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Was ist heute links?

8 min · 23 de jun de 2026
Portada del episodio Was ist heute links?

Descripción

Eine verhängnisvolle Begriffsverwirrung verhindert den Politikwechsel. Von Oskar Lafontaine. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Seit Jahren nimmt die Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung zu. Die parlamentarische Demokratie erfüllt ihren Auftrag, Politik nach dem Willen der Mehrheit zu machen, schon lange nicht mehr. Landauf, landab wird darüber diskutiert, warum das so ist und was sich ändern muss, um einen Weg aus dieser Krise zu finden. In einem Gespräch mit dem Philosophen Richard David Precht sagte der ZDF-Moderator Markus Lanz kürzlich: „Die Leute wollen eine konservative, wenn nicht rechte Politik, bekommen aber eine linke Regierung.“ Viele Politiker und Journalisten stimmen dieser Analyse zu. Aber sie ist auf gefährliche Weise falsch und stärkt die AfD, die man doch angeblich bekämpfen will. Man kann über die Regierung Merz sicherlich vieles sagen, aber nicht, dass sie linke Politik macht. Merz’ Richtschnur Zwar gab es in den letzten Jahren viele unterschiedliche, teils skurrile Antworten auf die Frage, was linke Politik sei, aber in der Praxis, im Alltag ist die Antwort ganz einfach. Linke Politik ist es, den Ärmeren zu helfen und denen Bildungs- und Aufstiegschancen zu sichern, die nicht aus wohlhabenden Verhältnissen kommen. Zudem gehört die Ablehnung von Krieg und Waffengewalt immer zur DNA linker Politik, da sie die Wahrung der Menschenwürde in den Mittelpunkt stellen muss. Im Krieg werden die Normalbürger, die kleinen Leute, gezwungen, sich gegenseitig umzubringen. Die Kriegstreiber findet man immer bei den Oligarchen, die am Krieg verdienen, in den Regierungen, den Parlamenten und im Journalismus, aber nicht an der Front. Die Regierung aus CDU/CSU und SPD unterstützt und verlängert im Widerspruch dazu nicht nur den Ukraine-Krieg, sondern auch den Völkermord im Gazastreifen mit Waffenlieferungen. Deutschland wurde vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt, und der Bundesregierung wurde „Beihilfe zum Völkermord“ vorgeworfen. Wer einer Regierung, die unter dem begründeten Verdacht der Beihilfe zum Völkermord steht, eine linke Politik bescheinigt, leidet unter vollkommener Begriffsverwirrung. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik sieht es nicht anders aus. Bundeskanzler Friedrich Merz hat die rechte Parole „Wir können uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten“ zur Richtschnur seiner „Reformpolitik“ erklärt. Weil die Wähler diese „rechte“ Politik der weiteren Umverteilung von unten nach oben nicht wollen, trauen sich Merz und Klingbeil nicht, ihre Kürzungspläne wirklich offenzulegen. Kommissionen, hinter denen sie sich verstecken können, müssen ran, und einzelne Minister dürfen vorpreschen. Fest steht jetzt schon, dass die Regierung, die nach Meinung der Mehrheit der deutschen Kommentatoren linke Politik macht, Kürzungen bei Renten, Gesundheit und Bürgergeld vornehmen will, also genau das, was rechte Regierungen in aller Welt tun, wenn sie am Ruder sind. Sie lassen das Volk „den Gürtel enger schnallen“ und verschonen die, die es sich am ehesten leisten könnten. Sozialkürzungen sind notwendig, um die maßlose Aufrüstung zu finanzieren, die sich die angeblich linke Regierung vorgenommen hat, um die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Aber linke Politik, die diesen Namen verdient, setzt auf Diplomatie, gute Nachbarschaft und Abrüstung, rechte Politik auf das Schüren von Feindbildern, auf Aufrüstung und im Zweifelsfall auf Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Lackmustest Meinungsfreiheit Neuerdings werden offene Grenzen für alle, Cancel Culture und Gendersprache auch in der politischen Wissenschaft als „kulturell links“ bezeichnet. Auch das ist ein weiteres Beispiel für die babylonische Begriffsverwirrung. Die Politik der offenen Grenzen für alle ist rechts, weil sie sich gegen die Ärmsten in den Herkunftsländern und in den Aufnahmeländern richtet. Die