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Internationale „Deutscholympiade“ in Mannheim: Warum Jugendliche Deutsch lernen wollen

6 min · 13. Juli 2026
Episode Internationale „Deutscholympiade“ in Mannheim: Warum Jugendliche Deutsch lernen wollen Cover

Beschreibung

SWR Aktuell: Wie froh sind Sie, dass Deutsch Ihre Muttersprache ist und Sie es nicht als Fremdsprache lernen müssen? Johannes Ebert: Ich liebe Fremdsprachen. Ich hätte Deutsch auch gern als Fremdsprache gelernt, wenn ich mit einer anderen Muttersprache aufgewachsen wäre. Es heißt ja immer, Deutsch ist sehr schwer. Aber ich glaube, mit guten Methoden und kommunikativen Unterricht kann man sehr gut Deutsch lernen. Das zeigt ja auch diese Motivation dieser Schülerinnen und Schüler, die jetzt hier zur internationalen Deutscholympiade [https://www.goethe.de/de/spr/sbp/ind.html] nach Mannheim kommen. SWR Aktuell: Die, die da kommen, die sind zwischen 14 und 17 Jahre alt und zählen zu den besten Deutschlernenden weltweit. Was müssen die mitbringen und bei diesem Wettbewerb auch zeigen? > Die 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind die besten Deutschlernenden auf der Welt. > > > Quelle: Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts Ebert: Es gibt 100 Schülerinnen und Schüler aus 66 Ländern, und die internationale Deutscholympiade ist ein Wettbewerb, zu dem die Deutschlehrerverbände und das Goethe-Institut aufrufen. Da gibt es in den Ländern ganz unterschiedliche Auswahlverfahren, das bestimmen die nationalen Deutschlehrerverbände selbst: Manche machen das per Zoom, bei anderen schließen sich Schulen zusammen und machen dann Übungen. Und aus diesem ganzen Prozess werden dann aus unglaublich vielen Schulen auf der ganzen Welt diese 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermittelt, die dann wirklich die besten Deutschlernenden auf der Welt sind. SWR Aktuell: Welche Aufgaben müssen die Schülerinnen und Schüler dann bei der Deutscholympiade in Mannheim meistern? Ebert: Die Deutscholympiade, die zum zehnten Mal stattfindet -dieses Mal in Mannheim-, ist erst mal ein Event des Zusammenkommens. Da besucht man Institutionen, trifft sich mit Partnern, macht Workshops. Das ist nicht nur reiner Wettbewerb, sondern erst mal eine große Maßnahme zur Deutschförderung, wo junge Menschen zusammenkommen. Die müssen dann allerdings drei Aufgaben lösen. Es gibt eine schriftliche Einzelaufgabe, dann gibt es eine Gruppenaufgabe, wo man etwas präsentieren muss, einmal mit Vorbereitung und einmal ohne Vorbereitung, und dann wird auf drei Niveaustufen, auf der Stufe A2, auf der Stufe B1 und der Stufe B2 werden dann jeweils die Siegerinnen und Sieger ermittelt. SWR Aktuell: Und dann gibt es am Ende auch eine Goldmedaille. Ebert: Es gibt eine Medaille am Schluss, na klar. Das gehört ja auch dazu bei so einer Olympiade. SWR Aktuell: Wenn Sie mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sprechen, was ist denn die Hauptmotivation, warum die Deutsch lernen? > Es ist natürlich eine Motivation, irgendwann mal in Deutschland zu studieren und vielleicht auch zu arbeiten. > > > Quelle: Johannes Ebert, Goethe-Institut Ebert: Viele der Schülerinnen und Schüler, wir haben das in den Bewerbungsbögen gesehen, können sich ein Studium in Deutschland vorstellen. Das ist natürlich schon eine Motivation. Wenn wir insgesamt auf die Welt schauen: Fürs Deutschlernen insgesamt sind es vor allem eben Länder, in denen Berufsmobilität und Studienmobilität eine Rolle