf dem Feld noch im Wald einen Meter in die Luft geschleudert. Von dem Einschlag aufgejagt, rannten die Eltern zu dem Feld – und weinten vor Erleichterung, als ihre Kinder ihnen lebend aus dem Wald entgegenkamen. Die älteste Tochter meiner Großeltern, meine spätere Taufpatin, wurde nach Flensburg und Kiel zur Marine eingezogen, wo sie als Köchin diente. Meine Großeltern waren nie Anhänger der „Heim-ins-Reich”-Ideologie gewesen. Es ging ihnen bei den Tschechen gut. Die schwere Arbeit lohnte sich, denn das mondäne Marienbad riss ihnen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse förmlich aus den Händen. Der tschechische Bürgermeister des Dorfes und mein Opa waren beste Freunde. Aber als Deutschland den Krieg verloren hatte, wurden auch meine Großeltern enteignet und eine angereiste slowakische Familie übernahm den Hof. Meine Großeltern und ihre Kinder mussten ihn weiter bewirtschaften, bekamen jedoch nur halbgare Kartoffeln zu essen, nicht einmal ein Stück Fallobst durften sie nehmen. Die Kinder durften ihre Spielsachen nicht mehr anrühren. Auf solche „Vergehen” drohte die Verschleppung in Straflager. Wenn nicht ein Russe – unter Gefahr für sein eigenes Leben (Deutschen zu helfen, war verboten) – heimlich immer wieder ein bisschen Milch gebracht hätte, wäre der erst zweijährige jüngste Sohn wahrscheinlich verhungert. Derselbe Russe hatte es entschieden abgelehnt, einen benachbarten großen Hof übereignet zu bekommen, und das damit begründet, dass er Deutschen nicht den Hof wegnehmen werde. Er arbeitete auf demselben Hof lieber als Knecht weiter. Ob oder wann er nach Russland heimgekehrt ist, haben wir nie erfahren. Die neuen Eigentümer des Bauernhofes meiner Großeltern waren nicht mit den umfangreichen Arbeiten aufgewachsen, die ein so großer Hof erforderte, und so kam der Hof bald nach der Vertreibung der ursprünglichen Eigentümer schnell herunter. Als ich in den Neunzigerjahren mit einem Freund in die alte Heimat meiner Vorfahren mütterlicherseits fuhr, konnten wir mit unserem VW Golf gar nicht zu der Stelle gelangen, wo das Dorf gestanden hatte. Ein junger Tscheche aus dem einzigen noch stehenden Haus des Nachbardorfes fuhr uns in seinem Wagen dorthin und erzählte uns, was er wusste. Als die neuen Besitzer mit den großen Höfen nichts mehr anzufangen gewusst hatten, hatte man das Dorf bis auf die Mauerstümpfe dem Erdboden gleichgemacht. Mitten in dem jungen Birkenwald war noch ein halb umgekipptes schmiedeeisernes Kreuz zu sehen. Nach meiner Rückkehr sagte mir meine Mutter, das sei das Kreuz auf dem früheren Dorfplatz gewesen, das von zwei großen Kastanienbäumen eingerahmt gewesen sei, unter denen sich das Dorf zum Tanz getroffen hatte. Kastanienbäume hatte ich keine mehr gesehen. Meinem Opa als Ortsbauernführer unterstanden während des Krieges auch die Kriegsgefangenen, die dem Dorf als Arbeitskräfte zugeteilt wurden. Weil er sie wie Familienangehörige behandelte, wurde er von anderer Seite heftig kritisiert und ihm gedroht, er werde schon sehen, wohin er damit käme. Mein Opa, dessen eigener Sohn eingezogen worden war, ließ sich nicht beirren. Er erklärte den ihm unterstellten Gefangenen, dass, wenn sie zu flüchten versuchen würden, sie nicht weit kämen und auch er selbst getötet würde. Die Männer waren klug genug, das einzusehen, und natürlich heilfroh, dass sie in sauberen Federbetten schliefen, am Familientisch aßen und mein Opa sie wie selbstverständlich auch ins Wirtshaus mitnahm. Sie nannten ihn „Vater”. Nach Kriegsende erwartete auch die ehemaligen Ortsbauernführer Schlimmes, viele wurden “auf Raten” erschlagen. Auch mein Opa ging – voller Angst, nicht mehr lebend heimzukommen – zu der Stelle, wo zu erscheinen ihm befohlen worden war. Doch der zuständige Kommissär dort schob ihm nur ein Papier hin mit den Worten: „Gefangene sprechen für dich. Du guter Vater. Du unterschreiben und heimgehen!” Die Gefangenen, die ihm unterstanden hatten, hatten sich für ihn eingesetzt und ihm damit das Leben gerettet. Vor Erleichterung lachend kam er zu Hause an – auch wenn dieses Zuhause ihm schon nicht mehr gehörte. Im Frühling 1946 sagte der tschechische Bürgermeister zu meinem Opa, mit dem er befreundet war, dass er nichts mehr für ihn tun könne und dass er ihm raten müsse, mit seiner Familie seine Heimat mit einem der beiden nächsten Transporte zu verlassen, die noch nach Bayern gingen; alle nachfolgenden Vertriebenentransporte würden in die (kommunistische) „Ostzone” gehen. Dieser befreundete Tscheche hat auch dafür gesorgt, dass die Familie manches mitnehmen konnte. Zuletzt, indem er, als die Familie am Kontrollpunkt (wo auch Körperöffnungen nach geschmuggeltem Eigentum durchsucht wurden) an der Reihe war, zu dem Posten etwas sagte und dieser daraufhin die ganze Familie ohne Kontrolle durchwinkte. Meine Mutter hat mir kurz vor ihrem Tod vor eineinhalb Jahren das erste Mal erzählt, dass nicht viel später ein Schuss zu hören war. Der tschechische Bürgermeister, der beste Freund meines Opas, war wegen seiner Hilfe für Deutsche erschossen worden. Als mein Opa es erfuhr, brach er vor Schmerz und Verzweiflung aufschreiend auf die Knie zusammen. Es blieb nur wenig Zeit zum Weinen, die Vertriebenen mussten weiter. Zu Fuß mussten die Menschen, alte Menschen wie auch kleine Kinder, die rund 30 Kilometer zur Bahnstation in Kuttenplan zurücklegen. Trotz eines schmerzhaften Abszesses am Fuß und ersten Vorzeichen einer Blinddarmentzündung lehnte meine damals siebenjährige Mutter es eisern ab, auf einem der begleitenden Lastwagen mitzufahren – ahnend, dass sie, wie es anderen mitfahrenden Kindern geschah, ihre Familie dann nie wiedersehen würde. In Viehwaggons gepfercht, wurden die Menschen während mehrerer Tage nach Mittenwald in den bayerischen Alpen transportiert. Irgendwo wurden sie mit Insektiziden zur „Entlausung” eingesprüht. In Mittenwald angekommen, lebten sie wochenlang im „Lager Luttensee”. Menschen, deren Tage zuvor von harter Arbeit angefüllt gewesen waren, waren nun zum Nichtstun verdammt und so ihrer Angst davor, was ihnen und ihren Kindern bevorstünde, ohnmächtig ausgesetzt. Aus Verzweiflung haben die Frauen die mitgenommenen Pullover aufgetrennt und neu gestrickt. Sonntags ging die katholische Familie meiner Mutter nach Mittenwald in die Kirche. Mein Opa hatte aufgrund seines Asthmas nicht in den Krieg ziehen müssen. Aber sein 15 oder 16 Jahre alter Sohn, mein Onkel Josef, genannt Bepp, war eingezogen worden. Meine Großeltern konnten nur hoffen, dass er möglichst heil wieder heimkommen würde; und dass er, sollte er in Gefangenschaft geraten, einigermaßen menschlich behandelt werden würde. Die noch in ihrer Heimat eintreffenden offiziellen Nachrichten – das eine Mal, dass er vermisst sei, das andere Mal, dass er gefallen sei, – waren furchtbar für sie. Nach dem Verlust ihrer Heimat sollten sie ihren Jungen gottlob doch lebend wiedersehen. Als die Familie schon in Mittenwald war, erblickte meine Oma eines Sonntags, als sie nach dem Gottesdienst die Kirche verließ, an einer einsamen Kirchenecke im Schatten eine arg abgemagerte Gestalt. Irgendetwas bewog sie, genauer hinzusehen, und als die Gestalt dann aus dem Schatten trat, erkannte sie ihn: „Jesses, Maria … Bepp!” Ihr Sohn, Bepp, hatte nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft – als er nicht in sein Zuhause zurückkehren konnte – ausfindig gemacht, wo seine Familie gelandet war, und hatte sich dorthin durchgeschlagen. Schlimmer als in russischer Gefangenschaft war es dem Jugendlichen in polnischer Gefangenschaft ergangen, wo er unmenschliche Grausamkeit hatte mitansehen müssen. Als er später fähig war, davon zu sprechen, erzählte er unter anderem, dass verhungernden deutschen Gefangenen, die um einen Bissen vom vollen Tisch der polnischen Bewacher gefleht hatten, die Zunge an die Tischkante genagelt worden war. Davon, was ihm selbst über den Hunger hinaus geschehen war, habe ich ihn nie reden gehört. Doch seit seiner Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft hat er, der tief im katholischen Glauben verwurzelt aufgewachsen war, keine Kirche mehr betreten. Noch im späteren Sommer des Jahres 1946 wurden meine Urgroßeltern, Großeltern und ihre Kinder zusammen mit ein paar weiteren Vertriebenen-Familien einem Dorf in Oberbayern zugewiesen. Die Alteingesessenen des Bauerndorfes waren in der Notzeit nach dem verlorenen Krieg über die fremden Habenichtse alles andere als erfreut. Einer der Bauern rief aus, als die Vertriebenen auf Ladeflächen von Heuwägen u. ä. ins Dorf gefahren wurden: „Fahrt sie nur gleich weiter in die Isar!” Ihre Unterkunft im Dorf wechselte mehrmals, vom Saal einer Wirtschaft in den einer anderen, von einem Bauern zu einem anderen; an so etwas wie Privatsphäre war gar nicht erst zu denken. Meine Urgroßeltern und Großeltern und die Kinder arbeiteten auf den Bauernhöfen des Dorfes mit, für nichts als ein Dach über dem Kopf. Die Ernährung wurde über Essensmarken bestritten und über die kleine Ausbeute der Bettelgänge der Kinder im weiteren Umkreis. Ich habe meine Oma manchmal sagen gehört: „Daheim waren wir wer. Hier sind wir Bettler.” Die Familie hatte sich