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Josephine Johnsons „Ein Jahr in der Natur"
Josephine Johnson hatte die US-Literaturszene beeindruckt: Mit 24 schon hatte sie für ihr Romandebüt den Pulitzer-Preis erhalten, im Jahre 1935. 30 Jahre später wiederum hatte sie sich mit ihrer Familie aufs Land zurückgezogen: auf eine riesige Farm in der Einsamkeit des Mittleren Westens. Und gerade in jener Epoche, in der man an den unaufhaltsamen technischen Fortschritt und die unerschöpflichen Ressourcen glaubte, schrieb Josephine Johnson dort ein Buch, das seiner Zeit weit voraus war. MIT DER NATUR DURCH EIN JAHR Ein Jahr in der Natur – so also der deutsche Titel – versammelt minuziöse Beobachtungen von Flora und Fauna. Josephine Johnson erzählt chronologisch: für jeden Monat des Jahres ein Kapitel. Im Juni beispielsweise hat sie sich in den hintersten Winkel ihrer Ländereien begeben: > An einem Sommermorgen dort oben sind die fernen Berge blau, die Luft ist warm und diesig, voll weißer und gelber Schmetterlinge, die kurz auftauchen und dann wieder weg sind, wie Wolkenfetzen. [...] Diese unverschämten Farben sind wunderschön und harmonisch im Sonnenlicht. Die hohen samentragenden Gräser am Rand der Lichtung biegen sich auf einmal unter dem Gewicht eines Distelfinken, der Samen sammelt, oder eines Indigofinken, dessen Blau keiner anderen Farbe auf Erden gleicht – das seltenste, juwelenähnliche Blau, als käme ein wilder Edelstein auf Flügeln vorbei. > > > Quelle: Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur In diesem Sinne führt das Buch durch die Jahreszeiten: mit einer Fülle kleiner Erlebnisse in und mit der Natur. > Der Gedanke, dass all dieses unbekannte kreatürliche Leben hier wieder und wieder vorbeikommt, erzeugt ein seltsam traumgleiches Gefühl der Verzauberung. Es ist der Keim von Märchen, die Suche nach verlorenen Tälern. Zeitlose Inseln in der Welt der Zeit. Entweder sollte ich nie mehr fortgehen oder nicht mehr zurückkehren. > > > Quelle: Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur PAZIFISTIN AUF DER HÖHE DER ZEIT Die Menschen, zu denen Johnson hier so entschieden auf Distanz gegangen ist, überziehen gerade Vietnam mit einem mörderischen Krieg. Was dort geschieht, wühlt die Autorin auf, und sie profiliert sich als entschiedene Pazifistin. Zugleich proklamiert sie ein Denken, wie es in der breiten Gesellschaft erst fünfzehn Jahre später Fuß fassen wird: > Es sollte überall Parks mit viel Grün geben. Dies ist eine irrsinnige Welt aus Straßen und Betonblöcken, und die Menschen halten es an dem Ort, an dem sie sind, nicht mehr aus, weil sie ihn zerstört haben [...]. Es sollte Parks für die Menschen geben und Wälder für die Tiere, solange für beide auf der Erde noch genügend Platz ist und Zeit. > > > Quelle: Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur GESCHMACKVOLLE BUCHEDITION All dies ist festgehalten in einem liebevoll aufgemachten Buch, dem auch die gekonnten Illustrationen der Kanadierin Andrea Wan Atmosphäre verleihen. Nur auf den ersten Blick entwirft das Buch eine Szenerie der Stille und Beschaulichkeit - unter der Oberfläche brodelt es. Mitunter erinnert Johnsons Duktus durchaus an die Großstadtszenerie von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Dann wieder springen Parallelen zum alttestamentlichen Psalm 104 ins Auge: dort wie hier entsteht aus einer Fülle von Natureindrücken Schlag auf Schlag eine eindringliche Liebeserklärung an die Schöpfung. Dem Schöpfer-Gott begegnet auch Josephine Johnson hier an mehreren Stellen – sie wird allerdings nicht fertig damit, dass ihre Landsleute in Vietnam gerade den gleichen Fehler begehen wie die barbarischen Kreuzfahrer des Mittelalters - und die Botschaft der Liebe ins brutale Gegenteil verdrehen. So verharrt Johnson am Ende des Jahres in der Einsamkeit Ohios. Über das Plädoyer für eine neue Achtung vor der Natur hinaus findet ihr Buch keine rechten Antworten – immerhin bildet es eine berührende Liebeserklärung.