spielen. Und das gilt auch für die Schülerinnen und Schülern, die im Ausland Deutsch lernen. Gerade bei denen, die sehr gut und sehr engagiert lernen, ist es natürlich eine Motivation, dann irgendwann mal in Deutschland zu studieren, vielleicht auch zu arbeiten. SWR Aktuell: Welche Länder sind es, wo Deutsch besonders beliebt ist als Fremdsprache? Ebert: Es sind doch relativ viele: Indien beispielsweise, Ägypten, Kenia ist ein Land, wo Deutsch sehr nachgefragt ist, und in Litauen zu Beispiel geht man jetzt eben von Russisch weg und stellt auf Deutsch um. Es sind ganze Menge von Ländern, in denen gerne und viel Deutsch gelernt wird. SWR Aktuell: Ist dann Deutsch bei denen meistens die zweite Fremdsprache nach Englisch oder gibt es auch welche, die Deutsch wirklich als erste Fremdsprache lernen? Ebert: In der Tat ist es so, dass Englisch in der Regel die erste Fremdsprache ist, Deutsch dann die zweite oder dritte. Es gibt vereinzelt Länder und vor allem Schulen, bei denen Deutsch die erste Fremdsprache ist. Etwa 40 Prozent der Schulen, die an der Deutscholympiade teilnehmen, sind sogenannte „PASCH-Schulen“. [„PASCH“ steht für „Partnerschulinitiative“, offiziell „Schulen: Partner der Zukunft“, Anm. d. Red.] Das ist ein Sonderprogramm des Auswärtigen Amts, wo das Goethe-Institut dabei ist, die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, der DAAD und andere, wo Deutsch besonders gefördert wird. Und unter diesen Schulen gibt es schon einige, wo Deutsch auch die erste Fremdsprache ist. Aber in der Tat: Die Regel ist, dass Englisch weltweit die erste Fremdsprache ist. SWR Aktuell: Sie haben vorhin schon gesagt, bei der Deutscholympiade geht es nicht nur darum, zu gewinnen und im Wettbewerb sich zu zeigen, sondern da stehen ganz viele Termine und Austausch auf dem Programm. Wie erleben Sie die Atmosphäre zwischen den Jugendlichen aus so vielen unterschiedlichen Ländern? > Da gibt es ganz viele Freundschaften, die auch über Ländergrenzen hinweg wirken. > > > Quelle: Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts Ebert: Ich war ja jetzt schon bei mehreren Deutscholympiaden, und das ist einfach eine fantastische Atmosphäre. Da gibt es ganz viele Freundschaften, die auch über Ländergrenzen hinweg wirken. Da entsteht etwas. Natürlich ist die Förderung der deutschen Sprache wichtig - und die Begegnung mit Deutschland. Man geht da in attraktive Städte wie ja auch Mannheim. Das ist für uns sehr wichtig - aber auch, diese Begegnung über Grenzen hinweg zu fördern, im Sinne einer weltweiten Verständigung. Das ist natürlich auch ein Reiz dieser Deutscholympiade. Und es reisen nicht nur 100 Schülerinnen und Schüler an, sondern auch Begleitlehrerinnen und Begleitlehrer, die dann frische Impulse aus Deutschland für ihren Unterricht in ihr Heimatland mitnehmen. SWR Aktuell: Jetzt spricht man in Mannheim ja nicht unbedingt Hochdeutsch, gibt es da für die Teilnehmenden erstmal auch noch einen Crashkurs in Kurpfälzisch? Ebert: Nein, ich glaube nicht. Die müssen sich dann irgendwie durchschlagen. Das ist die deutsche Realität. Auch ich bin Dialektsprecher, aber wir erleben natürlich, dass die Menschen, denen unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer begegnen, darauf Rücksicht nehmen und sich auf das Sprachniveau einstellen. Ich denke, das war noch nie ein großes Problem. SWR Aktuell: …und vielleicht lernt man ja auch noch das ein oder andere kurpfälzische Wort, das man dann zum Beispiel mit nach Indien nehmen kann... Ebert: Genau!

