SWR Kultur lesenswert - Literatur

Kinderbücher im Wandel

8 min · 4. Juni 2026
Episode Kinderbücher im Wandel Cover

Beschreibung

„Wer möchte eine Geschichte hören?“ In der Kita wird jeden Tag vorgelesen. Die Kinder sammeln sich um ein Buch oder wie hier vor dem Kamishibai, japanisch für „Papiertheater“, ein bühnenähnlicher Holzrahmen mit Flügeltüren, in dem großformatige Bildkarten stecken. Kinderbücher erzählen seit jeher, wie Erwachsene auf Kinder blicken – und was sie ihnen fürs Leben mitgeben wollen. Viele Kinderbuchhelden sind bis heute unsterblich: „Max und Moritz“, der Räuber Hotzenplotz, Pippi Langstrumpf, die Tigerente, das Sams. Mia kennt sie alle. Sie ist 8 Jahre alt und liest so viel, dass sie sogar ihren eigenen Podcast hat: „Mias Leseecke". Dafür ist sie gerade mit dem Deutschen Lesepreis ausgezeichnet worden. „Also im Moment taucht sehr oft Mut, Freundschaft und Umzug auch sehr oft auf, aber auch Magie“, erzählt Mia. VOM STRUWWELPETER ZUR MORALGESCHICHTE Das war nicht immer so. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sollen Kinderbücher vor allem eins: belehren. Bis 1845 – da erfindet der Arzt Heinrich Hoffmann den „Struwwelpeter“: grotesk-grausame Geschichten in Reimform, die drastische Konsequenzen für unartige Kinder zeigen. > »Konrad,« sprach die Frau Mama, »ich geh aus und du bleibst da. Und vor allem, Konrad, hör! lutsche nicht am Daumen mehr; Fort geht nun die Mutter und wupp! den Daumen in den Mund. > > > Quelle: Heinrich Hoffmann - Struwwelpeter „Bauz! da geht die Türe auf, und herein in schnellem Lauf springt der Schneider in die Stub zu dem Daumen-Lutscher-Bub. Weh! jetzt geht es klipp und klapp mit der Scher die Daumen ab, mit der großen, scharfen Scher! Hei! da schreit der Konrad sehr.“ „Der Struwwelpeter“ – ein Horror-Kinderbuch? Seit über 180 Jahren ist er nicht totzukriegen. Fortan dürfen Kinderbücher auch unterhalten. Sie vermitteln dabei aber bürgerliche Werte und starre Rollenbilder. „DER GEHEIME GARTEN“ NOCH AKTUELL Sabine Bohlmann ist eine der bekanntesten deutschen Kinderbuchautorinnen. Ihr Lieblingsbuch ist aus dieser Zeit: „Der geheime Garten“. „Es ist ja wirklich alt. 1911 ist ja schon eine Weile her“, erzählt sie. Die Geschichte, in der ein Garten einem Waisenmädchen und ihren Freunden neue Hoffnung und Heilung schenkt, ist immer noch aktuell. Denn wie damals sorgen sich heute wieder Autor:innen über den Verlust der Einheit von Mensch und Natur. „So eine Geschichte, die mich so berührt und ich habe dann schon gemerkt, dass ich ähnlich schreibe. Nur weniger düster“, sagt Bohlmann. Seit über 20 Jahren erfindet sie für den Stuttgarter Thienemann Verlag Geschichten wie „Frau Honig“, „Der kleine Siebenschläfer“ oder „Ein Mädchen namens Willow“. WIE POLITISCH DÜRFEN KINDERBÜCHER SEIN? Nach dem Zweiten Weltkrieg verändert sich das Bild vom Kind radikal. Fantasie, Freiheit und kindliche Eigenständigkeit rücken in den Mittelpunkt. Rote Zöpfe, unbändige Kräfte, keine Eltern weit und breit – so ein freches Mädchen wie Pippi hatte die Welt noch nicht gesehen. Doch viele Klassiker stehen heute in der Kritik. Begriffe und Darstellungen gelten inzwischen als diskriminierend. Verlage reagieren: Pippis Vater ist heute ein Südseekönig, Winnetou-Kinderbücher wurden aus dem Programm genommen, Illustrationen von Jim Knopf verändert. Mit dieser Debatte beschäftigt sich auch Moritz Klein vom Peter-Hammer-Verlag. „Noch bis vor einem Jahr oder zwei Jahren hätte ich sofort gesagt, ja, auf jeden Fall alles umschreiben. Man muss das einfach wahnsinnig genau von Fall zu Fall prüfen. Bei Pippi Langstrumpf würde ich sagen, auf jeden Fall umschreiben.“ Mia und ihr Papa Marc sehen das ganz anders: „Also nein, weil das ist ja dann nicht mehr das Original. Und das fänd ich schon sehr schade, weil dann lernen Kinder halt auch nicht so das Originale kennen und wie der Autor es richtig geschrieben hat.“ Und: „Ich finde es wichtig, dass Sprache angepasst wird. Sprache ist ein ständiger Wandel. Ich glaube aber, es sollte einfach Hinweise in diesen Büchern geben, wenn die neu aufgelegt werden.