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Wenn Antiquariate zu Datenminen werden: Gekauft, gescannt, geschreddert?

6 min · 26. Juni 2026
Episode Wenn Antiquariate zu Datenminen werden: Gekauft, gescannt, geschreddert? Cover

Beschreibung

KI-Unternehmen kaufen derzeit offenbar in großem Stil antiquarische Bücher im deutschsprachigen Raum auf, um sie für das Training von Sprachmodellen zu nutzen. Ein bisher einmaliger Vorgang, der eine beunruhigende Komponente hat: Denn auf diese Weise werden nicht nur viele antiquarische Bücher aus dem Verkehr gezogen – es wird in vielen Fällen wahrscheinlich auch deutsches Urheberrecht umgangen. Der Tübinger Antiquar Roger Sonnewald sieht darin zwar keinen Diebstahl – schließlich würden die Werke gekauft. Aber sei anzunehmen, dass die Bücherbestände nach dem Scannen vernichtet werden. Er warnt: „Damit geht Kulturgut verloren.“ Der Fall wiege zudem schwer, weil es sich um große Mengen handle. URHEBERRECHT UMGEHEN: BÜCHER AUS DEN 1970ER-JAHREN In Online-Foren melden Antiquariate aus ganz Deutschland auffällige Großbestellungen des kanadisch-amerikanischen Unternehmens Zoom Books [https://www.literaturcafe.de/kaufen-ki-unternehmen-deutsche-antiquariate-leer/]. Bevorzugt werden Sach- und Fachbücher, Romane kaum. Die meisten Käufe sollen über die Amazon-Tochter AbeBooks gelaufen sein, über die viele Antiquare ihre Bestände anbieten. Betroffen seien vor allem Bücher mit einer ISBN aus den 1970er-Jahren und später, die noch urheberrechtlich geschützt sind. Solche Werke seien für die KI-Systeme besonders interessant, sagt Antiquar Roger Sonnewald: Denn ältere deutsche Literatur sei meistens schon digital verfügbar, unter anderem über deutsche und europäische Bibliotheken. „FAIR USE“-REGELUNG IN DEN USA Die amerikanische KI-Firma Anthropic hat nach Recherchen der „Washington Post“ [https://www.washingtonpost.com/technology/2026/01/27/anthropic-ai-scan-destroy-books/] schon vor einiger Zeit millionenfach Bücher einkauft, eingescannt und dann vernichtet, weil dann die sogenannte „Fair Use“-Regelung greift. Während hierzulande das Urheberrecht strenger durchgesetzt wird, erlaubt diese Ausnahmeregel im US-Urheberrecht, geschützte Werke ohne Klärung mit dem Rechteinhaber zu nutzen. Hier tue sich eine Lücke auf, sagt Sonnewald: „Die Firmen sagen sich: wenn wir das kaufen, also physisch besitzen und danach vernichten, handelt es sich nicht um eine widerrechtliche Kopie, die in Umlauf gebracht wird.“ Ob deutsche Verlage und Autoren rechtlich dagegen vorgehen könnten, bleibt bisher unklar. Urheberrechte international durchzusetzen führt auch in anderen Kunstbereichen wie Musik und Design immer wieder zu Konflikten. CHANCE FÜR HÄNDLER UND ANTIQUARIATE? Die Methode der KI-Firmen, Antiquariaten ihre Ladenhüter abzunehmen, könnte von einigen Buchhändlern als positiv angesehen werden. Genauso würden sich viele Antiquare diesem Vorgang verweigern, sagt Sonnewald. Er selbst habe nur im sehr kleinen Rahmen Bücher auf diese Weise verkauft: „Das waren Bücher, von denen ich mich sehr gut trennen konnte.“ Mittlerweile stehe er dem sehr skeptisch gegenüber. Denn auch wenn die gekauften Bücher oft veraltete Sachbücher, Reisebücher oder Kochbücher sind – Sonnewald befürchtet, dass dadurch langfristig wertvolle Kulturbestände aus dem Antiquariatsmarkt verschwinden: „Antiquarische Bücher brauchen teilweise eine gewisse Lagerzeit. Selbst ein Berlin-Stadtplan von 1980, in dem die Mauer noch da ist, wird in 50 Jahren vielleicht sehr begehrt sein.“