Über guten Journalismus in schwierigen Zeiten
Katrin Eigendorf hat eine klassische Journalismus-Karriere hinter sich: Nach dem Abi Praktikum bei einer Lokalredaktion, danach Journalismus-Studium. Mit einem Stipendium dann der erste Auslandsaufenthalt: Sie geht 1986 nach Paris, und der damalige ARD-Korrespondent Ulrich Wickert schickt sie gleich als Producerin für einen Film über Migration nach Südfrankreich und lässt sie erste Berichte drehen. Danach schreibt sie ihre Diplomarbeit, in der sie sich mit der Arbeit von Auslandskorrespondenten auseinandersetzt, und ihr damaliges Fazit gilt für sie immer noch: > Es hängt entscheidend von der Sichtweise und den Einstellungen, von Sensibilität und Einfühlungsvermögen des Korrespondenten ab, welches Bild der Welt der Zuschauer vermittelt bekommt. Er prägt immer noch das Weltbild von Millionen, deren Einschätzungsvermögen und Vorurteile. Denn der Zuschauer erkennt nur selten, dass Berichte aus dem Ausland das individuelle Produkt eines Menschen und nicht das objektive Abbild der Realität sind. Hier wird die Macht des Korrespondenten deutlich. > > > Quelle: Katrin Eigendorf – Erzählen was ist DER JOURNALIST ALS PROFESSIONELLER AUGENZEUGE Zunächst arbeitet sie in Russland für verschiedene Printmedien, bis sie später zum ZDF wechselt und als Krisen- und Kriegsberichterstatterin unterwegs ist. Ihr geht es dabei um Politik, aber immer auch um deren Auswirkungen auf die Menschen. Sie will – wie der Buchtitel ankündigt – „erzählen, was ist“: > Ein guter Journalist ist jemand, der seine Perspektive reflektiert, Empathie zeigt und Verantwortung übernimmt. Ein guter Journalist ist ein professioneller Augenzeuge. Einer, der zeigt, was ist – und es überprüft, einordnet. Journalismus ist der Wahrheit verpflichtet, nicht der Objektivität, denn die gibt es nicht. > > > Quelle: Katrin Eigendorf – Erzählen was ist ERZÄHLEN VON MENSCHEN IM KAMPF UM FREIHEIT In diesem Sinne berichtet sie aus dem Ukrainekrieg, aus Gaza oder aus Afghanistan, obwohl ihr das gelegentlich die Kritik einträgt, nicht genügend Distanz zu wahren. Ihr Anliegen ist es, von Menschen zu erzählen, die unter hohem Risiko für ihre Freiheit eintreten. Ihre Schilderungen etwa, wie sich die Situation der Frauen im Afghanistan der Taliban immer weiter verschlechterte, gehen unter die Haut – wie alle ihre scheinbar kleinen, lebendig erzählten Geschichten, die aber so gut ausgewählt sind, dass sie für das große Ganze stehen. Wenn sie sich etwa im Untergrund mit einer Gruppe afghanischer Frauen trifft, die versuchen, Widerstand zu leisten, sagt das viel über die Zustände im Land: > Öffentliche Demonstrationen sind zu gefährlich geworden. Wenn sie geplant sind, riskieren die Frauen, verhaftet oder von den Taliban brutal zusammengeschlagen zu werden. Manche der Anwesenden plädieren für spontane Aktionen – kleine Gruppen, die plötzlich auf der Straße auftauchen, Forderungen rufen, bevor sie ebenso schnell wieder verschwinden. Andere fürchten, selbst das sei zu riskant. Und dann wird im Gespräch klar, sie haben nicht nur Angst vor den Schlägertrupps der Taliban, sondern auch vor ihren Familien. > > > Quelle: Katrin Eigendorf – Erzählen was ist EIN LESENSWERTES PLÄDOYER FÜR MUTIGEN JOURNALISMUS Inzwischen kann Katrin Eigendorf nicht mehr aus Afghanistan berichten, da die Taliban keine kritischen Journalisten mehr ins Land lassen, und Frauen erst recht nicht. Eigendorf liefert in ihrem Buch immer auch Hintergründe. So schildert sie kurz, aber prägnant die geschichtlichen Wurzeln der Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern oder sie stellt dar, wie der Westen, auch Deutschland, den Expansionswillen Russlands viel zu lange ausgeblendet hat. Und sie liefert Beispiele, wie Russlands Propaganda in Deutschland immer wieder versucht, das Vertrauen in journalistische Berichterstattung zu untergraben. Ihr spannungsreiches Buch ist ein lesenswertes Plädoyer – für mutigen Journalismus, der Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit verpflichtet ist.