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Episode Palästina-Demos, Schmiererei und Beleidigungen – wo der neue Antisemitismus herkommt Cover

Palästina-Demos, Schmiererei und Beleidigungen – wo der neue Antisemitismus herkommt

Seit vergangenem Jahr werden antisemitische Vorfälle in Baden-Württemberg erstmals systematisch ausgewertet. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus hat 335 Vorfälle im Land registriert. Der Projektleiter Robert Ogmann spricht dabei von der "Spitze des Eisbergs". In SWR Aktuell schildert er einen Fall, der ihm besonders aufgefallen ist: "In Kehl wurden vier als jüdisch erkennbare Mitglieder der dortigen Gemeinde von einer zufällig vorbeikommenden Person bespuckt und beleidigt. Der Täter sagte: Fuck Israel und Free Palestine. Er begründete sein Handeln mit seiner israelkritischen und propalästinensischen Haltung." Judenfeindlichkeit gibt es von rechts, von links und aus dem Islam. Eine Form ist derzeit nach Ansicht Ogmanns besonders problematisch: "Wir haben es den anti-israelischen Aktivismus genannt. Im Fokus steht da das Feindbild Israel und zunehmend auch der Zionismus. Wir reden von Vernichtungswünschen, die auf Demonstrationen gerufen werden oder als Schmierereien und auf Aufklebern, die an Hochschulen zu finden sind." Was die Politik dagegen tun sollte, wollte SWR Aktuell-Moderator Christian Rönspies von Robert Ogmann wissen.

