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Ausstellung Bloom up! in Baden-Baden – Wie haben Blumen die Kunst geprägt?

4 min · 12. Juni 2026
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Beschreibung

ALTE BAUERNSCHRÄNKE AUS DEM SCHWARZWALD Die Ausstellung beginnt mit einem Augenzwinkern: Im großen Saal der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden stehen fünf alte Bauernschränke aus dem Schwarzwald – also das, was man erwartet von einem „Badischen Landesmuseum“, das ja für die nächsten fünf Jahre „als Untermieter“ in die Kunsthalle eingezogen ist. Die mit vielen Blumen verzierten Schränke gehörten im 19. Jahrhundert zur Mitgift wohlhabender Schwarzwälder Bauernfamilien. Liebe spielte damals bei den Hochzeiten wohl kaum eine Rolle. Und deswegen hat das Künstlerpaar Petrit Halilaj und Alvaro Urbano – als Kontrapunkt und Zeichen seiner Liebe – zwei riesige Blumen gestaltet, die jetzt im großen Saal über den Schränken schweben. KONTRAPUNKT VON ALT UND NEU Ein Beispiel dafür, wie diese Ausstellung funktioniert: Alte kulturhistorische Objekte werden von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern neu befragt und regen zu neuen Arbeiten an, erklärt Kuratorin Christina Lehnert. Die norwegische Künstlerin Sissel Tolaas hat sich zum Beispiel das sogenannte „Dorotheen-Fenster“ von Hans Baldung Grien ausgesucht. Laut der christlichen Heiligenlegende wurde der heidnische Bräutigam von Dorothea durch himmlischen Blütenduft zum Christentum bekehrt. Sissel Tolaas forscht schon lange zu Gerüchen und kreierte eigens einen passenden Blumenduft zur Dorotheenlegende, der in der Ausstellung aus kleinen weißen Sitzhockern strömt. TRAUERNDE MARIENFIGUR, NEU INTERPRETIERT Auch die Künstlerin Ketuta Alexi-Meskhicvilli hat sich ein christliches Kunstwerk ausgesucht: „Es ist eine Holzskulptur aus dem späten 14. Jahrhundert. Eine Pietà. Also Maria, die den toten Körper ihres Sohnes, Jesus, in den Armen hält und betrauert. Aber Maria trägt hier nicht, wie sonst meist üblich, einen blauen Umhang über dem Kopf, sondern einen weißen mit vielen roten Rosen und Tulpen, wie als Symbol der Liebe und des Lebens. Obwohl es eine Todesszene ist, glaube ich, dass hier eine gewisse Hoffnung drinsteckt.“ An das Gefühl der Hoffnung und der Trauer konnte die georgische Künstlerin gut anknüpfen. Denn seitdem sowjetische Truppen im Frühling 1989 friedliche Proteste in Tiflis blutig niedergeschlagen haben, gelten dort rote Tulpen als Symbol des Widerstands. Ketuta Alexi-Meskhicvilli hat deswegen neben die spätmittelalterliche Pietà ihre experimentellen Fotoarbeiten mit Tulpenmotiven gehängt. BLUMENBOUQUETS INTERNATIONALER KONFERENZEN Dass die Sprache der Blumen auch diplomatisch genutzt werden kann, greift die US-amerikanische Künstlerin Taryn Simon auf. Sie reinszeniert in ihren Fotoarbeiten Blumenbouquets, die internationale Konferenzen schmückten. Sie dechiffriert die Symbolik der Farben, die sich oft an Nationalflaggen orientiert oder an der Auswahl der Blumenarten, die in den Ländern der Gäste wachsen. Ihren Arbeiten gegenüber hängt eine prachtvoll mit Blumen und Kronen bestickte Seidendecke aus dem Schloss der badischen Herrscherfamilie. HISTORISCHE KUNST IN EIN NEUES LICHT GERÜCKT Museumsdirektor Eckart Köhne sieht die Sammlung aus dem Badischen Landesmuseum nicht nur als Inspirationsquelle für aktuelle Kunst. Die historischen Objekte würden durch die Ausstellung in ein anderes Licht gerückt und aufgewertet werden: „… Die Objekte sind auch ästhetisch ganz anders wahrnehmbar … Es tut den Objekten wirklich gut, mal so gesehen zu werden.“ DER DIALOG ZWISCHEN ALT UND NEU FUNKTIONIERT NICHT IMMER Doch nicht alle neun Dialogräume funktionieren gleich gut, oft ist der Bezug zu lose oder zu gewollt. Und ein ganz wichtiger Aspekt, nämlich der, dass Blumen, die bei uns in den Vasen landen, meist unter extrem gesundheits- und umweltschädlichen Bedingungen gezüchtet und um die halbe Welt geflogen werden, fehlt leider ganz. Alles in allem aber ein interessantes Experiment. Diesmal hat der Dialog zwischen alt und neu gut funktioniert. Bei den folgenden Ausstellungen wird sich zeigen, ob das Konzept – wie geplant – dauerhaft trägt.

