SWR Kultur lesenswert - Literatur

Zorniger Trip durch Putins Reich

4 min · 3 de ago de 2026
Portada del episodio Zorniger Trip durch Putins Reich

Descripción

Die Schlüsselfigur von Viktor Jerofejews großem Rundblick auf die russischen Verhältnisse der Gegenwart heißt „Pontschik“, was auf russisch Krapfen bedeutet. Gemeint ist natürlich Putin. Da heißt es:  „Schauen wir uns den Charakter von Pontschik an. Pontschik kann nicht leben ohne Feinde und ihre Entlarvung. Das kommt bei ihm aus der Kindheit, die schmerzlich, arm und voller Kränkung und Verhöhnung war. Er ist mehr Produkt seiner Kindheit als Zögling und Offizier des KGB.“    DER WEG IN DIE NEUE BARBAREI  Es ist offensichtlich: Jerofejew liebt die karikierende, mal satirische, mal groteske Überzeichnung. Thematisch jedoch ist das vor allem ein Buch über die Frage, wie Russland auf den Weg in die titelgebende „Neue Barbarei“ geraten konnte. Es geht um Schuld, Nationalcharakter, politische Verbrechen, historische Lasten und den Überfall auf die Ukraine. Doch Jerofejew nutzt die essayistische Darstellung, die sich für eine solche Fragestellung anbietet, nur gelegentlich. Stattdessen hat er sich um eine freiere Form bemüht. Er nennt sie im Untertitel „Romanfantasie über die russische Schuld“.  Wie sieht das aus? Das wesentliche Kunstmittel, durch das der Autor seinen Argumentationen narrative Bildhaftigkeit verleiht, ist der Einsatz allegorischer Figuren, indem er etwa die russische Schuld in Gestalt einer jungen Frau personifiziert. Und mehr noch:  > Ich heirate. Ich heirate die russische Schuld. In unserem Land kann man nicht nur Menschen heiraten, sondern auch Begriffe, abstrakte Gedanken, Utopien und obszöne Wörter. > > > Quelle: Viktor Jerofejew – Die neue Barbarei RUSSISCHE GESCHICHTE UND GEGENWART  An der Seite dieser Ehefrau durchquert der Ich-Erzähler in 140 locker verbundenen Kapiteln eine zwischen Realismus und Phantastik changierende Landschaft von russischer Geschichte und Gegenwart. In Dialogform mit verteilten Rollen ergreifen historische und allegorische Figuren das Wort, die allerdings nur als Sprechblasen in Erscheinung treten: Hannah Arendt [https://www.swr.de/kultur/literatur/50-todestag-hannah-arendt-streitlustige-mutige-denkerin-100.html], Karl Jaspers, Thomas Mann [https://www.swr.de/kultur/literatur/thomas-mann-katia-mann-liebes-fraeulein-herz-102.html] zum Beispiel, oder Dostojewski und Turgenjew, aber auch zeitgenössische Minister, russische Volkstypen, ein Drohnenpilot, sogar die Vernunft persönlich. Ein Museumsleiter mit dem sprechenden Namen Leckomio exponiert die moralische Dickfelligkeit, die Jerofejew dem russischen Volkscharakter zuschreibt.  VIEL ZORN, GRAM UND SPOTT  Das Buch quillt über von historischen Schlaglichtern, Anekdoten, persönlichen Reminiszenzen und Reflexionen, immer wieder zugespitzt durch satirische Obertöne, groteske Szenen, fulminante Anklagen. Ein Fazit ist dieses:  „Was also ist die Barbarei des 21. Jahrhunderts, die in meinem Land den Sieg davongetragen hat? In erster Linie bedeutet sie das vollständige Ersetzen von Gerechtigkeit durch den Kult der Stärke. Pontschik wird getrieben von einem primitiven menschlichen Siegerinstinkt. Das ist toxisch.“  Trotz solcher klaren Ansagen gerät der Erkenntnisgewinn im Hin und Her zwischen kritischer Darstellung, fiktionalen Elementen und karikierender Überzeichnung nicht selten unter die Räder. Gewiss: Jerofejew hat sich damit offenbar viel Zorn, Gram und Spott von der Seele geschrieben. Darin steckt einiges an Gegenwehr gegen die Macht der faktischen Tyrannei. Aber gleichwohl ist der Nutzen, den sein Lesepublikum daraus ziehen kann, wohl nicht immer ganz so groß wie für ihn selbst.

