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Opferkultur und die Dramatisierung von Verletzlichkeit: Maria-Sibylla Lotters Sachbuch „Opfer“ | Buchkritik

4 min · 16. Juni 2026
Episode Opferkultur und die Dramatisierung von Verletzlichkeit: Maria-Sibylla Lotters Sachbuch „Opfer“ | Buchkritik Cover

Beschreibung

Wo Gewalt ist, da gibt es Opfer. Aber auch Diskussionsbedarf. Denn sowohl der Gewaltbegriff als auch der Opferbegriff haben in den vergangenen Jahrzehnten eine starke Erweiterung erfahren. Über die leicht erkennbare physische Gewalt hinaus sind zahlreiche weitere Gewaltformen definiert worden, wie die strukturelle, die sexualisierte, die symbolische oder die gegenwärtig häufig genannte digitale Gewalt, etwa durch pornografische Deep-Fakes.   OPFERKULTUR UND „EMPÖRUNGSUNTERNEHMER“ Entsprechend haben sich auch die verschiedenen Kategorien von Opfern vermehrt. Das ist das Thema von Maria-Sibylla Lotters Buch „Opfer. Über die Verwundbarkeit als Selbstbild“. Darin konstatiert sie die Entstehung einer Opferkultur, die ganzen, durch Diskriminierung gefährdeten Menschengruppen ein besonderes Schutzbedürfnis zuschreibt. Das habe einerseits seine Berechtigung, andererseits sieht sie darin aber auch Probleme:  > Die unstrittigen Errungenschaften im Umgang mit Opfern gehen mit neuen Formen der Opferwürdigung einher, die anfällig für Manipulationen sind und erhebliches Konfliktpotenzial bergen. … Die Sakralisierung von Opfern erschwert es, wissenschaftliche und juristische Standards konsequent einzuhalten. DRAMATISIERUNG VON VERLETZLICHKEIT  Was daraus im echten, von Emotionen, Verletzungen, Politik oder Aktivismus aufgewühlten Leben an Herausforderungen entsteht, das zeigen immer wieder neue, aufsehenerregende Fälle. Ein Beispiel dafür ist der falsche Antisemitismus-Vorwurf des Musikers Gil Ofarim gegen einen Leipziger Hotel-Angestellten.   Doch im Mittelpunkt ihrer Untersuchung stehen keine Einzelfälle, sondern die umfassende Analyse von Herkunft, Entwicklung und Erscheinungsformen der auch von amerikanischen Soziologen bereits beschriebenen „Opferkultur“. Die damit einhergehende „öffentliche Dramatisierung von Verletzlichkeit“ sei, so die Autorin, zu einem wichtigen Faktor in Gesellschaft und Politik geworden. Sie schreibt:  > Die vermeintliche moralische Autorität, die durch eine Opfergeschichte gewonnen wurde, wird genutzt, um Forderungen durchzusetzen und Debatten in die gewünschte Richtung zu lenken. Kritik an diesen Forderungen gilt dann nicht mehr als legitimer Teil demokratischer Auseinandersetzung, sondern als Angriff auf eine verletzliche Opfergruppe. WO KRITIK WAR, HERRSCHT HEUTE MORAL  Der große Vorzug von Maria-Sibylla Lotters Argumentation besteht darin, dass sie sich nicht als Vertreterin einer bestimmten partikulären Sichtweise versteht, sondern sowohl den positiven als auch den negativen Aspekten des großen moralischen Wandels nachgeht, der eine „Empörungskultur“ hervorgebracht habe. Triggerwarnungen, „woke“ Sprachregelungen, die Überhöhung des Opferstatus und die Ausweitung des Traumabegriffs seien die Folgen. Darin sieht sie eine Verkehrung dessen, was einst als Machtkritik von Foucault und Bourdieu begonnen hat. „Wo einst Kritik war, herrscht heute Moral – und aus der Analyse von Macht ist die Überwachung von Sprache geworden.“  Es gibt kaum einen wesentlichen Aspekt der komplexen Thematik, der auf den knapp dreihundert Seiten dieses Buches nicht mit kritischem Scharfsinn durchleuchtet wird. Wer auch immer sich mit den längst allgegenwärtigen Opferbegriffen befassen möchte, wird um Maria-Sibylla Lotters profunde, weit gespannte Untersuchung nicht herumkommen.