durch ihren Fleiß und ihre Rechtschaffenheit Ansehen in dem bayerischen Dorf erworben. Meine Großeltern waren die ersten Vertriebenen im Dorf, die sich unter großen Mühen und Entbehrungen ein Haus bauten. Aber den Schmerz um den Verlust ihrer Heimat, die Entwurzelung der mit ihrem Hof verwachsenen Bäuerin, hat meine Oma bis zu ihrem Tod nicht verwunden. Als mein Opa, fünfundzwanzig Jahre nach der Vertreibung, starb, war ich noch zu klein, um bewusst wahrnehmen zu können, wie es ihm unter der funktionierenden Oberfläche ging. Das Leben meiner Mutter war von ihrem sechsten Lebensjahr an mehr als zehn Jahre lang geprägt von Hunger, Entwurzelung, Überanstrengung und Todesangst. Wer seine Jugend gehetzt und „außer sich selbst” durchlebt, legt das später nicht einfach ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass man – unbewusst – Entscheidungen trifft, die einen weiterhin nicht zur Ruhe kommen lassen, ist groß. Und wenn man gelernt hat, immer nur Stärke auszustrahlen, glaubt einem kaum ein Arzt, wie schwer psychosomatisch erkrankt man ist. Traumatherapie kannte lange niemand; tief und ganzheitlich wirksame Traumatherapie muss auch heute noch aus eigener Tasche bezahlt werden. Krieg hat viele Opfer: tote und lebende – über viele Jahrzehnte hin. Wo immer Krieg ausgebrochen wird. Wenn ich sehen muss, dass heute wieder Regierungsvertreter unseres Landes auf einen Krieg mit deutscher Beteiligung hinsteuern, frage ich mich verständnislos und zornig: Hatten diese Knechte fremder Interessen – denn im Interesse der deutschen Bevölkerung ist es ja niemals – keine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Onkel, Tanten …, die ihnen von den Schrecken, den Unmenschlichkeiten eines Krieges berichtet haben? Hatten diese etwa sogar vom Krieg profitiert? Oder haben sie kein Gewissen? Wie fremd muss man sich selbst geworden sein, um das Wohl und das Leben anderer Menschen zu opfern für Profit – fremden oder eigenen? Am Ende ihrer Tage werden auch sie nur mitnehmen können, was sie – als Menschen – geworden sind! Das aber werden sie mitnehmen müssen, wie schwer sie daran auch zu tragen haben mögen. Das Leid all der Menschen, deren Leben durch Krieg zerstört wurde, wird dadurch nicht ungeschehen. Darum müssen wir die Erinnerung der Zeitzeugen – der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und erlitten haben – wachhalten und teilen. Gegen die Propaganda der Kriegstreiber! Über die menschenverachtende Macht- und Profitgier weniger, wenn auch einflussreicher Nutznießer von Kriegen muss die Wahrheit und muss die Vernunft und Menschlichkeit der Vielen siegen. Wenn wir uns nicht länger spalten lassen, sondern zusammenhalten, wird uns das gelingen – und werden wir den Frieden gewinnen. Mit freundlichen Grüßen, Anonym (Name ist der Redaktion bekannt) ---------------------------------------- Titelbild: Sudetendeutsche Stiftung / Expulsion of the Germans from the Sudetenland / Attribution-Share Alike 1.0 Generic [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0/deed.en]

8. Juni 202618 min
Episode Wenn Abhängigkeit zur Achillesferse wird – ein technischer Einschnitt und seine Lehren für die NachDenkSeiten Cover

Wenn Abhängigkeit zur Achillesferse wird – ein technischer Einschnitt und seine Lehren für die NachDenkSeiten

Oft sind es nicht die offensichtlich politischen Entscheidungen, die unabhängige Medien vor Herausforderungen stellen, sondern scheinbar „technische“ Vorgänge im Hintergrund. Nachdem die als „De-Banking“ [https://www.nachdenkseiten.de/?tag=de-banking] bekannte Praxis, kritischen Stimmen Bankkonten zu kündigen, bereits traurige Bekanntheit erlangt hat, geraten inzwischen auch technische Dienstleister zunehmend in den Fokus. Kündigungen von Verträgen können im Einzelfall existenzbedrohende Folgen haben. Die NachDenkSeiten sind aktuell mit einer Entwicklung konfrontiert, die genau dies verdeutlicht. Dank unseres großartigen Teams und unserer fantastischen Leser und Unterstützer konnten wir die Krise jedoch als Chance ergreifen und uns dadurch unabhängiger machen. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Liebe Leserinnen und Leser, wir wenden uns heute mit einer wichtigen Mitteilung an Sie – und zugleich mit einem Einblick in eine Entwicklung, die über unseren konkreten Fall hinausweist. Seit einigen Jahren nutzten die NachDenkSeiten die Dienste der Firma FundraisingBox [https://fundraisingbox.com/] zur Verwaltung der Spenden und Fördermitgliedschaften. Da die Zusammenarbeit stets problemlos verlief, traf uns ein Schreiben dieses Unternehmens im März dieses Jahres auch wie ein Schlag – man kündigte uns die Geschäftsbeziehungen unter Verweis auf den Wertekanon gemäß der AGB auf. Diese Entscheidung kam für uns unerwartet. Sie ist nicht aus unserem eigenen Handeln heraus entstanden, sondern das Ergebnis externer Vorgänge. Die konkrete Entscheidung und deren Hintergründe sind für uns bis heute nicht nachvollziehbar. Der Vorgang macht vor allem deutlich, wie verwundbar auch unabhängige Medienprojekte sind, wenn zentrale technische Prozesse von Dritten abhängen. Ein Großteil der Spenden und Unterstützungsleistungen unserer Leser und Unterstützer erhalten wir über regelmäßige Förderbeiträge. Für uns war dies eine unbequeme Erkenntnis: Redaktionelle Unabhängigkeit allein genügt nicht. Auch die technische und finanzielle Infrastruktur eines Mediums muss möglichst unabhängig organisiert sein. Worin genau bestand das Problem, das mit der Kündigung verbunden ist? Als Leser und Unterstützer sehen Sie nur ein Spendenformular, wenn Sie uns einmalig unterstützen oder dauerhaft fördern wollen. Dahinter steht jedoch ein komplexes System, bei dem die SEPA-Mandate – also die rechtlichen und technischen Bedingungen für einen Konteneinzug –, die Schnittstellen mit unserer Buchhaltung, ein System für Rücklastschriften und ein System für die konkrete Zahlungsabwicklung integriert sind. Datenschutzvorgaben müssen auch noch gewährleistet sein und natürlich braucht es auf technischer Ebene noch die Schnittstellen zu verschiedenen Zahlungsdienstleistern bis hin zu unserer Hausbank. Diese Aufgaben erfüllen in der Regel Dienstleister wie Fundraisingbox und sie lassen sich diese Arbeit auch gut bezahlen. Wir standen vor dem Problem, dass nach Ablauf der Kündigungsfrist ein erheblicher Teil unserer laufenden Finanzierung gefährdet gewesen wäre. Förder-Abos per Kreditkarte, PayPal-Daueraufträge und SEPA-Lastschrifteinzüge wären nicht mehr durchführbar gewesen und das betraf – was besonders dramatisch ist – nicht nur neue Spenden, sondern unseren gesamten Bestand an dauerhaften Förderern. Sicher, man hätte sich einfach einen neuen Dienstleister suchen können und alle bisherigen Förderer – von denen wir aber meist auch aus Datenschutzgründen gar keine Kontaktdaten haben – informieren können, dass sie ihre Förderung umstellen. Viele Förderer hätten wir so aber gar nicht erreichen können und am Ende wären wir dann auf Gedeih und Verderb von diesem neuen Dienstleister abhängig. Nebenbei sei auch noch erwähnt, dass es gar nicht viele Anbieter gibt, die genau die Dienstleistungen anbieten, die wir benötigen. Für uns war diese Situation überlebensbedrohend. Ohne tragfähige Lösung wären bei den NachDenkSeiten – zumindest zum Teil – bald die Lichter ausgegangen. Wir haben daher die Entscheidung getroffen, die Krise als Chance zu begreifen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Für uns war dies eine unbequeme Erkenntnis: Redaktionelle Unabhängigkeit allein genügt nicht. Auch die technische und finanzielle Infrastruktur eines Mediums muss möglichst unabhängig organisiert sein. Unser Administrator Lars Bauer und sein Team haben gemeinsam mit unserem langjährigen Unterstützer und IT-Berater Carsten Weikamp in kürzester Zeit eine Alternative entwickelt. Ein eigenes Spendenverwaltungssystem auf Basis einer Open-Source-Technologie sollte her. Das klingt für Außenstehende vielleicht profan. Die damit verbundene Arbeit war jedoch immens. Sämtliche Datenbestände aus dem alten System mussten gesichert und exportiert werden – das waren 700.000 Datensätze. Eine neue Datenbank musste aufgebaut, die Daten und Kontakte der Förderer mussten migriert werden. Und last but not least mussten dann noch sämtliche Zahlungsprozesse neu aufgebaut werden – und das alles im Rahmen der geltenden Datenschutzgesetze und im Einklang mit der streng regulierten und sehr speziellen Welt der Finanzsoftware. An dieser Stelle sei auch unserer Hausbank gedankt, die uns bei diesem Prozess großartig unterstützt hat. Ohne sie wäre unsere alternative Lösung so wohl nicht möglich gewesen. Nach ganzen drei Monaten Arbeit ist der Übergangsprozess beendet und unser eigenes Spendenabwicklungssystem steht in seinen Grundzügen. Nun haben wir die für uns optimale Lösung gefunden und sind dabei für die Zukunft strukturell besser aufgestellt als zuvor. Wir haben die volle Kontrolle und Transparenz über unsere Spenden und Fördergelder und sind nun so unabhängig von externen Dienstleistern, wie man es in einem vernetzten System nur sein kann. Am 1. Juni nahm hinter den Kulissen unser neues System den Dienst offiziell