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Norbert Scheuer: „Das hat sich tief bei mir eingegraben, und es war nur eine Frage der Zeit, bis das in einen Roman einfließt“

6 min · Eilen
jakson Norbert Scheuer: „Das hat sich tief bei mir eingegraben, und es war nur eine Frage der Zeit, bis das in einen Roman einfließt“ kansikuva

Kuvaus

Norbert Scheuer steht auf dem Kalvarienberg oberhalb von Prüm in der Eifel und blickt in einen Abgrund. Unter ihm liegt der riesige, mittlerweile von Bäumen und Gebüsch zugewucherte Krater, der bis heute von einer Explosion von ungeheurem Ausmaß zeugt. Am Abend des 15. Juli 1949 gingen 500 Tonnen Sprengstoff hoch, den die französischen Besatzer hier gelagert hatten, in den Katakomben des Kalvarienbergs. Die Bergkuppe wurde weggesprengt, Gestein wurde Hunderte von Metern in die Höhe geschleudert; das Städtchen Prüm, das sich gerade im Wiederaufbau nach dem Krieg befand, wurde nahezu komplett zerstört. EINE KATASTROPHE, DIE WEITERLEBT Dass nur zwölf Menschen dabei ums Leben kamen, lag daran, dass zwischen der Entdeckung eines Brandes am Berg und der Explosion rund eine Stunde verstrich – Zeit genug, um 2000 Einwohner zu evakuieren. Norbert Scheuer, der zwei Jahre nach der Katastrophe geboren wurde, kennt die Erzählungen rund um die Explosion seit frühester Kindheit: „Ich komme aus Prüm. Meine Mutter hatte hier in Prüm eine Gastwirtschaft. Sie hat nicht viel erzählt, außer diese Geschichte, wie, nachdem sie alarmiert worden sind, sie mit meinem älteren Bruder aus der Stadt floh und dann plötzlich alles verdunkelt war, und aus dem schönen Sommerabend wurde plötzlich finstere Nacht“, erinnert sich Scheuer. „Das hat sich bei mir tief eingegraben, und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das irgendwann in einen Roman einfließt.“ DIE EIFEL ALS SPIELWIESE In „Holunderholz“, Norbert Scheuers neuem und beeindruckenden Roman, schwebt die Explosion des Kalvarienbergs wie eine apokalyptische Verheißung über dem Text. Was genau zu dem Brand geführt hat, ist bis heute ungeklärt. Zwei Wachsoldaten, ein Jugoslawe und ein Ungar, hatten nachweislich wenige Tage zuvor ihre Ausreise nach Australien geplant und verschwanden spurlos. Scheuer lässt sie auf seine eigene, spekulative Weise im Roman auftreten. Die Eifel ist Norbert Scheuers Heimat und seine große literarische Spielwiese. Er kennt die Geografie, die Mentalität, die Atmosphäre. Welche Bedeutung, so frage ich ihn, hat die verheerende Explosion heute noch für die Region und ihre Bewohner? „Also, in der Landschaft wirkt sie als große, riesige Narbe. Man sieht den Krater, der sehr große Ausmaße hat, und bei den Menschen wirkt das auch immer noch weiter, auch wenn sie das gar nicht mehr selbst miterlebt haben“, erzählt der Autor. „Aber so ist das wohl immer bei dramatischen Ereignissen: dass sie immer über Generationen hinweg auch unbewusst vorhanden sind. Wie Kriegsereignisse, und im Grunde ist es ja ein Kriegsereignis.