Mit neuen Büchern von Mirna Funk, Barbara Honigmann und Denis Pfabe
Neue Bücher von Mirna Funk, Barbara Honigmann und Denis Pfabe. Außerdem feiern wir E.T.A. Hoffmanns 250. Geburtstag, diskutieren über die neue Verfilmung von „Wuthering Heights“ und sprechen mit Deniz Yücel über Heimat.
Denis Pfabe – Die Möglichkeit einer Ordnung
Wenn Friedrich Merz gerade findet: Der Krankenstand in Deutschland ist zu hoch - dann ist er wieder einmal sehr weit weg von den Leuten, für die es beim Arbeiten nicht um den Standort Deutschland geht. Sondern darum, es bis ans Ende der Woche zu schaffen. Bis zum Urlaub oder bis zur Rente. Leute, die manchmal krank sind und manchmal nicht. Für die Arbeit langweilig ist. Und überfordernd zugleich. Etwas wo man durch muss – wie durch einen stetigen Nieselregen. Dem Baumarkt-Mitarbeiter Levin Watermeyer zumindest geht es an manchen Tagen so: > (…) Vielleicht war es ganz gut, dass die Leute hier nichts fragten, denn er hätte auf die Frage „was denn los sei“, keine wirkliche Antwort parat gehabt. Bloß ein taubes Gefühl, das stumpf in ihm waberte, dass er sich selbst nicht erklären konnte. (…) In den letzten Tagen beispielsweise fiel es ihm schwer, sich von dem Gefühl zu befreien, dass seine Arbeitsweste ihn kleiner machte. Sie zog ihn herunter, machte mit ihrem Gewicht seinen Buckel krumm, und er spürte, dass er, wenn er sie abends auszog, ein paar Schritte benötigte, um zu seiner eigentlichen Größe zurückzukehren. > > > Quelle: Denis Pfabe – Die Möglichkeit einer Ordnung Levin Watermeyer hat ein eher taktisches Verhältnis zur Arbeit. Einerseits nimmt er im Jahr nur eine Woche Urlaub. Und: Watermeyer - der Protagonist in Denis Pfabes Roman „Die Möglichkeit einer Ordnung – er arbeitet wortwörtlich, bis er eines Tages umfällt. Andererseits: entdeckt Watermeyer auf der riesigen Verkaufsfläche seines Baumarkts einen Kunden, dann geht er diesem konsequent aus dem Weg. „Das ist die Kunst des Kunden-Karate, die die Kollegen, die länger dort sind, gemeistert haben", erklärt Autor Denis Pfabe im Interview. „Das heißt, dass eigentlich alle sehr, sehr gut darin sind, den Hauptkontakt mit dem Kunden erst mal aus dem Weg zu gehen. Wir haben keine Zeit, wir sind im Umbau. Da hinten, ja, der Kollege kommt gleich und man sagt gar keinem Bescheid." Denis Pfabe kennt den Backstage-Bereich eines Baumarkts aus eigener Erfahrung. Zehn Jahre lang arbeitete er dort als Gabelstapelfahrer. Und erst nachdem er 2024 beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt gelesen hatte und sein Text den Deutschlandfunk-Preis [https://www.swr.de/kultur/literatur/wettlesen-am-woerthersee-sondersendung-aus-klagenfurt-zu-den-48-tagen-der-deutschsprachigen-literatur-lesenswert-magazin-2024-06-30-100.html]erhielt, nahm er sich eine Auszeit und schrieb den Roman „Die Möglichkeit einer Ordnung“. DIE SCHÖNHEIT DES SCHRAUBEN-VERKAUFS Diese Entwicklung liest sich wie eine Befreiung. Danach als sei hier der Autor selbst ans Ende seiner Heldenreise gelangt, von ganz unten ins Bildungsbürgertum. Jedoch: Genau diese Hierarchie zwischen Maloche und Muse, zwischen Literatur und Baumarkt sieht Pfabe gar nicht. Schrauben verkaufen – das habe eine eigene Schönheit. „Wenn man sich mit weniger greifbaren Dingen den ganzen Tag beschäftigt, also sprich