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Zorniger Trip durch Putins Reich

Die Schlüsselfigur von Viktor Jerofejews großem Rundblick auf die russischen Verhältnisse der Gegenwart heißt „Pontschik“, was auf russisch Krapfen bedeutet. Gemeint ist natürlich Putin. Da heißt es:  „Schauen wir uns den Charakter von Pontschik an. Pontschik kann nicht leben ohne Feinde und ihre Entlarvung. Das kommt bei ihm aus der Kindheit, die schmerzlich, arm und voller Kränkung und Verhöhnung war. Er ist mehr Produkt seiner Kindheit als Zögling und Offizier des KGB.“    DER WEG IN DIE NEUE BARBAREI  Es ist offensichtlich: Jerofejew liebt die karikierende, mal satirische, mal groteske Überzeichnung. Thematisch jedoch ist das vor allem ein Buch über die Frage, wie Russland auf den Weg in die titelgebende „Neue Barbarei“ geraten konnte. Es geht um Schuld, Nationalcharakter, politische Verbrechen, historische Lasten und den Überfall auf die Ukraine. Doch Jerofejew nutzt die essayistische Darstellung, die sich für eine solche Fragestellung anbietet, nur gelegentlich. Stattdessen hat er sich um eine freiere Form bemüht. Er nennt sie im Untertitel „Romanfantasie über die russische Schuld“.  Wie sieht das aus? Das wesentliche Kunstmittel, durch das der Autor seinen Argumentationen narrative Bildhaftigkeit verleiht, ist der Einsatz allegorischer Figuren, indem er etwa die russische Schuld in Gestalt einer jungen Frau personifiziert. Und mehr noch:  > Ich heirate. Ich heirate die russische Schuld. In unserem Land kann man nicht nur Menschen heiraten, sondern auch Begriffe, abstrakte Gedanken, Utopien und obszöne Wörter. > > > Quelle: Viktor Jerofejew – Die neue Barbarei RUSSISCHE GESCHICHTE UND GEGENWART  An der Seite dieser Ehefrau durchquert der Ich-Erzähler in 140 locker verbundenen Kapiteln eine zwischen Realismus und Phantastik changierende Landschaft von russischer Geschichte und Gegenwart. In Dialogform mit verteilten Rollen ergreifen historische und allegorische Figuren das Wort, die allerdings nur als Sprechblasen in Erscheinung treten: Hannah Arendt [https://www.swr.de/kultur/literatur/50-todestag-hannah-arendt-streitlustige-mutige-denkerin-100.html], Karl Jaspers, Thomas Mann [https://www.swr.de/kultur/literatur/thomas-mann-katia-mann-liebes-fraeulein-herz-102.html] zum Beispiel, oder Dostojewski und Turgenjew, aber auch zeitgenössische Minister, russische Volkstypen, ein Drohnenpilot, sogar die Vernunft persönlich. Ein Museumsleiter mit dem sprechenden Namen Leckomio exponiert die moralische Dickfelligkeit, die Jerofejew dem russischen Volkscharakter zuschreibt.  VIEL ZORN, GRAM UND SPOTT  Das Buch quillt über von historischen Schlaglichtern, Anekdoten, persönlichen Reminiszenzen und Reflexionen, immer wieder zugespitzt durch satirische Obertöne, groteske Szenen, fulminante Anklagen. Ein Fazit ist dieses:  „Was also ist die Barbarei des 21. Jahrhunderts, die in meinem Land den Sieg davongetragen hat? In erster Linie bedeutet sie das vollständige Ersetzen von Gerechtigkeit durch den Kult der Stärke. Pontschik wird getrieben von einem primitiven menschlichen Siegerinstinkt. Das ist toxisch.“  Trotz solcher klaren Ansagen gerät der Erkenntnisgewinn im Hin und Her zwischen kritischer Darstellung, fiktionalen Elementen und karikierender Überzeichnung nicht selten unter die Räder. Gewiss: Jerofejew hat sich damit offenbar viel Zorn, Gram und Spott von der Seele geschrieben. Darin steckt einiges an Gegenwehr gegen die Macht der faktischen Tyrannei. Aber gleichwohl ist der Nutzen, den sein Lesepublikum daraus ziehen kann, wohl nicht immer ganz so groß wie für ihn selbst.