“ Dass Verlage und Autoren heute viel vorsichtiger geworden sind, merkt auch Sabine Bohlmann. „Jetzt ist es mittlerweile schon so, wenn ich dann meine Geschichten meiner Lektorin gebe, dass der Verlag auch schon so ganz so in einer Hab-Acht-Stellung ist und sagt im Vorfeld schon, vielleicht sollten wir das schon rauslassen und das, weil vielleicht kriegen wir dann wieder einen Brief“, berichtet die Autorin. Davon will sie sich aber nicht beirren lassen. Sie schreibt weiterhin das, was ihr gerade zufliegt. Gelesen von Heidi, 4: „Wo ist Hasenkind? Da. Hasenkind. Hasenkind, flieg. – Und jetzt? – Bähh.“ ZWISCHEN TROTZ UND HALTUNG Kinderbücher sollen heute vor allem unterhalten, Empathie fördern und kindgerecht über Gefühle und Lebensthemen sprechen. Dabei bilden sie immer öfter das ab, was die Erwachsenen beschäftigt: Rassismus, mentale Gesundheit und auch die Vorliebe für Spannung. Eines der erfolgreichsten Kinderbücher der vergangenen Jahre ist „Das kleine böse Buch“ – ein interaktives Gruselbuch. > Hallo, schnell, ich brauche deine Hilfe. Kannst du mir helfen, böse zu werden? Ich meine, so richtig? Um genau zu sein, ähm … müsstest du jetzt nämlich für mich lügen. Blättere auf Seite 12. > > > Quelle: Magnus Myst - Das kleine böse Buch „Die Erwachsenen sind das Hindernis, was ausgeräumt oder geschickt mit List umgangen werden muss“, erläutert Moritz Klein. „Um jetzt ein bekanntes Beispiel zu nehmen aus unserer Verlagsgeschichte, unser bekanntestes Buch, „Das Buch vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“, das war ein Buch, was auf große Vorbehalte seitens der Elternschaft gestoßen ist und auch immer noch stößt, aber schlussendlich hat sich das Interesse der Kinder durchgesetzt.“ Und da liegen im Moment eindeutig im Trend: Schule und Magie, Dinos und Drachen. Als moderner Kinderbuchklassiker gilt mittlerweile Marc-Uwe Klings „Das NEINhorn“. Es behandelt humorvoll kindliche Trotzphasen. > „Seine Mähne war bauschig, sein Fell superflauschig. Sein Kopf, sein Schwanz, sein Horn, seine Füß … Alles an ihm war schnickeldischnuckelig süß! Trotzdem hatte es oft das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Drum sagte es meist nichts, und wenn doch sagte es: Nein.“ > > > Quelle: Marc-Uwe Kling - Das NEINhorn Eine Moral sollen sich die kleinen Leser:innen selbst ausdenken. Doch egal ob mit oder ohne Botschaft – Hauptsache es gibt ein Happy End, findet Sabine Bohlmann. „Damit sie einfach Hoffnung schöpfen. Und es muss für mich humorvoll sein. Im Moment ist es mir wichtiger, dass Kinder lustige Sachen lesen, weil sie, glaube ich, schon mitkriegen, dass gerade die Welt ziemlich schräg und auch ein bisschen schlimm ist.“ KEINE TABUTHEMEN MEHR > „Furzipups der Knatterdrachen, hatte selten was zu lachen, nein, im Gegenteil, er hatte es meist ziemlich schwer. Jeder in der Drachenherde, alle Drachen dieser Erde, spucken Feuer bei Gefahr, nur Furzipups nicht, leider wahr. Er drückt, er prustet, läuft rot an, damit er Feuer spucken kann, dann qualmt’s ein bisschen, doch nur kurz und plötzlich kommt ein dicker …“ > > > Quelle: Kai Lüftner - Furzipups, der Knatterdrache Pupsen, Pipi, Popeln – heute gibt es so gut wie keine Tabuthemen mehr. Kinderbücher sind aber auch die erste Begegnung mit Kunst. Spielerisch erweitern sie den Wortschatz. Deswegen verlegt Moritz Klein im Peter-Hammer-Verlag besonders gern Kinderlyrik: „Wenn man aber das mal ausprobiert und mit dem Kind Lyrik liest, dann zeigt das ganz ungeheure und wunderbare und tolle Effekte.“ gelesen von Emmi, 9: „Dies ist Theodor Tatze, er backt Pizza für die Katze. hehe Ob ich ritze oder ratze, kritzel, schwitze oder schwatze, immer denk ich: Pizzakatze.“ KINDERLITERATUR WIRD ZUNEHMEND POLITISCHER Doch die aktuelle Entwicklung zeigt: Kinderbücher werden zunehmend politischer. Verlage setzen verstärkt auf Vielfalt, Toleranz und Umweltschutz. „Also dieser ganze Diversitätsdiskurs, der kommt jetzt stark ins Kinderbuch und das ist eine positive Entwicklung. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass Bilderbücher, Kinderbücher wieder didaktischer werden und eben dann vielleicht auch dieses Uneindeutige, das Zwiespältige ins Hintertreffen gerät wieder.“ Mia weiß, wie die Botschaften heute lauten: „Sei du selbst, sei mutig und verbieg dich nicht.“ Kinderbücher verraten heute also weniger, wie Erwachsene Kinder sehen, sondern eher, wie sie selbst gerne wären.