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Episode „Unsere kleine Farm“ – Gelungene Neuverfilmung der Serie nach über 40 Jahren Cover

„Unsere kleine Farm“ – Gelungene Neuverfilmung der Serie nach über 40 Jahren

GEN WESTEN AUF DER SUCHE NACH ARBEIT UND FREIHEIT Mehr als 40 Jahre nach der Kultserie kehrt „Unsere kleine Farm“ mit einer Neuverfilmung auf Netflix zurück. Die neue Serie orientiert sich stärker an den Romanen von Laura Ingalls Wilder und erzählt die Geschichte der Familie Ingalls zeitgemäß neu. Neben der vertrauten Familienidylle rücken auch Themen wie die Rolle der Frauen sowie der Umgang mit den indigenen Osage, Vorurteilen und Rassismus stärker in den Mittelpunkt. Laura Ingalls erzählt in ihren Romanen die Geschichte ihrer Familie. Sie erzählt, wie ihre Eltern Charles und Caroline Ingalls mit ihr und der älteren Schwester Mary nach Westen ziehen, auf der Suche nach einem Ort zum Leben und Arbeiten in Freiheit.  EIN BISSCHEN KITSCHIG, ABER AUCH SYMPATHISCH. Die erste Staffel schildert, wie sie nach langer Fahrt in dem aufstrebenden Örtchen Independence in Kansas ankommen, wie der Vater zusammen mit anderen liebenswürdigen Außenseitern ein Holzhaus baut. Wie die Mädchen langsam Freundschaften schließen und wie sie vor allem als Familie immer mehr zusammenwachsen. Die Prärie erscheint dabei weit, die Natur auch gefährlich, sie wird aber immer wieder in ein warmes Licht getaucht: Blumenkränze, saubere Kleidung, Krankheiten werden überwunden und der Tag kann eigentlich nie so schlecht gelaufen sein, dass am Abend nicht die Geige ausgepackt und zusammen gesungen und getanzt wird. Manchmal ein bisschen kitschig, aber auch sehr sympathisch. FAMILIENTAUGLICHER WESTERN MIT AKTUELLEN FRAGEN Keine Frage. „Unsere kleine Farm“ ist auch in der Neufassung die familientaugliche Version des Western. Ganz anders als Serien wie „1883“ oder „American Primeval“, die die gewaltsame und dreckige Seite des Pioniermythos zeigen wollten. Vorlage ist die autobiografische Romanreihe der Autorin Laura Ingalls Wilder, die in den 1930er-Jahren herauskam.  Und während der Verfilmung aus den 70er-Jahren sich davon eher locker inspirieren ließ, hat das neue Team um Showrunnerin Rebecca Sonnenshine versucht, näher am Charakter der Bücher zu bleiben und gleichzeitig moderner zu erzählen. Das betrifft insbesondere die Frauen- und Mädchenrollen: An Caroline als gleichberechtigte Partnerin oder die abenteuerlustige Laura kann man problemlos andocken. Bemerkenswert ist auch, dass das indigene Volk der Osage, denen das Siedlerland zu Beginn der Serie noch gehört, eine viel größere Rolle spielt. GELUNGENER MIX AUS IDYLLE UND REFLEXION Wie hier Fragen von Identität und Traditionsbewusstsein verhandelt werden, von Vorurteilen und Rassismus, ohne zu sehr in Klischees abzudriften, das ist im Kontext einer historischen Familienserie schon ziemlich gelungen. Die Geschichte spielt in den 1870er-Jahren, wenige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. „Unsere kleine Farm“ ist ein zumeist idyllischer Blick auf eine Nation im Werden, aber mit aktuellen Fragen: Wie könnte man Gemeinschaften, Verträge, das alltägliche Miteinander über Grenzen hinweg gestalten?  Wie könnte man respektvoll miteinander umgehen, bei allen Gegensätzen, menschlichen Schwächen und Problemen? Und reicht das zum Überleben? Die Ingalls' ziehen am Ende jedenfalls weiter, in Hoffnung auf ein Glücksversprechen, an das man auch heute immer noch gerne glauben möchte. TRAILER „UNSERE KLEINE FARM“, AB 9. JULI AUF NETFLIX

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