13. Juli 20266 min
Episode Bauchfett? Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht Cover

Bauchfett? Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht

Es ist eine uralte Diskussion: Was hilft beim Abnehmen? Ernährung oder Sport? Wenn's um das Bauchfett geht, das gerade jetzt, im Sommer, manche Leute beim Schwimmbad-Besuch lieber verstecken wollen, ist sich Tim Hollstein sicher: Sport nützt gar nichts, nur auf Zucker- und Fett-Kicks in der Ernährung zu verzichten, hilft. SWR Aktuell-Moderatorin Petra Waldvogel hat mit dem Stoffwechselforscher und Leiter der Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel gesprochen. SWR Aktuell: Bierbauch, Hüftgold, Rettungsring - es gibt jede Menge mehr oder weniger beschönigende Ausdrücke für das Fett am Bauch. Woher kommt das, hat es immer die gleichen Ursachen? Tim Hollstein: Das Fett am Bauch kommt erstmal dadurch, dass wir zu viel Nahrung aufnehmen und zu wenig Energie verbrennen. Das ist einfach so, das sind Gesetze der Physik. Unser Körper ist eigentlich sehr schlau, denn in der Evolution hat sich die Natur ausgedacht, dass wir eine "Körperbatterie" entwickeln. Das ist das Fettgewebe, um zusätzliche Energie zu speichern, um dann für Fastenperioden oder schlechte Zeiten gewappnet zu sein. Das hat früher Sinn gemacht, aber heute ist es so, dass wir gar nicht mehr in solchen Zeiten leben. Wir leben stattdessen in der "Zuvielisation", wie ich immer sage, wo also zu viel von allem vorhanden [https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/wie-sinnvoll-ist-eine-zuckersteuer-100.html] ist. Unser Körper will aber trotzdem noch immer die ganze Energie speichern und deswegen sorgt das dafür, dass unsere ganzen Fast-Food-Besuche etc. sich schön in zu viel Bauchfett niederschlagen. SWR Aktuell: Wieso ausgerechnet am Bauch? Wenn man schon mal abnimmt, dann werden die Wangen hohl, die Arme dünn, aber der Bauch bleibt. Hollstein: Das ist einfach Genetik, dass unser Körper letztendlich da den besten Ort gesehen hat, wo man Fettgewebe effizient speichern kann, ohne dass es zu sehr stört. Wenn wir uns jetzt vorstellen, wir würden unsere größten Fettdepots an den Arm haben, dann können wir die Arme gar nicht mehr richtig bewegen. Also macht nicht so viel Sinn. Das heißt, in der Körpermitte ist es auch biologisch am sinnvollsten, weil wir das da am besten mit uns rumtragen können - wie ein Rucksack im Prinzip. Es gibt aber unterschiedliche Typen: Frauen zum Beispiel lagern ihr Fettgewebe eher im Hüftbereich, im Oberschenkelbereich ab. Das ist tendenziell noch etwas günstiger, weil sich Bauchfett in zwei Arten von Fettgewebe überteilt: Es gibt einmal das Unterhautfettgewebe. Das ist, wenn man sich in den Bauch fasst, das man greifen kann. Das ist nicht schlimm - das ist diese eigentliche Körperbatterie, von der ich spreche, die ist im Prinzip von der Natur entwickelt. Dann aber gibt es auch das sogenannte viszerale Gewebe am Bauch. Das ist das, welches man nicht greifen kann, das nicht nur unter der Haut liegt, sondern im Prinzip unter den Bauchmuskeln, also in den Organen und um die Organe herum. Das ist das gefährliche Fett und das müssen wir reduzieren, weil das entzündet sich und das kann dann viele Folgeerkrankungen machen, wie zum Beispiel Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen [https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/kardiologen-herz-kreislauf-kongress-mannheim-tabak-zucker-steuer-100.html] und da müssen wir was gegen tun. SWR Aktuell: Ursache sind zu viele Kalorien - also die Klassiker: zu viel Fett, zu viel Alkohol, zu viel Süßes? Hollstein: Ja, genau, zu viel hochverarbeitete Nahrung. Sie müssen sich vorstellen: Unser Körper und insbesondere unser Gehirn ist für eine Nahrung kalibriert, die unserer Nahrung als Jäger und Sammler entspricht - unverarbeitete Nahrung, mediterrane Kost, viel Gemüse, Obst, Nüsse, Beeren und wenn Fleisch, dann halt unverarbeitetes Fleisch, wenig Zucker, gute Öle, viele Ballaststoffe. In der Ernährung, die wir meistens zu uns nehmen, ist das alles nicht drin, da haben wir wenig Ballaststoffe, wir haben sehr viel zugesetzten Zucker und dann essen wir im Prinzip ja sehr fettreich, sehr kohlenhydratreich und vor allen Dingen diese perfekte Kombination aus Fett und Zucker, die es so in der Natur gar nicht gibt. Die sorgt dann dafür, dass unser Gehirn in Ekstase geht und wir immer mehr und mehr davon haben wollen. Das ist mitunter das Hauptproblem. SWR Aktuell: Nicht unbedingt die Bewegung, wie viele denken, sondern die Ernährung ist das Hauptproblem? Hollstein: Bewegung ist nicht das Hauptproblem - Sport, jeden Morgen ein paar Situps oder Liegestützen helfen nichts. Das ist ein totaler Quatsch, dass das irgendwie das Bauchfett reduzieren soll, das bringt nichts. Wir wissen, dass Sport per se natürlich sehr gesund ist. Das baut insbesondere Muskelmasse auf, das stärkt das Herz-Kreislauf-System [https://www.swr.de/leben/gesundheit/fit-durch-sport-bei-arbeit-im-garten-100.html] und stärkt auch das Immunsystem, also hat viele positive Effekte, aber Sport hilft nicht beim Abnehmen, das muss man ganz klar sagen. Unser Körper ist ja nicht doof. Damals in der Evolution hatten wir oft das Problem, dass wir uns sehr viel bewegen mussten, um dann zum Beispiel die nächste Gazelle zu fangen und unser Körper hat dann Mechanismen entwickelt, um diese hohe Aktivitätsenergie, den ganzen Energieverbrauch, wenn wir uns bewegen, entsprechend zu kompensieren.