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Episode Das Ende einer Freundschaft Cover

Das Ende einer Freundschaft

Am Anfang ist eine DVD. Sie steckt in einer Papierhülle mit durchsichtigem Plastikfenster. Die Ich-Erzählerin Jojo hält sie in der Hand wie einen Fremdkörper oder einen Beweis für etwas, das sie noch nicht benennen kann. Die Beerdigung von Thorsten, dem Vater ihrer Jugendfreundin Yara, hat sie gerade hinter sich. Das traurige Lächeln von Emine, Yaras Mutter, beim Überreichen der DVD lässt sie nicht los. „Mit dem Daumennagel schiebe ich die Lasche der Papierhülle nach oben und verfolge die kleinen Regenbögen, die die DVD auf das Zugfenster wirft. Dahinter Feld, Wald, Feld, Reh, Reh, Reh, Dorf, AfD-Plakat, Bahnhof mit geschlossener Touristeninfo, Feld, Kuh, Kuh, Kuh. So klischeehaft, fast ein bisschen peinlich.“   Mit Kaskaden, ihrem Debütroman, legt die 26-jährige Louise K. Böhm ein Buch vor, das von der ersten Seite an unter die Haut kriecht und dort bleibt. Sie erzählt mit einer Stimme, die so direkt, so ungeschönt und so präzise rhythmisiert ist, dass man sich fragt, warum nicht mehr Gegenwartsliteratur so klingt. EINE FREUNDSCHAFT, DIE ZERBRACH Es ist die Geschichte einer Studentin der Molekularbiologie, irgendwo in einer norddeutschen Kleinstadt und gleichzeitig das Porträt einer Freundschaft. Der zwischen Jojo und Yara, die zerbrochen ist. Jojo, bürgerlich Joy Schulte, ist eine Meisterin der Distanzierung. Sie wäscht die Kittel im Labor öfter, als es nötig wäre. Sie zählt Deckenlichter und klopft sie gegen den Oberschenkel ab. Und sie hat Angst vor Schmutz: „Das Protokoll: Ich ziehe den Kittel an, binde die Haare zusammen, schiebe die Schutzbrille über die Augen, desinfiziere die Hände, erst die Handflächen, dann die Fingerzwischenräume, dann die Daumen, am Ende die Handrücken, streife die Handschuhe über, achte darauf, dass sie keine Luftblasen werfen, wische die Arbeitsfläche mit Ethanol ab, zweimal, dreimal, der Geruch brennt mir in der Nase, im ersten Moment erinnert er mich jedes Mal an Yaras Cola-Korn-Mische.“ ZWANGSMUSTER ALS INNERE ARCHITEKTUR Diese Zwangsmuster trägt Jojo nicht zur Schau, es ist eine Art innere Architektur. Die Routine ist Kontrolle, und Kontrolle ist Überleben. Dass der Ethanolgeruch sie unweigerlich zu Yara zurückführt, sagt alles über den Zustand ihrer Seele: Das Vergessen funktioniert nicht. Der Roman ist in drei Teile gegliedert, deren biochemische Betitelungen nicht bloß als intellektuelles Ornament dienen, sondern den Puls des Textes angeben. Teil eins trägt den Titel “Apoptose”, das ist das geordnete Sterben von Zellen: notwendig, unvermeidlich, ein Prozess, der dem Organismus nutzt. Louise K. Böhm wählt diesen Begriff für den ersten Teil, in dem Jojo langsam realisiert, was auf der DVD sein könnte und was sie verdrängt hat. Was sich im Verlauf des Buches entfaltet, ist kein simples Coming-of-Age. Kaskaden ist ein Buch über Schuld und Vergessen. Und weil Böhm Jojo weder entschuldigt noch verurteilt, sondern sie im Schwebezustand zwischen Schuld und Selbstschutz belässt, gewinnt der Roman seine größte literarische Spannung. Das ist literarisch das Mutigste an diesem Debüt. HERKUNFT, DIE MAN NICHT ABWASCHEN KANN Böhm zeigt sehr genau, wie Klasse sich einschreibt, ins