SWR Kultur lesenswert - Literatur

Schnecken, Katalogbräute und ein Krieg: Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“

6 min · 19. elo 2026
jakson Schnecken, Katalogbräute und ein Krieg: Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“ kansikuva

Kuvaus

EIN UNKONVENTIONELLER ROMAN Jeder Roman hat einen Anfang und einen Schluss. Denkt man. Bis man Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“ gelesen hat. Denn dieser unkonventionelle Roman umfasst in der deutschen Ausgabe 480 Seiten – endet aber schon auf Seite 190. Und dann noch mal. Und noch mal. Unkonventionell ist der Roman aber auch, weil mittendrin plötzlich die Autorin auftaucht, als Ich-Erzählerin mit einem eigenen Erzählstrang, neben dem der Figuren – und schließlich sogar zusammen mit ihnen. POSTMODERNE KOLLISION VON FIKTION UND WIRKLICHKEIT Klingt ziemlich schräg, oder? Und verdächtig nach postmoderner Spielerei à la Italo Calvino oder Paul Auster [https://www.swr.de/kultur/literatur/paul-auster-new-york-trilogie-stadt-aus-glas-schlagschatten-hinter-verschlossenen-tueren-100.html]. Aber hier hängt die Kollision von Fiktion und Wirklichkeit mit der Entstehungsgeschichte des Romans zusammen. Oder besser: Sie ist ein großartiger Trick der kanadisch-ukrainischen Autorin, um ein plötzlich von der Realität überholtes Werk doch noch zu vollenden. Denn was macht man bzw. frau mit einem Romanprojekt über die Heiratsindustrie in der Ukraine, wenn dieses Land mitten im Schreiben überfallen wird? „Welches Recht habe ich, von meinem Sessel aus über den Krieg zu schreiben? Und weiter über die Katalogbrautindustrie zu schreiben, kommt mir noch schlimmer vor. Dieses Klischee wieder hervorkramen? In diesen Zeiten?“ > Und überhaupt, bin ich eigentlich eine echte Ukrainerin? Ich habe das Land als Kind verlassen. Ich spreche eher Russisch als Ukrainisch und beides nicht besonders gut. > > > Quelle: Maria Reva - Ein königreich für eine Schnecke KATALOGBRÄUTE, SCHNECKEN UND RUSSISCHE INVASOREN Wenn Katalogbräute das eine Thema dieses Romans sind, so sind Schnecken das andere. Verkörpert werden beide Themen durch zwei gegensätzliche Frauen, die sich zusammentun, um aus Protest westliche Freier zu entführen. Da ist zunächst Jewa, eine zynische Einzelgängerin, die ihr Leben der Rettung gefährdeter Schneckenarten gewidmet hat. Mit einem zum Labor umgebauten Wohnmobil durchkämmt sie die Ukraine auf der Suche nach seltenen Exemplaren. Immer im Kampf um mediale Aufmerksamkeit, denn so sympathisch wie Pandas oder Wale sind die schleimigen Weichtiere nun einmal nicht. Ihre Missionen finanziert Jewa als Teilnehmerin sogenannter Liebestouren der Agentur „Romeo meets Julija“. Dabei spielt sie vor westlichen Junggesellen die willige Ukrainerin, auch wenn sie selbst ironischerweise komplett asexuell ist und Smalltalk für Zeitverschwendung hält. „Manchmal verärgerte sie die Dolmetscherinnen und langweilte die Junggesellen, weil sie sich angeregt fühlte, über die Einzelheiten ihrer Arbeit zu sprechen, die Messwerte, die sie stabil halten musste.“ > Einmal fragte ein Junggeselle beim Abendessen: „Hast du mal welche probiert? Mit Butter und Knoblauch?