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Episode Vom Country-Mädchen zur Milliardärin: ARD-Doku entschlüsselt das Phänomen Taylor Swift Cover

Vom Country-Mädchen zur Milliardärin: ARD-Doku entschlüsselt das Phänomen Taylor Swift

EINE ÜBERMENSCHLICHE PROJEKTIONSFLÄCHE Schon der Untertitel der Dokuserie „The Taylor Swift Years“ macht deutlich, zu was für einem Mythos die Sängerin geworden ist: Schicksalsjahre eines Superstars. Die Ähnlichkeit mit einem Film über die legendäre Kaiserin Sisi ist nicht zufällig. Denn längst ist auch Taylor Swift eine übermenschliche Projektionsfläche.  Swift-Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Ländern und Fachgebieten helfen, diese Frage zu beantworten. Sie erklären das Phänomen Taylor Swift in all seinen Facetten. ERSTE FRAU, DIE MIT MUSIK MILLIARDEN GEMACHT HAT „Sie ist die erste Milliardärin, die wirklich mit Musik ihre Milliarden gemacht hat“, sagt zum Beispiel die Autorin und Produzentin Janina Rook. „Ich glaube, sie ist kein Michael Jackson, kein Wunderkind“, sagt Kulturwissenschaftler Jörn Glasenapp. „Das zeigt auch die Durchsetzungsfähigkeit Taylor Swifts, die wir immer wieder erleben.“ ELFJÄHRIGE KÄMPFT FÜR PLATTENVERTRAG Schon als kleines Kind hat Taylor Swift Musik gemacht, vor allem Country. Als Elfjährige versucht sie auf eigene Faust, einen Plattenvertrag in der Country-Hochburg Nashville zu ergattern. Die ganze Familie zieht schließlich sogar dorthin, um Taylor zu unterstützen. „Schon als Kind will Taylor unbedingt ins Musikgeschäft. Sie zieht von Label zu Label, kämpft für ihren Traum“, erzählt die Kulturjournalistin und Podcasterin Zing Tsjeng.  „Taylor erzählt oft, dass sie zu Hause so lange mit einer großen Gitarre übte, bis ihre Finger bluteten und sie damit umgehen konnte.“ STEILER AUFSTIEG DER JUNGEN SÄNGERIN Mit 15 dann der erste Lohn für ihre Mühen: Ein Vertrag mit einem Plattenlabel. Seitdem geht es steil bergauf für die 1989 geborene Musikerin. Wobei es in ihrem Aufstieg immer wieder Momente gab, die sie hätten ausbremsen oder sogar scheitern lassen können. Auch das spart die dreiteilige Dokureihe nicht aus. IMMER IHRE EIGENEN ENTSCHEIDUNGEN GETROFFEN Zum Beispiel die Auseinandersetzung mit ihrem ersten Plattenboss, die schließlich dazu führte, dass sie ihre ersten Alben neu einspielte, um die Rechte an den Originalaufnahmen zu sichern. Ein Akt der künstlerischen Selbstermächtigung, der bis dahin nicht vorgesehen war im profitorientierten Popbusiness. > Ich habe meine Musik immer selbst geschrieben, meine eigenen Entscheidungen getroffen, alles kuratiert. Aber die Tatsache, dass ich mein Werk jetzt ganz besitze, übertrifft alles. > > > Quelle: Taylor Swift in einem BBC-Interview im Jahr 2019 DOKU ZEICHNET DIFFERENZIERTES BILD Die ARD Doku ist keine reine Huldigung Taylor Swifts. Vielmehr zeichnet sie ein differenziertes Bild der Sängerin. Dabei wird auch ihre Rolle im letzten US-amerikanischen Wahlkampf nicht ausgespart, in dem sie Donald Trump mal öffentlich kritisierte, mal auffällig schweigsam war. Die Dokumentation erinnert auch an den grauenhaften Angriff auf Kinder während eines Taylor-Swift-Tanzworkshops und daran, dass ihre Shows trotzdem immer weitergehen mussten. Solange, bis islamistische Anschlagspläne Konzerte während der „Eras“-Tour unmöglich machten. PERFEKTES MARKETING BIS ZUR HOCHZEIT Dass die anstehende Traumhochzeit mit Footballer Travis Kelce natürlich auch einen Marketingzweck verfolgt, wird ebenso deutlich. Bei all dem kommen die „Swifties“ ohnehin auf ihre Kosten. Alle anderen verstehen spätestens nach der insgesamt knapp anderthalb Stunden langen ARD-Dokumentation, warum Taylor Swift der größte Popstar unserer Zeit ist.