Texte, Konzepte, Entwicklung von Ideen, alle Dinge, die man am Ende des Tages nicht anfassen kann – da war es einfach wahnsinnig befriedigend, in den ersten Wochen auch einfach maximale Problemlösungskapazität zu haben. Entschuldigen Sie, wo steht der blaue Farblack? Kommen Sie mit. Hier, Dose in die Hand geben. Super, vielen Dank. Und das war so diese Instant-Gratifikation. Die Leute sind ja wirklich auch dann dankbar. Man hat ihnen ein klein wenig geholfen. Und das hast du dann 10, 20, 30, am Samstag 90 Mal teilweise dieses Gefühl." Auch Pfabes Protagonist Watermeyer kennt dieses Gefühl – aber eben auch die Leere danach und dazwischen. Und natürlich den Stress, der in seiner Gartenabteilung ausbricht, sobald ab Mitte April das ganze Land bei ihm die Ausstattung für den Sommer einkaufen will: > Gefühlt von einem auf den anderen Tag verschob sich nun das Kundencluster im Markt; das Hauptgebäude ebbte aus, und im Garten brach die Hölle los. Watermeyer verabscheute diese Zeit, in der die Kundenprospekte dicker wurden, der Seitenanteil für seine Abteilung mit jeder Werbung stieg. Der Kunde sollte sich ab jetzt darauf konzentrieren, sein Geld für den Garten auszugeben: für den Rasen, die Terrasse, den Pavillon, die Möbel, und so wie die Lebkuchen im Oktober durfte auch der dümmste Artikel für den deutschen Sommer ab Mitte April nicht früh genug bildstark (…) angepriesen werden: der Aufstellpool. Dieses (…) Statussymbol des Proletariats, das sich zwölf Quadratmeter Garten erarbeitet hatte. > > > Quelle: Denis Pfabe – Die Möglichkeit einer Ordnung Schreiben über das Leben dieses Proletariats – über die sogenannten „kleinen Leute“, die schlecht Angestellten, über die gerade-noch-nicht-Arbeitslosen und die, die es schon sind – das macht Denis Pfabe nicht als Erster. Christian Baron hat es getan, Didier Eribon in Frankreich – ja, auch JD Vance hat als Autor versucht, diese Menschen zu beschreiben, die nicht zu den US-Eliten gehören. Um dann ihren Frust für die rechte Politik Trumps zu nutzen. KEIN BUCH ÜBER POPULISMUS UND POLITIK Es wäre also für Denis Pfabe leicht gewesen, die Welt des Baumarkts entlang von politischen Fragen zu erzählen – aber es gehört zu den Vorzügen seines Romans, dass es hier kaum um Politik geht. Eher darum, dass Politik egal ist. Schließlich muss man ja arbeiten und hat dafür keine Zeit. „Ich habe mich zehn Jahre lang in diesem Sujet nicht bewegt als recherchierender Autor, sondern das war mein Leben. Ich musste dort dieses Geld auch tatsächlich verdienen, um meine Miete zu bezahlen, weil ich von den Büchern nicht leben konnte. Das heißt, es ist eine echte Realität von mir. Die Einordnung oder den Diskurs, das ist nicht meine Aufgabe, das interessiert mich nicht." Zentrales Thema in diesem Roman ist die Einsamkeit aller Protagonisten – und die Virtualität ihrer Beziehungen. Vor allem die sexuellen Beziehungen sind meist: virtuell. Levin Watermeyer schläft als Only-Fan-Kunde kaum noch und verdämmert Porno-swipend manche Schicht. Seine Kollegin Pina, eine ehemalige Kunstgeschichtsstudentin, verarbeitet zwischen Paletten und Unterlegschrauben eine gerade beendete Sexting-Affäre. Nur ereignet sich diese Pornografie fast immer auf einsamen Bildschirmen. Die Begierde, sie ist bei Denis Pfabe keine grenzüberschreitende Kraft, sie