“ ZWISCHEN EINSAMKEIT UND ERINNERUNG Zwei Zeitebenen sind in „Holunderholz“ kunstvoll miteinander verknüpft. Da ist zum einen Johann Arimond, ein Angehöriger der weitverzweigten Arimond-Familie, die das Grundgerüst von Norbert Scheuers Eifel-Saga bildet und die der Autor nach und nach ausweitet. Johann ist eine der deprimierendsten Figuren, die Norbert Scheuer je erfunden hat. Er arbeitet als Programmierer in einem Softwareunternehmen und lebt in einer kleinen Hochhauswohnung am Rand einer größeren Stadt, die als Köln zu identifizieren ist. Johann beobachtet Vögel, geht regelmäßig zu einer Gelegenheitsprostituierten und verbringt seine Abende an einer Autobahnraststätte. Als seine Mutter in der Eifel stirbt, macht Johann sich daran, die Tonbänder eines alten Magnetophons abzuhören, auf denen bruchstückhafte Aufzeichnungen seines Großvaters aus der Nachkriegszeit gespeichert sind. Norbert Scheuer sagt über seinen Ich-Erzähler: „Er ist einsam und konzentriert sich erst einmal ganz auf Technik. Und Technik macht, wenn man sich nur damit beschäftigt, einsam.“ „Und über diese Beschäftigung mit der Technik und im Grunde nur dieser Tatsache, dass auf diesen Tonbändern irgendetwas ist, dem man nachlauscht, kommt er immer näher und ohne es zu wissen an sich selbst, an seine Geschichte, die er ganz am Ende erkennt, und man könnte ja behaupten, dass er dann auch nicht mehr einsam ist.“ DER GESCHICHTE AUF DER SPUR Wir sitzen mittlerweile im Garten in Norbert Scheuers Haus in Kall in der Eifel. Vor sich auf dem Tisch hat Norbert Scheuer Bücher ausgebreitet, Chroniken mit Dokumenten von der Explosion im Jahr 1949. Sein Ich-Erzähler Johann Arimond hört die brüchigen Bänder ab und rekonstruiert daraus eine Geschichte, die wahr sein könnte oder erfunden. Das K3-Magnetophon, das Johann geerbt hat, ist für Scheuer das ideale Medium, um Schlaglichter auf Ereignisse zu werfen, die sich letztendlich aber nur aus Schlaglichtern, Spekulationen und der Fantasie des Autors zusammensetzen: „Dieses K3 existiert seltsamerweise nirgendwo. Es gibt die Hinweise darauf, aber es gibt kein funktionierendes Gerät. Es gibt Bilder von der Serie davor und danach, die so ähnlich aussehen, aber das K3 hat man nie mehr zum Laufen bekommen – nur Johann hat das geschafft“, berichtet uns der Autor. EIN EINZIGARTIGER ROMAN Worum geht es also in „Holunderholz“? Um die Hintergründe einer Katastrophe, das auch. Um den Brückenschlag zwischen der Gegenwart und der Nachkriegszeit, die in ein milchiges Licht und eine traumähnliche Stimmung getaucht ist. Um ein junges Mädchen namens Rose, die den Großvater bei seinen Touren durch die Eifel begleitet hat und deren Schicksal im Dunkeln bleibt. Um den zwielichtigen Herrn Vincentini, der bereits seit mehr als zwanzig Jahren durch Scheuers Romane irrlichtert. Um Technik, die den Menschen zunehmend beherrscht. Und um einen Erkenntnisprozess, den Johann Arimond durchläuft: „Er hat zum Beispiel erkannt, dass man nichts erkennen kann. Dass alles nur Fragmente sind. Und dass wir uns aus diesen Fragmenten eine Wirklichkeit zusammensetzen.“ Die Arbeit an dieser fragmentierten Wirklichkeit, die Norbert Scheuer in immer neuen Anläufen zum poetischen Bild einer Landschaft zusammensetzt, ist in der deutschsprachigen Literatur einzigartig. „Holunderholz“ ist ein weiteres Meisterwerk im so bestechend schönen wie verwirrenden Kosmos dieses Autors.