auf. SEPA-Einzüge werden wieder verarbeitet – ohne FundraisingBox, ohne externe Fundraising-Plattform und erstmals direkt über unsere eigene Infrastruktur in Zusammenarbeit mit unserer Hausbank. Auch das Spendenformular auf unserer Website wird voraussichtlich Ende dieser Woche wieder zur Verfügung stehen. Zum Start werden wir Lastschriften und Online-Überweisungen unterstützen. Weitere Zahlungsarten folgen in den kommenden Wochen. Damit kehren die NachDenkSeiten Schritt für Schritt zu einem vollständigen und zugleich deutlich unabhängigeren Spenden- und Fördersystem zurück. Wichtiger Hinweis an unsere Unterstützer Aufgrund der Umstellung unserer Zahlungsinfrastruktur konnten im gesamten April sowie in den ersten drei Mai-Wochen keine regulären SEPA-Lastschriften eingezogen werden. Mit der Wiederaufnahme des Lastschriftverfahrens Anfang Juni wurden zunächst die Förderbeiträge verarbeitet, deren Ausführungsdatum ursprünglich in die letzte Mai-Woche gefallen wäre. Dadurch kann es bei einzelnen Förderern Ende Juni zu zwei Abbuchungen in kurzem zeitlichen Abstand kommen. Dies ist kein Fehler, sondern eine Folge der technischen Umstellung. Sollten Sie Fragen dazu haben, wenden Sie sich bitte an foerderung@nachdenkseiten.de [foerderung@nachdenkseiten.de]. An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei unseren tollen Lesern und Unterstützern bedanken! Mit vielen von ihnen standen wir wegen der genannten Probleme in Kontakt. Wir haben hunderte meist sehr produktive und motivierende Zuschriften erhalten. Menschen stellten manuell auf Dauerauftrag um, viele erhöhten dabei sogar den Unterstützungsbeitrag. Danke! Alle angesprochenen Leser und Förderer zeigten dabei volles Verständnis. Das zeigt: Ein Projekt wie NachDenkSeiten ist nicht „nur“ ein normales Medium oder gar ein technisches System. Es sind die Menschen, die dieses Projekt tragen – die Macher, die Leser und die Unterstützer. Nur technische Souveränität kann die Meinungsfreiheit bewahren Die NachDenkSeiten hatten wohl viel Glück im Unglück – Glück, dass wir sowohl tolle Mitarbeiter auf technischer Ebene haben und mit unserer Hausbank einen treuen, kompetenten Partner haben. Wir schreiben dies alles aber nicht nur, um Sie zu informieren. Wir wollen ausdrücklich hiermit auf dieses Problem aufmerksam machen und Kollegen warnen. Die Geschichte – und damit das Problem – ist größer als ein Spendenformular. Sie zeigt: * wie abhängig Medien von Plattformen geworden sind. * wie schnell Infrastruktur entzogen werden kann. * wie verletzlich digitale Geschäftsmodelle sind. * wie wichtig eigene technische Souveränität ist. Die vergangenen Wochen haben uns viel Arbeit und Nerven gekostet und die Unsicherheit nagte an uns. Sie haben uns aber auch gezeigt, dass Unabhängigkeit nicht nur eine Frage redaktioneller Inhalte ist. Sie beginnt bereits bei den technischen und finanziellen Grundlagen, auf denen ein Medium steht. Genau diese Grundlagen haben wir in den vergangenen Monaten neu aufgebaut. Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass Meinungsfreiheit nicht erst bei der Veröffentlichung eines Artikels beginnt. Sie beginnt bereits bei den technischen und finanziellen Grundlagen eines Mediums. Wer diese Grundlagen vollständig an Dritte auslagert, macht sich verwundbar. Genau deshalb haben wir die vergangenen Monate genutzt, um unsere Infrastruktur neu aufzubauen und unsere Unabhängigkeit auch technisch ein Stück weiter zu stärken. Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung: foerderung@nachdenkseiten.de [foerderung@nachdenkseiten.de]. Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen, Ihre Unterstützung und Ihre Solidarität. Gerade in solchen Situationen zeigt sich, wie wichtig eine engagierte Leserschaft ist. Herzliche Grüße Ihre NachDenkSeiten[http://vg07.met.vgwort.de/na/9fe3d163cc1d46ff916e5e45e9537726]

8. Juni 202610 min
Episode Kernfusion: Ist die Technik realistisch? Wer wird sie kontrollieren? Cover

Kernfusion: Ist die Technik realistisch? Wer wird sie kontrollieren?

Während in Deutschland über die nächste Stromrechnung diskutiert wird, fließen in den USA Milliardenbeträge in eine Technologie, die das Potenzial hätte, die globale Energieordnung grundlegend zu verändern: die Kernfusion. Auch wenn sich das noch nach Zukunftsmusik anhört, sollte man über politische Rahmenbedingungen nachdenken, um die Kontrolle nicht einem kleinen Kreis von Privatfirmen zu überlassen. Von Günther Burbach. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Wer in Deutschland die Nachrichten verfolgt, könnte leicht den Eindruck gewinnen, dass unsere energiepolitische Zukunft bereits feststeht. Die Debatten drehen sich seit Jahren um dieselben Themen: steigende Strompreise, Wärmepumpen, Windkraft, Netzausbau, Speichertechnologien, Wasserstoff, Industrieabwanderung und die Frage, wie ein hochindustrialisiertes Land seinen Wohlstand erhalten soll, wenn Energie dauerhaft teuer bleibt. Dabei fällt auf, dass sich die Diskussion fast immer innerhalb eines engen Rahmens bewegt. Es wird darüber gesprochen, wie wir mit knapper Energie umgehen. Es wird darüber gesprochen, wie wir Energie sparen können. Es wird darüber gesprochen, welche Belastungen Bürger und Unternehmen noch tragen können. Kaum jemand stellt jedoch eine andere Frage: Was wäre eigentlich, wenn sich die Grundannahme der Knappheit als falsch erweist? Genau diese Frage drängt sich auf, wenn man sich mit den Entwicklungen beschäftigt, die derzeit weitgehend außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung stattfinden. Während in Deutschland über die nächste Stromrechnung diskutiert wird, fließen in den Vereinigten Staaten Milliardenbeträge in eine Technologie, die das Potenzial hätte, die globale Energieordnung grundlegend zu verändern: die Kernfusion. Wer das Wort Kernfusion hört, denkt oft an Zukunftsmusik. Seit Jahrzehnten wird versprochen, dass der große Durchbruch kurz bevorstehe. Ebenso lange wird der Zeitpunkt immer wieder verschoben. Es gibt kaum eine Technologie, die so häufig angekündigt und so selten verwirklicht wurde. Das hat dazu geführt, dass viele Menschen das Thema längst als wissenschaftliche Dauerbaustelle betrachten. Doch diesmal scheint etwas anders zu sein. Zum ersten Mal investieren nicht nur Staaten und Forschungseinrichtungen erhebliche Summen, sondern auch private Unternehmen und große Technologiekonzerne. Commonwealth Fusion Systems arbeitet mit dem Projekt SPARC an einem Demonstrationsreaktor, der erstmals einen wirtschaftlich relevanten Nettoenergiegewinn nachweisen soll. Parallel wird mit ARC bereits ein kommerzielles Kraftwerk geplant. Helion baut ebenfalls an einer Anlage und hat mit Microsoft einen Stromabnahmevertrag geschlossen. Google wiederum hat sich bereits Stromkapazitäten aus einem künftigen Fusionsprojekt gesichert. Natürlich bedeutet das noch nicht, dass die Fusion morgen funktioniert. Niemand weiß, ob die Zeitpläne eingehalten werden. Niemand kann garantieren, dass die technischen Herausforderungen tatsächlich überwunden werden. Dennoch stellt sich eine interessante Frage: Warum investieren einige der mächtigsten Unternehmen der Welt Milliardenbeträge in ein Gebiet, das angeblich noch Jahrzehnte von der praktischen Anwendung entfernt sein soll? Die Antwort liegt vermutlich darin, dass diese Unternehmen etwas sehen, das in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt. Sie betrachten die Kernfusion nicht nur als wissenschaftliches Projekt. Sie betrachten sie als mögliche Grundlage einer völlig neuen Wirtschaftsordnung. Energie ist weit mehr als Strom aus der Steckdose. Energie ist die Grundlage nahezu jeder wirtschaftlichen Aktivität. Fabriken benötigen Energie. Rechenzentren benötigen Energie. Die Produktion von Stahl, Aluminium, Düngemitteln oder Wasserstoff benötigt Energie. Selbst die Versorgung mit sauberem Trinkwasser hängt in vielen Regionen der Welt letztlich von verfügbarer Energie ab. Je günstiger Energie wird, desto mehr wirtschaftliche Möglichkeiten entstehen. Deshalb waren große technologische Umbrüche der Menschheitsgeschichte fast immer auch Energiegeschichten. Die Dampfmaschine revolutionierte die Nutzung von Kohle. Öl veränderte den Verkehr, die Industrie und die Geopolitik. Elektrizität schuf die Grundlage der modernen Welt. Sollte die Kernfusion eines Tages tatsächlich wirtschaftlich nutzbar werden, könnte sie in diese Reihe gehören. Genau deshalb ist die aktuelle Entwicklung so bemerkenswert. Während Europa seit Jahren über Energieengpässe, Versorgungssicherheit und steigende Kosten diskutiert, scheint in den Vereinigten Staaten bereits eine andere Denkweise vorzuherrschen. Dort wird nicht nur darüber nachgedacht, wie Energie eingespart werden kann. Dort wird darüber nachgedacht, wie künftig enorme Energiemengen bereitgestellt werden können. Das hat auch mit einem weiteren Thema zu tun, das in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen wird: künstliche Intelligenz. Der Energiebedarf moderner KI-Systeme wächst in einem Tempo, das viele Beobachter überrascht hat. Große Sprachmodelle, Bildgeneratoren und KI-Rechenzentren verschlingen gewaltige Mengen