“ Jewa biss beinahe ihre Zunge durch. > > > Quelle: Maria Reva - Ein königreich für eine Schnecke ENTFÜHRUNG WESTLICHER JUNGGESELLEN Die zweite weibliche Hauptfigur heißt Nastja. Die junge Frau leidet darunter, dass ihre Mutter, eine feministische Aktivistin, seit geraumer Zeit untergetaucht ist. Um sie aus ihrem Versteck wieder hervorzulocken, plant Nastja eine Protestaktion, die ganz nach dem Geschmack ihrer Mutter wäre: besagte Entführung westlicher Junggesellen, alles hoffnungsfrohe Teilnehmer der Liebestouren von „Romeo meets Julija“. Eine Aktion, für die Jewas Wohnmobil wie gerufen kommt. An Bord gelockt werden die Freier unter dem Vorwand einer Bonusveranstaltung, eines „heidnischen Fruchtbarkeitsfestes“. Als die Fahrt startet, schreibt man den 22. Februar 2022, die Nacht der russischen Vollinvasion – als das halbe Land zur Grenze nach Westen flüchtet. RABENSCHWARZES LESEVERGNÜGEN Von hier an – dem Moment, als in der Realität die Autorin drauf und dran ist, den Roman abzubrechen – wird die Geschichte um Jewa und Nastja abwechselnd abenteuerlich und absurd, in jedem Fall aber zu einem rabenschwarzen Lesevergnügen. Einerseits, weil die unfreiwilligen Passagiere die ganze Knallerei für eine Inszenierung halten, leider auch dann noch, als russische Soldaten leibhaftig vor ihnen stehen. Andererseits, weil Jewa ihr Wohnmobil samt Mitfahrenden ausgerechnet nach Süden steuert, nach Cherson – also den heranrückenden Invasoren entgegen. Doch in Cherson wurde gerüchteweise ein höchst seltenes Schneckenexemplar gesichtet, das Jewa unbedingt noch retten will. Außerdem lebt dort der Großvater der Chefin von „Romeo meets Juljia“, den Nastja zur Evakuierung überreden soll. Ein erfundener Großvater, natürlich, der aber einen ebenso sturen Doppelgänger in der Realität hat, nämlich den Großvater der Autorin. > Als meine Mutter einmal mit meinem Großvater telefonierte, hörte sie im Hintergrund die Explosionen, während mein schwerhöriger Großvater nichts davon mitbekam. Er sagte, er müsse Schluss machen, weil sein türkischer Kaffee überzulaufen drohe. > > > Quelle: Maria Reva - Ein Königreich für eine Schnecke „Nein, diese Zeilen entsprechen nicht ganz dem, was wirklich passiert ist. … Ich muss Fakten und Fiktion trennen, doch sie verschwimmen immer wieder ineinander“, fährt die Autorin fort. HUMOR ALS ÜBERLEBENSWERKZEUG Sympathisch offen beschreibt die in Kanada lebende Autorin in alternierenden Kapiteln, in welche Schreibkrise sie von den Nachrichten aus ihrem Geburtsland gestürzt wurde: eine Mischung aus hilfloser Angst um ihre ukrainischen Angehörigen, Sinnverlust und diffusen Schuldgefühlen. Hinzu kam der Frust über westliche Redakteure, die Revas Beiträge zum Krieg ablehnten, weil sie ihnen mit ihrem schwarzen Humor „unangemessen“ erschienen – ein beschämendes Missverständnis:  „In der Ukraine reicht der schwarze Humor bis in die Sowjetzeit zurück – wahrscheinlich sogar noch weiter –, und er verleiht Menschen, die unter unbeherrschbaren Umständen leben, ein Gefühl von Macht. Wenn man über eine düstere Realität lachen kann, erhebt man sich darüber.“ Wie Revas großer, für den Booker Prize nominierte Roman denn nun tatsächlich ausgeht, sollte man unbedingt selber lesen. Etwas Geduld ist dazu aber nötig. Denn all das Hin und Her zwischen erfundener Erzählung und Wirklichkeit der Autorin kostet doch etwas an Momentum. Macht aber nichts. Denn dafür schlägt das von Stephan Kleiner übersetzte Werk einen schwarzhumorigen Erzählfunken nach dem anderen. Was für ein schöner Sieg der Literatur also über die Wirklichkeit!