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jakson Die Eifel und die Einsamkeit: Norbert Scheuers „Holunderholz“ kansikuva

Die Eifel und die Einsamkeit: Norbert Scheuers „Holunderholz“

Norbert Scheuer [https://www.swr.de/kultur/literatur/hausbesuch-bei-norbert-scheuer-neuer-roman-holunderholz-100.html] führt uns in seinem neuen Roman Holunderholz in eine melancholische, unaufgeräumte Welt, voller Fehler, an deren Ende eine riesige Katastrophe steht. Da ist der Erzähler Johann, der in einem heruntergekommenen Hochhaus wohnt, als Programmierer zuständig für ein furchtbar verkorkstes Computerprogramm. Er soll es fixen, aber das dauert. Und sein Chef baut lieber Schiffsmodelle zusammen, der Kollege flieht nach Thailand, er selbst hat keine Freundin nur eine Geliebte und eine Stammprostituierte im Haus gegenüber. So einsam waren die Helden von Norbert Scheuer noch nie. 500 TONNEN SPRENGSTOFF EXPLODIEREN Johann hat Tonbänder seines Großvaters geerbt. Angeblich dokumentieren sie die Geschichte seiner Familie rund um den 2. Weltkrieg. Irgendwie steht am Ende die größte Explosion, die es in Deutschland jemals gegeben hat: am 15.7.1949 nämlich explodierten in einem Bunker bei Prüm 500 Tonnen Sprengstoff. Der Kalvarienberg, in dem der Bunker eingegraben war, verlor seine Kuppe, stattdessen klaffte ein 90 Meter tiefes Loch. 12 Menschen starben, Prüm wurde vier Jahre nach dem Krieg erneut verwüstet. Dieses Ereignis gab es, genau zwei Jahre vor der Geburt von Norbert Scheuer. Der Roman ist kein Bericht der Ereignisse – er ist eher ein Spiel mit der Ungewissheit, mit dem Bedrohlichen,– und mit der Strategie, die er seiner Einsamkeit entgegensetzt. Denn die Tonbänder sind eigentlich längst zersetzt, das Magnetophon völlig kaputt. Da ist nichts mehr zu holen. Trotzdem hört der Held die Bänder ab – und verliert sich im Wispern und Pfeifen und Rauschen. Der entscheidende Satz steht auf der ersten Seite: > Irgendwann merkte ich, dass ich nicht mehr zuhörte, sondern nur noch erzählte. > > > Quelle: Norbert Scheuer - Holunderholz EIN TONBAND UND EINE FLÖTE Denn darum geht es: Der Held erfindet sich die Tonbandprotokolle, sie bilden die Tonspur für seine Fiktion der Geschichte seines Großvaters. Vielleicht ist es eine Liebesgeschichte. Die Geräusche vermischen sich mit dem Titel gebenden „Holunderholz“, aus dem man eine Kinderflöte herstellen kann – das Netz ist voll von Bauanleitungen. Sichere Fakten gibt es nur wenige, sogar seine eigene Geburt wird zum Mysterium, weil auf einmal ein zwielichtiger, in der Gegend irrlichternder Bekannter in die Nähe seiner Mutter gerät. DIE MISERE DES PROTAGONISTEN Als der Erzähler dann auch noch krank wird, bekommt der Roman noch eine düstere Ebene, etwas Somnambules, weil der Held nicht ganz bei sich ist. Immer wieder gibt es, gegen Ende noch mehr als zu Beginn, Sätze, die zeigen, WAS DAS heißt: Als der Held, so wörtlich, > glaubte, etwas zu verstehen, zog es sich zurück > > > Quelle: Norbert Scheuer - Holunderholz später stellt er die Frage, > ob Worte die Welt enträtseln können. > > > Quelle: Norbert Scheuer - Holunderholz Es ist wirklich beeindruckend, wie Norbert Scheuer es hinbekommt, der Misere seines Helden eine Sprache zu geben, seinen Untergangsfatalismus in Worte zu fassen, die Melancholie und Schönheit gleichzeitig zulassen. Diese Frage ist aber kein poetischer Selbstzweck – der Held ist nicht umsonst Programmierer, der in seiner Jugend die technische Welt anders verstanden hat, als, so wörtlich > Residuum schöner Abstraktionen und reiner Ideen. > > > Quelle: Norbert Scheuer - Holunderholz DIE GEFAHREN DER TECHNIK Die Programme im Buch sind dagegen ein Labyrinth, eine unheilschwangere Prophezeiuung. Und damit ist Norbert Scheuer auch in seinem elften Roman das gelungen, was in den vielen vorher auch der Fall war: Er berichtet aus seinem Wohnort, aus Kall in der Eifel – aber er berichtet über die Themen von heute – und das ist in diesem Fall eine zutiefst neue, verstörende und sehr poetische Sicht auf die Gefahren, die uns heute von KI und Techunternehmen zu überrennen drohen. Norbert Scheuers Romane, um es mal ganz pathetisch zu sagen, sind große, helle Sterne am Firmament, die einem, wenn man will, tatsächlich Orientierung geben können. Die Welt ist alles, was Kall ist.

20. elo 20263 min
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Norbert Scheuer: „Das hat sich tief bei mir eingegraben, und es war nur eine Frage der Zeit, bis das in einen Roman einfließt“