an Strom. Je leistungsfähiger die Systeme werden, desto größer wird dieser Bedarf. Manche Experten gehen davon aus, dass der Energiehunger der KI zu einem der zentralen Infrastrukturprobleme des kommenden Jahrzehnts werden könnte. Plötzlich ergibt vieles Sinn. Warum interessiert sich Microsoft für Fusion? Warum interessiert sich Google dafür? Warum fließen Milliardenbeträge in eine Technologie, die noch gar nicht marktreif ist? Weil diejenigen, die heute die digitale Zukunft planen, längst erkannt haben, dass Daten allein nicht reichen. Wer die Rechenzentren der Zukunft betreiben will, benötigt auch die Energie der Zukunft. An diesem Punkt wird das Thema politisch. Denn wenn die Kernfusion tatsächlich funktioniert, stellt sich eine Frage, die weit über Technik und Wissenschaft hinausgeht. Wem wird diese Technologie gehören? Viele Menschen gehen selbstverständlich davon aus, dass ein solcher Durchbruch automatisch allen zugutekommt. Die Geschichte zeigt allerdings, dass technologische Revolutionen selten so verlaufen. Das Internet wurde ursprünglich mit öffentlichen Geldern entwickelt. Heute dominieren wenige Konzerne große Teile des digitalen Raums. Viele medizinische Grundlagenforschungen werden öffentlich finanziert, während spätere Patente privat verwertet werden. Auch bei der künstlichen Intelligenz erleben wir derzeit, wie sich enorme Macht bei einer kleinen Zahl von Unternehmen konzentriert. Warum sollte die Entwicklung bei der Kernfusion grundlegend anders verlaufen? Bereits heute zeigt sich, dass private Investoren und Technologiekonzerne eine immer wichtigere Rolle spielen. Milliardenbeträge fließen in Unternehmen, die sich Patente, Know-how und Marktpositionen sichern wollen. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Innovation benötigt Kapital. Forschung benötigt Investitionen. Doch die politische Frage bleibt bestehen. Was geschieht, wenn eine Technologie, die theoretisch die Energieversorgung ganzer Volkswirtschaften verändern könnte, von wenigen privaten Akteuren kontrolliert wird? Die Frage mag heute noch theoretisch erscheinen, doch genau deshalb sollte sie jetzt gestellt werden und nicht erst dann, wenn die Entscheidungen längst gefallen sind. Besonders aus deutscher Sicht ist das Thema interessant. Deutschland verfügt mit Projekten wie Wendelstein 7-X in Greifswald über weltweit anerkannte Forschungseinrichtungen. Deutsche Wissenschaftler gehören seit Jahren zur internationalen Spitze der Fusionsforschung. Dennoch entsteht der Eindruck, dass die wirtschaftliche Dynamik zunehmend anderswo stattfindet. Während amerikanische Unternehmen Milliarden einsammeln und konkrete Kraftwerksprojekte planen, wirkt Europa häufig wie ein Zuschauer. Die Forschung ist exzellent. Die Kommerzialisierung scheint jedoch oft anderen überlassen zu werden. Das erinnert an Entwicklungen, die wir bereits aus anderen Technologiebereichen kennen. Europa war bei vielen Grundlagenforschungen hervorragend aufgestellt. Die wirtschaftlichen Gewinner saßen später jedoch häufig in den Vereinigten Staaten oder zunehmend auch in China. Noch ist offen, ob sich dieses Muster wiederholt, doch allein die Möglichkeit sollte Anlass sein, genauer hinzuschauen. Denn hinter der Kernfusion verbirgt sich möglicherweise weit mehr als eine neue Form der Energieerzeugung. Sie könnte darüber entscheiden, welche Staaten künftig industrielle Zentren bleiben. Sie könnte darüber entscheiden, wo Rechenzentren entstehen. Sie könnte darüber entscheiden, wer die nächste Generation künstlicher Intelligenz betreibt. Sie könnte sogar darüber entscheiden, welche Regionen der Welt wirtschaftlich aufsteigen und welche zurückfallen. Vielleicht wird die Kernfusion am Ende nicht funktionieren. Vielleicht werden sich die optimistischen Erwartungen als überzogen erweisen. Wissenschaftliche Durchbrüche lassen sich nicht planen wie ein Bauprojekt. Rückschläge gehören zur Forschung dazu. Doch selbst wenn man alle Unsicherheiten berücksichtigt, bleibt eine Tatsache bestehen. Einige der mächtigsten Unternehmen der Welt verhalten sich so, als könnte die Kernfusion Realität werden. Sie investieren nicht Millionen, sondern Milliarden. Sie planen nicht für die nächsten zwei Jahre, sondern für die nächsten Jahrzehnte. Und sie sichern sich bereits heute Positionen in einem Markt, der offiziell noch gar nicht existiert. Genau deshalb sollten auch wir beginnen, über diese Entwicklung nachzudenken. Nicht erst dann, wenn die ersten Kraftwerke ans Netz gehen. Nicht erst dann, wenn die ersten Patente Milliarden wert sind. Nicht erst dann, wenn die wirtschaftlichen Gewinner längst feststehen. Sondern jetzt. Denn möglicherweise erleben wir gerade die ersten Kapitel einer Geschichte, die später einmal als Beginn einer neuen Energieepoche betrachtet wird. Die entscheidende Frage lautet dabei nicht nur, ob es gelingt, die Energie der Sonne auf die Erde zu holen. Die entscheidende Frage lautet, wer darüber verfügen wird, wenn es gelingt. Die eigentliche Ironie dieser Geschichte besteht darin, dass die Kernfusion tatsächlich viele Probleme lösen könnte, über die wir heute täglich diskutieren. Nehmen wir für einen Moment an, die optimistischen Prognosen treffen zu. Die ersten kommerziellen Fusionskraftwerke funktionieren. Die Technik wird zuverlässig. Der Strompreis sinkt deutlich. Plötzlich würden sich viele politische Debatten völlig neu darstellen. Die energieintensive Industrie könnte wieder wettbewerbsfähiger werden. Die Herstellung von Wasserstoff würde günstiger. Rechenzentren könnten wachsen, ohne ganze Regionen an ihre Belastungsgrenzen zu bringen. Entsalzungsanlagen könnten in trockenen Regionen Trinkwasser erzeugen. Selbst die Frage der Elektrifizierung von Verkehr und Wärme würde anders aussehen. Mit einem Mal würden viele Probleme, die heute als nahezu unlösbar erscheinen, zumindest technisch beherrschbar werden. Genau deshalb investieren Konzerne und Investoren Milliardenbeträge. Sie investieren nicht in eine weitere Energiequelle. Sie investieren in die Möglichkeit einer völlig neuen Energieordnung. Doch genau an diesem Punkt beginnt die politische Frage. Denn was geschieht, wenn die Kernfusion tatsächlich funktioniert, die Kontrolle darüber aber nicht bei den Staaten und ihren Bürgern liegt? Was geschieht, wenn die entscheidenden Patente einigen wenigen Unternehmen gehören? Was geschieht, wenn die Kraftwerke von privaten Betreibern kontrolliert werden? Was geschieht, wenn die notwendige Technologie, die Software, die Komponenten und das Know-how in den Händen weniger Akteure konzentriert sind? Dann könnte aus einer technischen Befreiung eine neue Form der Abhängigkeit entstehen. Deutschland kennt solche Abhängigkeiten bereits. Wir haben erlebt, wie abhängig moderne Gesellschaften von digitalen Plattformen geworden sind. Wir haben erlebt, wie einige wenige Unternehmen große Teile der digitalen Infrastruktur kontrollieren. Wir erleben derzeit bei der künstlichen Intelligenz, wie sich enorme Macht bei einer kleinen Zahl von Konzernen konzentriert. Warum sollte man die Frage bei der Kernfusion nicht ebenfalls stellen dürfen? Die Vorstellung ist keineswegs abwegig. Stellen wir uns vor, Deutschland würde in zwanzig Jahren einen großen Teil seines Energiebedarfs durch Fusionsstrom decken. Auf den ersten Blick wäre das eine Erfolgsgeschichte. Die Strompreise könnten sinken. Die Industrie hätte bessere Perspektiven. Viele heutige Sorgen würden kleiner. Doch wem würden die Anlagen gehören? Wer kontrolliert die Technologie? Wer bestimmt die Preise? Wer entscheidet über Lizenzen, Wartung, Ersatzteile und Weiterentwicklungen? Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass technologische Souveränität oft erst dann zum Thema wird, wenn sie bereits verloren gegangen ist. Europa diskutiert heute über digitale Souveränität, weil große Teile der digitalen Infrastruktur nicht in Europa entstanden sind. Europa diskutiert heute über Chipproduktion, weil man erkannt hat, wie abhängig moderne Volkswirtschaften von wenigen Herstellern geworden sind. Die Frage ist deshalb berechtigt, ob wir bei der Kernfusion erneut denselben Fehler machen. Denn möglicherweise erleben wir gerade die Entstehung einer Technologie, die für das 21. Jahrhundert ähnlich wichtig werden könnte wie Öl für das 20. Jahrhundert. Wenn das so ist, dann genügt es nicht, nur über technische Machbarkeit zu sprechen. Dann müssen wir auch über Eigentum sprechen. Über Patente. Über öffentliche Beteiligungen. Über staatliche Forschung. Über die Frage, wem die Infrastruktur gehört. Denn die eigentliche Gefahr besteht vielleicht nicht darin, dass die Kernfusion scheitert. Die eigentliche Gefahr könnte darin bestehen, dass sie erfolgreich ist und Europa erneut nur als Kunde am Ende der Wertschöpfungskette steht. Und genau deshalb sollte die Debatte heute beginnen, solange die Karten noch nicht verteilt sind. Quellen: * Reuters: Commonwealth Fusion Systems will 2027 mit dem Bau eines kommerziellen Fusionskraftwerks in Virginia beginnen [https://www.reuters.com/business/energy/first-commercial-fusion-plant-nears-construction-us-commonwealth-ceo-says-2026-04-21/] * MIT News: ARC von Commonwealth Fusion Systems soll Anfang der 2030er Jahre etwa 400 Megawatt Strom liefern [https://news.mit.edu/2024/commonwealth-fusion-systems-unveils-worlds-first-fusion-power-plant-1217] * Reuters: Google sichert sich 200 Megawatt Strom aus dem geplanten ARC-Fusionsprojekt von Commonwealth Fusion Systems [https://www.reuters.com/sustainability/climate-energy/google-strikes-deal-buy-fusion-power-mit-spinoff-commonwealth-2025-06-30/] * Reuters: Helion beginnt Bau eines Fusionskraftwerks, das Microsoft-Rechenzentren versorgen soll [https://www.reuters.com/business/energy/helion-energy-starts-construction-nuclear-fusion-plant-power-microsoft-data-2025-07-30/] * Commonwealth Fusion Systems: SPARC soll 2027 Nettoenergie aus Fusion demonstrieren [https://cfs.energy/technology/sparc/] * EUROfusion: Wendelstein 7-X stellt Weltrekord beim Triple Product über längere Plasma-Dauer auf [https://euro-fusion.org/eurofusion-news/wendelstein-7-x-sets-world-record-for-long-plasma-triple-product/] Titelbild: Love Employee / Shutterstock