Herkunftsländer verlieren ihre Mittelschicht und fallen deshalb wirtschaftlich zurück, und in den Aufnahmeländern steigen die Mieten, während Löhne und soziale Leistungen sinken. Linke Migrationspolitik begrenzt im Unterschied dazu die Zuwanderung und hilft nachhaltig den Ärmsten vor Ort nach dem Vorbild Albert Schweitzers. Die Cancel Culture, also die Ausgrenzung von Personen, die eine vom Mainstream abweichende Meinung vertreten, führt zu Denunziation und Zensur und in einzelnen Fällen zur Existenzvernichtung von Menschen, die unbequeme Meinungen vertreten. Das kennen wir aus totalitären Systemen. Mit linker Politik hat auch das nichts zu tun. Der Lackmustest auf die Frage „Wie hältst du es mit der Meinungsfreiheit?“ ist die Einstellung zu den EU-Sanktionen gegen Einzelpersonen, die eine abweichende Meinung haben. Dass die in Teilen rechtsextreme Regierung, Merz-Klingbeil mit Außenminister Wadephul, einem solchen, die Meinungsfreiheit immer weiter einschränkenden Vorgehen zustimmt, wundert schon nicht mehr. Dass aber auch die Partei Die Linke dieser Verfolgung Andersdenkender Beifall spendet, zeigt, dass sie ihren Kompass verloren hat. Ihre Parteistiftung hat sie nach Rosa Luxemburg benannt. Deren berühmtester Satz lautet: „Freiheit ist immer die Freiheit Andersdenkender.“ Und die Gendersprache? Wer die Sprache der Arbeiter vergewaltigt, sollte sich nicht einbilden, er könne die Malocher jemals vertreten. Ein Gewerkschafter, der seine Ansprache an die Belegschaft mit den Worten „Liebe Kolleg*innen“ oder „Liebe Mitarbeiter*innen“ beginnt, wird bestenfalls ausgelacht. Interessen der Mehrheit Bei dieser babylonischen Begriffsverwirrung wundert es nicht mehr, dass viele Arbeiter aus Protest AfD wählen, obwohl diese Partei alle Reichensteuern abschaffen und bis zu fünf Prozent der Wirtschaftsleistung für Aufrüstung bereitstellen will. Immerhin wissen Deutschlands Arbeitnehmer im Gegensatz zur SPD-Co-Vorsitzenden Bärbel Bas, dass Millionen Zuwanderer ins Sozialsystem einwandern, mit der Folge, dass die sozialen Leistungen geringer ausfallen, wenn immer mehr Menschen sie in Anspruch nehmen. Und im Gegensatz zu vielen Politikern und Journalisten wissen sie auch, dass die Zuwanderung zu Mietpreissteigerungen und niedrigeren Löhnen führt. Solange Deutschlands Politiker und Meinungsmacher rechts und links verwechseln, können sie den direkten und geraden Weg aus der Krise nicht finden, und Deutschland steigt weiter ab. Die Leute wollen seit Jahren eine linke, sprich: sozial gerechtere Politik, bekommen aber immer eine rechte Regierung, die Kriege mit Waffenlieferungen unterstützt, die Lebenshaltungskosten verteuert, soziale Leistungen kürzt und die wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen fördert, mit dem Ergebnis, dass in letzter Konsequenz die Demokratie abgeschafft wird. Demokratisch ist eine Gesellschaft nämlich nur, wenn sich in ihr die Interessen der Mehrheit durchsetzen. Davon kann in Deutschland, wenn fünf Prozent der Bevölkerung nach den Daten der Europäischen Zentralbank fast die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen, nicht die Rede sein. Oskar Lafontaine ist Finanzminister Deutschlands a. D. und ehemaliger Vorsitzender der SPD. Dieser Artikel erschien zuerst in der Weltwoche Deutschland Nr. 25.26 [https://weltwoche.de/daily/was-ist-heute-links/]. Titelbild: DesignRage/shutterstock.com

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episode Denglisch for advanced Beginners artwork

Denglisch for advanced Beginners