1. Juli 20264 min
Episode Kunst im Kanzleramt: Was das Merkel-Porträt über die Alt-Kanzlerin verrät Cover

Kunst im Kanzleramt: Was das Merkel-Porträt über die Alt-Kanzlerin verrät

„Ausgesprochen gut gelungen“, so bewertet Kunst- und Kulturkritiker Nikolaus Bernau das neue Porträt von Alt-Kanzlerin Angela Merkel. „Das ist unglaublich, wie dieser blaue Blazer in den Saal hineinstrahlt.“ Gemalt wurde das Bild vom 28-jährigen Deutsch-Franzosen Jérémie Queyras, der in Freiburg aufwuchs. Bevor das Porträt allerdings ins Kanzleramt zieht, ist es im Bode-Museum ausgestellt. Dort hängt es derzeit im Saal französischer Kunst des 18. Jahrhunderts, von der man einen Blick in den Saal mit deutscher Kunst des 18. Jahrhunderts hat. DER BEGINN EINER KÜNSTLERKARRIERE FÜR JÉRÉMIE QUEYRAS? Angela Merkel hänge nun zwischen bedeutenden Frauen und Männern, zwischen dieser deutsch-französischen Geschichte, sagt Bernau, „es ist eine politische Aussage, ein Staatsporträt und das ist Jérémie Queyras auch bewusst.“ Gleichzeitig glaubt Nikolaus Bernau an den Beginn einer großen Künstlerkarriere für Queyras. Das Merkel-Bild hebe sich inmitten der Kanzlerporträts deutlich ab, so Bernau weiter. Während die anderen Alt-Kanzler sitzen, vermittle das Porträt von Queyras Dynamik: „Sie steht und ist viel beweglicher als die anderen und sie hat ja ganz bewusst einen jungen Maler ausgesucht, um sich eben so in Szene setzen zu lassen“, meint der Kunstkritiker. Merkel selbst erklärte zur Wahl des Künstlers, sie habe es gereizt zu schauen, wie jemand, der am Anfang seines Künstlerlebens stehe, auf eine Person blicke, die „mehr als 70 Lebensjahre und 30 Jahre Politik auf dem Buckel hat.“ Im Gegensatz zu den anderen Alt-Kanzler-Gemälden sei das Merkel-Porträt nicht aus dem Etat des Kanzleramts bezahlt worden, sondern von ihr selbst, sagt Bernau. Damit behalte sie bis zuletzt die Kontrolle über das Bild von ihr.

1. Juli 20266 min
Episode Blick in menschliche Abgründe: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch | Buchkritik Cover

Blick in menschliche Abgründe: „Prager Verbrechen“ von Egon Erwin Kisch | Buchkritik