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (21)

„Ich erinnere mich noch an Weihnachten 1945, das wir bei halbwegs milden Temperaturen feierten, der Abend endete jedoch mit Tränen. Heimweh, ein Gefühl der Einsamkeit und Furcht vor der ungewissen Zukunft konnten auch durch die betonte Kameradschaft nicht unterdrückt werden. Die gemeinsam gesungenen sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest.“ In dieser 21. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ teilt unser Leser Heinz Grote die Erinnerungen seines Vaters Claus Grote an dessen Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft als 17-Jähriger und seine Fluchtversuche. Wir veröffentlichen diesen Beitrag aufgrund seiner Länge in zwei Teilen. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150104] unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge! ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], sowie den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Noch keine 18 Jahre alt Teil 2 Teil 1 finden sie hier [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546]. „Claus Grote Berlin, 26.04.1992 Kriegsgefangenschaft 7.4.1945 bis 6.2.1946 Obwohl der Franzose uns gegenüber eine schreckliche Drohung aussprach Diesmal wurden wir etwas genauer untersucht, aber beim Bemerken der kleinen krabbelnden Wesen in unserer Unterwäsche ließ auch diesmal die Gründlichkeit der Kontrolleure schnell nach. Wir wurden mit einem Jeep nach Etain, einem kleinen Ort in der Nähe von Verdun gebracht, wo sich ein Militärflugplatz befand, für den eine Kompanie deutscher Gefangener gewisse Hilfsdienste zu leisten hatte. Wir wurden mehrmals verhört, von amerikanischer Militärpolizei, in Gegenwart eines französischen Offiziers, der Deutsch sprach und als Dolmetscher fungierte. Vor allem wollten sie wissen, aus welchem Gefangenenlager wir entflohen waren. Da wir nicht wußten, welche Strafe darauf stand, behaupteten wir, wir hätten uns hier herumgetrieben, seit die Wehrmacht hier abgezogen war, obwohl der Franzose uns gegenüber eine schreckliche Drohung aussprach: Wir würden den Russen übergeben, wenn wir nicht zugeben würden, wo wir ausgerissen sind. Niemand klärte uns darüber auf, daß unsere Ausrede sogar lebensbedrohlich sein konnte: Spione hinter den feindlichen Linien wurden ohne großen Prozeß erschossen – noch wenige Wochen vorher hätte uns das passieren können. Nach Beratung mit der deutschen Leitung im Gefangenenlager gaben wir schließlich zu, wo und wie wir uns vom Transportzug abgesetzt hatten. Wir hatten gleich nach der Einlieferung in das Gefangenenlager um Läusepulver oder Ähnliches gebeten, aber ohne auf Resonanz zu stoßen. Also setzten wir uns, wie alle Tage vorher, nach dem Mittagessen, das bescheiden, aber gut war, auf die Wiese und begannen mit der üblichen Knackerei. Als das bei der Lagerleitung bekannt wurde, dauerte es nur wenige Minuten, und jeder von uns erhielt eine Streudose mit DDT, das ich auf diese Weise erstmalig ausprobierte, mit unglaublichem Erfolg, weil es damals noch keine gegen dieses neue Mittel resistenten Insekten gab. Uns beiden ausgehungerten Jünglingen wurde vorgesetzt, was wir uns wünschten Nach nur einem Tag im Lager in Etain wurden wir nach Verdun gebracht, wo sich in den Kasematten ein absolut ausbruchsicheres Gefangenenlager befand, vollgestopft mit deutschen Gefangenen, die überwiegend in amerikanischen Kantinen und Küchen Hilfsarbeiten verrichten mußten, dabei natürlich an die Originalverpflegung der US-Army herankamen und nicht das geringste Interesse an der Lagerverpflegung hatten. Der Bürokratismus in der US-Army war aber wie in jeder Armee gut entwickelt, für die etwa 30 Gefangenen des internen Dienstes stand die Sollverpflegung für eine ganze Kompanie zur Verfügung, selbst bei den bescheidenen Rationen ein Überfluß. Uns beiden ausgehungerten Jünglingen wurde nun vorgesetzt, was wir uns wünschten, und die gutgenährten etablierten Lagerinsassen sahen voller Staunen zu, was man alles in einen menschlichen Körper hineinstecken kann, wenn man glaubt, an einem Tag nachholen zu müssen, was man in vielen Monaten versäumt hat. Ich glaube, daß sich mein Magen auf ein Volumen von mindestens drei Litern vergrößert hat, in der Nacht mußte ich raus, weil mir schlecht wurde, aber nach einem unglaublichen Rülpser blieb alles Wertvolle doch drin. Unser Geständnis, daß wir während des Transports vom Zug gesprungen waren, hatte keine schlimmen Folgen. Aber auch in den Kasematten von Verdun blieben wir nur einen Tag, und dann ging es ab nach Stenay. Dort befand sich in einer ehemaligen Kaserne der französischen Armee eine Art Durchgangslager für deutsche Kriegsgefangene in amerikanischer Hand, wo erst einmal Ordnung geschaffen wurde. So hatten wir gleich nach unserer Ankunft eine Reihe von Fragen zu beantworten, z.T. schriftlich, bekamen eine „Internment Serial Number”, also eine Kriegsgefangenschaftsnummer, durften eine Karte mit vorgedrucktem Text an unsere Heimatadresse schicken und wurden erst einmal wegen Flucht aus der Gefangenschaft zu 14 Tagen Arrest verurteilt. Das ging ziemlich formlos, und da es im Arrest jeden Tag morgens und abends ein halbes Weißbrot mit Wasser gab, waren wir sogar besser dran als die übrigen Gefangenen, die zweimal pro Tag eine dünne Suppe bekamen, die auch nur aus Brot und Wasser zu bestehen schien, bei der die jeweilige Portion aber keinesfalls so viel Brot enthielt wie wir bekamen. … daß ein deutscher Spieß auch in Gefangenschaft in der Lage ist, Disziplin in seiner Einheit durchzusetzen Nach Abschluss dieser Strafe wurden wir der „Kompanie 45″ zugeteilt. Warum die Kompanie so hieß, weiß ich nicht, fest steht aber, daß man hier alle möglichen verdächtigen Elemente zusammengefaßt hatte, vom SS-Scharführer bis zum Kriminellen, der sich am Eigentum seiner Kameraden vergangen hatte. Im Lager Stenay war das Lagerleben straff organisiert. Jeden Tag war Zählappell, zu dem mit militärischer Disziplin angetreten wurde. Die US-Lagerleitung hatte, um sich die Arbeit zu erleichtern, einen deutschen Stabsfeldwebel (ich glaube, er hieß Sauer) als deutschen Lagerleiter eingesetzt, dem eine aus deutschen Gefangenen gebildete Lagerpolizei zur Seite stand. Diese Truppe war für die innere Ordnung verantwortlich, vom Zählappell bis zur Einhaltung der Nachtruhe (nach 22 Uhr durften die Unterkünfte nicht verlassen werden), außerdem bewachten sie Küchen und Vorratskammern. Leiter der Kompanie 45 war ein deutscher Feldwebel, der offenbar seinen Ehrgeiz dareinsetzte, den Amerikanern zu beweisen, daß ein deutscher Spieß auch in Gefangenschaft in der Lage ist, Disziplin in seiner Einheit durchzusetzen. Also tat er alles, um den Hauch von Kriminalität, der über seiner Kompanie lag, zu bekämpfen, an sich ein löbliches Unternehmen. Das hatte allerdings zur Folge, daß jeder Neuankömmling erst einmal mit den internen Regeln vertraut gemacht wurde. Da wir nicht die Absicht hatten, wieder auszureißen, interessierte uns das alles wenig, wir dachten immer nur ans Essen, und wie wir uns zusätzlich etwas verschaffen könnten. Im Brotinnern zog der Schimmel richtige Fäden. So meldete ich mich freiwillig, als Leute gesucht wurden, die eine Art Müllabfuhr zu organisieren hatten. Als erstes bekamen wir den Auftrag, große Papiersäcke aus dem Vorratslager auf eine Müllhalde zu transportieren, ein LKW mit amerikanischem Fahrer stand zur Verfügung. Als wir merkten, daß die Papiersäcke (etliche Dutzend) voll von verschimmeltem Brot waren, hatten wir eine ziemliche Wut auf die Amis, die Brot verschimmeln ließen, obwohl im Lager ständig Hunger herrschte. Natürlich überwanden wir unseren Ekel und suchten uns aus den Säcken alles heraus, was einigermaßen eßbar schien, meist waren es die Rinden, im Brotinnern zog der Schimmel richtige Fäden. Dieses Erlebnis senkte die Hemmschwelle, und als uns (Wolfgang und mir) zwei andere Gefangene in der folgenden Nacht erzählten, daß sie einen Weg gefunden hatten, wie man heimlich in die Lager einbrechen könne, wo die Lebensmittel lagern, waren wir gleich dabei. Mit Erfolg übrigens, wir