wirkt eingehegt wie Zahlen in Excel-Tabellen. SEX NUR AUF BILDSCHIRMEN Einmal begegnet Watermeyer einer Porno-Darstellerin als Kundin im Baumarkt – zumindest die Idee einer realen Begegnung liegt hier für einen Augenblick nahe. Und vergeht dann rasch. > Nie wieder würden sie sich begegnen. Das wusste er. Das kannte er. In zehn Minuten würde er die Details ihrer Begegnung vergessen haben, so wie bei allen anderen. Die Halbwertszeit der sozialen Interaktionen war über die Jahre so stramm trainiert; nichts blieb, nichts verfing. Noch eine halbe Stunde, dann Mittagspause. > > > Quelle: Denis Pfabe – Die Möglichkeit einer Ordnung „Also eigentlich ist aller Sex, der dort funktioniert, ist immer auch einerseits durch eine Pforte getrennt, also das kann teilweise eine tatsächliche Paywall sein, immer eine Digitalisierung da drin. Das, was ich erzählen wollte ist halt genau diese Barriere, die da eingezogen wird. Sex hat immer auch etwas nah mit Konsum, mit Ware, mit Austausch, mit Geben und Nehmen zu tun. Und das passt für mich sehr in das Thema natürlich, wo der Text aufgebaut ist, in dieser sehr zunehmenden, schneller werdenden, digitalisierten Konsumwelt. " Die Routinen dieser Konsumwelt und die Zurichtung der Menschen, die hier kaufen und verkaufen – sie zeigt Denis Pfabe sehr gelungen, beiläufig treffen in „Die Möglichkeit einer Ordnung“ Tristesse und Komik aufeinander. Nach dem Lesen würde man gern nie wieder einen Baumarkt betreten – aber leider fehlt ja immer irgendeine Schraube oder eine Glühbirne.
Liebe, Moor und ein bisschen BDSM: Warum „Sturmhöhe“ im Kino sexy sein muss
VERSCHWITZER MÄNNERRÜCKEN UND LÜSTERNE BLICKE Cathrine blickt in die Kamera. Ein verschwitzter, nackter Männerrücken. Heathcliff, oberkörperfrei mit Sixpack. Lustvoll verzogene, schöne Gesichter. Extreme Nahaufnahmen von Haut, Fingern in Mündern. Dazwischen Puppen, Peitschenhiebe, Sex und Erotik auf Hochglanz. So hat das Emily Brontë aber nicht geschrieben, kommentiert eine Userin auf Instagram. Die neu angekündigte Verfilmung von „Wuthering Heights“, also Emily Brontës „Sturmhöhe“, spaltet das Netz. Kaum war der Trailer veröffentlicht, ging es in Youtube- und Social Media Videos und in Kommentarspalten um die Besetzung der Hauptdarsteller und Hauptdarstellerin, um die Kostüme, kurz: um die falsch verstandene Adaption der Romanvorlage. Ein Literaturklassiker, so der implizite Vorwurf, werde hier verraten. EXTREME EMOTIONEN IN YORKSHIRE „Wuthering Heights“ ist kein neutraler Stoff. Emily Brontës Roman gehört zu jenen Büchern, die weniger gelesen als erlebt werden. Heathcliff und Catherine sind Projektionsflächen für extreme Emotionen. Die Lesarten des Stoffes sind ganz unterschiedlich. Oder, wie es Schriftstellerin Siri Hustvedt in ihrem Essay „Vom Rätsel des Lesens“ formuliert: > Literatur über ‚Sturmhöhe‘ gibt es im Überfluss, und ihre Inkohärenz ist frappierend. > > > Quelle: Siri Hustvedt: Vom Rätsel des Lesens, in: Mütter, Väter und Täter GROSSE GEFÜHLE ZU ELECTRO-POP Begleitet wird die moderne Neuinterpretation von „Wuthering Heights“ von einem Soundtrack, der sehr eindeutig im 21. Jahrhundert verortet ist. Popsternchen Charli XCX [https://www.swr.de/kultur/literatur/drei-buecher-fuer-den-brat-summer-neongruener-tiktok-trend-100.html] untermalt die Szenen auf