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jakson Schnecken, Katalogbräute und ein Krieg: Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“ kansikuva

Schnecken, Katalogbräute und ein Krieg: Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“

EIN UNKONVENTIONELLER ROMAN Jeder Roman hat einen Anfang und einen Schluss. Denkt man. Bis man Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“ gelesen hat. Denn dieser unkonventionelle Roman umfasst in der deutschen Ausgabe 480 Seiten – endet aber schon auf Seite 190. Und dann noch mal. Und noch mal. Unkonventionell ist der Roman aber auch, weil mittendrin plötzlich die Autorin auftaucht, als Ich-Erzählerin mit einem eigenen Erzählstrang, neben dem der Figuren – und schließlich sogar zusammen mit ihnen. POSTMODERNE KOLLISION VON FIKTION UND WIRKLICHKEIT Klingt ziemlich schräg, oder? Und verdächtig nach postmoderner Spielerei à la Italo Calvino oder Paul Auster [https://www.swr.de/kultur/literatur/paul-auster-new-york-trilogie-stadt-aus-glas-schlagschatten-hinter-verschlossenen-tueren-100.html]. Aber hier hängt die Kollision von Fiktion und Wirklichkeit mit der Entstehungsgeschichte des Romans zusammen. Oder besser: Sie ist ein großartiger Trick der kanadisch-ukrainischen Autorin, um ein plötzlich von der Realität überholtes Werk doch noch zu vollenden. Denn was macht man bzw. frau mit einem Romanprojekt über die Heiratsindustrie in der Ukraine, wenn dieses Land mitten im Schreiben überfallen wird? „Welches Recht habe ich, von meinem Sessel aus über den Krieg zu schreiben? Und weiter über die Katalogbrautindustrie zu schreiben, kommt mir noch schlimmer vor. Dieses Klischee wieder hervorkramen? In diesen Zeiten?“ > Und überhaupt, bin ich eigentlich eine echte Ukrainerin? Ich habe das Land als Kind verlassen. Ich spreche eher Russisch als Ukrainisch und beides nicht besonders gut. > > > Quelle: Maria Reva - Ein königreich für eine Schnecke KATALOGBRÄUTE, SCHNECKEN UND RUSSISCHE INVASOREN Wenn Katalogbräute das eine Thema dieses Romans sind, so sind Schnecken das andere. Verkörpert werden beide Themen durch zwei gegensätzliche Frauen, die sich zusammentun, um aus Protest westliche Freier zu entführen. Da ist zunächst Jewa, eine zynische Einzelgängerin, die ihr Leben der Rettung gefährdeter Schneckenarten gewidmet hat. Mit einem zum Labor umgebauten Wohnmobil durchkämmt sie die Ukraine auf der Suche nach seltenen Exemplaren. Immer im Kampf um mediale Aufmerksamkeit, denn so sympathisch wie Pandas oder Wale sind die schleimigen Weichtiere nun einmal nicht. Ihre Missionen finanziert Jewa als Teilnehmerin sogenannter Liebestouren der Agentur „Romeo meets Julija“. Dabei spielt sie vor westlichen Junggesellen die willige Ukrainerin, auch wenn sie selbst ironischerweise komplett asexuell ist und Smalltalk für Zeitverschwendung hält. „Manchmal verärgerte sie die Dolmetscherinnen und langweilte die Junggesellen, weil sie sich angeregt fühlte, über die Einzelheiten ihrer Arbeit zu sprechen, die Messwerte, die sie stabil halten musste.“ > Einmal fragte ein Junggeselle beim Abendessen: „Hast du mal welche probiert? Mit Butter und Knoblauch?