SWR Kultur lesenswert - Literatur

Hitlers ungeliebter Nobelpreisträger: Sam Apples „Der Kaiser von Dahlem“

4 min · 23. aug. 2026
Billede af episoden Hitlers ungeliebter Nobelpreisträger: Sam Apples „Der Kaiser von Dahlem“

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WIEDERENTDECKUNG EINES BEDEUTENDEN KREBSFORSCHERS  Sam Apple hat sich an einem Spagat versucht, denn anders als der deutsche Titel suggeriert, geht sein Buch weit über den Rahmen einer Biographie hinaus. Der Kaiser von Dahlem erzählt zur Hälfte Wissenschaftsgeschichte.   Rund um Otto Warburg, den 1970 verstorbenen Forscher, dessen Erkenntnisse lange vergessen waren, bis sie Ende des letzten Jahrhunderts von der Zunft wiederentdeckt wurden. Apple stellt fest:  > Einer der wichtigsten Beiträge der Warburg-Renaissance besteht darin, dass sie die Einstellung vieler Mediziner zu Ernährung und Krebs verändert hat. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem WEGE UND UMWEGE DER FORSCHUNG Wie genau, das fächert Sam Apple im Detail auf. Er blickt dabei vor allem auf die Forschung seines Landes, der USA. Er erzählt von Wissenschaftlern wie den Biochemikern Britton Chance und Craig Thompson, die Warburgs Forschungen wieder hervorkramten und sie mit den neuen Erkenntnissen der Genetik und Molekularbiologie abglichen:  „Die Veränderung in der Art und Weise, wie eine Zelle ihre Nahrung aufnimmt und verwertet, ist nicht nur eines von mehreren Ereignissen auf dem Weg zum Krebs. Die ungezügelte Nahrungsaufnahme bildet den eigentlichen Ursprung der Krankheit, indem sie die Zelle für die Möglichkeit des Wachstums aktiviert und die nachfolgende Krebsentwicklung vorantreibt.“  > Krebs, so argumentieren diese Wissenschaftler, sei eine genetische Krankheit, doch könne die genetische Veränderung nicht getrennt von der Stoffwechselveränderung betrachtet werden. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem Im Duktus einer populärwissenschaftlichen Forschungsgeschichte erzählt Apple von Wegen und Umwegen der letzten Jahrzehnte, auch von enttäuschten Hoffnungen. Wenn es etwa um die Zusammenhänge zwischen Diabetes und Krebs ging oder um die Rolle des Zuckerkonsums.   EIN EITLES, SELBSTVERLIEBTES GENIE  Wer wiederum der Mann war, der heutige Forscher mit seinen Erkenntnissen inspirierte, jener Otto Warburg – davon erzählt der erste Teil des Buches. Ein eitler, selbstverliebter  Professor, wie er im Buche steht. Ein brillanter Wissenschaftler, der sich aber auch selbst im Wege stand.  > Er war schon immer gespalten gewesen. Mit seinem aristokratischen Denken war er ein Mensch des 19. Jahrhunderts, aber gleichzeitig auch ein moderner naturwissenschaftlicher Visionär. Ein charmanter Gesprächspartner und ein von seiner eigenen Bedeutung erfüllter Diktator. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem Warburg verbaute sich durch seine Eitelkeit die Chance, aus Fehlern zu lernen, die andere ihm nachwiesen. Auffallend bleibt der im deutschen Buchtitel angerissene Punkt: Als jüdischer Forscher konnte er in NS-Deutschland bis zuletzt arbeiten. Apple erklärt das schlüssig aus der brennenden Angst vor der Krankheit Krebs, die viele  führende NS-Größen beherrschte. Hitler, Himmler und andere hofften eben doch, dass Otto Warburg das Mittel gegen die tödliche Krankheit finden könnte. Warburg hätte in die USA fliehen können, doch er tat es nicht.   GUT LESBARES DENKMAL FÜR EINEN VOLLBLUT-WISSENSCHAFTLER  Sam Apples Buch macht deutlich, wie die Deutschen ihren Status als wissenschaftliche Weltmacht, die Nobelpreisträger am Fließband hervorbrachte, sehenden Auges opferten: auf dem Altar wehleidiger Großmannssucht, perversen Rassismus und schierer Dummheit. Die führende Rolle in der Krebsforschung übernahmen nun die USA. Apple hat dem unbequemen, menschlich schwierigen Vollblut-Wissenschaftler Warburg ein gut lesbares Denkmal gesetzt. Wohl sollte man für den zweiten Teil des Buches Grundkenntnisse der Biochemie mitbringen, um die Fülle von Details fassen zu können. Wie man sich im ersten Teil ein wenig in der deutschen Geschichte auskennen sollte.  Zwischen den Zeilen schwingt die Ahnung mit, dass die Krebsforschung heute womöglich einen großen Schritt weiter wäre, hätten die beiden Weltkriege mit ihren Folgen nicht unschätzbare Ressourcen aller Art verschlungen.