13. Juli 20267 min
Episode Originell und leicht verständlich – wie ein erfolgreiches Spiel sein muss Cover

Originell und leicht verständlich – wie ein erfolgreiches Spiel sein muss

Gerade ist das Spiel des Jahres 2026 gekürt worden. Gewonnen hat „Dito“ – ein Begriffsspiel, bei dem es darum geht, zu erraten, was Mitspieler mit einem bestimmten Begriff in Verbindung bringen. Ausgedacht haben sich das Spieleentwickler. Wie Michael Palm. Er betreibt außerdem den Comic- und Spieleladen „Seetroll“ in Konstanz. In SWR Aktuell erklärt er, wie aufwändig es ist, ein Spiel zu entwickeln: "Wir hatten schon Spiele, die haben wir in drei Monaten entwickelt. Dann wiederum haben wir sechs Jahre an einem Spiel getüftelt." Für Michael Palm aber kein Problem. "Ich habe das Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte", verrät er SWR Aktuell-Moderatorin Ulrike Alex. Denn auch seine Familie, die Frau und die beiden Söhne spielen gerne und oft. Und worauf kommt es bei einem guten Spiel an? "Es ist wichtig, dass das Spiel unterschwellig ist. Die Spielregeln müssen leicht verständlich sein, damit man sich nicht viel merken muss. Und das Thema muss frisch sein."

13. Juli 20265 min
Episode Serie zur Flutkatastrophe 2021: Was hat sich beim Hochwasserschutz im Ahrtal getan? Cover

Serie zur Flutkatastrophe 2021: Was hat sich beim Hochwasserschutz im Ahrtal getan?