“ Jewa biss beinahe ihre Zunge durch. > > > Quelle: Maria Reva - Ein königreich für eine Schnecke ENTFÜHRUNG WESTLICHER JUNGGESELLEN Die zweite weibliche Hauptfigur heißt Nastja. Die junge Frau leidet darunter, dass ihre Mutter, eine feministische Aktivistin, seit geraumer Zeit untergetaucht ist. Um sie aus ihrem Versteck wieder hervorzulocken, plant Nastja eine Protestaktion, die ganz nach dem Geschmack ihrer Mutter wäre: besagte Entführung westlicher Junggesellen, alles hoffnungsfrohe Teilnehmer der Liebestouren von „Romeo meets Julija“. Eine Aktion, für die Jewas Wohnmobil wie gerufen kommt. An Bord gelockt werden die Freier unter dem Vorwand einer Bonusveranstaltung, eines „heidnischen Fruchtbarkeitsfestes“. Als die Fahrt startet, schreibt man den 22. Februar 2022, die Nacht der russischen Vollinvasion – als das halbe Land zur Grenze nach Westen flüchtet. RABENSCHWARZES LESEVERGNÜGEN Von hier an – dem Moment, als in der Realität die Autorin drauf und dran ist, den Roman abzubrechen – wird die Geschichte um Jewa und Nastja abwechselnd abenteuerlich und absurd, in jedem Fall aber zu einem rabenschwarzen Lesevergnügen. Einerseits, weil die unfreiwilligen Passagiere die ganze Knallerei für eine Inszenierung halten, leider auch dann noch, als russische Soldaten leibhaftig vor ihnen stehen. Andererseits, weil Jewa ihr Wohnmobil samt Mitfahrenden ausgerechnet nach Süden steuert, nach Cherson – also den heranrückenden Invasoren entgegen. Doch in Cherson wurde gerüchteweise ein höchst seltenes Schneckenexemplar gesichtet, das Jewa unbedingt noch retten will. Außerdem lebt dort der Großvater der Chefin von „Romeo meets Juljia“, den Nastja zur Evakuierung überreden soll. Ein erfundener Großvater, natürlich, der aber einen ebenso sturen Doppelgänger in der Realität hat, nämlich den Großvater der Autorin. > Als meine Mutter einmal mit meinem Großvater telefonierte, hörte sie im Hintergrund die Explosionen, während mein schwerhöriger Großvater nichts davon mitbekam. Er sagte, er müsse Schluss machen, weil sein türkischer Kaffee überzulaufen drohe. > > > Quelle: Maria Reva - Ein Königreich für eine Schnecke „Nein, diese Zeilen entsprechen nicht ganz dem, was wirklich passiert ist. … Ich muss Fakten und Fiktion trennen, doch sie verschwimmen immer wieder ineinander“, fährt die Autorin fort. HUMOR ALS ÜBERLEBENSWERKZEUG Sympathisch offen beschreibt die in Kanada lebende Autorin in alternierenden Kapiteln, in welche Schreibkrise sie von den Nachrichten aus ihrem Geburtsland gestürzt wurde: eine Mischung aus hilfloser Angst um ihre ukrainischen Angehörigen, Sinnverlust und diffusen Schuldgefühlen. Hinzu kam der Frust über westliche Redakteure, die Revas Beiträge zum Krieg ablehnten, weil sie ihnen mit ihrem schwarzen Humor „unangemessen“ erschienen – ein beschämendes Missverständnis:  „In der Ukraine reicht der schwarze Humor bis in die Sowjetzeit zurück – wahrscheinlich sogar noch weiter –, und er verleiht Menschen, die unter unbeherrschbaren Umständen leben, ein Gefühl von Macht. Wenn man über eine düstere Realität lachen kann, erhebt man sich darüber.“ Wie Revas großer, für den Booker Prize nominierte Roman denn nun tatsächlich ausgeht, sollte man unbedingt selber lesen. Etwas Geduld ist dazu aber nötig. Denn all das Hin und Her zwischen erfundener Erzählung und Wirklichkeit der Autorin kostet doch etwas an Momentum. Macht aber nichts. Denn dafür schlägt das von Stephan Kleiner übersetzte Werk einen schwarzhumorigen Erzählfunken nach dem anderen. Was für ein schöner Sieg der Literatur also über die Wirklichkeit!