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Episode Theaterspektakel zum Saisonabschluss in Mannheim: Parforceritt durch die griechische Mythologie Cover

Theaterspektakel zum Saisonabschluss in Mannheim: Parforceritt durch die griechische Mythologie

RIESIGE COLLAGE VON KOMÖDIEN, TRAGÖDIEN UND SAGEN In dieser Inszenierung treten wirklich alle auf: Perseus und die Erinnyen, Ödipus und Medea, Herakles und Aphrodite, Elektra, Odysseus,  und und und … „Kampf der Titanen“ ist eine riesige Collage, ein Mashup, eigentlich ein Parforceritt durch die gesamte griechische Mythologie. Das heißt, wir beschäftigen uns nicht nur mit den Komödien und Tragödien der antiken Autoren, sondern auch mit den griechischen Sagen“, so Olivia Ebert, Dramaturgin am Nationaltheater Mannheim. Verhandelt wird das Menschsein an sich, die ewige Verstrickung von Liebe und Hass, die ewigen Kämpfe um Gerechtigkeit und Rache. Doch auch wenn viele Textpassagen aus Klassikern stammen: Was in Mannheim über die Bühne geht, will weniger tiefschürfende Inszenierung als vielmehr trashiges Spektakel sein.  Wegen der Generalsanierung des Theaters geht das Ganze in der derzeitigen Ersatzspielstätte für das Schauspiel, dem Alten Kino Franklin, über die Bühne. KOSTÜM UND BÜHNENBILD ZU 90 PROZENT RECYCELT Der Kampf zwischen Patroklos und Hektor etwa wirkt wie eine Slowmotion-Szene aus einem Comic – Vorbild ist hier der 80er-Jahre-Trickfilmklassiker „Clash of the Titans“ – die Götter leben in einer WG und haben coole Sprüche auf den Lippen. Die Kostüme reichen von klassisch bis schräg und dem Bühnenbild haftet etwas Improvisiertes an. Olivia Ebert: „Das Besondere ist auch, dass Kostüm und Bühnenbild zu 90 Prozent recycelt sind, die Künstler sind durch den Fundus gegangen, es werden alte Opern-Bühnenbilder verwendet, alles ist cyanblau und magentapink angemalt, so eine sehr fantasievolle Interpretation von Antike.“ Eine weitere Besonderheit: Das Publikum soll hier nicht die ganze Zeit sitzen bleiben, sondern kann aufstehen, herumwandern und Pausen nach Belieben machen. Eine Art Box-Ring bildet die zentrale Bühne. Hier geht es etwas konzentrierter um die drei Tragödien Bakchen, Ödipus, Antigone. THEATER ALS EIN FEST ZU EHREN VON DIONYSOS, DEM GOTT DES RAUSCHES Ansonsten passiert vieles gleichzeitig in den Rauminstallationen hinter der Bühne: einem Käfig für Prometheus, einem Auto für die Irrfahrten des Odysseus, einer Kammer, in der Kassandra für das Publikum Tarotkarten legt. Die Dauer des Ganzen: vier Stunden in der kurzen und sechs Stunden in der sogenannten „Extended Version“.  Vielstündige Antikeninszenierungen haben in den letzten Jahren in anderen Städten für große Furore gesorgt: Dionysos in München und Anthropolis in Hamburg. Mannheim will es wilder und popkultureller machen, aber auch hier geht es um den Bezug zur Antike und die Anfänge der Demokratie.   Olivia Ebert: „Das interessiert natürlich immer wieder, dass in der Antike die Theaterstücke ja als Wettbewerb und mehrtägiges Fest gezeigt wurden, eingebettet in eine Feier zu Ehren von Dionysos. Und Dionysos ist der Gott des Rausches, der Ekstase und des Theaters.“

10. Juli 20263 min
Episode Künstliche Intelligenz kein Therapie-Ersatz –Freiburger Psychologe: „KI kann nur die Illusion von Empathie erzeugen“ Cover

Künstliche Intelligenz kein Therapie-Ersatz –Freiburger Psychologe: „KI kann nur die Illusion von Empathie erzeugen“