Schweigen im Seminar, ins Nicht-leisten-Können des Fachbuchs, in den Blick auf die Kommilitoninnen mit den Northface-Jacken. Dabei wird der Roman nie Gesellschaftsessay, sondern Körpererinnerung: „In der Vorstadt, wo sich die Augusttage lang und zäh anfühlen wie die Kaugummifetzen, die Yara sich manchmal hinters Ohr geklebt hat, um sie später weiterzukauen, in der Vorstadt, wo es in manchen Sommern so heiß wurde, dass der Asphalt auf dem Hof schmolz und die Unterführung so nach Pisse stank, dass wir nur mit angehaltenem Atem wieder raus auf die Straße kamen.“ > Links vom Fluss Beton in mehreren Formen, als Hochhäuser, Skateanlage und als Brücke, die sich wie ein verwachsener Fußnagel in den meist tristen, manchmal aber knallblauen Himmel wand, und rechts vom Fluss: na ja, wir eben. > > > Quelle: Louise K. Böhm – Kaskaden Drei Sätze genügen Böhm, um ein ganzes Milieu aufzurufen – nicht als soziologische Beobachtung, sondern als Erinnerung aus dem Inneren heraus. EIN ROMAN MIT SCHÖNEN NEBENFIGUREN Die Gegenwartsebene bietet zudem eine der eine der schönsten Nebenfiguren dieses Romans: Melle, die Mitbewohnerin mit Heißklebepistole und dem Song „Barbie Girl“ von Aqua auf den Ohren, die Hausarbeiten über „inszenierte Weiblichkeit mit postfeministischen Diskursen in der Mode“ schreibt und Jojo mit einer hartnäckigen Zuneigung durch den Roman begleitet, die nie sentimental wird. Ähnliches gilt für Jakob, den Tutor mit der Fliedermütze und dem Augenbrauenpiercing, der, wie Jojo es beschreibt „einen Raum voller Pflanzen“ ausstrahlt und trotzdem keine erlösende Liebesgeschichte erzählt.  KURATIERTE PERSÖNLICHKEITEN Er ist Kontrastfläche, Möglichkeitsraum, aber kein Retter. Jojo beobachtet genau, wie ihre Kommiliton: innen ihre Persönlichkeiten „kuratieren“. „Ich bin froh, dass ich den Ranzkiosk direkt am ersten Tag nach meinem Umzug entdeckt habe. Meistens habe ich hier meine Ruhe, weil sich die unsicheren Mittzwanziger erst nach einer angemessenen Menge Cappucino mit Hafermilch sicherer fühlen, und ein einfacher Filterkaffee bietet nicht genug Deckung.“ Und weiter: „So viel habe ich in den drei Jahren Kleinstadt schon herausgefunden. Ich beobachte: Nike, Dr. Martens, New Balance, Dr. Martens, Nike, Dr. Martens, Dr. Martens, Dr. Martens. Lehramt, Kulturwissenschaften, uneindeutig, könnte alles sein, Kulturwissenschaften, Lehramt, Kulturwissenschaften …“ DIE SPRACHE SCHNEIDET, STATT ZU TASTEN Louse K. Böhms Sprache ist das Stärkste an diesem Buch. Sie bricht grammatikalische Konventionen: Kurze Sätze, die schneiden statt zu tasten, Reihungen, die Gedankenstrom und Wahrnehmungslisten ineinanderblenden. Das ist kein Stilexperiment, das ist Jojos Gehirn in Echtzeit. Kaskaden ist zugleich ein Liebeslied an eine Freundschaft, die zerbrochen ist. > „Die Erinnerungen kommen ungeordnet, sie sind löchrig, wie dieses Fishnet-Strumpfhosen, die wir mit sechzehn andauernd getragen haben. Wenn die Erinnerungen da sind, muss ich sie festhalten.“ > > > Quelle: Louise K. Böhm – Kaskaden Das Finale ist keine Auflösung im konventionellen Sinne. Kaskaden erzählt davon, wie Erinnerungen sich gegen das Vergessen wehren. Dass Louise K. Böhm dafür eine Sprache gefunden hat, die zugleich präzise, verletzlich und unerbittlich ist, macht dieses Debüt bemerkenswert.