den Yorkshire-Landsitzen mit elektronischen Beats. „I can’t say, I’m surprised, but I’m still disappointed,” meint eine Youtuberin zum Trailer. Diese Reaktionen haben auch mit der Handlung des Romans selbst zu tun. DARUM GEHT ES IN „STURMHÖHE“ Kurz zur Erinnerung: „Sturmhöhe“ erzählt von Heathcliff, einem Findelkind, das von Mr. Earnshaw aufgenommen wird, aber nie wirklich dazugehört. Er wächst gemeinsam mit Catherine auf, verbunden durch eine radikale, fast symbiotische Nähe. Diese Nähe hat keinen Platz in der sozialen Ordnung. Catherine entscheidet sich für eine standesgemäße Ehe. Heathcliff verschwindet – und kehrt zurück, reich, verbittert und rachsüchtig. Was folgt, ist kein Liebesdrama, sondern Vergeltung, voller Gewalt und der Weitergabe der Rachegeschichte an die nächste Generation. Oder, zugespitzt, meint Siri Hustvedt [https://www.swr.de/kultur/literatur/familien-geister-tiere-diese-literarischen-highlights-erwarten-uns-2026-102.html]: > Plurale Lesarten sind bei jedem Text unvermeidlich, aber dieses spezielle Buch gleicht einer Bombe, die, von seinen Lesern gezündet, explodiert und tausend Fetzen in alle Richtungen fliegen lässt.“ > > > Quelle: Siri Hustvedt: Vom Rätsel des Lesens, in: Mütter, Väter und Täter MITHU SANYAL: „ICH FAND ES TOTAL SUPER" Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und Emily Brontë-Expertin Mithu Sanyal [https://www.swr.de/swrkultur/programm/politics-whats-love-got-to-do-with-it-swr2-essay-2023-03-26-100.html] hat den neuen Film-Trailer mehrfach gesehen: „Ich muss sagen, ich war ja eher begeistert. Ich fand es total super, weil wenn man versucht, dieses Buch zu nah am Buch zu verfilmen, geht es schief. Ich glaube, es ist überhaupt nicht möglich, einen Roman wie Wuthering Heights zu verfilmen.“ Der Roman aus dem Jahr 1847 sei, so Sanyal, erstaunlich postmodern. Dieselbe Geschichte wird immer wieder erzählt, aus unterschiedlichen Perspektiven, mit einer enormen Dichte an Erzählsträngen. Frühere Verfilmungen zeigen das Dilemma: Oft funktioniert die erste Hälfte, während die zweite nicht mehr trägt oder gleich ganz fehlt. RASSISMUS IST ZENTRALES THEMA BEI BRONTË Besonders hitzig wird derzeit über die Besetzung gestritten. Heathcliff wird diesmal von Jacob Elordi gespielt, einem weißen Schauspieler. Dabei ist die Romanvorlage erstaunlich eindeutig, weiß Sanyal: „Emily Brontë schreibt, Heathcliff ist schwarz, er ist schwarz, er ist schwarz und weil er so schwarz ist, ist er nicht wie wir. Also auf jeder Seite in diesem Buch steht schwarz.“ Was das in Großbritannien im 19. Jahrhundert bedeuteten konnte: indisch-stämmig, Sinti und Roma oder sichtbarer Migrationshintergrund. Aber relativ klar ist: Heathcliff ist bei Brontë nicht weiß. Rassismus ist kein Randthema, sondern ein zentrales Strukturmoment des Romans. Dass diese Dimension nun wieder verschwindet, empfindet Sanyal als Rückschritt, auch wenn sie zugleich betont: „Adaption heißt halt eben auch nicht, es ist einfach die visuelle Umsetzung, sondern es ist immer eine Verwandlung, es ist immer etwas Neues, es ist ein komplett anderes Medium und da dürfen wir uns natürlich Freiheiten nehmen.