Die Reportagen von Egon Erwin Kisch als Vorbild für heutige True-Crime-Podcasts zu lesen, ist aus mehreren Gründen ein gewagtes Unterfangen: Erstens hat es Kisch in seinen Texten mit der Wahrheit nicht allzu genau genommen – darauf weist auch Sabine Rückert im Vorwort ihres Bands hin. Für den „rasenden Reporter“ zählte die literarische Wahrheit: eine packende Geschichte, meist mit einer gut sitzenden Pointe. Und zweitens machen Kischs Kriminalreportagen nur einen Teil seiner Arbeit aus. PACKENDE REPORTAGEN ÜBER DAS JUSTIZSYSTEM DER DONAUMONACHIE Herausgeberin Sabine Rückert muss im Band „Prager Verbrechen“ die Kategorie Verbrechen also großzügig auslegen. Genau dadurch entfaltet der aber einen besonderen Reiz. Denn Kisch interessiert sich nicht nur für das Verbrechen an sich, er setzt sich auch mit dem Strafsystem der k.u.k.-Monarchie auseinander.  Und so befasst er sich mit den Haftbedingungen, der Biografie eines Henkers – und er besucht, ohne offizielle Erlaubnis, einen Friedhof für Sträflinge:  > Keine Inschrift ist auf den Gräbern, nicht einmal der Name des Beerdigten. Warum? Ist es Zartgefühl, dass man dem Namen des im Kerker Verstorbenen keine Schande mehr bereiten will? > > > Quelle: Egon Erwin Kisch – Prager Verbrechen „Ist es die Befürchtung, dass sich die Neugierde, Hass oder Blutrache noch gegen das Grab des Verbrechers kehren könnte? Oder aber soll jener, der als Nummer lebte und als Nummer starb, auch als Nummer beerdigt sein? Denn nur Ziffern, mit einer Schablone aufgezeichnet, sind auf den Kreuzen.“ Die menschlichen Abgründe, die Kisch beschreibt, sind zeitlos. Auch deshalb reichen die Kriminalfälle, von denen der Reporter berichtet, bis ins 17. Jahrhundert zurück. Und zu Höchstform läuft er dann auf, wenn Gewalt oder Machtmissbrauch nicht nur von einer Person begangen werden, sondern System haben.   DIE AFFÄRE REDL: EGON ERWIN KISCHS GROSSER COUP  Das zeigt sich im wohl bekanntesten Fall, mit dem sich der Kriminalreporter Egon Erwin Kisch befasst hat: die Affäre um den Offizier Alfred Redl, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Geheimnisse an andere Staaten weitergegeben hat.  Kisch macht in seinem Porträt des Offiziers auch deutlich, wie der damalige Geheimdienstapparat von Intrigen durchsetzt war. Darüber hinaus beweist er sich als akribischer Rechercheur: „Beweise für die verräterische Tätigkeit Redls fanden sich genug vor: Empfangsbestätigungen für Geldsendungen aus Russland, Quittungen über gewechselte Rubel und vor allem fotografische Platten.“ > Er hatte in seiner Wohnung bei geschlossenen Fensterläden Dienstbücher reservanten Charakters, Mobilisierungsinstruktionen und ähnliche Elaborate abfotografiert […]. > > > Quelle: Egon Erwin Kisch – Prager Verbrechen GEKONNTER PERSPEKTIVWECHSEL – UND EIN VORLÄUFER VON TRUE-CRIME PODCASTS Auch wenn sich die journalistischen Standards inzwischen geändert haben, bleiben Egon Erwin Kischs Reportagen beeindruckende Zeitzeugnisse. Das gilt besonders für einen späten Text, in dem Kisch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Museum besucht.  Das haben die Nationalsozialisten in Prag errichtet, um Juden – nachdem sie sie ermordet und ihren Besitz gestohlen haben – weiter zu diffamieren. Kisch, selbst jüdischer Herkunft, beschäftigen bei seinem Besuch Erinnerungen an die eigene Kindheit und an Freunde. Er ist aber auch sichtlich um Distanz bemüht: „Den kriminellen Ursprung des Museums verrät vor allem die Tatsache, dass die Objekte in vielen, voneinander wenig unterschiedenen Exemplaren vorhanden sind. Eine solche Pluralität käme nicht vor, wäre die Sammlung nach und nach angelegt und nach Bedarf durch Kauf oder Tausch ergänzt worden und nicht durch Massenraub.“ Gerade dieser gekonnte Wechsel zwischen persönlicher Erzählung und dem Verweis auf Fakten lässt Kisch dann doch als Vorgänger heutiger Podcaster erscheinen, die ebenfalls dem Verbrechen auf der Spur sind.  Sabine Rückert gelingt es so, den Reporter Egon Erwin Kisch in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Ihr gewagtes Unterfangen ist für uns Leser ein Gewinn.

Gestern4 min