Therapie-Plätze werden weniger, Psychotherapeuten verdienen weniger – und der Bedarf an Hilfe in psychischen Krisen wächst zunehmend. Insofern ist es nur logisch, dass in vielen Fällen auch Künstliche Intelligenz als Hilfe in Anspruch genommen wird, erklärt Dr. Tobias Kleinert vom Lehrstuhl für Biologische Psychologie an der Uni Freiburg im Gespräch mit SWR Kultur. Aber: „Menschliche Seelsorger können wahrhaftig und wirklich nachempfinden, was wir fühlen.“ Das könne eine KI nur imitieren. Es wäre ein großer Fehler, menschliche Therapie durch künstliche Therapie zu ersetzen, so Tobias Kleinert: „Die KI hat keine Psychotherapie-Ausbildung“. Hunderte Experten beraten ab 8. Juli beim 23. Weltkongress der Telefonseelsorge in Budapest unter dem Motto „The human touch“ darüber, wie KI sinnvoll in der Telefonseelsorge eingesetzt werden kann.

10. Juli 20267 min
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Georg-Büchner-Preis 2026 für Christine Wunnicke: Eine gute Wahl?

GEORG-BÜCHNER-PREIS GEHT AN AUTORIN CHRISTINE WUNNICKE Es ist mit dem Büchner-Preis wie mit allen großen Preisen: Stets gibt es mehr geeignete Kandidatinnen und Kandidaten, die schon längst einen Preis verdient gehabt hätten, als es Auszeichnungen gibt. Der mit 50.000 Euro dotierte Büchner-Preis, den die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vergibt, gilt nach wie vor als die bedeutendste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum.  EINE ÜBERRASCHUNG, KEINE ÜBERRASCHUNG? Dass er am 24. Oktober an die 1966 in München geborene Schriftstellerin Christine Wunnicke überreicht werden wird, ist so gesehen eine Überraschung und dann doch auch wieder nicht. Die Akademie hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder für eher am Rand des Literaturbetriebs stehende Preisträgerinnen und Preisträger entschieden; man denke nur an den in seinem Schreiben auf den ersten Blick nahezu unverständlichen Oswald Egger [https://www.swr.de/kultur/literatur/oswald-egger-oskar-fiala-und-das-prinzip-der-kleinsten-wirkung-100.html].  TEXTE WIE KUNSTHANDWERK Das trifft auf Christine Wunnicke, die Büchner-Preisträgerin des Jahres 2026, nicht zu. Leicht zugänglich sind ihre stets schmalen und fein konzipierten Romane dennoch nicht. Genauer gesagt: Unter der Oberfläche gibt es stets ein großes System aus Referenzen, Verweisen und Anspielungen. Christine Wunnicke ist eine Autorin mit einer großen Anhängerschaft in den Feuilletons:  Für ihren Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ wurde sie 2020 bereits mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Eher skeptische Leser ihrer Bücher wittern in den fein ziselierten Wunnicke-Texten gelegentlich eine Nähe zum Kunsthandwerk.  BLICK FÜR DAS ABSEITIGE Aber: Wunnicke hat einen Blick für das Abseitige. Auch ihr letzter Roman „Wachs“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-03-03b-102.html], mit dem sie im vergangenen Jahr auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, spielt im 18. Jahrhundert.  Marie Marguerite Bihéron ist die reale Hauptfigur des Romans. Geboren 1719 in Paris als Tochter eines Apothekers, studierte sie Illustration, begann aber bereits in sehr jungen Jahren, sich mit Anatomie zu beschäftigen und Leichen zu sezieren.  Bihéron entwickelte in der Technik von Wachsmodellationen von Organen und Körpern ein Können, das sie zur Künstlerin machte.  ERFUNDENE FAKTEN Christine Wunnicke, die ausgesprochen öffentlichkeitsscheu ist, wehrt sich gegen die Zuschreibung, eine Verfasserin historischer Romane zu sein. Man könne ihr nichts von alldem glauben, was sie in ihre Bücher hineinschreibe, sagte sie in einem ihrer seltenen Interviews.  [https://www.swr.de/kultur/musik/gast-im-studio-die-schriftstellerin-christine-wunnicke-treffpunkt-musik-2026-03-07-100.html] Die Auszeichnung mit dem Büchner-Preis ist auch in dieser Hinsicht ein klares Statement gegen literarische Trends und Moden, allen voran die der Autofiktion. Bei dieser Preisträgerin sind – in der Literatur ist alles erlaubt – selbst die vermeintlichen Fakten erfunden.

10. Juli 20262 min