Nachdem ich den Artikel von Albrecht Müller gelesen habe zum Thema „Die Verhunzung unserer Sprache macht Fortschritte“ [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152344] und ich im Newsletter nochmals auf den Artikel aufmerksam gemacht wurde, bin ich in mich gegangen, überlegte, wann ich dieses Denglisch anwende bzw. wann es mir begegnet, und habe ein paar Tage lang gesammelt, zum Thema, Arbeit, Sport, Sprache meiner Enkelinnen, Werbung u.v.m. Gut, das, was von den Enkelinnen kam, musste ich mir übersetzen lassen. Von Susanne Bur. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Ein ganz normaler fiktiver Tag (oder: Das absolute Cringe-Fest unseres Alltags): Dein Handy weckt dich, weil du das im Timer so gescheduled hast. (Fun Fact für die Besserwisser-Fraktion: „Handy“ ist kein englisches Wort, sondern kommt aus dem Schwäbischen „Hänn die koi Kabel?“. Der Brite nennt das Ding Mobile Phone, der Amerikaner Cell Phone, aber wir sind hier in Germany, also who cares.) Vor dem Aufstehen erst mal die absolute Core-Routine: Durch die Socials scrollen und ein paar Memes liken, die heute viral gehen. Danach kurz die News-Apps auschecken – man muss ja wissen, was die Headers und Subheaders an Breaking News droppen. Vor allem bei der Politik brauchst du das tägliche Update, um zu checken, welche Gamechanger in den aktuellen Kriegen mal wieder performed haben. Exciting! Ich dachte immer, Krieg sei die Hölle, aber dass es ein Game ist, also ein Spiel, lässt die Grausamkeiten doch viel freundlicher wirken. Dann: Aufstehen, das Outfit of the Day wählen und ab in den Job. Das Business-Meeting: Wo die Magic happens: Heute steht ein Marketing Meeting an – ein großes Event wirft seine Schatten voraus. Einer der Sales Manager kommt natürlich late, weil ihn der Check-In am Airport ge-delayed hat. Absolute Katastrophe, denn wir haben eine unfassbar tighte Deadline. Plötzlich crasht der Kollege aus der IT rein: Er braucht dringend einen Quick Call mit dem gesamten Team, um uns zu updaten. Parallel fragt der Customer Service, ob die Flyer schon ready gedruckt sind. Und boom – plötzlich talkst du wie ein kalifornischer Tech-Bro auf Koks, obwohl du eigentlich nur sagen wolltest, dass der Drucker im Flur mal wieder einen Papierstau hat. Deep. Shopping-Time & Generation-Crash: Nach dem Business schnell noch eine Runde Shoppen gehen. Die Enkelinnen (13 und 15) kommen zu Besuch. Also Quality Time im Discounter, Lebensmittel-Restocking betreiben. Und hey, ein paar T-Shirts für die Kids müssen auch mit. Direkt rein in die Grabbelkiste, über der ein fettes SALE-Schild prangt. Die Power-Drinks nicht vergessen – die lieben die Beiden. Schnell nach Hause und auf der Couch noch kurz chillen, bevor der Nachwuchs über dich herfällt wie eine Horde hungriger Zombies. Sie sind da! Ab jetzt wird’s richtig anstrengend. Am besten fährst du direkt den Google Translator oder eine High-End-KI hoch, um dieses Kauderwelsch zu entschlüsseln. Die Stories sprudeln nur so aus ihnen heraus – alles Updates aus ihrem Life. Aber hey, du bist heute der absolute Hero und maximal cool, weil du Eis gesnackt hast und eine TK-Pizza in den Air Fryer schiebst. Die Vibes mit den Freundinnen? Komplett lit! Jungs? Alle doof und lost, die werden direkt ge-ghosted. Aber der neue Crush? Absolute Ausnahme, der ist einfach nur slay. Du wirst direkt gezwungen, dir auf TikTok eine Influencerin reinzuziehen, die dir die neuesten Basics zeigt – angeblich absolute Klamotten-Must-Haves, um überhaupt noch in zu sein. Der Feierabend-Overkill: Dank deines Smart-TVs wird jetzt eine neue Serie gestreamt, die die Kids unbedingt sehen müssen. Du starrst auf den Screen und hörst nur Jugend-Gedöns, das du in deinem Alter mental nicht mehr verarbeiten kannst, performed von Stars, die du aus der Boomer-Generation nicht kennst. Bevor du komplett im Binge-Watching versinkst, gehst du als Raucher erst mal auf den Balkon und ziehst dir zwei bis drei Glimmstängel zur Beruhigung rein. „Hilfe, ich verstehe die Welt nicht mehr!“ Aber hey: Keep calm, have a break, have a Kitkat. Solche Micro-Pauses sind schließlich essenziell für die eigene Work-Life-Balance. Schnell noch ein paar Runden Stuhl-Yoga, um den Body in shape zu halten, während der Mind schon Feierabend hat. Die Boomer unter uns erinnern sich bestimmt noch an die Jacobs-Kaffee-Frau: das ultimative Role Model. Gut aussehend, beruflich erfolgreich, fancy Wohnung, sportlich und meistens glücklicher Single. Peak Performance halt. Weil gerade die Fußball-WM live übertragen wird – natürlich zu absolut unnormalen Zeiten mitten in der Nacht –, wird das Binge-Watching eiskalt ge-cancelt. Zeit für den guten alten Volkssport. Der Moderator legt direkt los: „Der Coach hat das Team gestern noch mal richtig ge-briefed und mental eingeschworen. Jetzt schießt Spieler X mit maximalem Wumms Richtung Tor… der Keeper ist chancenlos! Die Meute schreit GOAL! Aber Pfiff vom Referee: Der Spieler war im Offside! Großes Kino. Sprachlich so high-level, dass selbst ein fades 0:0 klingt wie ein glorreiches 7:1. „Deutschland wankt gegen die Elfenbeinküste, dann kommt der Finisher Deniz Undav. Mit zwei Treffern dreht der abermals eingewechselte Stürmer die Partie. Er ist jetzt Topscorer der gesamten WM.