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Hitlers ungeliebter Nobelpreisträger: Sam Apples „Der Kaiser von Dahlem“

WIEDERENTDECKUNG EINES BEDEUTENDEN KREBSFORSCHERS  Sam Apple hat sich an einem Spagat versucht, denn anders als der deutsche Titel suggeriert, geht sein Buch weit über den Rahmen einer Biographie hinaus. Der Kaiser von Dahlem erzählt zur Hälfte Wissenschaftsgeschichte.   Rund um Otto Warburg, den 1970 verstorbenen Forscher, dessen Erkenntnisse lange vergessen waren, bis sie Ende des letzten Jahrhunderts von der Zunft wiederentdeckt wurden. Apple stellt fest:  > Einer der wichtigsten Beiträge der Warburg-Renaissance besteht darin, dass sie die Einstellung vieler Mediziner zu Ernährung und Krebs verändert hat. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem WEGE UND UMWEGE DER FORSCHUNG Wie genau, das fächert Sam Apple im Detail auf. Er blickt dabei vor allem auf die Forschung seines Landes, der USA. Er erzählt von Wissenschaftlern wie den Biochemikern Britton Chance und Craig Thompson, die Warburgs Forschungen wieder hervorkramten und sie mit den neuen Erkenntnissen der Genetik und Molekularbiologie abglichen:  „Die Veränderung in der Art und Weise, wie eine Zelle ihre Nahrung aufnimmt und verwertet, ist nicht nur eines von mehreren Ereignissen auf dem Weg zum Krebs. Die ungezügelte Nahrungsaufnahme bildet den eigentlichen Ursprung der Krankheit, indem sie die Zelle für die Möglichkeit des Wachstums aktiviert und die nachfolgende Krebsentwicklung vorantreibt.“  > Krebs, so argumentieren diese Wissenschaftler, sei eine genetische Krankheit, doch könne die genetische Veränderung nicht getrennt von der Stoffwechselveränderung betrachtet werden. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem Im Duktus einer populärwissenschaftlichen Forschungsgeschichte erzählt Apple von Wegen und Umwegen der letzten Jahrzehnte, auch von enttäuschten Hoffnungen. Wenn es etwa um die Zusammenhänge zwischen Diabetes und Krebs ging oder um die Rolle des Zuckerkonsums.   EIN EITLES, SELBSTVERLIEBTES GENIE  Wer wiederum der Mann war, der heutige Forscher mit seinen Erkenntnissen inspirierte, jener Otto Warburg – davon erzählt der erste Teil des Buches. Ein eitler, selbstverliebter  Professor, wie er im Buche steht. Ein brillanter Wissenschaftler, der sich aber auch selbst im Wege stand.  > Er war schon immer gespalten gewesen. Mit seinem aristokratischen Denken war er ein Mensch des 19. Jahrhunderts, aber gleichzeitig auch ein moderner naturwissenschaftlicher Visionär. Ein charmanter Gesprächspartner und ein von seiner eigenen Bedeutung erfüllter Diktator. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem Warburg verbaute sich durch seine Eitelkeit die Chance, aus Fehlern zu lernen, die andere ihm nachwiesen. Auffallend bleibt der im deutschen Buchtitel angerissene Punkt: Als jüdischer Forscher konnte er in NS-Deutschland bis zuletzt arbeiten. Apple erklärt das schlüssig aus der brennenden Angst vor der Krankheit Krebs, die viele  führende NS-Größen beherrschte. Hitler, Himmler und andere hofften eben doch, dass Otto Warburg das Mittel gegen die tödliche Krankheit finden könnte. Warburg hätte in die USA fliehen können, doch er tat es nicht.   