SWR Kultur lesenswert - Literatur

„Als Kind ist man immer ein Dichter“ - Erzählungen von Stig Dagerman

4 min · 23. Juni 2026
Episode „Als Kind ist man immer ein Dichter“ - Erzählungen von Stig Dagerman Cover

Beschreibung

Die bekannteste Erzählung Stig Dagermans entstand kurioserweise als Auftragswerk der „Nationalvereinigung für die Förderung der Verkehrssicherheit“. Die hatte im Jahr 1948 eine neue Werbe-Maßnahme gestartet, um die Zahl der Verkehrstoten auf Schwedens Straßen zu senken.  Dagerman, damals 25 Jahre alt, schrieb einen zu Herzen gehenden Text, der sowohl in seiner literarischen Eindringlichkeit und Form als auch im Sinne der sicherheitsfördernden Kampagne überzeugte. In „Ein Kind töten“ werden die Minuten vor einem verhängnisvollen Unfall aus zwei Perspektiven erzählt – jener eines kleinen Jungen, der nur rasch die Straßenseite wechselt, um in einem Laden fürs Frühstück Zucker zu besorgen; und jener des Autofahrers, der gerade noch als glücklich Verliebter eine hell scheinende Zukunft vor sich hat.  „Hinterher ist alles zu spät. Hinterher steht ein blaues Auto schräg auf der Straße. Hinterher öffnet ein Mann eine Autotür und versucht, sich auf den Beinen zu halten, obwohl er ein Loch aus Grauen in sich hat.“ > Hinterher liegen ein paar weiße Würfel Zucker sinnlos verstreut in Blut und Kies, und ein Kind liegt regungslos auf dem Bauch, das Gesicht hart auf die Straße gepresst.  > > > Quelle: Stig Dagerman - Unser nächtlicher Badeort SCHICKSAL UND SCHULD  In diesem gerade einmal fünf Seiten langen Text, enthalten im Band „Unser nächtlicher Badeort“, steckt einiges von dem, was Stig Dagermans Erzählungen auszeichnet: eine lakonische, ruhige Sprache, in der ein sich plötzlich auftuender existenzieller Abgrund umso verstörender wirkt. Schicksal und Schuld, die das Konzept Freiheit zweifelhaft erscheinen lassen. Und nicht zuletzt das Empfinden, in einem inneren Gefängnis festzustecken und zum Leben mit all seiner Absurdität verurteilt zu sein.  Diese Irrationalität wird einem schon im Kindesalter bewusst. In zwei Geschichten taucht ein Junge namens Åke auf, der seine Mutter zu retten versucht, indem er spielt … „… dass er unsichtbar ist und sich dorthin wünschen kann, wo er sein will, wenn er nur daran denkt. [Seine Mutter] weiß nicht, was er für sie tut, wenn sie nachts allein sind und sie denkt, dass er schläft. Sie weiß nicht, zu welchen Reisen er aufbricht und in welche Abenteuer er ihr zuliebe stürzt.“  Andere von Dagermans Erzählungen haben parabelhafte Züge – der Autor hat seinen Kafka [https://www.swr.de/kultur/literatur/gen-z-feiert-franz-kafka-als-viralen-trend-auf-tiktok-und-instagram-100.html]gewissenhaft gelesen. So spielt eine Geschichte in einer grotesken, Gefühle kontrollierenden Welt, in der ein Angestellter von seinem Chef gedrängt wird, den Tod einer Schauspielerin und Nationalheiligen zu beweinen – wie es jeder in der Firma, ja, jede und jeder im ganzen Land tue. Herr Storm ist dazu nicht in der Lage und droht entlassen zu werden. Am Ende fließen aber auch bei ihm die Tränen, wenn auch aus ganz anderen, intimeren Gründen.  GROSSE, UNBEANTWORTBARE SINNFRAGEN Es sind die großen, unbeantwortbaren Sinnfragen, die den jungen Stig Dagerman in den 1940er Jahren umtreiben. Woher sie rühren, beantwortet ein Text, der den Auftakt der von Paul Berf exzellent übersetzten Sammlung markiert. „Die Memoiren eines Kindes“ sind die Memoiren Dagermans: Zurückgelassen von der Mutter, lebt das Kind bis zum Alter von neun Jahren auf dem Bauernhof seiner Großeltern, in einer archaischen Welt, in der Armut herrscht, aber auch Herzensgüte. Und Vertrauen. Das wird fundamental erschüttert, als der Großvater ermordet wird – die Gewalttat hinterlässt Spuren im Kind, sie hinterlässt Spuren in Dagermans Werk.  ZUMUTUNGEN UND ANFEINDUNGEN DER UMWELT  Von da an wächst Dagerman bei seinem Vater in Stockholm auf, wo er das zu entwickeln sucht, was man heute gerne Resilienz nennt: eine Fähigkeit, sich den Zumutungen und Anfeindungen der Umwelt zu widersetzen. > „Als Kind ist man immer ein Dichter. Dann wird es einem – in den meisten Fällen – abgewöhnt. Die Kunst, ein Dichter zu werden, besteht also unter anderem darin, nicht zuzulassen, dass das Leben oder die Menschen oder das Geld es einem abgewöhnen.“  > > > Quelle: Stig Dagerman - Unser nächtlicher Badeort Stig Dagerman ist – trotz allem – zum Dichter geworden. Als er Anfang der 50er Jahre aber am Dichten verzweifelte, in eine Schreibkrise geriet, wusste er nicht weiter. Er nahm sich mit nur 31 Jahren das Leben.