“ (Subheader bei der WELT) Und genau so husteln wir uns durch den Tag. Wir chillen, streamen, binge-watchen, fixen und updaten uns durch dieses Konstrukt namens Leben. Immer schön das richtige Framing im Hinterkopf behalten, bis wir am Ende des Tages gar nicht mehr checken, dass wir eine völlig mutierte Sprache sprechen: Denglisch. Aber hey – dabei bitte immer schön politically correct bleiben! I wish you what! p.s.: Verhunzen können die Politiker auch nicht schlecht, kleine Aufgabe für „runaways“ :-) in Deutsch und Englisch: Bitte übersetzt mal das offiziell längste deutsche Wort ins Englische:„Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung“ Bedeutung: Eine Verordnung darüber, wer dafür zuständig ist, die Genehmigung für den Verkehr (Kauf/Verkauf) von Grundstücken zu übertragen. ---------------------------------------- Glossar: einige möglicherweise gänzlich unbekannte Begriffe: * cringe: Fremdschämen bzw. peinlich (der absolute Klassiker, war auch schon Jugendwort des Jahres) * viben/Vibs haben: Eine gute Zeit haben, sich gut verstehen oder die Atmosphäre genießen („Wir viben voll miteinander“) * lit: toll, super, schön * ghosten: Den Kontakt zu jemandem plötzlich und ohne Erklärung komplett abbrechen. * lost: Planlos, verwirrt oder völlig neben der Spur („Ich bin heute echt komplett lost“) * crush: Jemand, in den man heimlich verliebt ist („Mein Crush hat mir geschrieben“) * slay: Großartig sein, cool aussehen oder eine Situation meistern („Dein Outfit slayt richtig“) * Binge-Watching: das Anschauen mehrerer Folgen einer Serie oder sogar ganzer Staffeln direkt hintereinander, oft über mehrere Stunden hinweg. * Topscorer:(top „Spitze“ und scorer „Schütze“),Spieler in einer Mannschaft, der die meisten Punkte erzielt * Offside: Abseits * hustln: Die moderne Bedeutung: Hart arbeiten & Durchziehen

23 de jun de 20269 min
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ARD-Interview mit Pistorius zur Litauen-Brigade: Wie beim Fußball – Steilvorlagen für den Minister

„Reichen 5.000 Soldaten aus Deutschland, um Russland abzuschrecken?“ [https://www.ardmediathek.de/video/tagesschau24/schutz-der-nato-ostflanke-verteidigungsminister-pistorius-zur-deutschen-litauen-brigade/tagesschau24/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvY2ExNGI0YTMtOWU1OS00NzMyLTlkOWItMmI1ZDE1NzMxN2Ji] Diese Frage stellt eine ARD-Redakteurin bei einem Interview mit Verteidigungsminister Boris Pistorius in der Sendung „Berlin direkt“. Wie wäre es, wenn die ARD zukünftig Interviews mit dem Verteidigungsminister gleich von der Pressestelle der NATO führen lassen würde? Ein Kommentar von Marcus Klöckner. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundeswehr gehen deutsche Soldaten zu einer dauerhaften Stationierung ins Ausland. Sie sollen die, wie es heißt, „Ostflanke“ in Litauen „schützen“. Deutsche Soldaten, die in einem Krieg gegen Russland zur Verteidigung der NATO gegen russische Soldaten kämpfen? Das zieht die Politik – im Falle eines Falles – längst als reale Möglichkeit in Betracht. Viele kritische Fragen müssten insbesondere von Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu dieser Entwicklung gestellt werden. Doch was macht die Leiterin der Radio-Gemeinschaftsredaktion im ARD-Hauptstadtstudio, Anna Engelke [https://www.ard.de/ard-hauptstadtstudio/ueber-uns/studioleitung-und-redaktionen-100.html]? Sie eröffnet ein Interview mit Pistorius mit der Frage: „Reichen 5.000 Soldaten aus Deutschland, um Russland abzuschrecken?