GUT LESBARES DENKMAL FÜR EINEN VOLLBLUT-WISSENSCHAFTLER  Sam Apples Buch macht deutlich, wie die Deutschen ihren Status als wissenschaftliche Weltmacht, die Nobelpreisträger am Fließband hervorbrachte, sehenden Auges opferten: auf dem Altar wehleidiger Großmannssucht, perversen Rassismus und schierer Dummheit. Die führende Rolle in der Krebsforschung übernahmen nun die USA. Apple hat dem unbequemen, menschlich schwierigen Vollblut-Wissenschaftler Warburg ein gut lesbares Denkmal gesetzt. Wohl sollte man für den zweiten Teil des Buches Grundkenntnisse der Biochemie mitbringen, um die Fülle von Details fassen zu können. Wie man sich im ersten Teil ein wenig in der deutschen Geschichte auskennen sollte.  Zwischen den Zeilen schwingt die Ahnung mit, dass die Krebsforschung heute womöglich einen großen Schritt weiter wäre, hätten die beiden Weltkriege mit ihren Folgen nicht unschätzbare Ressourcen aller Art verschlungen.

23. aug. 20264 min
episode Kleiderhaufen als Tatort einer Affäre: „Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie artwork

Kleiderhaufen als Tatort einer Affäre: „Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie

Anfang der 2000er-Jahre hatte Annie Ernaux [https://www.swr.de/kultur/literatur/annie-ernaux-die-besessenheit-100.html] eine Affäre mit dem Fotografen und Journalisten Marc Marie. Als sie sich kennenlernten, stand Ernaux kurz vor einer Brustkrebs-OP. Wie verändern sich Lust und Intimität, wenn der eigene Körper schwer krank ist? Und wie hält man eine solche Affäre fest? NACH 20 JAHREN ERSTMALS AUF DEUTSCH Annie Ernaux und Marc Marie haben einen Weg gefunden: Sie haben Fotos gemacht von den Kleidern, die sie sich am Vorabend beim Sex von den Leibern gerissen haben. Und sie haben zu diesen Fotos Texte geschrieben. Völlig frei, ohne dem anderen den Text zu zeigen und ohne darüber zu sprechen, bis alle fertig waren. „Kompositionen“ nennt Annie Ernaux die Ergebnisse. Daraus ist das Buch „L‘usage de la photo“ entstanden, das 2005 in Frankreich erschienen ist und nun unter dem Titel „Auf den Bildern“ erstmals von Sonja Finck ins Deutsche übersetzt wurde. EIN KLEIDERHAUFEN ALS FOTOGRAFISCHES STILLLEBEN Die Autorin und Romanistin Julia Schoch [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-02-03-102.html] begleiten die Bücher von Annie Ernaux schon lange: Sie hat sie begeistert gelesen, als Ernaux hier in Deutschland noch eine Unbekannte war. Und ähnlich wie Annie Ernaux arbeitet auch Julia Schoch mit autofiktionalen Texten, wie in ihrer Trilogie „Biografie einer Frau“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-02-03-102.html]. Im Gespräch mit SWR Kultur sagt Schoch, diese Kleiderhaufen-Stillleben wirkten wie Tatorte: „Da liegen praktisch die Beweise einer Nacht. Einerseits beschreiben die beiden ihre Klamotten, die da rumliegen, aber auch die Räume oder was an dem Tag passiert ist. Eigentlich sind die Fotos gar nicht so sehr Erzählungen darüber, was jetzt wirklich zwischen den Körpern passiert ist, sondern eher Assoziationsauslöser.