17. Juli 20266 min
Episode Unwegsamkeiten in Stadt und Land: Xaver Bayers neuer Roman „Hauch“ Cover

Unwegsamkeiten in Stadt und Land: Xaver Bayers neuer Roman „Hauch“

Bayers Roman setzt im Hoch- oder Spätsommer ein und endet im Frühjahr. Die Trennung der beiden Protagonisten – Veit und Dora – ist eine Abmachung. In dieser Zeit dürfen sie einander nicht persönlich treffen. Sie schreiben aber einander handgeschriebene Briefe, verschickt mit der Post. Dora arbeitet als Übersetzerin, Veit als Schriftsteller. Dora leidet an Albträumen und Schlaflosigkeit. Das hat auch mit der urbanen Umgebung zu tun. Doch auch auf dem Land ist nicht alles Idylle: Vögel fliegen erschrocken auf, weil eine Drohne vorbeisaust. Veit kommentiert das Geschehen: EIN SCHWANENGESANG AUF DIE NATUR  „Es kommt mir vor, alles in der Welt ist zu einem Kippbild zwischen friedlich und bedrohlich geworden. Man muss Mal für Mal selbst entscheiden, wie man die Dinge sehen möchte. Wenn man denn entscheiden kann.“ Und Dora ergänzt mit apokalyptischen Worten: „Lieber Veit, wenn ich Deinem letzten Brief noch etwas hinzufügen darf, ist die gesamte Menschheit eine Kriegserklärung an die Natur.“   Veit wiederum stellt eine existentielle Frage: „Warum konnte innerhalb so weniger Jahrzehnte eine derart eklatante Entfremdung des Menschen von der Natur stattfinden? Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Natur von immer mehr Menschen als veraltet, als nicht zeitgemäß angesehen wird.“ GRILLENZIRPEN IN DER U-BAHN Dora wiederum drückt dies in philosophischen Worten aus: „Das Sein hat sich hinter einer Kopie seiner Außenansicht zurückgezogen.“  Im urbanen Terrain beherrscht beständiger Lärm den Alltag. Der Smog greift die Lunge an. Und die Menschen? Dora nimmt sie zusehends als wandelnde Zombies wahr. Zwischen Baustellengetöse erlauscht Dora das Tschilpen der Spatzen.   > Gestern habe ich sogar ein Grillenzirpen vernommen, in der U-Bahn, aber es kam aus einem Mobiltelefon.  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch VERLUST LÄNDLICHER GEBORGENHEIT  Auf dem Land nimmt Veit naturgemäß etwas andere Veränderungen wahr: Auch dort gibt es Baulärm, rasende Rolande auf ihren Motorrädern und Flugzeuge ziehen ihre Bahn. Doch was auffällt, ist die Verödung der Dörfer: Gasthäuser und örtliche Einkaufsläden schließen, wer Besorgungen hat, muss zu den Shoppingmalls nächstgrößerer Städte. Und der Postkasten für die Briefe an Dora? Ist auch verschwunden – zahlt sich nicht mehr aus, sagt die Postverwaltung. Veit nennt diese Orte am Land das „Herz der Verlassenheit“.  Wenn man nun im Weiterlesen meinen würde, irgendwann und irgendwo müsste bald die Bombe einschlagen, irrt man. Zeitweise hat man das Gefühl, die Briefe würden allein den tristen Ist-Zustand der Welt abbilden. Aber auch das ist ein Fehlschluss. EIN HAUCH DES LEBENS Veit beobachtet die Vögel im Flug, das Fallen des Schnees, die Spuren der Hauskatze und das heftige Rauschen der Gräser und Bäume im Sturm. Die Bewegungen des Windes – sind sie nicht naturhafte Gleichung für den Atem, für den „Hauch“ im Dasein der Menschen?  Selbst Dora, geplagt von ihren Albträumen, hat Träume, die aus Hoffnung gestickt sind. Auch das – ein Hauch des Lebens.  > „Lieber Veit, heute, im Traum, habe ich auf der Straße einen Ring gefunden, den offenbar jemand verloren hat. Aber wo gibt man Traumfundstücke ab? Deine Dora.“  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch DIE GELASSENHEIT IM LEBEN Xaver Bayer ist mit seinem Roman Hauch etwas Besonderes gelungen: Apokalyptische Gedanken holen einen heutzutage öfters ein. Indem aber der Autor im Laufe des Geschehens durch Naturbeobachtung und durch die Dialoge der beiden Briefschreibenden ein Gefühl der „Gelassenheit“ erzeugt, nimmt er seine Leserschaft im Lesen der Briefe mit. „Hauch“ ist sprachlich gesehen, völlig unspektakulär, man könnte sagen, der Roman steht diametral zur Aufregungs- oder Betroffenheitsliteratur. Doch genau das macht die Seriosität des Textes aus. In einem Brief fasst Veit es in kurzer, unmissverständlicher Weise zusammen – eine Art Aphorismus, den man sich durchaus einprägen sollte.  > „Die Welt will wahrgenommen werden, und sie will beschrieben werden, das ist alles.“  > > > Quelle: Xaver Bayer – Hauch

15. Juli 20264 min
Episode Für die Demokratie in die Schlacht ziehen: Paul Ingendaays „Entscheidung in Spanien“ | Buchkritik Cover

Für die Demokratie in die Schlacht ziehen: Paul Ingendaays „Entscheidung in Spanien“ | Buchkritik