“ Was das auch nur im Ansatz mit einem kritischen Journalismus zu tun haben soll – für den der öffentlich-rechtliche Rundfunk immerhin Milliarden erhält – erschließt sich nicht. Da gerade die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet: Beim Fußball versuchen die Mitglieder einer Mannschaft einander Steilvorlagen zu liefern. Dieses Bild drängt sich auf, wenn man als Zuschauer dieses rund vierminütige Interview sieht. Eine Gefälligkeitsfrage, die jeden kritischen Gedanken zum gesamten politischen Wahnsinn der deutschen Konfrontationspolitik im Ansatz erstickt: Das setzt die ARD ihren Zuschauern vor. Warum will Pistorius überhaupt 5.000 deutsche Soldaten in Litauen stationieren? Wäre jemand bei der ARD vielleicht mal in der Lage, die politisch gesetzten Grundannahmen zu hinterfragen? Oder ist das zu viel verlangt? Und so geht es munter weiter. Pistorius spricht davon, dass deutsche Soldaten bereit sind, „jeden Quadratzentimeter NATO-Territorium auch zu verteidigen“, und sagt, dass die deutsche Brigade alleine Russland nicht aufhalten werde, aber „es geht darum, dass eine Brigade da ist, die aufhält“. Das heißt im Klartext: Im Kriegsfall würden 5.000 deutsche Soldaten an vorderster Front die Ersten sein, die sterben – aber wenigstens würden sie Russland ein bisschen bremsen. Wie dieses ‚bisschen bremsen‘ im zeitlichen Sinne zu verstehen ist, darüber verliert der Minister kein Wort und die Interviewerin stellt auch keine entsprechende Frage. Je nach Waffeneinsatz reden wir von: Ein paar Stunden? Minuten? Sekunden? Gewiss: Alleine schon der Gedanke, dass Russland die NATO angreift, ist absurd und Teil politischer Paranoia. Doch davon abgesehen: In Anbetracht der Ungeheuerlichkeit, die in den so selbstverständlich vorgetragenen Aussagen Pistorius’ steckt, wäre eine ganze Reihe an kritischen Einlassungen vonseiten der Interviewerin angebracht. Stattdessen geht es weiter mit der nächsten Frage: „Es fehlen noch ungefähr 3.000 Soldatinnen und Soldaten (…), die sollen sich möglichst freiwillig melden zu dem Umzug nach Litauen: Klappt das?“ Nochmal die Frage: Was soll das sein? Das hat mit kritischem Journalismus nichts zu tun. Ob das „klappt“ oder „nicht klappt“ – darüber haben Medien bereits breit berichtet. Längst ist bekannt, dass die Politik eine Verpflichtung von Soldaten zur Stationierung in Litauen in Betracht zieht. Pistorius darf dann noch ungestört sagen: „Es wird einen Prozentsatz geben – davon kann man wahrscheinlich ausgehen – wo wir verpflichten müssen, aber dann ist das eben so. Das ist dann die Frage der Einsatzbereitschaft vor Ort an der Ostflanke (…).“ Kritische Nachfrage? Erneut Fehlanzeige. Engelke war übrigens von 2017 bis 2022 Sprecherin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk verkauft der demokratischen Öffentlichkeit Politik im Gewand des Journalismus. Das ist untragbar. Titelbild: Screenshot ARD[http://vg07.met.vgwort.de/na/6547caca774840cf96d8e5389a7c19f4]

23 de jun de 20265 min
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Elon Musk ist nun Billionär – auch dank Ihnen!

Durch den Börsengang seines Unternehmens SpaceX ist Elon Musk nun der erste Billionär der Menschheitsgeschichte. Das ist erstaunlich, wenn man sich die Zahlen dieses Unternehmens, das keine relevanten Umsätze macht und Verluste schreibt, einmal näher anschaut. Laut Bewertung soll SpaceX so viel wert sein wie alle 40 deutschen Dax-Unternehmen zusammen; oder auch dreimal so viel wie Coca-Cola, Netflix und Disney zusammen. Wie kann das gehen, werden Sie sich fragen. Um das zu erklären, muss man etwas weiter ausholen. Spoiler: Wenn Sie private Altersvorsorge betreiben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch Ihr Geld schon bald in die Taschen des Billionärs und seiner Milliardärsfreunde fließt. Von Jens Berger. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Da der gesamte Themenkomplex recht kompliziert ist und selbst von Menschen mit ökonomischem Sachverstand oft nicht in Gänze verstanden wird, ist es sicher hilfreich, zunächst einmal in die Grundlagen abzutauchen. Sollten Sie sich auf dem Gebiet fit fühlen, können Sie gerne diese Passagen überspringen. Wie wird man auf dem Papier Billionär? Glaubt man den einschlägigen Listen, ist Elon Musk seit letzter Woche Billionär. Der Großteil seines Vermögens – geschätzt 756 Milliarden US-Dollar – besteht aus eben jenen 42 Prozent der Anteile am Unternehmen SpaceX, um das es hier geht. Nun wird man sich sicher zunächst einmal fragen, wie man auf diese Zahl kommt. Ganz einfach. Stellen Sie sich einfach vor, Sie besäßen eine ein Hektar große Wiese irgendwo auf dem Land. Nehmen wir mal an, der Bodenrichtwert liegt bei zwei Euro pro Quadratmeter. Dann wäre Ihre Wiese rund 20.000 Euro wert. Nun will ein Nachbar von Ihnen aber eine Straße zu seinem Grundstück bauen, und Ihnen einen kleinen Streifen Land abkaufen. Es geht um 500 Quadratmeter, also 5 Prozent Ihres Hektars. Da Ihr Nachbar wohlhabend ist und ihm die Straße wirklich am Herzen liegt, verlangen Sie nun 50.000 Euro für die Parzelle. Ihr Nachbar schlägt ein. Und mit diesem Deal sind Sie nun – nach den Bewertungsmaßstäben der Finanzmärkte – zwar nicht Billionär, aber doch zumindest Millionär. Wenn 5 Prozent Ihres Grundstücks 50.000 Euro wert sind, dann ist das gesamte Grundstück ja eine Million Euro wert. Exakt so lief es bei der Bewertung des Unternehmens SpaceX. 4,25 Prozent der Aktien des Unternehmens wurden letzte Woche beim Börsengang für 75 Milliarden US-Dollar an den Märkten platziert. 100 Prozent der Aktien wären damit 1,8 Billionen US-Dollar wert. Elon Musk besitzt 42 Prozent davon, macht 756 Milliarden US-Dollar. Addiert man das zu seinem sonstigen Vermögen, das hauptsächlich aus Tesla-Aktien, die auch nach dieser Methode bewertet werden, besteht, kommt man auf die magische Zahl von etwas mehr als einer Billion. Ein Billionär, zumindest auf dem Papier. Zumindest dann, wenn man diesen Zahlen und Bewertungen Glauben schenkt. Was ist eine Aktie wert? Grundlage dieser Zahlen ist der Wert – oder besser der Preis – von Aktien. Dank jahrelangen Konsums des berüchtigten TV-Formats „Börse vor Acht“ und vielen einschlägigen Artikeln in Zeitungen könnte man den Eindruck haben, Aktienkurse hätten direkt etwas mit den wirtschaftlichen Kennzahlen der betreffenden Unternehmen zu tun. Vielleicht wird es Sie daher erstaunen, dass dies gar nicht so ist. Der Preis einer Aktie hat ausschließlich etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun. Es gibt potenzielle Verkäufer, also Menschen oder Unternehmen, die diese Aktie besitzen, die bereit sind, zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Und es gibt Käufer, die umgekehrt bereit sind, zu einem bestimmten Preis zu kaufen. Der Preis, bei dem sich Verkäufer und Käufer zuletzt einig wurden und ein Handel stattgefunden hat, ist der vielzitierte Kurs dieser Aktie. Nicht mehr und nicht weniger. Realwirtschaftliche Daten oder Kennzahlen des Unternehmens beeinflussen den Preis/Kurs nicht direkt, sondern bestenfalls indirekt, weil beispielsweise Käufer nicht bereit sein könnten, eine Aktie von einem Unternehmen mit schlechten Zahlen zum Preis zu kaufen, den die Verkäufer verlangen, oder Verkäufer nicht bereit sind, Aktien von einem florierenden Unternehmen zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. In diesen Fällen passen sie ihre Preisvorstellung nach oben oder nach unten an, und wenn die Gegenseite diese Anpassung mitgeht, steigt oder fällt der Preis/Kurs der Aktie. Geht ein Unternehmen frisch an die Börse, wie im Fall SpaceX, gestaltet sich die Sache noch einfacher. Das Unternehmen gibt – natürlich in Absprache mit den betreuenden Investmentbanken – den Ausgabepreis vor. Nun kommt es nur noch darauf an, ob die Interessenten bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Im Fall SpaceX waren sie es. Aber warum? Elons Resterampe Was genau ist eigentlich SpaceX? SpaceX wurde im Jahre 2002 von Elon Musk als privates Raumfahrtunternehmen gegründet. Lässt man die Musk’schen Visionen einmal raus, ging es schlicht und einfach darum, Raketen zu entwickeln und später zu betreiben, die Nutzlast – also Satelliten – preiswerter ins All schießen können als die damals fast ausschließlich staatlichen Konkurrenten. Das gelang. 