19. elo 20266 min
jakson Ein Heimatdichter im besten Sinne: Walle Sayers neuer Gedichtband kansikuva

Ein Heimatdichter im besten Sinne: Walle Sayers neuer Gedichtband

Lyrik, Gedichte, das klingt gerade im Rilke-Jahr [https://www.swr.de/kultur/literatur/was-hat-uns-rilke-heute-noch-zu-sagen-100.html], nach etwas Erhabenem, Gehobenem, nach großen Gedanken, schwierigen Versen, nach, ja, Unverständlichem, auf jeden Fall nach etwas, was mit unserem normalen, alltäglichen Sprechen wenig oder gar nichts zu tun hat. Aber das muss nicht so sein. Es gibt auch eine Tradition des zugänglichen, zugewandten Gedichts. Und es ist vielleicht nicht zu viel behauptet, wenn man davon ausgeht, dass sie – religiös oder auch nicht – in der Erbfolge des Gebets steht, der Aufmerk- und Achtsamkeit gegenüber den Dingen, die uns umgeben. Vor der Schöpfung sind sie alle gleich und nur wir haben das verlernt und sortieren sie nach Nutzen oder Nutzlosem. DICHTER DER RANDLAGE  Einer, der in dieser Tradition schreibt, ist der Schriftsteller Walle Sayer [https://www.swr.de/kultur/literatur/walle-sayer-etwas-wie-ein-koffer-aus-dem-ein-hemdzipfel-schaut-100.html]. Er wurde 1960 bei Tübingen geboren und veröffentlicht seit seinem Debut von 1984 in großer Regelmäßigkeit Gedichtbande, die nie ganz die Aufmerksamkeit erzielen konnten, die sie verdient hätten. Wenn das Klischee nicht so abgegriffen wäre, dann müsste man sagen, er ist einer der Stillen im Lande. Er lebt in Horb im Schwarzwald, weit weg vom Literaturbetrieb, er ist ein Dichter der Randlage. Sein neuer Band trägt den vielsagenden Titel „Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut“, der fast so etwas wie ein dichterisches Programm beinhaltet. Denn diese Zipfel, das sind die Gedichte selbst, der Koffer dagegen, der Ort der Ordnung, der Regeln, der nie ganz perfekt schließt. In sieben Zyklen beobachtet Walle Sayer die Details, die kleinen Dinge, eben die Zipfel.  DAS HEIMLICHE IM ALLTAG  Sie tragen selbst poetische Namen:   „Tageskrümel, Rückwärtssuche, Die Detailsammlung aufschlagen, Kontrapunktisches, Gegenständliche Meditation, Kritzelelegien.“  Was sie verbindet, ist das dichterische Verfahren, das Umschlagen des Gewöhnlichen in Überraschendes durch Sprache. Da beobachtet einer, schaut genau hin, und erkennt, dass da noch etwas Heimliches, ja manchmal Unheimliches verborgen ist. Eines der Gedichte heißt:   „In einem Straßencafé sitzen und eine Postkarte an sich selbst schreiben“  Und endet so:   > Um nicht auseinandergerissen zu werden, / hält sich das Liebespaar an der Hand. // Die Spatzenschar, / die nicht aufschreckt vom Martinshorn, / weitersucht nach Krumen zwischen den Tischen. // An einem davon ich sitze / herumrühre in meiner Tasse und jemand bin, der hineinblickt / in die Stromschnellen. >   > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut DER EINZELNE SATZ ALS GLUTKERN  Merkt man diesen kleinen Versatz? Die Unwucht, weil es nicht geschmeidig heißt: „An einem davon sitze ich“, sondern „An einem davon ich sitze“, weil das beobachtende Ich gerade nicht im Ablauf der Geschehnisse aufgeht? Die Gedichte von Walle Sayer trumpfen nicht auf, oft versammeln sie einzelne Sätze und verzichten auf einen erzählerischen Überbau. Auch das gehört zu einem Dichten ohne Richten.  Der einzelne Satz ist der Glutkern der Gedichte, der das Gewicht des Details trägt:  > Die Schlafkuhle, die der alte Kater, für den das Bett Tabu ist, auf dem Kopfkissen hinterließ.  > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut Oder:  > Am Seitenstreifen der Landstraße, / das Mahnwachenflackern, die Flämmchenzunge, / neben der frischbepflanzten Blumenschale.  > Einbehalten oder liegengeblieben, / im Gartenwinkel eines Nachbargrundstücks, / der Farbvokal des roten Balles. > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut Oder: > Die meerblauen / Tintentränen des / klecksenden Füllers. Walle Sayer ist im besten Sinne ein Heimatdichter, wenn Heimat keinen Namen trägt, sondern benennt, was uns im Alltag umgibt. Mit ihm können wir ihn sehen lernen. Also keine Angst vor Lyrik!

19. elo 20263 min
jakson Zen, Zorn und Zeitgeist: Kathrin Fischers „Achtsam geht die Welt zugrunde“ kansikuva