3 de ago de 20264 min
Portada del episodio Weit weg sein und zu sich kommen: Martina Zschockes „Reisepsychologie“

Weit weg sein und zu sich kommen: Martina Zschockes „Reisepsychologie“

Dieses Buch stammt unverkennbar von einer begeisterten Reisenden. Martina Zschocke hat nicht nur Forschungsergebnisse zusammengetragen; es schwingt auch eigene Faszination mit. Ob es auch daran liegt, dass ihr während ihrer Jugend in der DDR verwehrt war, wirklich die ganze Welt zu bereisen? Reisen, so sagt sie jedenfalls, öffne buchstäblich alle Sinne. Und mehr noch:  > Das andere ist, dass durch Reisen einfach eine ganz grundlegend positive Stimmung kommt – also auch mehr Aufmerksamkeit, mehr Konzentration, einfach darauf basierend, dass insbesondere Neues sehr viel Dopamin ausschüttet – > > > Quelle: Martina Zschocke „Also, das ist eines unserer besten Neurotransmitter, die wir so haben – was natürlich dazu führt, dass es eben einfach auch dieses Wohlgefühl macht. Das hängt natürlich stark von der Reiseform ab.“  VOM BALLERMANN BIS ZUM SCHWEIGERETREAT: FORMEN DES REISENS  Von vielen Reiseformen erzählt die Psychologin in ihrem Buch. Vom atemlos-flüchtigen Erleben der Sensationslustigen ebenso wie vom kontemplativen Wandern in den Bergen mit seiner Wirkung buchstäblich auf Leib und Seele. Das Buch betrachtet, wie Menschen ihre Reise vorbereiten, wie sie sich dann auf den Weg machen, wie sie am Ziel ankommen und wie sie später auf ihre Reise zurückblicken. Alles basiert auch auf der langjährigen eigenen Untersuchung der Autorin. Interessant ist nicht zuletzt, was Reisen eigentlich bewirken kann.   REISEN FÖRDERT KREATIVITÄT  Unter anderem kann es Kreativität fördern. Martina Zschocke hat dazu mit vielen Kreativen gesprochen: mit Schriftstellern und Dichtern, mit Fotografen, Architekten und Komponisten.  „Viele haben erzählt, dass Transiträume sehr stimulierend sind: Züge, Bahnhöfe oder Cafés, also Übergangsräume zwischen innen und außen. Dieses gleichzeitige Bei-sich-Sein und Draußensein hat eine sehr stimulierende Wirkung.“ > Architekten erzählten mir häufig, dass sie in Flugzeugen kreativ werden. Das war auffällig, weil das sonst niemand nannte. Dichter und Schriftsteller dagegen beschrieben eher Züge als inspirierende Orte. > > > Quelle: Martina Zschocke Wer anders als die Kreativen das ganze Jahr über im Büro oder auf dem Bau arbeitet, der erwartet tendenziell anderes von seiner Reise: Erholung. Aber die zu finden, ist gar nicht so leicht. So die Psychologin: „Für Erholung ist entscheidend, die eigenen Bedürfnisse im jeweiligen Moment zu kennen – und nicht einfach das zu machen, was alle tun oder was gerade auf Social Media gehypt wird. Was braucht man gerade jetzt am meisten für sich?“  SELBST ERLEBEN STATT INSTANT-GLÜCK AUF INSTA  Viele lassen sich nach Martina Zschockes Beobachtung eben doch davontragen: von Reiseberatungs-Apps oder den sogenannten sozialen Medien. Gerade der Einfluss von Instagram und Co. drängt das wirkliche Erleben zurück: das Sich-treiben-lassen, um die Welt selbst zu erkunden, mit allen Sinnen. Die Autorin plädiert für diese Form des Reisens, denn dann weite sich entscheidend der Blick: „Manchmal sind es die kleinen Entdeckungen am Rand, die den tiefsten Eindruck hinterlassen – die Dinge, mit denen man in Resonanz geht. Oft ist es gerade das Unerwartete: ein Lebensstil, ein bestimmtes Licht, eine Art zu bauen und zu leben oder bestimmte Farben. Alles mögliche.“  Dieses höchst anregende Standardwerk erfüllt eine doppelte Funktion: Zum einen beschreibt es das Reisen umfassend auf wissenschaftlichem Niveau. Zum anderen taugt es mit etwas Weiterdenken als praktische Anleitung auch für Laien: wenn man nämlich selbst eine unvergessliche Reise planen und erleben möchte.