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Episode Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“ Cover

Entdeckung im Exilarchiv: Iwan Heilbuts „Zugvögel“

Der Schriftsteller Iwan Heilbut wurde 1898 in Hamburg geboren und entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie. Er arbeitete als Journalist, schrieb aber auch Romane, bevor er 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, nach Paris emigrierte. FLUCHT ÜBER DIE PYRENÄEN Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heilbut auch im französischen Exil als feindlicher Ausländer interniert. 1941 gelang ihm und seiner Frau über Spanien und Portugal die Flucht in die USA. Heilbuts Roman „Zugvögel“ erschien 1943 in englischer Übersetzung unter dem Titel „Birds of Passage“ und erhielt durchaus gute Kritiken. ENTDECKUNG IM DEUTSCHEN EXILARCHIV Heilbut, der 1950 nach Deutschland zurückkehrte und 1972 in Bonn starb, ist heute mittlerweile kaum noch bekannt. Nun hat Peter Graf, der mit seinem eigenen Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ immer wieder Entdeckungen ans Tageslicht bringt, Iwan Heilbuts knapp 700 Seiten starken „Zugvögel“-Roman im Claassen Verlag erstmals im deutschsprachigen Original herausgegeben. Das Skript befand sich im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main. FLUCHT UND HOFFNUNG Die stark autobiografisch grundierte Geschichte erzählt von Heimatlosigkeit und Exil, von Flucht, Angst und Hoffnung. Ein Buch, das sich auch wegen seiner großen literarischen und erzählerischen Kraft zu lesen lohnt, wie Herausgeber Peter Graf im Gespräch betont.

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Angelika Klüssendorf: „Ich kann gar nicht aufhören zu erzählen, was mich alles tröstet"

ZWISCHEN CORONA UND KRIEG Spätestens seit ihrer Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ gehört Angelika Klüssendorf zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Ihr neuer Roman „Trost“ spielt zwischen Dezember 2021 und Dezember 2022 – die Zeit der Corona-Pandemie also, aber auch jene Zeit, in der der Überfall Russlands auf die Ukraine stattfand. DEUTSCHLAND IN DER PANDEMIE Angelika Klüssendorf entwirft ein Wimmelbild von Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung: Eine ostdeutsch sozialisierte Schriftstellerin und ihr Lebensgefährte, ein westdeutscher Rentner. Dessen siebzehnjährige Tochter, die kurz vor dem Abitur steht und mit den neuen Herausforderungen umzugehen hat, unter anderem mit der Entfremdung von ihrer besten Freundin. Und deren Mutter, die mittlerweile ein Leben ausschließlich in Netflix-Serien führt. SEHNSUCHT NACH NÄHE „Besonders mühsam und bitter war diese Zeit für junge Menschen“, sagt Angelika Klüssendorf. Eine Sehnsucht nach Nähe prägt jedoch alle Figuren in „Trost“; eine Sehnsucht, die auch mit familiären Erfahrungen in früheren Zeiten zu tun hat.

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Er: Manchmal muss man vielleicht einfach der Paukenschlag sein, der man ist.“ GROTESKE SINNSUCHE EINES JUNGEN MANNES IN DER QUARTERLIFE-CRISIS Natürlich fragt man sich während der Lektüre, ob Popóm und Popom ein und dieselbe Person sind, doch es bleibt vieles in der Schwebe. Die Beziehung der beiden verändert sich auch ständig. Mal wirken sie wie beste Freunde, dann wie Konkurrenten. Die Ähnlichkeit führt jedenfalls nicht zum großen Glück. Dass der Ältere einiges über die Zukunft des Jüngeren zu wissen scheint, macht die Lage nicht einfacher. Die Unklarheiten und Ungewissheiten führen in die hermeneutischen Tiefen dieser Prosa: Auf dem Cover des Romans ist eine geschwungen Pfeife zu sehen, die dem legendären Rauchwerkzeug auf dem Gemälde von Surrealist René Magritte ähnelt, auf dem der berühmte Satz zu lesen: „Ceci n´est pas une pipe.” HUMORISTISCHES MEISTERSTÜCK Der literarische Witz des Romans besteht nun darin, dass Johanna Sebauer dieses vielfach analysierte Paradox literarisch nachformt. Popom ist also nicht Popóm – oder vielleicht doch? Ist alles nur ein Fiebertraum? So lässt sich das Buch auch als Parodie jener beliebten Texte lesen, die in der Rubrik „Autofiktion“ firmieren. Identität, mag sie noch so „authentisch“ daherkommen, erscheint bei Sebauer als literarische Konstruktion und eben nicht als Angebot für biographische oder gar politische Sinnstiftung. Die wahre Superkraft der Literatur, das zeigt Sebauer in Popóm, liegt in der Erfindung. Wobei das Unwahrscheinliche in diesem Fall auf realistische Weise erzählt wird. Das Schöne an diesem Roman ist: Man muss sich mit solchen metatheoretischen Gedanken nicht herumplagen, der Text überzeugt auch als leicht groteske Sinnsuche eines Mannes in der Quarterlife-Crisis. Sebauer bestätigt mit diesem Buch ihre literarische Spezialbegabung: Sie hat mit dem zweiten Roman abermals ein humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang geschrieben.

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