“ EINE AFFÄRE VOR DEM HINTERGRUND EINER KREBSERKRANKUNG Und diese Assoziationen nehmen weite Wege: Die beiden verbringen einige Tage in Brüssel. Ein Foto aus dem Hotelzimmer zeugt davon: Man sieht im Hintergrund ein offenes Fenster, in der Bildmitte ein Bett mit zerwühlter Bettwäsche, davor ein Tischchen mit den Resten eines Frühstücks. Rechts ragen ein paar dunkelrote Rosen ins Bild. Während Annie Ernaux erzählt, wie sie sich in diesem Zimmer Marc Marie zum ersten Mal ohne Perücke gezeigt hat, denkt Marc Marie darüber nach, dass er in demselben Hotel einige Jahre zuvor den Tod seiner Mutter zu verarbeiten versuchte. Das Seltsame: Auch Annie Ernaux war, lange bevor sie Marc Marie kennenlernte, ebenfalls in diesem Brüsseler Hotel und hatte kurz danach vom Tod ihrer Mutter erfahren. Intimität drückt sich in diesen Fotos also nicht nur auf der Bildebene aus. Auch in den Texten treffen und berühren sich Ernaux‘ und Maries Assoziationen. DIE LIEBENDEN LASSEN SICH VOM KREBS NICHT AUFHALTEN Durch den ganzen Band zieht sich, mal mehr, mal weniger präsent, Annie Ernaux‘ Krebsbehandlung. Man sieht sehr private Fotos von Annie Ernaux‘ Spitzenunterwäsche, die auf ihrem Wohnzimmerboden liegt, dazu Beschreibungen, wie die Therapie ihren Körper verändert. Marc Marie nennt sie im Scherz einmal „keine richtige Krebspatientin“, weil Ernaux zwischen zwei Chemotherapie-Sitzungen mit ihm eine Reise nach Venedig unternimmt, auf der sie „wie zwei verliebte Teenager“, so Julia Schoch, die größten Albernheiten begehen. Ihre Krebsgeschichte webe sich beiläufig, beinahe elegant in Ernaux‘ Fototexte ein, findet Julia Schoch. KLEINE BILDAUSSCHNITTE MIT GROSSER AUSSAGE Die meisten der vierzehn Fotos wurden in Annie Ernaux’ Haus in der Nähe von Paris aufgenommen. Mit den Bildern bewegen wir uns durch ihr Haus: Wir erfahren, dass sie in der Küche mit den gelb-blauen Fliesen im Schachbrettmuster morgens einen Orgasmus hatte. Wir sehen, wie das kalte, graue Winterlicht auf den Teppichboden im Schlafzimmer fällt. Jedes Foto zeigt nur einen engen Ausschnitt des Raumes. Im Schlafzimmer etwa sehen wir links in einem Foto nur die Bettkante mit einer weißen Tagesdecke. Auf dem blassgelben Teppichboden liegt ein bunter Kleiderhaufen, in dem man einzelnen Kleidungsstücke gar nicht erkennt. Im Bildhintergrund ist eine offene Tür, vor ihr liegt ein schwarzer Kleiderhaufen und daneben zwei Männerschuhe. Ein harmloses Bild, bei dem Annie Ernaux jedoch schreibt, sie sehe in diesem Foto den Tod ihres Körpers. Und auch Marc Marie schreibt: „Ich sehe dort nicht mehr die Spuren unserer Gegenwart, sondern unsere Abwesenheit, wenn nicht gar unseren Tod.