fanden Büchsen mit den feinsten Sachen, die allerdings immer nur bei der Lagerpolizei ankamen und in der Wassersuppe kaum zu finden waren, z.B. „turkey”, also Konserven mit Truthahnfleisch, Ananas und was das Herz begehrte. „Ich stahl Essen von meinen Kameraden” Noch in den Lagerhallen stillten wir unseren Hunger, aber der Aufenthalt bekam uns trotzdem schlecht, denn inzwischen hatte die Lagerpolizei offenbar Lunte gerochen, das Lagerhaus umstellt und begann mit der Suche nach den Einbrechern. Wir hatten keine Chance, und so landeten wir gleich wieder in der Arrestzelle. Ich hatte sogar noch eine halbe Büchse mit Putenfleisch in der Tasche und beeilte mich, den Inhalt dahin zu befördern, wo er hingehörte. Am nächsten Tag kamen wir wieder vor einen amerikanischen Offizier, der uns wiederum recht formlos zu weiteren 14 Tagen Arrest verurteilte, die wir genau so absaßen wie die vorhergehenden. Unser Einbruch mit Mundraub hatte aber die Stimmung in der Kompanie 45 gegen uns aufgebracht, und als wir wieder zurückkamen, hätte nicht viel gefehlt und wir wären verprügelt worden. Ich bekam jedenfalls so viel Angst, daß ich nach diesen Ausflügen erst einmal genug hatte, im Gegensatz zu Wolfgang, der, vom Hunger getrieben, einige Nächte später wiederum versuchte, sich zusätzlich Nahrung zu verschaffen, und dabei wiederum erwischt wurde. Diesmal kam er nicht so glimpflich davon. Er wurde noch in der gleichen Nacht von der Lagerpolizei blutig geschlagen und beim nächsten Zählappell in seinem jämmerlichen Zustand zur Abschreckung durch die Reihen der angetretenen Gefangenen geführt, ein Schild um den Hals mit der Inschrift „Ich stahl Essen von meinen Kameraden”. Es muß etwa Juli 1945 gewesen sein, daß ich mit etwa 200 anderen Gefangenen nach „Camp Oklahoma City” gebracht wurde, zum Arbeitseinsatz. Camp Oklahoma City war eines von mehreren Dutzend Lagern, in denen die US-Soldaten, die in Europa gekämpft hatten, auf ihren Rücktransport in die USA warteten. Es war eine riesige Zeltstadt, in den Wohnzelten wohnten jeweils etwa 20 Soldaten, jede Kompanie hatte darüber hinaus ein Küchenzelt, eine Kantine und ein Kinozelt. Insgesamt waren dort etwa 3000 US-Soldaten, die von uns 200 Gefangenen betreut wurden. Am besten hatten es natürlich die PWs (prisoner of war = Kriegsgefangener), die in den Küchen beim Essenmachen oder in der Kantine Dienst machten. Ich als ewiger Glückspilz landete zunächst einmal in einer Gruppe, die die Aufgabe hatte, Klo-Gruben auszuheben, etwa einen Meter im Quadrat und 3 m tief, darauf kam ein Holzgestell mit Löchern, und alles wurde dann noch mit einer Wand aus Dachpappe umgeben. Die Norm war für uns vier Mann ein Klo pro Tag, und nach einiger Zeit hatten wir uns gut eingearbeitet, wir waren meist am frühen Nachmittag fertig und unser Posten war menschlich genug, um uns danach ausruhen zu lassen. … bis wir unmerklich in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis gerieten Dieser Posten war eine Nummer für sich. Er kam aus Louisiana, hatte bei seinen Kameraden deshalb den Spitznamen „Frenchie” und zeichnete sich erstens durch einen Mangel an Geistesgaben und zweitens durch sexuelle Verklemmtheit aus – er liebte pornografische Zeichnungen, möglichst Darstellungen von oralem Verkehr, und legte offenbar auf zeichnerische Qualität weniger Wert als auf immer wildere Phantasien. Meine Mitgefangenen und ich machten uns zuerst einen Spaß daraus, ihn mit obszönen Zeichnungen zu schocken und so bei Laune zu halten, bis wir unmerklich in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis gerieten: Er brachte uns jeden Tag Schokolade oder Zigaretten mit, und wir bemühten uns, immer neue phantastische Stellungen aufs Papier zu bringen, das Frenchie sorgfältig einsteckte und abends mit in sein Zelt nahm. Was er damit machte, davon ahnten wir, als eines Tages folgendes passierte: Wir hatten gerade unsere Arbeit an einem der letzten Scheißhäuser beendet und lagen im Gras, um uns zu sonnen, als Frenchie zwei Steine suchte, sie in etwa 80 cm Abstand in das Gras legte und sein scharf geladenes Gewehr über die beiden Steine legte. Dann sagte er zu mir – ich mußte als einziger, der ein paar Brocken Englisch konnte, immer als halber Dolmetscher fungieren -, wir sollten mal aufpassen, daß sein Gewehr nicht in den Sand fällt, er müsse mal auf die Toilette, und dann zog er ab und ließ uns mit seinem Gewehr allein. Wir waren alle völlig durcheinander, keiner dachte an die sowieso sinnlose Flucht, aber bei einer Kontrolle hätte es gefährliche Situationen geben können. Als Frenchie nach seinem Geschäft mit glänzenden Augen zurückkam, hatte keiner von uns das Bedürfnis, diese „Gemeinschaft” noch allzu lange fortzusetzen. Irgendwie muß auch den Amerikanern aufgefallen sein, daß mit Frenchie nicht alles in Ordnung war, jedenfalls wurde er nur noch wenige Tage eingesetzt, dann sahen wir ihn nicht wieder. Da keine neuen Klos mehr benötigt wurden und die festen Arbeitsplätze alle besetzt waren, wurden wir nun mal hier, mal dort eingesetzt. An eine Sache erinnere ich mich noch genau: Wir wurden wieder mal zusätzlich als Müllleute eingesetzt und mußten vergammelte Süßigkeiten aus den Kantinen abholen. Die strengen Hygienevorschriften der US-Army verboten den Verzehr von Lebensmitteln aus beschädigten Kartons, auch wenn die im Karton enthaltenen einzelnen Portionen nochmals fest verpackt waren. Auf diese Weise erhielt ich Zugriff zu einigen Dutzend Tafeln gefüllter Schokolade, von denen ich noch am gleichen Abend mindestens fünf verspeist habe. Am nächsten Tag habe ich dann das erste Mal das Gefühl erlebt, wie es ist, wenn einem ein flotter Heinrich die Kniekehlen hinunterläuft. Ich hatte schrecklichen Durchfall, der so plötzlich kam, daß ich die 12 Meter vom Zelt bis zur Latrine nicht mehr geschafft habe – glücklicherweise hatte ich nur eine Turnhose an, es war ein heißer Sommertag. Am gleichen Tag wurde ein anderer Mitgefangener ins Lazarett eingeliefert. Er hatte keine gefüllte Schokolade gefunden, sondern normale, und die war offenbar noch gut. Er hatte nach Aussagen der anderen über zehn Tafeln gegessen und starb wenige Tage später an Darmverschluß. Eine Schachtel Lucky Strike für ein einfaches Herz Nach diesen Erlebnissen kam eine mehr oder weniger kontinuierliche Periode, ich kam in eine Malerbrigade, die bestand aus einem Kunstmaler (Ernst Jogereit aus Essen), drei gelernten Malern (Anstreichern) und mir als Dolmetscher-Ersatz. Unsere Aufgabe bestand im Anfertigen aller möglicher Schilder (dafür gab es Schriftschablonen), gelegentlich auch das Anstreichen von Baracken, in denen die US-Offiziere wohnten, sowie im Ausbessern von Lackschäden an Jeeps oder anderen Fahrzeugen der US-Army. Da wir viel freie Zeit hatten, regten sich bald künstlerische Gefühle, und irgendeiner von uns begann, aus einem Stück Plexiglas ein Herz zu schneiden, glattzufeilen und mit feinem Pinsel mit Blumen zu bemalen. Aus diesem Gedanken wurde innerhalb weniger Tage ein lohnendes Geschäft: In der fast unbegrenzt zur Verfügung stehenden Zeit wurde Plexiglas besorgt, jetzt schon in gewissen Mengen, und in Arbeitsteilung wurde die Bearbeitung fast fabrikmäßig organisiert. Ich nahm die Aufträge der Amerikaner entgegen, feilschte um die Preise (eine Schachtel Lucky Strike für ein einfaches Herz), gab Rabatt bei Lieferung größerer Posten Plexiglas, Erwin (Zuname nicht mehr bekannt) sägte und feilte, Sauerwein (Vorname nicht mehr bekannt) polierte mit Zahnpasta, und Ernst bemalte mit Bildern und Schrift je nach Wunsch – pro Tag schafften wir manchmal mehr als ein Dutzend. Nach und nach erweiterten wir unser Angebot, aus Messingrohren schnitten wir Ringe, die weggingen wie warme Semmeln, und eines Tages gab es auch den ersten Unfall. Ein scheinbar harmloser Messingkörper, den wir in der Nähe unseres Malerzeltes gefunden hatten, war offenbar ein Minenzünder. Irgendjemand hatte ihn sauber gewaschen und zum Trocknen auf unser kleines Kanonenöfchen gestellt (inzwischen war es Oktober oder November geworden und ziemlich kühl), wo er explodierte. Hunderte winzige Splitterchen flogen durch das Zelt und hinterließen in Pullovern, Hemden, Hosen und natürlich auch in der Haut Löcherchen, und in kürzester Zeit waren wir blutüberströmt. Es sah allerdings schlimmer aus, als es tatsächlich war, glücklicherweise hatte keiner zu nahe am Ofen gesessen und niemand hatte etwas ins Auge bekommen. Der Knall hatte auch Amerikaner angelockt, die völlig verschreckt die Ambulanz riefen, wir wurden mit Sondersignal ins amerikanische Lazarett gebracht und exzellent versorgt. Natürlich stellten wir uns dumm, was die Frage nach der Ursache der ganzen Angelegenheit war, genau genommen waren wir es ja auch. Die Amerikaner, die offenbar auch mit ihren eigenen Soldaten allerhand erlebt hatten, waren ihrer Sache ebenfalls nicht sicher, und so verlief die ganze Sache schließlich im Sande. Problematisch war für uns nur, dass die kleinen Wunden zwar heilten, aber die vielen kleinen Löcher in Hemden und Pullovern kaum zu reparieren waren, und neue Sachen gab es nicht. Die sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest Ich