“ „STURMHÖHE": EINE LIEBESGESCHICHTE? Und dann dieser Satz im Trailer: Wuthering Heights: The greatest love story of all time: Viele Leserinnen und Leser widersprechen empört. „Sturmhöhe“ sei kein Liebesroman. „Dass es um Liebe geht zwischen Heathcliff und Cathy, das würde ich sagen, absolut", weiß Mithu Sanyal. „Das Zerstörerische ist ja nicht, wie sie beide miteinander umgehen, sondern das Zerstörerische ist ja, dass es eine Gesellschaft gibt, die diese Liebe verbieten möchte.“ Problematisch wird es dort, wo Heathcliff zum romantischen Helden stilisiert wird. „Er ist in seiner Ehe, also er heiratet dann ja in dem Buch Isabella Linton und da ist er ein wirklich missbräuchlicher, gewaltsamer und auch psychisch gewaltsamer Ehemann.“ GESCHICHTEN EXISTIEREN IN UNSEREM KOLLEKTIVEN GEDÄCHTNIS Klassiker taugen schlecht als lebenspraktische Ratgeber. Müssen sie auch gar nicht. „Wenn Bücher sehr häufig adaptiert worden sind, haben sie ja irgendwann ein Eigenleben. Dann ist es eben nicht mehr das Buch, sondern dann ist es halt, wie in unserem kollektiven Gedächtnis existiert, eine weitere Version dieses Buches.“ Warum aber eignen sich gerade solche Stoffe so sehr für immer neue, freie, oft sehr sinnliche Adaptionen? Warum „Sturmhöhe“? „Dieser Roman, obwohl es halt keine explizite Sexszene darin gibt, hat ja ein ganz hohes erotisches Potenzial,“ findet die Schriftstellerin. LITERATURVERFILMUNGEN SIND SEXY Ein auffälliger Trend: Klassikerverfilmungen der Gegenwart sind körperlich, oft auffallend erotisch. Gerade in den Kinos: Die Bestseller-Verfilmung „Hamnet“, traurig – aber sexy. [https://www.swr.de/kultur/filme-und-serien/trauer-um-den-toten-sohn-in-hamnet-erzaehlt-chloe-zhao-von-shakespeares-familie-100.html] Oder: „Hedda“, eine moderne Neuinterpretation mit lesbischer Liebesgeschichte von Henrik Ibsens Stück „Hedda Gabler“ auf Amazon Prime. „Ich als Schriftstellerin hatte ja immer das riesige Problem, dass es zu wenig Sex, also expliziten Sex in Literatur gibt. Also wir haben einfach Sexualität in unserem Leben. Wenn ich mir dann aber Bücher angucke, dann fehlt das. Die Leute gehen auch relativ selten aufs Klo, das stimmt auch, also es fehlen ganz, ganz viele Dinge. Aber irgendwie, warum haben wir so viele Essensszenen und so wenige Sex-Szenen?," fragt Sanyal. Und ergänzt: „Deshalb ist es wahrscheinlich eher dieses, das ist der Raum, den diese Klassiker noch bieten. Das ist ja dasselbe zum Beispiel mit Fan-Fiction, die sich ja ganz häufig an klassischen Stoffen abgearbeitet haben, also die dann Jane Austen [https://www.swr.de/kultur/gesellschaft/mehr-als-eine-gute-partie-250-jahre-jane-austen-forum-2025-12-12-100.html] weitergeschrieben haben, aber die Sex-Szenen reingeschrieben haben, die ihnen darin gefehlt haben.“ SEX SELLS - ODER? Dass genau diese Sinnlichkeit nun Widerstand erzeugt, scheint auf den ersten Blick paradox. Sex sells schließlich. Viele Leserinnen und Leser nutzten Klassiker lange als Gegenentwurf zur Popkultur. Wenn diese Texte nun selbst popfähig werden, verlieren sie ihren exklusiven Status. Vielleicht ist es also nur konsequent, dass gerade dieser Roman heute wieder provoziert. Klassiker überleben nicht, weil man sie schont, sondern weil man sich an ihnen reibt. Wenn „Sturmhöhe“ heute sexy, streitbar und polarisierend ist, folgt die Verfilmung womöglich genau dem Geist dieses Romans. Denn Liebe war bei Emily Brontë nie harmlos. Warum sollte sie es im Kino plötzlich sein?