“ Das sind die besonders spannenden Momente, findet Julia Schoch: Wenn sich die Texte von Ernaux und Marie nahekommen, obwohl sie ja gar nicht wussten, was der andere über das Foto schreibt. WAS KÖNNEN FOTOS LEISTEN? „Auf den Bildern“ sei ein Buch über Fotografie und über die Frage, was Fotos leisten können, so die Autorin Julia Schoch: „Es ist der Versuch in einem Bild, das Flüchtige und das Vergängliche der Liebe und des Sex einzufangen, obwohl man gleichzeitig weiß, dass das nicht funktioniert.“ Das ist auch das große Thema der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. In „Auf den Bildern“ hält sie fest: > „Ich will nur Texte schreiben, die niemand sonst verfassen kann“. > > > Quelle: Annie Ernaux, Marc Marie - Auf den Bildern Das, worüber sie schreibt, kommt aus ihrem Leben: Wie sie, geboren 1940, als Kind einfacher Leute in Nordfrankreich aufgewachsen ist, sich von dieser Arbeiterherkunft freigemacht und als erste in ihrer Familie studiert hat. Annie Ernaux erzählt von ihrem Klassenwechsel und ihrer Emanzipation auch anhand körperlicher Erfahrungen: Die Pubertät, eine Vergewaltigung, eine Abtreibung – all das spart sie nicht aus. Sie sei eine „Ethnologin ihrer selbst“. Doch Julia Schoch ist der Ansicht, Ernaux sei keine Chronistin, die historische Momente festhalte. Sie beschreibe in ihren autofiktionalen Texten das „Verfließen von Zeit“, so Schoch: „Es geht immer um die Frage, wie kann man Veränderung beschreiben? Wie kann man die Veränderung festhalten, was ja eigentlich ein Paradox ist?“ FOTOS ALS AUSLÖSER FÜR ERINNERUNG Annie Ernaux sei sich bewusst, dass ein Foto nur einen Ausschnitt eines Ereignisses zeige und vor allem ein Auslöser sei, um Erinnerungen hervorzuholen. Das passt auch zum originalen französischen Titel dieses Buches: „L’usage de la photo“, auf Deutsch „Vom Nutzen der Fotografie“. Fotos sind bei ihr der Ausgangspunkt für eine Erinnerung, der sie literarisch nachgeht. Ein Verfahren, das sie später intensiv in ihrem Buch „Die Jahre“ verwendet. Dort werden Fotos allerdings nur beschrieben und nicht abgedruckt. Julia Schoch glaubt, dass Annie Ernaux‘ Krebserkrankung sowas wie ein Beschleuniger für ihre Art des Schreibens gewesen sei: Ernaux habe sich, nachdem 2005 „L’usage de la photo / Auf den Bildern“ in Frankreich erschienen ist, nicht lange mit formalen Spielchen aufgehalten, sondern in ihrem darauffolgenden Buch „Die Jahre“, das 2008 in Frankreich erschien, die Idee der Fotobeschreibungen ausgeweitet hin zu einer „sozialen Collage“, so Schoch. FOTOSZENEN LEBEN IM KOPF DER LESENDEN WEITER Doch eine Sache bleibt auffällig: Das, was ein Foto nicht zeigt. In dem Band „Auf den Bildern“ sind die beiden Liebenden nie zu sehen. Die Fotos fangen quasi ihre Abwesenheit ein. Und ihre Spuren mit den in den Zimmern verteilten Kleidern und den leeren Weingläsern. Das lässt Raum für Assoziationen bei den Leserinnen und Lesern und das ist die eigentliche Hoffnung der Autorin Ernaux, wie sie in ihrem Vorwort schreibt: Einen erotischen Moment könne man weder festhalten noch abbilden. Der Realität komme man am nächsten, wenn sich die Fototexte in den Köpfen zu eigenen Szenen verwandeln, so der Wunsch der Autorin.