Im Sommer 1936 erheben sich in Spanien konservative Generäle gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung. Auf Bitten von General Francisco Franco schickt Hitler deutsche Flugzeuge. Das faschistische Italien unterstützt den Putsch ebenfalls.   Die drückende militärische Überlegenheit der „Nationalisten“ wird abgemildert durch die bald anrollende sowjetische Militärhilfe für die Republik, aber nicht ausgeglichen. Denn die liberalen Demokratien Frankreich und Großbritannien versagen der Republik die Unterstützung. Vor diesem Hintergrund strömen zigtausende Freiwillige aus über 60 Ländern auf die iberische Halbinsel, um die Republik gegen die Aufständischen zu verteidigen.  Darunter befinden sich zahlreiche Künstler und Schriftsteller. Ihnen widmet sich der Literaturwissenschafter und Schriftsteller Paul Ingendaay in seinem Buch „Entscheidung in Spanien“.  DIESE GESCHICHTE WIRD VON DEN BESIEGTEN GESCHRIEBEN „Die Schwarz-Weiß-Bilder, die [vom spanischen Bürgerkrieg] erzählen, gehören zu den fotografischen Ikonen des 20.Jahrhunderts. Wie kein anderer Konflikt hat [er] unsere Vorstellung von der heroischen Niederlage geprägt“, schreibt Ingendaay. „Und er gehört zu den wenigen Kriegen, deren Geschichte die Verlierer geschrieben haben: als Gegengeschichte zu einem Aufstand rechter Generäle, die das Leid eines ganzen Landes in Kauf nahmen.“  Ausgehend von den Erlebnissen prominenter Freiwilliger entwirft Ingendaay eine Chronik des beinahe drei Jahre andauernden Bürgerkriegs. Von der ersten Welle der Solidarität, über die Schrecken von Guernica bis hin zum erlahmenden internationalen Interesse im Vorfeld des näher rückenden Weltkriegs.  DIE IDEALE TRETEN IN DEN HINTERGRUND  Die Fotografen Gerda Taro und Robert Capa, das Kriegsreporterpaar Ernest Hemingway und Martha Gellhorn, Erika und Klaus Mann, Willy Brandt: Sie alle sind Protagonisten in dieser dichten und überaus lebendigen Darstellung, die sich weniger mit Frontlinien beschäftigt als mit Stimmungen, inneren Widersprüche, zwischenmenschlichen Verwerfungen und unterschiedlichen Graden von Heldenmut und Redlichkeit. Besonders nahe stehen Ingendaay jene Persönlichkeiten, die der Krieg desillusioniert zurücklässt. George Orwell etwa, der in Barcelona einen Bürgerkrieg im Bürgerkrieg miterlebt und Ziel von kommunistischen Angriffen wird. Eine Erfahrung, die maßgeblichen Einfluss auf sein späteres Werk nehmen wird. Oder die Philosophin Simone Weil, die über die Verbrechen auf republikanischer Seite klarsichtig schrieb:   > Die Notwendigkeiten und das Klima des Bürgerkriegs setzen sich über die Ideale hinweg, die man durch das Mittel des Bürgerkriegs verteidigen will. > > > Quelle: Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien BLICK AUF DEN ALLTAG EINES ZERMÜRBENDEN KRIEGS  Ingendaay reproduziert nicht die eingangs erwähnten Schwarz-Weiß-Bilder des Spanischen Bürgerkriegs, sondern erzeugt mit seinem genauen Blick für das Alltägliche neue Bilder, die sich einprägen. Die Szenen aus Gefängnissen, belagerten Städten und verlassenen Landstrichen erzählen eindrücklich davon, was einen langen, unübersichtlichen und zermürbenden Krieg ausmacht.  Ingendaay wirft auch einen frischen und offenen Blick auf die Texte, die seiner Beschreibung zugrunde liegen. Zum Beispiel auf Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“, dem er in Handlung und Figurenzeichnung zwar „lächerliche Züge“ attestiert, dem er aber auch vieles zugutehält. EIN PROLOG FÜR DEN ZWEITEN WELTKRIEG Darunter fällt die Betonung gewisser Details, die auch Ingendaay ein Anliegen sind: „Doch auf andere Weise ist Wem die Stunde schlägt eine Liebeserklärung an das Spanien armer, stoischer und hochherziger Menschen, indem es immer wieder die hanfbesohlten Schuhe erwähnt, die billigste und natürlichste Fußbekleidung, die sich denken lässt.“  „Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen“, lautete ein berühmter Ausspruch des Philosophen Miguel de Unamuno, der sich nach anfänglicher Sympathie von den Putschisten abwendete. In einer Zeit, in der sich die Versuche mehren, die Franco-Diktatur zu rehabilitieren, ist Ingendaays Buch eine wichtige Erinnerung an diesen Prolog zum Zweiten Weltkrieg, eine packend geschriebene Mahnung an die Adresse aller demokratisch Gesinnten.