Zen, Zorn und Zeitgeist: Kathrin Fischers „Achtsam geht die Welt zugrunde“

Jahrelang saß Kathrin Fischer auf dem Meditationskissen. Eifrig folgte sie den Anweisungen ihres Zen-Lehrers, auf der Suche nach mehr Gelassenheit in ihrem Leben. Geholfen hat es ihr nicht. Denn wenn etwas ihren polemischen Buchessay „Achtsam geht die Welt zugrunde“ antreibt, dann ist es Wut. Wut über eine immer kaputtere Welt, Wut über eine elitäre Mittelstandsgesellschaft, die glaubt, sie würde mit Atemübungen und einer Schale Yogitee dazu beitragen, die Welt zu retten.   GESCHÄFTSTÜCHTIGE KOMPLIZIN DES NEOLIBERALISMUS  Und vor allem Wut über das, was Kathrin Fischer [https://www.swr.de/kultur/literatur/die-ideologie-der-achtsamkeit-kathrin-fischer-100.html] die „Ideologie der Achtsamkeit“ nennt: Für die Podcasterin ist die boomende, geschäftstüchtige Meditationsindustrie mit ihren Sinnsprüchen und Dankbarkeitsritualen nichts anderes als eine Komplizin unserer neoliberalistischen Gesellschaft. Wer glaubt, gegen die Fehlentwicklungen und Missstände, die diese Spielart des Kapitalismus gerade hierzulande anrichtet, würde einem eine Achtsamkeitsapp helfen, liege gründlich falsch, so Fischer.  > Atemtechniken, Manifestationen und Fünf-Minuten-Meditationen helfen möglicherweise kurzfristig gegen die Angst, in München oder Berlin eine neue Wohnung suchen zu müssen. An der schier ausweglosen Situation ändern sie jedoch nichts. > > > Quelle: Kathrin Fischer - Achtsam geht die Welt zugrunde SÜNDENBOCK FÜR GESELLSCHAFTLICHE MISSSTÄNDE  Ganz genau, möchte man einwenden. Achtsamkeitspraktiken können einen, im besten Fall, in schwierigen Momenten ruhiger und gelassener werden lassen – was in unseren Zeiten der Vielfachkrisen ja nicht gerade wenig ist, oder? Aber wer hat behauptet, mit ihnen ließe sich die harte Realität ändern? Und, um Fischers Beispiel aufzugreifen, bezahlbarer Wohnraum herbeimeditieren?  In Kathrin Fischers Wutrede werden Achtsamkeitspraktiken zum Sündenbock für praktisch alles, was derzeit falsch läuft: Beispielsweise sollen sie die Isolation befördern, schließlich kümmerten sich Meditierende ja primär um sich selbst. Deshalb förderten sie auch Narzissmus, da sie unsere Abhängigkeit von unseren Mitmenschen leugnen und behaupten, unser Glück liege in uns selbst. Mehr noch: Achtsamkeit verstärke die Spaltung der Gesellschaft, schließlich nutze die neue Mittelklasse einschlägigen Praktiken, um sich von den unteren Schichten abzugrenzen. Was für diese die Flucht in populistische Rechtsparteien ist, sei für jene die Teilnahme am Zen-Retreat: ein kontraproduktives Hilfsmittel, mit einer immer kaputteren Wirklichkeit fertigzuwerden.  > Im Grunde verhält sich die achtsame Mittelklasse wie die Milliardäre, die sich mit Bunkern und Marsplänen auf eine apokalyptische Zukunft vorbereiten. […] Sie zieht in den inneren Bunker und nennt das Rettung der Welt. > > > Quelle: Kathrin Fischer - Achtsam geht die Welt zugrunde WUT ALS BESSERE QUELLE FÜR POLITISCHE VERÄNDERUNG?  Okay, jetzt atmen wir alle doch erstmal tief durch. Natürlich ist nicht alles falsch, was Kathrin Fischer schreibt. Ihre Kritik am scheinheiligen Einsatz von Achtsamkeitskursen in Unternehmen zum Beispiel. Oder an einer „achtsamen Mittelklasse“, die Solidarität und Diversität predigt, aber ihre Kinder dann doch lieber auf Privatschulen schickt. Oder Fischers Gesellschaftsdiagnose, von den wachsenden Vermögensungleichheiten bis zum Skandal einer kaputtgesparten Infrastruktur.   Aber genau hier wird es spannend: Falsch zum Beispiel sei es, so die 59-jährige Autorin, das Warten auf den wieder mal verspäteten Zug für Gelassenheitsübungen zu nutzen – wie es übrigens tatsächlich ein Schlaumeier in der Süddeutschen geraten hat. Besser sei es, die Wut dann zuzulassen, als Quelle für politische Veränderungen. Fragt sich nur, inwiefern der ungehemmte Ärger einer, sagen wir, wartenden Mutter mit quengelndem Kind mehr hilft als eine Runde Boxatmung. Und warum sollen sich Achtsamkeitspraktiken und politisches Engagement ausschließen? Denkt man an jene, die mit Wut und Empörung in der Politik auf Stimmenfang gehen – dann kann man sich bei den anstehenden Wahlen eigentlich gar nicht genug Gelassenheit wünschen.