21. aug. 202618 min
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Lebensrealität muslimischer Frauen in Südindien

EINE AUF MÄNNER ZUGESCHNITTENE GESELLSCHAFT Die Frauen haben meist nicht viel zu lachen in den Geschichten von Banu Mushtaq. So divers sie auch sind, jung, alt, verwitwet, reich, bettelarm, gebildet oder schon mit elf Jahren verheiratet worden: Sie eint, dass sie allein als Frau nichts oder nicht viel wert sind in der von Männern beherrschten und auf Männer zugeschnittenen Gesellschaft, in der sie leben: „Ich hatte mich in eine beflissene Dienerin verwandelt. Es war der einzige Weg zu überleben. Ich hatte der Welt nichts zu geben, die Welt schenkte mir auch nichts. Ich wusste nichts von sozialen Beziehungen, ich hatte keinen Namen, keine Persönlichkeit. Ich war nur seine Frau (...)." „GOTT, SEI EIN EINZIGES MAL EINE FRAU!" Und doch: Banu Mushtaqs Frauenfiguren eint eben auch, dass sie nie nur Opfer bleiben. Sie alle finden eine Art des Widerstands - und sei er noch so klein und unsichtbar für andere. „Gott, sei ein einziges Mal eine Frau!", ruft die Ich-Erzählerin am Ende der gleichnamigen Story innerlich aus, nachdem sie von ihrem Ehemann wie ein zerschlissenes Kleidungsstück aussortiert und durch eine neue, jüngere und unbeschädigte Version ersetzt wurde, mittellos landet sie mit zwei kleinen Kindern auf der Straße. Rückblickend reflektiert sie ihr Leben und geht mit Gott - und der Gesellschaft - schwer ins Gericht: „Die Gesellschaft hatte abgesegnet, was er tat. Und bei all dem haben sie deine Unterstützung! Er tut das alles in deinem Namen!" Immer wieder kippt diese Anklage in bitter-bösen Sarkasmus, um am Ende resigniert und fast nachsichtig zu fordern: „Wenn du die Welt noch einmal erschaffst, Gott, und dabei auch die Männer und Frauen neu zusammenbaust, dann sei bitte nicht noch einmal ein unerfahrener Töpfer. Komm ... komm ein einziges Mal als Frau auf die Erde, Herr". WICHTIGE STIMME EINER PROTESTLITERATUR Witz und Widerstand, Tragik und Trauer liegen in den zwölf in diesem Band versammelten Kurzgeschichten immer nah beieinander. Entstanden sind sie in den letzten knapp 30 Jahren. Es sind Geschichten, die sich im Spannungsfeld zwischen Religion und Moral, Patriarchat und Frauenrechten, Familie und Gesellschaft bewegen, angesiedelt im südwestindischen Bundesstaat Karnataka, aus dem Banu Mushtaq kommt. Die Rechtsanwältin und Journalistin schreibt auf Kannada, einer der ältesten klassischen Sprachen Indiens. Sie gehört laut ihrer Übersetzerin Katrin Binder zu den wichtigsten Autorinnen einer Protestliteratur auf Kannada, die seit den 70er Jahren Menschen am Rand der Gesellschaft eine Stimme gibt im Kampf um mehr soziale Gerechtigkeit. Dieses Anliegen scheint in jeder der hier versammelten Stories auf, ohne agitatorisch zu sein und so