Fünf Jahre ist die Hochwasserkatastrophe jetzt her – und längst sind nicht alle Schäden an Erft, Kyll und vor allem an der Ahr behoben. In unserer SWR-Aktuell-Serie „5 Jahre nach der Ahrtal-Flut: Schicksal als Chance?“ geht es heute um die versprochenen Verbesserung beim Hochwasserschutz. Ob da beim Wiederaufbau genug eingeplant und eingebaut worden ist, darüber hat SWR-Aktuell-Moderator Andreas Fischer mit Lothar Kirschbauer gesprochen. Der ist Professor für Siedlungswasserwirtschaft und Wasserbau an der Hochschule Koblenz. SWR Aktuell: Nach der Flut wurden neue Schutzkonzepte fürs Ahrtal erarbeitet. Wie sieht denn der Hochwasserschutz dort mittlerweile aus? Lothar Kirschbauer: Hochwasserschutz ist ein langfristig angelegtes Projekt. Es gibt also zum einen das Projekt der Gewässerwiederherstellung, wo man dem Fluss selber versucht, soweit das im urbanen Raum möglich ist, mehr Raum zu geben. Das heißt also, damit mehr Wasser durchs Gewässer fließen kann, braucht es mehr Fläche, mehr Breite. Aber wir müssen natürlich auch in den Entstehungsgebieten einen sogenannten technischen Hochwasserschutz bauen. Das heißt, dort sind insgesamt 18 Hochwasserrückhaltebecken geplant. Die Planung und natürlich auch der Bau brauchen seine Zeit. Das sind Projekte, die auch teilweise Jahrzehnte dauern werden. Aber man muss sie einfach angehen. SWR Aktuell: Also: Eine schnelle Lösung gibt es nicht, das hört man schon raus. Schauen wir mal auf diesen einen Aspekt, den Sie genannt haben: dem Fluss mehr Raum gehen. Das Ahrtal ist ein sehr, sehr enges Tal mit sehr steilen Hängen an der Seite. Wie viel Raum kann man dem Fluss da überhaupt geben? > Wir müssen das ganze Einzugsgebiet der Ahr betrachten – und auch das jedes anderen Gewässers im Mittelgebirge. > > > Quelle: Lothar Kirschbauer, Experte für Wasserwirtschaft, Hochschule Koblenz Kirschbauer: Es gibt Bereiche, wo ich dem Fluss gar keinen Raum mehr geben kann, zum Beispiel im Bereich der „Bunten Kuh“. Dort haben wir so einen Engpass. Aber wir können dem Gewässer vorher Raum geben, sodass das Wasser zum einen langsamer abfließt, aber auch schon im Flusstal Wasser zwischengespeichert werden kann. Wir können natürlich nicht die Geologie und die Topografie komplett umbauen. Aber, und das ist ein ganz wichtiger Punkt, und das ist auch ein Aspekt, der immer mehr jetzt bewusst wird: Wir müssen das ganze Einzugsgebiet der Ahr betrachten – und auch das jedes anderen Gewässers im Mittelgebirge. Man darf nicht nur eine lokale Stelle sehen, denn das Wasser entsteht in der Fläche. Und ich muss zum einen gucken, was kann ich vielleicht in der Fläche schon zurückhalten durch kleinere Maßnahmen? Wo kann ich eventuell große Maßnahmen wie Hochwasserrückhaltebecken bauen? Denn ich muss ja nicht nur immer den Blick jetzt auf die Flut legen, sondern wir sehen es ja gerade ganz aktuell bei dieser Hitzephase, die wir haben: Wir müssen auch die Dürrephasen betrachten. Das heißt, wenn ich Wasser auch bei kleineren Ereignissen länger in der Fläche zurückhalte, erreiche ich eine höhere Grundwasserneubildung und habe dann mehr Wasser im Boden auch für solche trockenen Zeiten. SWR Aktuell: Ein Win-Win-Effekt quasi. Sie haben ja auch die Rückhaltebecken, die jetzt im Einzugsgebiet der Ahr gebaut werden sollen, schon erwähnt, haben gesagt, das dauert lange, die zu planen. Man plant die natürlich nach dem heutigen Stand. Kann man da schon gut abschätzen, wie groß mögliche Extremniederschläge in Zukunft, wo auch der Klimawandel immer eine größere Rolle spielen wird, sein werden? > Es kann durchaus sein, dass die Ereignisse noch größer werden. > > > Quelle: Wasserwirtschaftler Lothar Kirschbauer, Koblenz Kirschbauer: Das ist auch ein bisschen Glaskugellesen. Wir wissen, dass es diese extremen Ereignisse häufiger geben wird. Auch durch die Hitze, das heißt durch die Erwärmung, die wir ja haben, durch die Klimaveränderung, wird