2025 schoss SpaceX 165 Raketen ins All – mehr als die Konkurrenz aus China, Russland und Europa zusammen. Branchenexperten weisen jedoch darauf hin, dass dieser Markt kein großes Wachstumspotenzial hat und die wachsende Konkurrenz zu sinkenden Margen führt. Großartig Geld lässt sich damit ohnehin nicht verdienen. Ob Musks Raketensparte überhaupt Geld verdient, ist auch nicht zu sagen, da er selbst mit seinem Satellitennetzwerk Starlink der größte Kunde seiner Raketensparte ist und nicht bekannt ist, welche Sparte die andere in welcher Höhe querfinanziert. Starlink ist ein System aus derzeit über 10.000 Satelliten, die Kunden am Boden eine Internetverbindung anbieten. Das ist zweifelsohne sinnvoll auf hoher See, in der Luft oder in einsamen Weltgegenden. In besiedelten Gebieten sind Breitband- und 5G-Verbindungen jedoch meist deutlich preiswerter, so dass auch hier die ökonomische Perspektive zumindest fragwürdig erscheint; zumal das System hohe Betriebskosten hat, die Satelliten nur rund fünf Jahre halten, dann im Orbit verglühen und ersetzt werden müssen. Dennoch ist Starlink – dank der Querfinanzierung durch die Raketensparte – zurzeit wohl das einzige SpaceX-Unternehmen, das überhaupt schwarze Zahlen schreibt. Ganz anders sieht es beim größten Unternehmen im SpaceX-Reich aus – xAI, Elon Musks KI-Unternehmen, bekannt vor allem durch den Chatbot Grok. xAI läuft der Konkurrenz jedoch chronisch hinterher und hat kaum Abonnenten. Um die horrenden Verluste in Grenzen zu halten, vermietet xAI nun seine Rechenzentren an die erfolgreiche Konkurrenz und sieht dies paradoxerweise als Geschäftsmodell. Böse Zungen munkeln, dass xAI nur durch die Übernahme durch SpaceX und den Börsengang vor der Pleite gerettet werden konnte. Wie dem auch sei. xAI schreibt massive Verluste und es fällt schwer, da irgendwelche positiven Perspektiven zu erkennen. Last but not least gehört noch X, das ehemalige Twitter, zu Elons Resterampe SpaceX – ein chronisch defizitäres soziales Netzwerk, um das Werbekunden einen großen Bogen machen und dessen Umsätze nur noch ein Schatten früherer Tage sind. Nimmt mal alle Sparten zusammen, bekommt man ein Unternehmen, das pro Jahr bei 19 Milliarden US-Dollar Umsatz stolze fünf Milliarden US-Dollar Verlust macht und kaum Wachstum generiert. Wie würden Sie ein solches Unternehmen bewerten? Elons Visionen Hieße der Firmenchef und -inhaber nicht Elon Musk, wäre SpaceX wohl eher ein Fall für einen Geierfonds, der die Resterampe entrümpelt und die wenigen profitablen Teile dann für einen überschaubaren Preis weiterverkauft. Doch bei Musk geht es natürlich nicht um so profane Dinge wie Umsätze oder gar Gewinne. Musk verkauft Visionen. Wenn er über SpaceX spricht, geht es um die Besiedlung des Mars, Asteroidenbergbau, Rechenzentren im All und eine „nach Wahrheit strebende KI“, „um das Licht des Bewusstseins zu den Sternen zu tragen“ – nein, das ist kein Zitat eines zugekifften Kneipenphilosophen, sondern steht so wörtlich im Börsenprospekt von SpaceX. Ein klassischer Bankberater würde ja nun fragen, welches Geschäftsmodell in der Besiedlung des Mars oder Rechenzentren im All besteht. Aber das ist ja „old school“. So denkt in der hippen Finanzwelt niemand. Es geht um die Show – the next big thing. Und da niemand ernsthaft kritisch die Zahlen anschaut und es ja mit 4,25 Prozent dank künstlicher Verknappung auch nur wenige Aktien gibt und jeder Angst hat, beim größten IPO seit Menschengedenken nicht dabei zu sein, nahm der Wahnsinn seinen Lauf. So kam es dann auch zur absurden Bewertung von 1,8 Billionen US-Dollar. Am ersten Handelstag war SpaceX auf dem Papier sogar mehr wert als Amazon und Microsoft. Um das mal zu vergleichen: Amazon machte im letzten Jahr 717 Milliarden US-Dollar Umsatz und 78 Milliarden US-Dollar Gewinn. Microsoft kam im ersten Halbjahr 2026 auf 282 Milliarden US-Dollar Umsatz und sagenhafte 102 Milliarden US-Dollar Gewinn. Zur Erinnerung: SpaceX machte im letzten Jahr 19 Milliarden US-Dollar Umsatz und fünf Milliarden US-Dollar Verlust. Aber klar – Amazon fliegt auch nicht irgendwann