erinnere mich noch an Weihnachten 1945, das wir bei halbwegs milden Temperaturen feierten, der Abend endete jedoch mit Tränen. Heimweh, ein Gefühl der Einsamkeit und Furcht vor der ungewissen Zukunft konnten auch durch die betonte Kameradschaft nicht unterdrückt werden. Die gemeinsam gesungenen sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest. Im Januar 1946 verdichteten sich die Gerüchte, dass das Lager aufgelöst würde und wir nach Hause entlassen würden. Das bewahrheitete sich auch, aber mit Nebenbedingungen. Zunächst trat ein Selektionskommando zusammen, bestehend vor allem aus der deutschen Lagerleitung und einigen Vertrauenspersonen der Amis, die die Gefangenen in gute und schlechte sortierten. Die guten sollten wiederum über das Durchgangslager Stenay in die Heimat entlassen werden, die schlechten sollten den Franzosen übergeben werden. Zu den schlechten gehörten deshalb u.a. auch alle, die irgendwann einmal gegen die reichlich autoritative Art der deutschen Lagerleitung polemisiert hatten oder sich sogar bei den Amis über irgendetwas beschwert hatten. Da ich damals ein obrigkeitsgläubiger Untertan war, gehörte ich zu den Glücklichen, die etwa Mitte Januar über die Stationen Stenay – Munsterlager aus der Gefangenschaft entlassen wurden. Wahrscheinlich aber, um den Aufbau in der Sowjetzone zu bremsen Nachzutragen wäre noch, dass bereits damals der beginnende Kalte Krieg zu Konsequenzen führte; denn in Stenay wurde noch einmal selektiert: In einem Fragebogen wurde nach der exakten Heimatadresse gefragt, nicht ohne den drohenden Vermerk, dass falsche Angaben mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft würden. Damit sollte verhindert werden, dass Gefangene aus der sowjetisch besetzten Zone oder aus Berlin andere Adressen, z.B. in der amerikanischen oder britischen Zone angeben. Der genauso exakt funktionierende Buschfunk hatte nämlich informiert, dass man in den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands keine ehemaligen Gefangenen entlassen würde, angeblich, um eine weitere Gefangenschaft in Sibirien zu verhindern, wahrscheinlich aber, um den Aufbau in der Sowjetzone zu bremsen. In der Nacht vor dem Ausfüllen des Fragebogens heulte ich vor Wut, Angst und Hilfslosigkeit. Dann siegte die Einsicht, dass Gefängnis auch nicht viel schlimmer sein könnte als Gefangenschaft, und am nächsten Morgen schrieb ich ohne Zögern, dass meine Heimatanschrift lautet: Neesen Post Porta Westfalica, Kloppenburg (…). Dort wohnte meine Oma Friederike Grote bei ihrer Tochter, der verwitweten Änne Rinne und ihren fünf Kindern. So begann meine neue Freiheit Am 06.02.1946 wurde ich in Munsterlager entlassen, erhielt eine Fahrkarte nach Porta und kam noch am gleichen Tag in Neesen an. So begann meine neue Freiheit. In Porta arbeitete ich in den Hammerwerken, einem Treuhandbetrieb, der aus einer von den Nazis errichteten unterirdischen Fabrikanlage Maschinen und andere Produktionsinstrumente wieder in den ursprünglichen Betrieb, Philips aus Holland, herausholte und wieder für den Rücktransport vorbereitete. Ich war in einer solchen Transportbrigade, ohne jede Ausbildung oder Anleitung, und ich erinnere mich an einige allerdings leichte Arbeitsunfälle, die sicher auf die mangelnde Sicherheit zurückzuführen waren. Aber am meisten wurmte mich die Tatsache, daß ich, obwohl ich jung und kräftig war und zupacken konnte, mich auch oft geschickter anstellte als die älteren Kollegen, als „Jugendlicher” weniger Stundenlohn bekam als diese. Da konnte man nichts machen, das war so festgelegt, und an die Arbeitsstelle war man damals noch gebunden, es war eine Art Dienstverpflichtung. So war ich nach meiner Rückkehr in mein Elternhaus in Berlin (Pfingsten 1946) sehr beeindruckt von der Tatsache, daß in Berlin eine einzige Partei klipp und klar die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit (Leistung) vertrat, die SED, deren Mitglied auch mein Vater war.“ ---------------------------------------- Hier können Sie den zweiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151731] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. Titelbild: United Kingdom Government / public domain [https://en.wikipedia.org/wiki/public_domain] / Junger deutscher Kriegsgefangener mit anderen Gefangenen, die während des Vormarschs in Deutschland gefangen genommen wurden, 29. März bis 4. April 1945

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Episode Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXXVI – „Vom Kitzel der Vorkriegszeit“ Cover

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXXVI – „Vom Kitzel der Vorkriegszeit“

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es um die Techniken von Medien und Politik, mit denen der (bestimmter Artikel!) nächste Krieg förmlich herbeigeredet wird. Von Leo Ensel. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. All-in [https://www.focus.de/politik/ausland/europa-muss-auf-die-kapitulation-russlands-hinarbeiten_86fec2de-a6b7-4a62-9464-9143100fa63b.html] „All-in zu gehen, erfordert Mut, Koordination und eheliche [sic!] Weitsicht, keine Politik nach dem täglichen Stimmungsbarometer.“ Weiß das – (wie weiland der gestrenge Marcus Cato) Russlands bedingungslose Kapitulation einfordernde – politische Traumpaar Roderich Kiesewetter und Dr. Susann Woronesch, ähh: Worschech. (Vermutlich aus eigener Erfahrung.) bereits heute unterhalb der Schwelle des Krieges [https://www.berliner-zeitung.de/article/deutschland-bereitet-sich-auf-krieg-vor-der-feind-ist-russland-10032171] Agiert laut der von Boris Pistorius am 22. April vorgestellten „neuen Militärstrategie“ [https://www.bmvg.de/resource/blob/6093766/01b1718498c25db9010ea13724d7a37a/dl-gesamtkonzeption-der-militaerischen-download-deu-data.pdf] natürlich Russland, das für uns nichts weniger als „eine gesamtstaatliche und umfassende militärstrategische Bedrohung darstellt“! Alternativlose Konsequenz: die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ machen und sich auf einen Krieg vorbereiten. (Und hier sind zwingend „alle Elemente des Staates gefordert“.) (vgl. „dämmrige Übergangszeit“, „schon heute im Feuer stehen“, „Vorkriegszeit“ etc.) bodenlos [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/gruener-militarismus-at-its-best-wenn-ehemalige-pazifisten-auf-offizierspathos-treffen-gruene-wehrhaftigkeit-offiziersrhetorik-bei-der-ehemaligen-friedenspartei-li.10008608] „Ich verstehe nicht, warum wir hier so bodenlos darüber diskutieren, dass irgendwelche Jugendlichen angeblich zum ‚Kanonenfutter‘ werden und wir die Möglichkeit komplett außer Acht lassen, dass es auch abseits der Bundeswehr die Möglichkeit gibt.“ Der erregte namenlose Bundeswehroffizier, eigenen Angaben zufolge Mitglied von „Bundeswehrgrün“ [https://bundeswehrgruen.de/], meinte damit: Jeder kann sich einbringen – bei der Bundeswehr, im Zivil- und Katastrophenschutz, bei der freiwilligen Feuerwehr oder in gemeinnützigen Vereinen für das „Gesellschaftsjahr“ – und damit (was er freilich verschwieg) im „Bündnisfall“ für den „Operationsplan Deutschland“! die neue Bedrohungslage [https://taz.de/Krisenvorsorge-der-Bundesregierung/!6145827/] Bestimmter Artikel. Die vollständige Überschrift der transatlantisch gewendeten taz vom 15. Januar 2015 lautete folgendermaßen: „Krisenvorsorge der Bundesregierung. ‚Update‘ der Lebensmittel-Notreserve soll anlaufen. Die neue Bedrohungslage in Europa rückt die Vorsorge mit wichtigen Nahrungsmitteln stärker in den Blick.“ Der bestimmte Artikel macht‘s möglich: Dass es eine neue Bedrohungslage gibt, wird axiomatisch vorausgesetzt. (Und wer uns – angeblich – bedroht, muss schon gar nicht mehr erwähnt und erst recht nicht bewiesen werden!) So funktioniert die Propaganda, pardon: „strategische Kommunikation“, im fortgeschrittenen Stadium. By the way: Das Blatt war im Sommer 2025 (ebenfalls in der Überschrift) mit „der veränderten Gefährdungslage“ sich selbst bereits zuvorgekommen – womit sich die taz mal wieder als Avantgarde ihrer selbst erwies. – Merksatz: Misstraue dem bestimmten Artikel! Er schreibt fest, was erst zu beweisen wäre. (vgl. „Krieg, der“) eine Art Führungsrolle „Wadephul erklärte zudem Deutschlands Bereitschaft, eine Art Führungsrolle in der NATO zu übernehmen.“ Meldete der Deutschlandfunk am 22. Mai anlässlich des NATO-Außenministertreffens im schwedischen Helsingborg. – „Eine Art Führungsrolle“: Wadephuls verschämter Größenwahnsinn … Demnächst wird uns unser verklemmter Außenminister auch noch verschämt „in eine Art Krieg“ führen! erste Verteidigungslinie (Deutschlands) [https://www.deutschlandfunk.de/bnd-praesident-jaeger-sieht-grosse-herausforderungen-100.html] Soll ab jetzt der BND werden. Kündigte zum 70. Jubiläum dessen Präsident Martin Jäger an. Denn: Angesichts „einer Gleichzeitigkeit von Kriegen und Krisen, von Technologiesprüngen und von feindseligen Akteuren, die die nationale Sicherheit bedrohen“, ist das alternativlos. Schließlich gehören „Spionage, Sabotage und Einschüchterung für Deutschlands Gegner zum Standardrepertoire“! (Und damit auch alles glatt läuft, sagt Kanzleramtschef Frei schon mal zu, „die rechtlichen Grundlagen für eine offensivere Ausrichtung des BND zu schaffen“.) (vgl. „eisiger Friede“, „schon heute im Feuer stehen“) ethische Untiefen [https://www.zeit.de/kultur/2025-10/wehrpflicht-debatte-jugend-verteidigung-bereitschaft-kriegsfall] „Verirren wir uns womöglich in ethischen Untiefen der Wehrpflichtdebatte?