etwa ihre literarische Kraft zu drosseln. ZWISCHEN ERSCHÜTTERUNG UND SATIRE „Wenn Sommerferien sind, hört man von allen Müttern endlose Beschwerden - schließlich sind die Kinder immer zu Hause." Meist unvermittelt wird man in die Leben verschiedenster Frauen und Männer in muslimischen Gemeinden geworfen. Wie in einem Wimmelbild springt man von einer Szenerie zur nächsten, hin und her zwischen den Familien und ihren Fehden, den Festen, den Ritualen, dem Tratsch unter Nachbarn,  korrupten Machenschaften, Erbschaftsstreitereien, Klassenunterschieden und Ehealltag. Manche Geschichten sind erschütternd und machen wütend, so wie die von Mehrun, die sich lieber selbst verbrennen will als noch länger bei ihrem Mann zu bleiben. Andere nehmen fast satirische oder fantastische Züge an. So etwa in der Geschichte „High Heels", in der ein Paar Stöckelschuhe zur Obsession eines Mannes und zum Sinnbild für die Sprengung patriarchaler Ketten wird. Von ihrem Mann in absurd hohe, schmale Stöckelschuhe gezwängt, die in Saudi-Arabien gerade der letzte Schrei sind, findet die schwangere Arifa, mit ihren breiten, von der Hausarbeit aufgesprungenen Füßen, doch noch einen festen Stand: „Sie drückte auf die Schuhe, bis sie schweißgebadet war. Gerade, als sie glaubte, dass ihr Baby dem Gewicht zum Opfer fallen würde, explodierten die hochhackigen Schuhe wie durch eine göttliche Kraft in abertausend Stücke. Sie leuchteten auf wie ein Meteor, ihre Asche fiel irgendwohin, und dann waren sie vollkommen ausgelöscht. Und Arifa stand stabil und auf festem Boden - wie die Erde selbst!" GEWÖHNUNGSBEDÜRFTIG, ABER KRAFTVOLL Ton und Perspektiven wechseln in den Erzählungen oft plötzlich und unvermittelt, so wie auch der Schwerpunkt einer Geschichte sich öfter mal neu verschiebt. Das ist gewöhnungsbedürftig, genauso wie die vielen Titel und Bezeichnungen, etwa für religiöse oder familiäre Stellungen oder traditionelle Kleidungsstücke, die in der Originalsprache im Text stehen gelassen wurden. Je mehr man liest, desto mehr werden sie einem aber geläufig, und wer es genau wissen will, kann die Bedeutung im Nachwort der Übersetzerin nachlesen. Banu Mushtaq entfaltet in ihren Erzählungen ein vielfältiges Panorama des Patriarchats in ihrer Heimat Südindien. Sie weist aber deutlich darüber hinaus. Denn Frauenrechte stehen bekanntlich nicht nur dort auf dem Spiel. Darauf dürfte auch der für die deutsche Übersetzung gewählte Titel anspielen, der ein Zitat aus einer Geschichte ist: „Meistens bleibt ja die Frau zu Hause". Ein Satz, der in streng islamischen Kreisen bitterste Realität ist und ein reales Gefängnis für Frauen bedeuten kann, und ein Satz, der in westlichen Gesellschaften wie der unseren als Witz daher gesagt wird, und doch in Zeiten des allgemeinen Backlashs auch hier wieder eine bittere Note bekommt.