Norbert Scheuer steht auf dem Kalvarienberg oberhalb von Prüm in der Eifel und blickt in einen Abgrund. Unter ihm liegt der riesige, mittlerweile von Bäumen und Gebüsch zugewucherte Krater, der bis heute von einer Explosion von ungeheurem Ausmaß zeugt. Am Abend des 15. Juli 1949 gingen 500 Tonnen Sprengstoff hoch, den die französischen Besatzer hier gelagert hatten, in den Katakomben des Kalvarienbergs. Die Bergkuppe wurde weggesprengt, Gestein wurde Hunderte von Metern in die Höhe geschleudert; das Städtchen Prüm, das sich gerade im Wiederaufbau nach dem Krieg befand, wurde nahezu komplett zerstört. EINE KATASTROPHE, DIE WEITERLEBT Dass nur zwölf Menschen dabei ums Leben kamen, lag daran, dass zwischen der Entdeckung eines Brandes am Berg und der Explosion rund eine Stunde verstrich – Zeit genug, um 2000 Einwohner zu evakuieren. Norbert Scheuer, der zwei Jahre nach der Katastrophe geboren wurde, kennt die Erzählungen rund um die Explosion seit frühester Kindheit: „Ich komme aus Prüm. Meine Mutter hatte hier in Prüm eine Gastwirtschaft. Sie hat nicht viel erzählt, außer diese Geschichte, wie, nachdem sie alarmiert worden sind, sie mit meinem älteren Bruder aus der Stadt floh und dann plötzlich alles verdunkelt war, und aus dem schönen Sommerabend wurde plötzlich finstere Nacht“, erinnert sich Scheuer. „Das hat sich bei mir tief eingegraben, und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das irgendwann in einen Roman einfließt.“ DIE EIFEL ALS SPIELWIESE In „Holunderholz“, Norbert Scheuers neuem und beeindruckenden Roman, schwebt die Explosion des Kalvarienbergs wie eine apokalyptische Verheißung über dem Text. Was genau zu dem Brand geführt hat, ist bis heute ungeklärt. Zwei Wachsoldaten, ein Jugoslawe und ein Ungar, hatten nachweislich wenige Tage zuvor ihre Ausreise nach Australien geplant und verschwanden spurlos. Scheuer lässt sie auf seine eigene, spekulative Weise im Roman auftreten. Die Eifel ist Norbert Scheuers Heimat und seine große literarische Spielwiese. Er kennt die Geografie, die Mentalität, die Atmosphäre. Welche Bedeutung, so frage ich ihn, hat die verheerende Explosion heute noch für die Region und ihre Bewohner? „Also, in der Landschaft wirkt sie als große, riesige Narbe. Man sieht den Krater, der sehr große Ausmaße hat, und bei den Menschen wirkt das auch immer noch weiter, auch wenn sie das gar nicht mehr selbst miterlebt haben“, erzählt der Autor. „Aber so ist das wohl immer bei dramatischen Ereignissen: dass sie immer über Generationen hinweg auch unbewusst vorhanden sind. Wie Kriegsereignisse, und im Grunde ist es ja ein Kriegsereignis.“ ZWISCHEN EINSAMKEIT UND ERINNERUNG Zwei Zeitebenen sind in „Holunderholz“ kunstvoll miteinander verknüpft. Da ist zum einen Johann Arimond, ein Angehöriger der weitverzweigten Arimond-Familie, die das Grundgerüst von Norbert Scheuers Eifel-Saga bildet und die der Autor nach und nach ausweitet. Johann ist eine der deprimierendsten Figuren, die Norbert Scheuer je erfunden hat. Er arbeitet als Programmierer in einem Softwareunternehmen und lebt in einer kleinen Hochhauswohnung am Rand einer größeren Stadt, die als Köln zu identifizieren ist. Johann beobachtet Vögel, geht regelmäßig zu einer Gelegenheitsprostituierten und verbringt seine Abende an einer Autobahnraststätte. Als seine Mutter in der Eifel stirbt, macht Johann sich daran, die Tonbänder eines alten Magnetophons abzuhören, auf denen bruchstückhafte Aufzeichnungen seines Großvaters aus der Nachkriegszeit gespeichert sind. Norbert Scheuer sagt über seinen Ich-Erzähler: „Er ist einsam und konzentriert sich erst einmal ganz auf Technik. Und Technik macht, wenn man sich nur damit beschäftigt, einsam.“ „Und über diese Beschäftigung mit der Technik und im Grunde nur dieser Tatsache, dass auf diesen Tonbändern irgendetwas ist, dem man nachlauscht, kommt er immer näher und ohne es zu wissen an sich selbst, an seine Geschichte, die er ganz am Ende erkennt, und man könnte ja behaupten, dass er dann auch nicht mehr einsam ist.“ DER GESCHICHTE AUF DER SPUR Wir sitzen mittlerweile im Garten in Norbert Scheuers Haus in Kall in der Eifel. Vor sich auf dem Tisch hat Norbert Scheuer Bücher ausgebreitet, Chroniken mit Dokumenten von der Explosion im Jahr 1949. Sein Ich-Erzähler Johann Arimond hört die brüchigen Bänder ab und rekonstruiert daraus eine Geschichte, die wahr sein könnte oder erfunden. Das K3-Magnetophon, das Johann geerbt hat, ist für Scheuer das ideale Medium, um Schlaglichter auf Ereignisse zu werfen, die sich letztendlich aber nur aus Schlaglichtern, Spekulationen und der Fantasie des Autors zusammensetzen: „Dieses K3 existiert seltsamerweise nirgendwo. Es gibt die Hinweise darauf, aber es gibt kein funktionierendes Gerät. Es gibt Bilder von der Serie davor und danach, die so ähnlich aussehen, aber das K3 hat man nie mehr zum Laufen bekommen – nur Johann hat das geschafft“, berichtet uns der Autor. EIN EINZIGARTIGER ROMAN Worum geht es also in „Holunderholz“? Um die Hintergründe einer Katastrophe, das auch. Um den Brückenschlag zwischen der Gegenwart und der Nachkriegszeit, die in ein milchiges Licht und eine traumähnliche Stimmung getaucht ist. Um ein junges Mädchen namens Rose, die den Großvater bei seinen Touren durch die Eifel begleitet hat und deren Schicksal im Dunkeln bleibt. Um den zwielichtigen Herrn Vincentini, der bereits seit mehr als zwanzig Jahren durch Scheuers Romane irrlichtert. Um Technik, die den Menschen zunehmend beherrscht. Und um einen Erkenntnisprozess, den Johann Arimond durchläuft: „Er hat zum Beispiel erkannt, dass man nichts erkennen kann. Dass alles nur Fragmente sind. Und dass wir uns aus diesen Fragmenten eine Wirklichkeit zusammensetzen.“ Die Arbeit an dieser fragmentierten Wirklichkeit, die Norbert Scheuer in immer neuen Anläufen zum poetischen Bild einer Landschaft zusammensetzt, ist in der deutschsprachigen Literatur einzigartig. „Holunderholz“ ist ein weiteres Meisterwerk im so bestechend schönen wie verwirrenden Kosmos dieses Autors.