14. Juli 20264 min
Episode Affen als Herausforderung für die Literatur: Lara Rüters Essay „Affenliebe” Cover

Affen als Herausforderung für die Literatur: Lara Rüters Essay „Affenliebe”

Leipzig, ein Primatenforschungszentrum. Aus dem Gewimmel des Zoos klingen Tierstimmen. Eine Forscherin steht vor einem der Gehege, beobachtet die Affen, macht Notizen. Eine Biologin? Nein, eine Dichterin. Ihr Name: Lara Rüter [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2026-05-09-102.html].  Die Aufzeichnungen in ihrem Notizbuch wirken zunächst wie ein Durcheinander aus Beobachtungen, Tagebucheinträgen und Gedichtfragmenten: Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als Versuche, das Verhalten der Affen möglichst genau zu erfassen.   MENSCHLICHES VERHALTEN Im Leipziger Zoo sind die Affen Individuen: Sie haben Namen, Vorlieben, vielleicht sogar Gefühle. Rüter gelangt schnell zu der Einsicht, dass sie sich von den menschlichen Verhaltensweisen der Tiere nicht distanzieren kann. Sie ertappt sich dabei, einzelne Lieblingsaffen zu haben. Besonders nähert sie sich dem Bonobo Tayo an – entgegen aller wissenschaftlichen Distanz:  „Tayo schlägt seine Zähne wie immer an die Scheibe, als er mich sieht, schließlich presst er seine Lippen kussmündig auf das Glas. Und ich zögere nicht, lege meine sofort darauf, bevor er verschwindet, lege sie auf die verstaubte, dreckige Scheibe, irgendwie direkt auf seine Lippen und auch nicht.”    FORSCHUNG ZWISCHEN NÄHE UND DISTANZ  Spätestens hier verlässt die Autorin die Rolle einer nüchternen Beobachterin. Der Institutsalltag wird zu einem Alltag der Gefühle. Die Affen setzen bei Rüter Erinnerungen und Reflexionen über ihre Vergangenheit in Gang. Dann entwickelt sich der Essay zunehmend zu einer biographischen Selbstbefragung.  > Meine Affen stellen keine Fragen an die Welt, scheinen Bruchstücke als das Ganze anzunehmen. Lieblingsfarbe. Lieblingstier. Als Kind wollte ich vom Kuckucksvater immer nur das wissen. […] Ich glaube, dass ich Halt suchte in diesem Ritual. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe Dokumentieren und Dichten: So könnte also das Motto von Rüters Buch lauten. Die Autorin ist eben beides: Forscherin und Dichterin; in „Affenliebe“ erprobt sie die Möglichkeit einer Symbiose dieser beiden Rollen.  Entstanden ist ein Text, der das Verhältnis von Menschen und Affen zum Ausgangspunkt einer Reflexion über die existenziellen Fragen des Menschseins nimmt. Im Hintergrund schwebt dabei immer die Frage: Kann eine Dichterin die Sprache der Tiere sprechen?  INTELLEKTUELLES BERÜHREN Schnell wird deutlich: Da, wo das literarische Verdichten beginnt, werden die Affen als Schreibanlässe instrumentalisiert. Ist das nicht jene Projektion, die Rüter eigentlich vermeiden wollte? Die Autorin reflektiert diesen Widerspruch kaum und macht stattdessen das sogenannte „intellektuelle Berühren“ zum Programm ihres Schreibens:  > Vertraue nie einem Affen. Berühre ihn nie, auch nicht, wenn er dein Freund ist, berühre ihn nur auf der intellektuellen Ebene. > > > Quelle: Lara Rüter – Affenliebe EIN INTERTEXTUELLES SCHREIBPROJEKT  Gelungen ist das Buch vor allem dort, wo es in den Dialog mit anderen Texten tritt. Zahlreiche philosophische Zitate begleiten die freien Assoziationen, eine Liste mit Literaturhinweisen am Ende des Buches dient hier als Einladung zum Weiterlesen.  Ein wichtiger literarischer Bezugspunkt des Essays ist Franz Kafka [https://www.swr.de/kultur/literatur/aexavarticle-swr-39000.html]. In dessen Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ spricht der menschgewordene Protagonist Rotpeter von seiner Vergangenheit als Affe: „Ich kann das damals affenmäßig Gefühlte nur mit Menschenworten nachzeichnen“.  Das Zitat steht dem Buch als Epitaph voran. Was bei Kafka pointiert klingt, mündet bei Rüter in langatmige Suchbewegungen.  Am Ende bleibt „Affenliebe“ ein Experiment: ein Schreibprojekt, das seinem fragmentarischen Charakter aufs höchste verbunden ist. Es folgt konsequent dem Grundsatz: Genaues Beobachten hat keine Stringenz. Stattdessen ist es Aufgabe einer Dichterin, das Gesehene zu verdichten.  Damit zeugt der Essay davon, was Lara Rüter – vor allem als Lyrikerin – gut kann: In aufmerksamer Versenkung ihre Umwelt beobachten.