Ayer3 min
Portada del episodio Özge Inan: „Ich mache mich als Autorin mitschuldig an dem, was ich beschreibe“

Özge Inan: „Ich mache mich als Autorin mitschuldig an dem, was ich beschreibe“

AUFSTIEG EINER JUNGEN DICHTERIN  Mit „Die Dichterin“ legt Özge Inan einen Roman vor, der den Literaturbetrieb als Spannungsfeld von Wahrheit, Erzählung und Aufmerksamkeitsökonomie ins Zentrum stellt.  Im Buch wird die gefeierte Lyrikerin Emma Rodenstock zur Projektionsfläche einer Klassismus-Debatte und zugleich zur Figur in einem literarischen Spiel mit Authentizität.  JÄGERIN UND GEJAGTE  Der Roman lebt von der Dynamik zwischen zwei Frauen: der Dichterin Emma und der jungen Journalistin Nazanin Esfahani. Die möchte Emma Rodenstock eigentlich nur für ein Porträt interviewen. Doch dann fällt ihr auf, dass an Emmas Biografie – sie verarbeitet in ihren Gedichten ihr Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen in Spandau – etwas nicht stimmen kann.  „Früher oder später begeben sie sich in eine Situation der Jägerin und der Gejagten“, sagt Inan im Gespräch bei SWR Kultur. Aus einem harmlosen Porträt wird ein Journalismus-Thriller über Widersprüche, Inszenierungen und den Wunsch nach der „guten Geschichte“.  MIGRATION OHNE OPFERROLLE  Besonders eindrücklich ist, wie Inan dabei Nazanins Herkunft miterzählt: nicht als Defizit, sondern als selbstverständlicher Teil ihrer Professionalität.   Özge Inan ist diese Darstellung wichtig, denn sie empfindet sie als authentische Darstellung einer Lebenswelt: Menschen mit Migrationsgeschichte, „die einfach ihren Job machen. Punkt.“  ANKLAGE UND MITSCHULD  Inan klagt in ihrem Roman nicht nur Medien und Feuilleton an, „die die Wirklichkeit in Gefäße pressen“, sondern auch sich selbst, als Autorin: „Ich bin natürlich Teil dieses Vertrags zwischen Autorin und Leserinnen.“ Der Roman zeigt den Literaturbetrieb als „exzellentes Feld für Lügen und Schwindeleien“.  Wie viel Wahrheit verträgt dieser Betrieb wirklich?

31 de jul de 202611 min
Portada del episodio Wie Literatur Halt gibt, wenn Hass die Öffentlichkeit vereinnahmt: „Lesen per se ist schon widerständig“

Wie Literatur Halt gibt, wenn Hass die Öffentlichkeit vereinnahmt: „Lesen per se ist schon widerständig“

EIN ANSCHLAG, EIN BUCH, EIN RAUER WIND Der tödliche islamistische Angriff [https://www.swr.de/video/sendungen-a-z/report-mainz/sb-csd-terroranschlag-0728-100.html] auf den Berliner CSD hat Bianca-Maria Brandshofer tief getroffen: „Es ist schon ein Tieferschlag, ein Rückschlag, aber gleichzeitig dürfen wir uns davon nicht total verunsichern lassen.“ Die Mitbegründerin der queer-feministischen Buchhandlung o*books in Wien sieht den Anschlag im Kontext eines „anderen, raueren Windes“, der seit Jahren gegen queeres Leben weht. Diese Stimmung ist Ausgangspunkt für das Sachbuch „Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm“, das sie gemeinsam mit Tobi Schiller und Marlon Braunshofer geschrieben hat. WAS MACHT EINEN TEXT QUEER? Gemeinsam gehen sie auch der Frage nach, was ein Buch queer macht: Queer sei „alles, was nicht der heteronormativen, gesellschaftlich akzeptierten Form des Lebens oder Liebens“ entspricht, meint Braunshofer im Gespräch im SWR Kultur „lesenswert Magazin“. Im Buch eröffnet das Autor*innentrio einen Kanon von Sappho bis Thomas Mann – und entdeckt Queerness sogar neu bei Kafka. LESEN ALS LEISER WIDERSTAND Doch wie kann Literatur Akzeptanz vermitteln? Brandshofer beschreibt Lesen als widerständigen Akt: „Lesen per se ist ja ein Akt, der schon alleine, weil er so leise ist, widerständig sein kann.“ Literatur könne Identifikation ermöglichen, „Exit-Strategien“ bieten und helfen, gesellschaftliche Bedrohungen innerlich zu verarbeiten. QUEERNESS INS KLASSENZIMMER Brandshofer fordert mehr vollständige Bücher in Lehrplänen und Mut zur queeren Schullektüre: Queerness gehöre „zu unser aller Leben dazu“. Ihr Gespräch macht deutlich: Wer queer liest, liest die Welt anders – und lernt, sie nicht kampflos hinzunehmen.

31 de jul de 20269 min