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Schnecken, Katalogbräute und ein Krieg: Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“

EIN UNKONVENTIONELLER ROMAN Jeder Roman hat einen Anfang und einen Schluss. Denkt man. Bis man Maria Revas „Ein Königreich für eine Schnecke“ gelesen hat. Denn dieser unkonventionelle Roman umfasst in der deutschen Ausgabe 480 Seiten – endet aber schon auf Seite 190. Und dann noch mal. Und noch mal. Unkonventionell ist der Roman aber auch, weil mittendrin plötzlich die Autorin auftaucht, als Ich-Erzählerin mit einem eigenen Erzählstrang, neben dem der Figuren – und schließlich sogar zusammen mit ihnen. POSTMODERNE KOLLISION VON FIKTION UND WIRKLICHKEIT Klingt ziemlich schräg, oder? Und verdächtig nach postmoderner Spielerei à la Italo Calvino oder Paul Auster [https://www.swr.de/kultur/literatur/paul-auster-new-york-trilogie-stadt-aus-glas-schlagschatten-hinter-verschlossenen-tueren-100.html]. Aber hier hängt die Kollision von Fiktion und Wirklichkeit mit der Entstehungsgeschichte des Romans zusammen. Oder besser: Sie ist ein großartiger Trick der kanadisch-ukrainischen Autorin, um ein plötzlich von der Realität überholtes Werk doch noch zu vollenden. Denn was macht man bzw. frau mit einem Romanprojekt über die Heiratsindustrie in der Ukraine, wenn dieses Land mitten im Schreiben überfallen wird? „Welches Recht habe ich, von meinem Sessel aus über den Krieg zu schreiben? Und weiter über die Katalogbrautindustrie zu schreiben, kommt mir noch schlimmer vor. Dieses Klischee wieder hervorkramen? In diesen Zeiten?“ > Und überhaupt, bin ich eigentlich eine echte Ukrainerin? Ich habe das Land als Kind verlassen. Ich spreche eher Russisch als Ukrainisch und beides nicht besonders gut. > > > Quelle: Maria Reva - Ein königreich für eine Schnecke KATALOGBRÄUTE, SCHNECKEN UND RUSSISCHE INVASOREN Wenn Katalogbräute das eine Thema dieses Romans sind, so sind Schnecken das andere. Verkörpert werden beide Themen durch zwei gegensätzliche Frauen, die sich zusammentun, um aus Protest westliche Freier zu entführen. Da ist zunächst Jewa, eine zynische Einzelgängerin, die ihr Leben der Rettung gefährdeter Schneckenarten gewidmet hat. Mit einem zum Labor umgebauten Wohnmobil durchkämmt sie die Ukraine auf der Suche nach seltenen Exemplaren. Immer im Kampf um mediale Aufmerksamkeit, denn so sympathisch wie Pandas oder Wale sind die schleimigen Weichtiere nun einmal nicht. Ihre Missionen finanziert Jewa als Teilnehmerin sogenannter Liebestouren der Agentur „Romeo meets Julija“. Dabei spielt sie vor westlichen Junggesellen die willige Ukrainerin, auch wenn sie selbst ironischerweise komplett asexuell ist und Smalltalk für Zeitverschwendung hält. „Manchmal verärgerte sie die Dolmetscherinnen und langweilte die Junggesellen, weil sie sich angeregt fühlte, über die Einzelheiten ihrer Arbeit zu sprechen, die Messwerte, die sie stabil halten musste.“ > Einmal fragte ein Junggeselle beim Abendessen: „Hast du mal welche probiert? Mit Butter und Knoblauch?