auch mehr Wasser in der Luft sein. Das heißt, es kann durchaus sein, dass die Ereignisse noch größer werden. SWR Aktuell: Jetzt haben wir erst mal darüber gesprochen, wie man sich darauf einstellen kann, das Wasser so zu leiten, dass es idealerweise keine Wohngebiete überschwemmt. Gleichzeitig kann sowas ja dann trotzdem passieren. Es geht ja auch darum, wie man man im Ahrtal baut. Seit fünf Jahren wird wieder aufgebaut und viele Häuser stehen weiter nah am Gewässer. Ist das aus Ihrer Sicht verantwortbar? Kirschbauer: Die Frage wird häufig gestellt, und man muss die Menschen auch verstehen, die im Ahrtal leben und wohnen: Das ist ihre Heimat, und viele leben auch von dem Tourismus. Das heißt also, die müssen teilweise auch im Ahrtal bleiben. Und man findet auch direkt im Ahrtal keine Flächen außerhalb des Überschwemmungsgebietes. Dort haben wir andere Restriktionen, ob das Naturschutz ist, ob das dann die Weinberge sind. Das heißt, wenn man dort nicht wieder aufbauen möchte, muss man aus dem Tal raus, muss in eine ganz andere Gegend und dann werden natürlich auch soziale Strukturen, die da sind, teilweise zerstört. Das andere ist auch, dass es zum Beispiel von den Versicherungen teilweise nur Geld gibt, wenn man an dieser Stelle, wo man gebaut hatte, sein Haus wieder saniert. Das ist aber unterschiedlich von Versicherung zu Versicherung. SWR Aktuell: Eine Möglichkeit, sich dann doch irgendwie zu schützen, die habe ich auch mal selbst im Ahrtal in einem Gebiet gesehen, wo neu gebaut wird, ist, dass man die Häuser höher baut, mit einem höheren Sockel, sodass das Wasser da nicht reinläuft. Ist das dann eine gute praktikable Lösung? Kirschbauer: Man sollte auf alle Fälle auch die private Vorsorge nicht außer Acht lassen. Wenn Sie sich ältere Häuser angucken, dann ging man früher zwei, drei Stufen oder auch mehr hoch ins Erdgeschoss und darunter war der Keller oder wenn überhaupt vielleicht nur ein Kriechkeller. Das hat man heute einfach auch wieder vergessen und versucht natürlich möglichst barrierefrei in sein Haus reinzukommen. Für den Menschen ist das gut. Aber das heißt, dass das auch barrierefrei für das Wasser ist: Es kommt direkt ins Haus. Und deswegen ist eine Möglichkeit, in solchen Bereichen die Häuser entweder höher zu bauen oder sogar aufzuständern. Oder man sagt: Ich mache im Erdgeschoss untergeordnete Räume, wie man das zum Beispiel auch in den großen Flüssen kennt, am Rhein oder an der Mosel, wo ja regelmäßig Hochwasser sind, wo dann mal, flapsig gesagt, vorne und hinten die Türen aufgemacht werden. Und wenn die Flut da durchgegangen ist, dann wird mit dem Hochdruckreiniger gereinigt und dann ist es gut. > Man sollte sich wirklich deutlich machen, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt. > > > Quelle: Lothar Kirschbauer, Experte für Wasserwirtschaft, Hochschule Koblenz SWR Aktuell:Nun stand das Wasser im Ahrtal in der Flutnacht ja bei manchen Häusern bis in den zweiten Stock hinauf, was man auch baulich nicht verhindern kann. Müssen wir einfach damit leben, dass man mit solchen extremen Starkregenereignissen, dass man sich auf die nicht zu 100 Prozent vorbereiten kann, dass man sich nicht zu 100 Prozent schützen kann? Kirschbauer: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den Sie da ansprechen. Man sollte sich wirklich deutlich machen, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt. Ich kann für mich selbst ein privates Schutzniveau festlegen. Sagen wir mal, ich sichere mich bis ein Meter über Gelände, habe damit auch eine gewisse Zeit, entweder mich nach oben zu evakuieren oder sogar noch das Haus zu verlassen. Aber es gibt keinen absoluten Schutz. Dann kommen wir wieder auf Ihre Frage vorhin zurück. Werden die Starkniederschläge eventuell größer? Ja, das heißt, wir können nicht sagen, die nächste Flut wird nur maximal genauso hoch. Die kann auch größer werden.