13. Juli 20264 min
Episode Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer Cover

Ein neuer Tech-Faschismus? „Der amerikanische Albtraum" von Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer hat Intellektuelle, Aktivistinnen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist. Manches hat die Realität bereits überholt: Der Krieg gegen den Iran taucht nicht auf. Die Morde durch ICE-Beamte in Minneapolis [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-texte-ueber-minneapolis-100.html] konnte er noch gerade im Vorwort unterbringen. Aber Brinkbäumer liefert kenntnisreiche Analysen, die zum Verständnis der aktuellen Situation beitragen.   „Dieser neue Faschismus ist nicht nur politisch. Er ist technologisch. Trump ist ein Kind des Internets, ein Meister der Algorithmik. Die Sozialen Medien sind sein Medium, nicht trotz, sondern wegen ihrer Verflachung“, beobachtet Brinkbäumer. > In der Welt der Sozialen Medien zählt nicht die Argumentation, sondern der Affekt; und auch nicht Tiefe, sondern Geschwindigkeit. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum FÜHRERKULT 2.0 MIT DER LÜGE ALS WAFFE. Das Neue an diesem Faschismus, so Brinkbäumer, liege in den sozialen Medien, in der digitalen Infrastruktur der Propaganda. Doch diese Einschätzung lädt zum Widerspruch ein: Die Nazis nutzten seinerzeit das Radio, das für damalige Verhältnisse – gedrucktes Papier und Kundgebungen – ebenfalls eine neue Qualität darstellte. Die Technologie wechselt, aber die Mechanismen der Massensuggestion, die Lüge als Waffe, der Führerkult bleiben erschreckend konstant.  > MAGA: ‚Make America Great Again‘ ist eine Bewegung, die eher wenig denkt, sondern vor allem fühlt. Es gibt eine neue Sprache, die kaum mehr beschreibt, sondern befiehlt und gehorcht, attackiert und lügt, triumphiert und leidet.” > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum NOSTALGISCHES ERINNERN Brinkbäumer begreift den Liberalismus per se als Gegenspieler des Faschismus. Viele seiner Gesprächspartner, die fast alle der arrivierten Mittelschicht angehören, sehnen sich nach den alten USA der Vor-Trump-Ära zurück. Das ist verständlich, aber wenig zielführend: Denn Jahrzehnte einer neoliberalen Politik haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert und so die Grundlage für Trumps Aufstieg geschaffen.  > In der MAGA -Welt jedenfalls geht es nicht um tatsächliche Arbeit und Leistung, sondern um das nostalgische Erinnern an weiße Dominanz. > > > Quelle: Klaus Brinkbäumer – Der amerikanische Albtraum HERRSCHAFT UND PALANTIR-ÜBERWACHUNG  Kulturkampf eben. Brinkbäumer lässt sich, wie viele andere Trump-Gegner, auf dieses Terrain drängen. Er trägt außerdem Detailwissen zusammen, das nicht landläufig bekannt ist, etwa im Kapitel über Trumps Entourage: Elon Musk mit seiner Promiskuität, seinem Drogenkonsum, seinem rücksichtslosen Umgang mit Menschen, seinem Hang zur Selbstinszenierung, den er mit Trump teilt. Und im Hintergrund: Peter Thiel, Erfinder von Palantir, Mentor des Vizepräsidenten JD Vance und des Multimilliardärs Elon Musk. Thiel mag ein lausiger Redner sein, aber er ist ein effektiver Strippenzieher. Sein Motto: Freiheit und Demokratie sind nicht vereinbar. Stark sind auch die Kapitel zu den Methoden der Demontage demokratischer Institutionen. Hier warnt Brinkbäumer ausdrücklich vor der Überwachungstechnologie des Palantir-Konzerns, die in den USA großflächig zum Einsatz kommt. GROSSE RATLOSIGKEIT  „Das Zusammenspiel der Demokratien ist zwingend notwendig und alternativlos. Die EU und die NATO, all die genannten internationalen Organisationen sollten, nein: Müssen in neuer Entschlossenheit sagen: So, wie wir bisher agiert haben, ist es nicht gut genug, so verlieren wir. Wir brauchen eine neue, radikale Konstruktivität.“ Brinkbäumers Vision einer Alternative bleibt dünn. Auch viele US-Intellektuelle, die er getroffen hat, wirken ziemlich ratlos, wenn es um den Weg aus der Misere geht – und hoffen auf Europa. Sich dem Faschismus zu ergeben, ist für Brinkbäumer jedenfalls keine Option. Sein Buch ist ein diskussionswürdiger Aufruf gegen die Gleichgültigkeit, die er zu Recht als größte Gefahr für die Demokratie betrachtet.

12. Juli 20264 min