“ Jewa biss beinahe ihre Zunge durch. > > > Quelle: Maria Reva - Ein königreich für eine Schnecke ENTFÜHRUNG WESTLICHER JUNGGESELLEN Die zweite weibliche Hauptfigur heißt Nastja. Die junge Frau leidet darunter, dass ihre Mutter, eine feministische Aktivistin, seit geraumer Zeit untergetaucht ist. Um sie aus ihrem Versteck wieder hervorzulocken, plant Nastja eine Protestaktion, die ganz nach dem Geschmack ihrer Mutter wäre: besagte Entführung westlicher Junggesellen, alles hoffnungsfrohe Teilnehmer der Liebestouren von „Romeo meets Julija“. Eine Aktion, für die Jewas Wohnmobil wie gerufen kommt. An Bord gelockt werden die Freier unter dem Vorwand einer Bonusveranstaltung, eines „heidnischen Fruchtbarkeitsfestes“. Als die Fahrt startet, schreibt man den 22. Februar 2022, die Nacht der russischen Vollinvasion – als das halbe Land zur Grenze nach Westen flüchtet. RABENSCHWARZES LESEVERGNÜGEN Von hier an – dem Moment, als in der Realität die Autorin drauf und dran ist, den Roman abzubrechen – wird die Geschichte um Jewa und Nastja abwechselnd abenteuerlich und absurd, in jedem Fall aber zu einem rabenschwarzen Lesevergnügen. Einerseits, weil die unfreiwilligen Passagiere die ganze Knallerei für eine Inszenierung halten, leider auch dann noch, als russische Soldaten leibhaftig vor ihnen stehen. Andererseits, weil Jewa ihr Wohnmobil samt Mitfahrenden ausgerechnet nach Süden steuert, nach Cherson – also den heranrückenden Invasoren entgegen. Doch in Cherson wurde gerüchteweise ein höchst seltenes Schneckenexemplar gesichtet, das Jewa unbedingt noch retten will. Außerdem lebt dort der Großvater der Chefin von „Romeo meets Juljia“, den Nastja zur Evakuierung überreden soll. Ein erfundener Großvater, natürlich, der aber einen ebenso sturen Doppelgänger in der Realität hat, nämlich den Großvater der Autorin. > Als meine Mutter einmal mit meinem Großvater telefonierte, hörte sie im Hintergrund die Explosionen, während mein schwerhöriger Großvater nichts davon mitbekam. Er sagte, er müsse Schluss machen, weil sein türkischer Kaffee überzulaufen drohe. > > > Quelle: Maria Reva - Ein Königreich für eine Schnecke „Nein, diese Zeilen entsprechen nicht ganz dem, was wirklich passiert ist. … Ich muss Fakten und Fiktion trennen, doch sie verschwimmen immer wieder ineinander“, fährt die Autorin fort. HUMOR ALS ÜBERLEBENSWERKZEUG Sympathisch offen beschreibt die in Kanada lebende Autorin in alternierenden Kapiteln, in welche Schreibkrise sie von den Nachrichten aus ihrem Geburtsland gestürzt wurde: eine Mischung aus hilfloser Angst um ihre ukrainischen Angehörigen, Sinnverlust und diffusen Schuldgefühlen. Hinzu kam der Frust über westliche Redakteure, die Revas Beiträge zum Krieg ablehnten, weil sie ihnen mit ihrem schwarzen Humor „unangemessen“ erschienen – ein beschämendes Missverständnis:  „In der Ukraine reicht der schwarze Humor bis in die Sowjetzeit zurück – wahrscheinlich sogar noch weiter –, und er verleiht Menschen, die unter unbeherrschbaren Umständen leben, ein Gefühl von Macht. Wenn man über eine düstere Realität lachen kann, erhebt man sich darüber.“ Wie Revas großer, für den Booker Prize nominierte Roman denn nun tatsächlich ausgeht, sollte man unbedingt selber lesen. Etwas Geduld ist dazu aber nötig. Denn all das Hin und Her zwischen erfundener Erzählung und Wirklichkeit der Autorin kostet doch etwas an Momentum. Macht aber nichts. Denn dafür schlägt das von Stephan Kleiner übersetzte Werk einen schwarzhumorigen Erzählfunken nach dem anderen. Was für ein schöner Sieg der Literatur also über die Wirklichkeit!