“ Dunkelraunte im Oktober 2025 die ZEIT unter dem Titelfoto eines einsam in voller Montur durch den Wald streunenden Bundeswehrsoldaten. Um dann in der nachfolgenden Essay-Headline eines Patrik Schwarz schon mal die Richtung anzudeuten, wie man aus diesen Tiefen wieder herausfindet: „Wer töten will, muss sterben können“! „Fight tonight“-Modus [https://www.tagesspiegel.de/politik/heimatschutz-bald-im-fight-tonight-modus-neue-division-soll-zugig-fur-moglichen-nato-aufmarsch-fit-gemacht-werden-13244911.html] Bitte jetzt nicht an ‚Make love like war‘ denken! „Heimatschutz bald im ‚Fight tonight‘-Modus. – Neue Division soll zügig für möglichen NATO-Aufmarsch fit gemacht werden“. Titelte stolz der Tagesspiegel am Vorabend des vierten Jahrestages der „russischen Vollinvasion“. „Unser Schwerpunkt ist es, einen zeitgerechten Aufmarsch der NATO möglich zu machen. Darin enthalten ist der Schutz der kritischen Infrastruktur, Autobahnbrücken, Kraftwerke, auch Serverfarmen, die in erster Linie militärischen Gesichtspunkten unterliegen“, so der künftige Kommandeur der neuen Heimatschutzdivision, Generalmajor Andreas Henne. Doch ohne die Fähigkeit, „im Ernstfall auch kurzfristig alarmiert, gemeinsam und bewaffnet in einen Einsatz zu gehen“, werden die Heimatschützer den Aufgaben nicht gerecht werden können. Henne nennt als Anspruch „fight tonight“, also von der Ausrüstung und dem Bereitschaftsgrad her notfalls auch binnen Stunden bereit sein zu können. – Aber Vorsicht!, so einfach ist das auch wieder nicht: Henne verwies auf die „veränderte Sicherheitslage und bereits im Land laufende Störaktionen, die sich gegen die Bundeswehr richten“. So gehe eine Gefahr von „klassischen Sabotagekräften“ aus, „von denen wir überzeugt sind, dass die sich bereits im Land befinden und auch Vorbereitungen treffen“. Wen er damit wohl gemeint haben mag? (vgl. „From Foresight to Warfight“, „heute Abend“, „zivile Qualifikationen“) Firewall der Realität „Weil wir die Firewall der Realität sind“, lautet der neunzehnte von insgesamt „70 verdammt guten Gründen für die Bundeswehr“ [https://www.bundeswehrkarriere.de/entdecker/karriere-infos/70-jahre-bundeswehr]. Interessant: Die Bundeswehr errichtet eine Feuermauer um die Realität … Konsequenz: Die Realität wird von der Realität bald sternenweit abgetrennt sein! (vgl. „Realitätsverweigerung“) Frauen an die Waffen! [https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-05/wehrdienst-bundeswehr-frauen-maenner-personal-russland/komplettansicht] Tönt ein Tilman Leicht tollkühn vom Volontärsschreibtisch der ZEIT. Der Mann macht es sich reichlich leicht: Als Nichtfrau brüllt er mit dem Kugelschreiber bewaffnet: „Mädels, seid mutig, lasst mich hinter ‘n Baum!“ (vgl. „gelassener“, „Uniform kennt kein Geschlecht“) gelassener [https://overton-magazin.de/top-story/frauen-sterben-gelassener-als-maenner-also-ab-mit-ihnen-an-die-front/] Sterben Frauen laut evangelisch.de [https://www.evangelisch.de/inhalte/249838/22-11-2025/erfahrungen-einer-bestatterin-frauen-sterben-gelassener-als-maenner] als Männer. Schließlich seien sie „gewohnt, Abschied zu nehmen“. (Eigenschaften, die sie natürlich auch als Soldatinnen attraktiv machen.) – Na denn: Ladies first! (vgl. „Frauen an die Waffen!“) gerade so unter der Schwelle des Krieges Verhält sich aktuell Russland, wie die neue MI6-Chefin Blaise Metreweli am 16. Dezember 2025 im Deutschlandfunk verkündete. (Oder nicht doch eher in der „Grauzone zwischen Krieg und Frieden“? Vielleicht ja auch nur „irgendwo dazwischen“? Oder in der „dämmrigen Übergangszeit“?) gesamtgesellschaftliche Resilienz [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/nato-bericht-cognitive-warfare-mentale-kriegsfuehrung-manipulation-resilienz-kritik-li.10018268] Die ist laut einem Forschungsbericht der NATO zur „kognitiven Kriegsführung“ angesichts externer mentaler Angriffe dringend geboten. Schließlich betreffen diese nicht nur das Militär, sondern die ganze Gesellschaft! Also auch Kultur, Schulen, Sport etc. Gegen solche Einflussversuche kann man sich nur schützen, wenn staatliche Stellen und gesellschaftliche Akteure eng zusammenarbeiten. Gefordert wird daher eine „ganzheitliche Gesellschaftsantwort“ – auf Deutsch: eine „Society Readiness“ –, bei der staatliche Institutionen, Militär, Wissenschaft und Zivilgesellschaft eng koordiniert auf kognitive Bedrohungen reagieren. – Preisfrage: Und wie schützt man sich gegen die internen Angriffe staatlicher Stellen und gesellschaftlicher Akteure? Gesellschaftsjahr [https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/gruener-militarismus-at-its-best-wenn-ehemalige-pazifisten-auf-offizierspathos-treffen-gruene-wehrhaftigkeit-offiziersrhetorik-bei-der-ehemaligen-friedenspartei-li.10008608] Umständlich-bürokratisches Wort für das, was die GRÜNEN euphorisch als „Freiheitsdienst“ bejubeln: den postmodernen Arbeitsdienst! Klingt zumindest nicht so sehr nach „Kasernentor“ wie das vom Bundespräsidenten zeitgleich proklamierte „Pflichtjahr“. Gewinnergeist [https://www.deutschlandfunk.de/bundeswehr-in-litauen-einsatz-an-der-nato-ostflanke-100.html] „Die Bevölkerung ist weniger verunsichert als in Deutschland. Die Bevölkerung ist mobilisierter und hat mehr von einem Gewinnergeist!“ So Julius von Freytag-Loringhoven, seines Zeichens Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in den baltischen Staaten, über die Bevölkerung Litauens. Und das, obwohl die Bedrohung dort nicht nur „real wahrgenommen“, sondern auch real „ist“! (Da können sich die wohlstandsverwahrlosten Deutschen ruhig mal eine Scheibe von abschneiden.) heißt es [https://www.nachdenkseiten.de/?p=149982] Wieder mal eine Perle, die ich dem unermüdlichen Marcus Klöckner verdanke. „2029 könnte Putin die NATO herausfordern – heißt es.“ Hieß es dunkel raunend am 4. Mai 2026 im heute journal [https://www.zdf.de/play/magazine/heute-journal-104/heute-journal-vom-4-mai-2026-100]. – „Heißt es“ heißt: Irgendjemand hat das behauptet. Kann wohl, nein: wird wohl stimmen! (So heißt es.) konsequente Idee [https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/reserve-bis-70-jahre-auch-senioren-sind-gute-reservisten-200752378.html?utm_term=Autofeed&campID=SCL-EAu2500002683&utm_medium=Social&utm_source=Twitter#Echobox=1776787172] „Reservisten bis 70 Jahre? Eine konsequente Idee“, jubilierte die Frankfurter Allgemeine am 21. April. Der Hit dabei: Umgekehrt wird auch noch ein Schuh draus! „Wenn Reservisten bis 70 dienen können, dann können sie auch bis 70 einen Beruf ausüben. Das Renteneintrittsalter nach oben zu setzen, wäre die Konsequenz. Nicht nur aus Gründen der Wehrhaftigkeit wäre das eine überfällige Entscheidung.“ – Kurz: Reservisten- und Rentenproblem in einem Aufwasch erledigt! (Im Bündnisfall zudem ja auch ein gerade noch rechtzeitiger Beitrag zu Karsten Vilmars berühmtem „sozialverträglichem Frühableben“ [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialvertr%C3%A4gliches_Fr%C3%BChableben].) Na denn: Feuer frei für den postmodernen Volkssturm! (vgl. „freiwilliges Wehrregister für Ältere“, „Generationengerechtigkeit“) Möglichkeitsfenster [https://www.focus.de/politik/ausland/europa-muss-auf-die-kapitulation-russlands-hinarbeiten_86fec2de-a6b7-4a62-9464-9143100fa63b.html] „Wir aber können gemeinsam mit der Ukraine dabei helfen, das Möglichkeitsfenster für diese Befreiung zu schaffen.“ So hoffnungsfroh neulich Roderich Kiesewetter. Und wie? Ganz einfach: „All-in“ gehen und Russland (mit westlicher Hilfe) zur „bedingungslosen Kapitulation“ zwingen! (vgl. „Reifemoment“) Mut und Blut [https://www.berliner-zeitung.de/article/europa-nutzt-die-ukraine-als-seine-privatarmee-der-preis-wird-an-der-front-bezahlt-10032883] „Wir haben noch ein paar Jahre vor uns. Dank des Mutes und des Blutes der Ukrainer, die uns diese Zeit erkaufen.“ (Damit es dann spätestens ab 2030 so richtig gegen die Russen losgehen kann.) So reimte es in dankenswerter Offenheit der belgische Armeechef Frederik Vansina. Vorkriegsphase [https://rp-online.de/politik/deutschland/bundeswehrverband-warnt-vor-abschreckungsluecken-durch-iran-krieg_aid-145844577] Neues vom Oberst Wüstner, Chef des Bundeswehrverbandes: „Nicht nur die Osteuropäer sprechen bereits von einer Vorkriegsphase und stärken ihre Verteidigungsfähigkeit mit Hochdruck. Das müssen auch wir jetzt tun!“ – Genau. Und nicht etwa den nächsten Krieg verhindern! (vgl. „Vorkriegszeit“) (wird fortgesetzt) Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden [https://www.nachdenkseiten.de/?tag=woerterbuch-der-kriegstuechtigkeit] und diese auch einzeln darüber aufrufen. Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. [https://mediashop.at/buecher/woerterbuch-der-kriegstuechtigkeit/] Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro. Titelbild: © Tina Ovalle

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