13. Juli 20268 min
Episode Welt-ADHS-Tag: Warum es keine Mode-Diagnose ist und auch Erwachsene trifft Cover

Welt-ADHS-Tag: Warum es keine Mode-Diagnose ist und auch Erwachsene trifft

„Stabiles familiäres Umfeld von Kindern kann dazu führen, dass ADHS erst im Erwachsenenalter sichtbar wird“ (Lydia Weber, ADHS-Spezialistin, Uniklinik Tübingen) Wenn es um ADHS geht, fällt schnell das Wort Modediagnose. Doch was steckt wirklich dahinter? Lydia Weber erklärt, dass die Störung bei Erwachsenen zwei Gesichter haben kann: Während ADHS „immer mit Hyperaktivität, also mit motorischer Unruhe und Impulsivität“ einhergeht und die Betroffenen „sehr aktiv“ sind, geht es bei der reinen ADS-Diagnose vielmehr um „Verträumtheit“ und „Unaufmerksamkeit“. Dass das Thema gerade bei Erwachsenen boomt, liegt laut der Psychologin auch daran, dass die Aufmerksamkeit dafür in den letzten zehn Jahren stark zugenommen hat. Viele Betroffene konnten ihre Probleme als Kind [https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/einrichtungen/kliniken/psychiatrie-und-psychotherapie/kinder-und-jugendpsychiatrie/ambulanz/aufmerksamkeitsstoerung] schlicht „gut kompensieren“, etwa durch ein stabiles familiäres Umfeld, das viel bei den Hausaufgaben geholfen hat. Erst im Erwachsenenalter – oft ausgelöst durch „Schwierigkeiten am Arbeitsplatz“ – bricht dieses System dann zusammen. > Wir fordern auch die Grundschulzeugnisse an > > > Quelle: (Lydia Weber, Uniklinik Tübingen) Wer den Verdacht hat, im Erwachsenenalter betroffen zu sein, den führen die Spezialisten an der Uniklinik Tübingen [https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/einrichtungen/kliniken/psychiatrie-und-psychotherapie/allgemeine-psychiatrie/ambulante-behandlung/adhs-ads-bei-erwachsenen] durch ein gründliches Verfahren. Und das beginnt überraschend weit in der Vergangenheit: „Ganz im Vorfeld werden erst auch die Grundschulzeugnisse bei uns angefordert“. Für das Team ist das ein entscheidender Punkt, um zu sehen: „Zieht sich das wirklich wie ein roter Faden durch das ganze Leben hindurch?“ Erst danach folgen ein offenes Anamnesegespräch sowie Fragebögen zur aktuellen Symptomatik und zur Kindheit. Falls sich der Verdacht erhärtet, folgt eine neuropsychologische Untersuchung mit Konzentrations- und Merkfähigkeitstests an. Diese Tests, so Weber in SWR Aktuell, seien zwar wichtig, machten am Ende aber nur „einen Teil von den gesamten Informationen“ aus, die für die finale Einstufung gesammelt werden. > Selbstdiagnose? Auf keinen Fall! > > > Quelle: Lydia Weber, Psychologin aus Tübingen Auf Social Media wimmelt es derzeit von Videos, in denen sich Menschen selbst diagnostizieren – ein Trend, den die Expertin kritisch sieht: „Das kann ich natürlich auf keinen Fall empfehlen“. Die Gefahr ist groß, sich zu irren, „weil einfach die Symptome sehr ähnlich sein können mit anderen psychiatrischen Erkrankungen“. Ein echter Diagnoseweg gehöre in professionelle Hände. Aber ab wann sollte man den Weg in eine Sprechstunde suchen? Konzentrationsprobleme allein sind für Weber noch kein Anlass. Hellhörig sollte man werden, wenn man schon als Kind „oft angeeckt“ ist, Probleme mit Lehrern hatte und es trotz großer Mühe nicht geschafft hat, „gute Leistungen zu bringen“. Wenn man nun auch im Studium oder Beruf „droht zu scheitern“, weil man sich nicht organisieren kann, ist das ein Punkt, an dem Weber sehr zur Abklärung rät. > Den Betroffenen praktische Werkzeuge an die Hand geben > > > Quelle: Lydia Weber, ADHS-Spezialistin, Uniklinik Tübingen Steht die Diagnose, stellt sich die Frage nach der richtigen Hilfe. „Der erste Schritt ist eigentlich immer erstmal eine Psychoedukation zu machen“, erklärt Lydia Weber – also: Beratung und Aufklärung durch Psychotherapeuten, um den Betroffenen praktische „Werkzeuge an die Hand zu geben“, wie sie im Alltag besser mit der Störung umgehen können. Reicht das nicht aus, weil immer noch das Gefühl bleibt, nicht effizient arbeiten zu können, kommen Medikamente ins Spiel. Der „Goldstandard“ ist hierbei Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin. Weber sagt, der Grund für den Medikamenteneinsatz sei pragmatisch: Reine Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen ließen sich „im Rahmen von einer Psychotherapie nur begrenzt in den Griff bekommen“.

13. Juli 20266 min