Eilen4 min
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Erzählen gegen den Tod: „Mein privates Glück“ von Michael Köhlmeier

EIN GANZ PERSÖNLICHER ROMAN „Monika“, steht auf der Widmungsseite. Nicht „Für Monika“ oder „Für meine Frau“, sondern einfach nur „Monika“. Das ist viel mehr als jede Zueignung. Monika Helfer [https://www.swr.de/kultur/literatur/schriftstellerin-monika-helfer-ist-tot-100.html] ist alles, und sie ist auch Teil dieses Buches. Michael Köhlmeier [https://www.swr.de/kultur/literatur/michael-koehlmeier-die-verdorbenen-100.html] hat mit „Mein privates Glück“ einen ganz persönlichen Roman geschrieben, autobiographisch, ja, aber nicht in dem Sinne, dass da einer sein Leben erzählt und sich für besonders wichtig hält. Vielmehr ist es seine Familiengeschichte, die Erkundung der Existenz, ein Band voller Geschichten, aber so, dass der, der da „ich“ sagt, mehr Beobachter und Erzähler ist als Mittelpunkt.  Selbstverständlich kommt auch Monika Helfer, mit der Köhlmeier seit 1981 verheiratet war, als Gesprächspartnerin darin vor. Es ist von besonderer Tragik, dass sie kurz vor Erscheinen dieses großartigen Buches gestorben ist.   DIE FRAGE NACH GOTT  Die beiden waren ein äußerst produktives und sehr erfolgreiches Autorenpaar. Dass sie auch große Liebende waren, ergibt sich aus allem, was sie über die Liebe wussten und schrieben, und es ergibt sich erneut aus „Mein privates Glück“. Da kommt Monika Helfer als diejenige vor, die ihrem Mann rät, seine Träume aufzuschreiben. Oder die beiden diskutieren beim Frühstück darüber, warum es in Entenhausen keine Religion gibt.   „Nie gehen Onkel Donald und seine Neffen Tick, Trick und Track sonntags in die Kirche. Es gibt keinen Pfarrer, keinen Pastor, keinen Rabbi, keinen Prediger. Nie betet jemand. (…) Monika sagte: ‚Weil in Entenhausen nicht gestorben wird. Wo nicht gestorben wird, dort gibt es keine Religion.‘“   Die Frage nach Gott taucht immer wieder auf, so wie auch der Tod allgegenwärtig ist. All die Figuren, die einem bei der Lektüre ans Herz wachsen, sind längst tot: der Vater, die Mutter, die Großmutter, Tante Helga, Onkel Otto und so fort. Doch wenn er von der Beerdigung der Oma erzählt, ist sie, weil er nicht chronologisch vorgeht, im nächsten Kapitel wieder da und erzählt dem kleinen Michael blutrünstige Schauergeschichten. Das Erzählen – so die Erfahrung – überwindet den Tod. Und so sind sie allesamt Erzähler in dieser großen Familie.  DIE UNBEKANNTEN ELTERN  Köhlmeier beginnt damit, wie er, noch keine fünf Jahre alt, zusammen mit seiner Schwester in Lindau am Bahnhof von einem Mann abgeholt wird, der sein Vater ist und den er als „Herr Arnold Köhlmeier“ anspricht.  Weil die Mutter schwer krank war, nach einem Schlaganfall im Koma, halbseitig gelähmt und ihr Leben lang gehandicapt, wurden die Kinder für zwei Jahre zur Verwandtschaft nach Coburg gegeben. Auch die Frau, die in einem weißen Metallbett liegt, ist dem Jungen unbekannt.   „Niemand hatte mir gesagt, wer uns nach der langen Eisenbahnfahrt erwartet. Tante und Onkel, Großmutter und auch meine Schwester meinten, ich müsse doch wissen, dass ich einen Vater und eine Mutter habe. Weil doch jeder Mensch einen Vater und eine Mutter hat. Ich wusste es nicht.“  EINE BEREICHERNDE LEKTÜRE Von da aus aber entwickelt Köhlmeier seine Familiengeschichte. Alles, was er über den Vater mit seinen drei Geliebten, der seiner kranken Frau doch treu ergeben war, schreibt. Alles, was wir über das Leid der Mutter und die übrige Verwandtschaft erfahren, sind Liebeserklärungen, weil sie alle mit ihren Nöten, Ecken und Kanten in ihrer Unvollkommenheit erfasst und doch stark und würdevoll gezeichnet werden. Köhlmeier ist ein großer Erzähler. Er hat die Gabe, alles Unglück in einen schwebenden Glückszustand zu verwandeln, ganz ohne Kitsch und ohne Verlogenheit, indem auch die Lebenslügen zur Sprache kommen. So wird aus dem Leben mit all seinen Schicksalsschlägen ein „privates Glück“. Davon lesend zu erfahren, macht auf bereichernde Weise glücklich.