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jakson Ein Heimatdichter im besten Sinne: Walle Sayers neuer Gedichtband kansikuva

Ein Heimatdichter im besten Sinne: Walle Sayers neuer Gedichtband

Lyrik, Gedichte, das klingt gerade im Rilke-Jahr [https://www.swr.de/kultur/literatur/was-hat-uns-rilke-heute-noch-zu-sagen-100.html], nach etwas Erhabenem, Gehobenem, nach großen Gedanken, schwierigen Versen, nach, ja, Unverständlichem, auf jeden Fall nach etwas, was mit unserem normalen, alltäglichen Sprechen wenig oder gar nichts zu tun hat. Aber das muss nicht so sein. Es gibt auch eine Tradition des zugänglichen, zugewandten Gedichts. Und es ist vielleicht nicht zu viel behauptet, wenn man davon ausgeht, dass sie – religiös oder auch nicht – in der Erbfolge des Gebets steht, der Aufmerk- und Achtsamkeit gegenüber den Dingen, die uns umgeben. Vor der Schöpfung sind sie alle gleich und nur wir haben das verlernt und sortieren sie nach Nutzen oder Nutzlosem. DICHTER DER RANDLAGE  Einer, der in dieser Tradition schreibt, ist der Schriftsteller Walle Sayer [https://www.swr.de/kultur/literatur/walle-sayer-etwas-wie-ein-koffer-aus-dem-ein-hemdzipfel-schaut-100.html]. Er wurde 1960 bei Tübingen geboren und veröffentlicht seit seinem Debut von 1984 in großer Regelmäßigkeit Gedichtbande, die nie ganz die Aufmerksamkeit erzielen konnten, die sie verdient hätten. Wenn das Klischee nicht so abgegriffen wäre, dann müsste man sagen, er ist einer der Stillen im Lande. Er lebt in Horb im Schwarzwald, weit weg vom Literaturbetrieb, er ist ein Dichter der Randlage. Sein neuer Band trägt den vielsagenden Titel „Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut“, der fast so etwas wie ein dichterisches Programm beinhaltet. Denn diese Zipfel, das sind die Gedichte selbst, der Koffer dagegen, der Ort der Ordnung, der Regeln, der nie ganz perfekt schließt. In sieben Zyklen beobachtet Walle Sayer die Details, die kleinen Dinge, eben die Zipfel.  DAS HEIMLICHE IM ALLTAG  Sie tragen selbst poetische Namen:   „Tageskrümel, Rückwärtssuche, Die Detailsammlung aufschlagen, Kontrapunktisches, Gegenständliche Meditation, Kritzelelegien.“  Was sie verbindet, ist das dichterische Verfahren, das Umschlagen des Gewöhnlichen in Überraschendes durch Sprache. Da beobachtet einer, schaut genau hin, und erkennt, dass da noch etwas Heimliches, ja manchmal Unheimliches verborgen ist. Eines der Gedichte heißt:   „In einem Straßencafé sitzen und eine Postkarte an sich selbst schreiben“  Und endet so:   > Um nicht auseinandergerissen zu werden, / hält sich das Liebespaar an der Hand. // Die Spatzenschar, / die nicht aufschreckt vom Martinshorn, / weitersucht nach Krumen zwischen den Tischen. // An einem davon ich sitze / herumrühre in meiner Tasse und jemand bin, der hineinblickt / in die Stromschnellen. >   > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut DER EINZELNE SATZ ALS GLUTKERN  Merkt man diesen kleinen Versatz? Die Unwucht, weil es nicht geschmeidig heißt: „An einem davon sitze ich“, sondern „An einem davon ich sitze“, weil das beobachtende Ich gerade nicht im Ablauf der Geschehnisse aufgeht? Die Gedichte von Walle Sayer trumpfen nicht auf, oft versammeln sie einzelne Sätze und verzichten auf einen erzählerischen Überbau. Auch das gehört zu einem Dichten ohne Richten.  Der einzelne Satz ist der Glutkern der Gedichte, der das Gewicht des Details trägt:  > Die Schlafkuhle, die der alte Kater, für den das Bett Tabu ist, auf dem Kopfkissen hinterließ.  > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut Oder:  > Am Seitenstreifen der Landstraße, / das Mahnwachenflackern, die Flämmchenzunge, / neben der frischbepflanzten Blumenschale.  > Einbehalten oder liegengeblieben, / im Gartenwinkel eines Nachbargrundstücks, / der Farbvokal des roten Balles. > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut Oder: > Die meerblauen / Tintentränen des / klecksenden Füllers. > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut Walle Sayer ist im besten Sinne ein Heimatdichter, wenn Heimat keinen Namen trägt, sondern benennt, was uns im Alltag umgibt. Mit ihm können wir ihn sehen lernen. Also keine Angst vor Lyrik!