21. aug. 20265 min
episode Clemens J. Setz: „Man ist rettungslos allein und doch haben wir die Kunst“ artwork

Clemens J. Setz: „Man ist rettungslos allein und doch haben wir die Kunst“

ENTRÜCKTE FIGUREN IN EINER LEICHT VERSCHOBENEN WELT Clemens Setz [https://www.swr.de/kultur/literatur/clemens-setz-ohne-nebenjobs-geht-es-nicht-lesenswert-magazin-100.html] sagt über sich, er sei jemand, der oft etwas sieht und sich dazu etwas völlig Unangebrachtes denkt. „Kognitive Dissonanzen“ nennt er das. Klingt etwas abstrakt, aber Clemens Setz ist zum Glück Autor und kann dieses sehr persönliche Empfinden für andere erfahrbar machen. In den 19 Erzählungen in „Mein Leben als Noiseband“ gibt es einige Figuren, die etwas entrückt und verschroben sind. Wie etwa Paul in der titelgebenden Erzählung. Er ist Musiker und macht mit Leidenschaft „Noise“. „Noise“, das englische Wort für Lärm oder Geräusch, sagt schon, wie diese Musik klingt: Laut, kreischend, ohne Rhythmen oder Tonalität. NOISE – MUSIKLOSE MUSIK Noise sei „Musiklose Musik“, heißt es in der Erzählung. Oder wie Clemens Setz sagt: „Eine Beleidigung aller Hörgewohnheiten.“ Doch, wer sich einhört, merke, dass es „Effekte oder Hörzustände gibt, die es sonst nirgends gibt. Zum Beispiel, dass man vergessen kann, dass man die Kontrolle über das Voraussagen der Musik hat“, so der Autor. Keine Kontrolle hat die Figur Paul auch über seine Träume, die besonders rätselhaft sind. So träumt er etwa von einem „bis zum Bersten mit Wasser gefüllten Mann“, der „wie ein Formel-1-Kommentator eine laut vor sich hin plappernde Aktentasche trägt“. Wie kann man sowas in Noise wiedergeben, diese Frage treibt den Musiker Paul um. DIE UNVERSTANDENE KÜNSTLERFIGUR Clemens Setz sagt über seine Figur, er habe schon immer eine Künstlernovelle a la „Tonio Kröger“ schreiben wollen, doch das habe nie funktioniert. Als Autor teilt er dieselbe Erfahrung wie seine Figur Paul: „Es ist nie das drin, was ich reintue. Es ist immer was anderes, was die Leute lesen. Und das ist auch okay. Ich bin jetzt versöhnt mit dieser Tatsache.“ „Aber ich wollte auch mal eine Geschichte von jemandem, der von vornherein ein ungewinnbares Spiel spielt, nämlich unausdrückbare Epiphanien des Alltags, mystische Empfindungen, wunderbare Sachen, die er alle in der Kunst bewahren will und das ist nie drin. Die Leute sehen es nie“, berichtet er SWR Kultur. BABYS LIEBEN WHITE-NOISE-MUSIK „Man ist so rettungslos allein“, findet der Autor Clemens Setz: „Doch haben wir diese interessante Erfindung Kunst und Poesie, Literatur und Musik, wo sich ja doch wahnsinnig viel überträgt.“ Das merkte Clemens Setz auch vor wenigen Jahren als frischgebackener Vater. Er stellte fest, dass sein Baby sehr gut zu White-Noise-Musik einschlafen kann: „Das spielt man recht laut und Babys schlafen sehr schnell ein.“ Die Musik klingt für Babys angeblich nach den Geräuschen im Mutterbauch. Ob es stimmt, ist fast schon egal. Für Eltern zählt die Wirkung: „Es ist so eine schöne Sache, diese beiden Welten berühren sich da. Die frischen Eltern mit Baby im Bett, diese zarte, unschuldige und diese provokante, mit extremer Bühnen-Performance verbundene Welt, wo es darum geht, dass Leute irgendwie extreme Zustände ausdrücken. Die beiden sind eigentlich dasselbe“, erzählt Clemens Setz. KINDERWUNSCH ZIEHT SICH DURCH DIE ERZÄHLUNGEN Das Thema der Elternschaft und des Kinderwunsches zieht sich durch seinen neuen Erzählband. Clemens Setz ist seit vier Jahren Vater. Sein Kinderwunsch sei zwar schon lange Zeit intensiv ausgeprägt gewesen, doch habe er ihn zur Seite geschoben und sich stattdessen in „Ersatzkonstrukte“ geflüchtet. Jetzt könne er endlich darüber schreiben: „Und das ist ein bisschen so eine Untersuchung auch in allen, nicht in allen, aber in vielen Geschichten“, so Setz.

21. aug. 202616 min