Eilen4 min
jakson Wie China Taiwan erobern könnte: „Wenn China angreift“ von Andreas Fulda kansikuva

Wie China Taiwan erobern könnte: „Wenn China angreift“ von Andreas Fulda

Binnen einer Woche könnte die Volksrepublik China die Insel Taiwan erobern und deren demokratische Regierung stürzen, um das Land, das die Kommunistische Partei Chinas als abtrünnige Provinz betrachtet, gewaltsam mit dem Festland zu vereinigen. Das ist das Ergebnis eines Szenarios, das der Politologe Andreas Fulda in seinem Buch „Wenn China angreift“ entwickelt. Einer Annexion des Inselstaates lässt er eine Seeblockade der chinesischen Streitkräfte vorausgehen. Als Anlass der militärischen Konfrontation dient der Absturz eines chinesischen Kampfjets über dem taiwanesischen Luftraum, den die militaristisch gesinnte Kommunistische Partei Chinas ausnützt, um ihren Angriff zu rechtfertigen und Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung zu schüren. Ein Propagandafeuerwerk wird gezündet und die innenpolitische Polarisierung in Taiwan zwischen der chinafreundlichen KMT-Partei und der demokratischen DDP geschürt, die auf der auf Unabhängigkeit und Souveränität des Landes besteht. DIE USA IM ISOLATIONISMUS GELÄHMT  Die USA, so die voraussetzungsreiche Grundannahme von Fuldas Szenario, würden sich im Fall eines chinesischen Angriffs nicht ausreichend für die Verteidigung der Insel engagieren, weil die Administration auf Isolationismus setzt. Chinesische Truppen könnten nach der Zerstörung amerikanischer Abhörstationen und des Internets an der Westküste Taiwans landen und den Präsidenten durch ein Spezialkommando entführen. Amerikanische und japanische Truppen kämen zur Verteidigung des Landes zu spät.   > Aus Angst vor nuklearer Eskalation schreckt der amerikanische Präsident vor dem Ziel einer kompletten Befreiung Taiwans zurück. > > > Quelle: Andreas Fulda - Wenn China angreift SZENARIO ALS WECKRUF Schließlich führten, so das Szenario, Demonstrationen innerhalb der USA gegen eine Kriegsbeteiligung zum Rückzug amerikanischer Truppen. Taiwan würde das Schicksal von Hongkong teilen, die Gesellschaft nach einer Annexion brutal unterdrückt. Die Medien würden gleichgeschalten, Dissidenten in Umerziehungslager deportiert. Das Ergebnis des chinesischen Sieges wären nicht nur Flüchtlingsströme von Taiwan nach Japan und in die USA, sondern die Hegemonie Chinas im Indopazifik und eine Schwächung des Westens gegen die Achse der Autokratien. Andreas Fulda entwickelt dieses Szenario einer chinesischen Annexion Taiwans als sogenannten „Weckruf“ und kritisiert, dass Chinas autokratisches System im Westen zu oft „weichgezeichnet“ werde.   GEGEN DEFÄTISMUS UND OPPORTUNISMUS  Auf die geopolitische Herausforderung antworte man mit „Defätismus und Opportunismus“.  > Wer aber gegenüber China, dem autokratischen Regime der KPCh, Appeasement betreibt, gefährdet damit Freiheit, Wohlstand und Sicherheit in Deutschland. > > > Quelle: Andreas Fulda - Wenn China angreift Vermutlich weil Fulda die deutsche Öffentlichkeit wachrütteln will, hat er sein Szenario bewusst überzeichnet: Zu schnell und wie geschmiert verläuft die militärische Eroberung des Landes, die USA schrumpfen zum Papiertiger, ihr angeblicher Isolationismus ist durch Trumps Interventionen in Venezuela und dem Iran längst widerlegt. Fraglich auch, ob der Westen tatsächlich in ohnmächtiger Appeasementpolitik verharren würde. Man sollte Andreas Fuldas „spekulative geopolitische Analyse“ daher nicht allzu alarmistisch nehmen. Sein plakatives Szenario zeichnet eine Dystopie. Seine Forderungen, dass sich Deutschland wirtschaftlich stärker von China entflechten und Taiwans Verteidigungsfähigkeit durch Waffenlieferungen unterstützen müsse, kann man dennoch unterschreiben. Der Westen muss mehr in seine Abschreckungsfähigkeiten investieren und auch Russland Paroli bieten, denn:  > Wenn Putin gewinnt, erhöht sich auch die Gefahr einer Invasion Taiwans enorm. > > > Quelle: Andreas Fulda - Wenn China angreift

16. elo 20264 min