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jakson Zen, Zorn und Zeitgeist: Kathrin Fischers „Achtsam geht die Welt zugrunde“ kansikuva

Zen, Zorn und Zeitgeist: Kathrin Fischers „Achtsam geht die Welt zugrunde“

Jahrelang saß Kathrin Fischer auf dem Meditationskissen. Eifrig folgte sie den Anweisungen ihres Zen-Lehrers, auf der Suche nach mehr Gelassenheit in ihrem Leben. Geholfen hat es ihr nicht. Denn wenn etwas ihren polemischen Buchessay „Achtsam geht die Welt zugrunde“ antreibt, dann ist es Wut. Wut über eine immer kaputtere Welt, Wut über eine elitäre Mittelstandsgesellschaft, die glaubt, sie würde mit Atemübungen und einer Schale Yogitee dazu beitragen, die Welt zu retten.   GESCHÄFTSTÜCHTIGE KOMPLIZIN DES NEOLIBERALISMUS  Und vor allem Wut über das, was Kathrin Fischer [https://www.swr.de/kultur/literatur/die-ideologie-der-achtsamkeit-kathrin-fischer-100.html] die „Ideologie der Achtsamkeit“ nennt: Für die Podcasterin ist die boomende, geschäftstüchtige Meditationsindustrie mit ihren Sinnsprüchen und Dankbarkeitsritualen nichts anderes als eine Komplizin unserer neoliberalistischen Gesellschaft. Wer glaubt, gegen die Fehlentwicklungen und Missstände, die diese Spielart des Kapitalismus gerade hierzulande anrichtet, würde einem eine Achtsamkeitsapp helfen, liege gründlich falsch, so Fischer.  > Atemtechniken, Manifestationen und Fünf-Minuten-Meditationen helfen möglicherweise kurzfristig gegen die Angst, in München oder Berlin eine neue Wohnung suchen zu müssen. An der schier ausweglosen Situation ändern sie jedoch nichts. > > > Quelle: Kathrin Fischer - Achtsam geht die Welt zugrunde SÜNDENBOCK FÜR GESELLSCHAFTLICHE MISSSTÄNDE  Ganz genau, möchte man einwenden. Achtsamkeitspraktiken können einen, im besten Fall, in schwierigen Momenten ruhiger und gelassener werden lassen – was in unseren Zeiten der Vielfachkrisen ja nicht gerade wenig ist, oder? Aber wer hat behauptet, mit ihnen ließe sich die harte Realität ändern? Und, um Fischers Beispiel aufzugreifen, bezahlbarer Wohnraum herbeimeditieren?  In Kathrin Fischers Wutrede werden Achtsamkeitspraktiken zum Sündenbock für praktisch alles, was derzeit falsch läuft: Beispielsweise sollen sie die Isolation befördern, schließlich kümmerten sich Meditierende ja primär um sich selbst. Deshalb förderten sie auch Narzissmus, da sie unsere Abhängigkeit von unseren Mitmenschen leugnen und behaupten, unser Glück liege in uns selbst. Mehr noch: Achtsamkeit verstärke die Spaltung der Gesellschaft, schließlich nutze die neue Mittelklasse einschlägigen Praktiken, um sich von den unteren Schichten abzugrenzen. Was für diese die Flucht in populistische Rechtsparteien ist, sei für jene die Teilnahme am Zen-Retreat: ein kontraproduktives Hilfsmittel, mit einer immer kaputteren Wirklichkeit fertigzuwerden.  > Im Grunde verhält sich die achtsame Mittelklasse wie die Milliardäre, die sich mit Bunkern und Marsplänen auf eine apokalyptische Zukunft vorbereiten. […] Sie zieht in den inneren Bunker und nennt das Rettung der Welt. > > > Quelle: Kathrin Fischer - Achtsam geht die Welt zugrunde WUT ALS BESSERE QUELLE FÜR POLITISCHE VERÄNDERUNG?  Okay, jetzt atmen wir alle doch erstmal tief durch. Natürlich ist nicht alles falsch, was Kathrin Fischer schreibt. Ihre Kritik am scheinheiligen Einsatz von Achtsamkeitskursen in Unternehmen zum Beispiel. Oder an einer „achtsamen Mittelklasse“, die Solidarität und Diversität predigt, aber ihre Kinder dann doch lieber auf Privatschulen schickt. Oder Fischers Gesellschaftsdiagnose, von den wachsenden Vermögensungleichheiten bis zum Skandal einer kaputtgesparten Infrastruktur.   Aber genau hier wird es spannend: Falsch zum Beispiel sei es, so die 59-jährige Autorin, das Warten auf den wieder mal verspäteten Zug für Gelassenheitsübungen zu nutzen – wie es übrigens tatsächlich ein Schlaumeier in der Süddeutschen geraten hat. Besser sei es, die Wut dann zuzulassen, als Quelle für politische Veränderungen. Fragt sich nur, inwiefern der ungehemmte Ärger einer, sagen wir, wartenden Mutter mit quengelndem Kind mehr hilft als eine Runde Boxatmung. Und warum sollen sich Achtsamkeitspraktiken und politisches Engagement ausschließen? Denkt man an jene, die mit Wut und Empörung in der Politik auf Stimmenfang gehen – dann kann man sich bei den anstehenden Wahlen eigentlich gar nicht genug Gelassenheit wünschen.

18. elo 20264 min