zum Mars und Microsoft hat keine Rechenzentren im Weltall. Und vor allem: Hinter den beiden erfolgreichen Unternehmen steht nicht Elon Musk. Die größte Abzocke aller Zeiten? Nun werden sich viele Leser fragen, warum so viele Menschen und Finanzunternehmen so dumm sein können, diese Preise beim Börsengang zu bezahlen. Sicher sind unter den Erstzeichnern einige Musk-Fans und wahrscheinlich auch viele dumme Menschen, die sich vom Hype hinreißen ließen. Aber diese Überzeugungstäter kriegen keine 75 Milliarden US-Dollar zusammen. Der Großteil der Aktien dürfte vielmehr an Profis gegangen sein, die ganz genau wissen, was sie da tun. Und das hat nichts mit dem Mars oder Musks AI-Wahrheitsmission für das Universum zu tun. Nein, hier geht es schlichtweg um eine sehr irdische Umverteilung von unten nach oben. Und hier kommt nun die private Altersvorsorge ins Spiel. In den USA wird die vor allem über sogenannte 401k-Sparpläne und Pensionsfonds geregelt. Die Gelder aus diesen Sparplänen und Fonds werden in der Regel in ETFs finanziert. ETFs sind Indexfonds, die Aktienindizies nachbilden. Wenn Sie also über einen solchen Sparplan beispielsweise 100 US-Dollar pro Monat in einen ETF investieren, der den Technologieindex Nasdaq nachbildet, muss ihr Anbieter für diese 100 US-Dollar exakt die Aktien kaufen, die im Nasdaq gelistet sind – und zwar exakt in dem Verhältnis, in dem diese Aktien im Index gewertet sind. Hört sich kompliziert an? Das Gegenteil ist der Fall. Nehmen wir das Unternehmen Apple, das mit 10,9 Prozent im Nasdaq eines der am höchsten gewichteten Unternehmen ist. Wenn Sie bei Ihrem Anbieter für 100 US-Dollar Nasdaq-ETFs kaufen, muss er für 10,90 US-Dollar Apple-Aktien kaufen und sie im Rahmen Ihres ETFs indirekt in Ihr Depot legen. Solange sich Pensionen und private Altersvorsorge insgesamt in der „Ansparphase“ befinden und über die ETFs dadurch stetig mehr Aktien gekauft als verkauft werden, ist dies ein dauerhafter Nachfrageüberschuss, der die Preise/Kurse der Aktien nach oben treibt. Elon Musks großes Schurkenstück war es, zusammen mit der Nasdaq einen Deal auszuhandeln. Dazu muss man wissen, dass Börsen wie die Nasdaq für jeden einzelnen Handelsvorgang Gebühren erheben. Die Nasdaq verdient also recht gut daran, dass die SpaceX-Aktien bei ihr gehandelt werden. Und um dies zu ermöglichen, hat die Nasdaq quasi eine Lex Musk verabschiedet. Sämtliche Verbraucherschutzregelungen wurden über Bord geworfen und Musks SpaceX-Aktie wird bereits 15 Tage nach dem IPO im berühmten Nasdaq 100 gelistet – und da der Unternehmenswert ja durch den Emissionspreis so grotesk überhöht ist mit einer Gewichtung von rund 0,5 Prozent. Jeder ETF, der den Nasdaq nachbildet, muss also nun innerhalb weniger Tage SpaceX-Aktien im Volumen von rund 0,5 Prozent des jeweiligen Anlagevolumens kaufen. Wenn Sie also z.B. schon länger sparen und 20.000 Euro in einem Nasdaq-ETF angespart haben, muss ihr Anbieter – Sie selbst bekommen davon gar nichts mit – für rund 100 Euro SpaceX-Aktien kaufen. Brancheninsider schätzen, dass allein durch diesen Effekt SpaceX-Aktien im Wert von rund 50 Milliarden US-Dollar gekauft werden müssen. Und da – siehe oben – Nachfrage und Angebot monokausal den Preis einer Aktie bestimmen, geht der ganze Trick auch auf. Die Aktie wird nicht derart grotesk hoch bewertet, weil irgendwer an die glorreichen ökonomischen Visionen eines Elon Musks glaubt, sondern schlichtweg, weil das System der privaten Altersvorsorge über ETF den Konstruktionsfehler hat, dass es diese Aktien kaufen muss – egal ob grotesk überbewertet oder nicht. Gewinner und Verlierer Wer sich ein wenig mit dem Aktienmarkt auskennt, weiß auch, dass nach dem Börsengang ein Handel immer nur dann zustande kommt, wenn es einen Käufer und einen Verkäufer gibt. Wer die Käufer sind, wissen wir nun. Wer sind aber die Verkäufer? Ich erwähnte es schon weiter oben: Profis, die genau wissen, was sie da tun. Das können Hedge-Fonds sein, das können auch vermögende Privatinvestoren sein – wahrscheinlich genau die, die in Interviews oder eigenen YouTube-Formaten gerne erzählen, wie toll Elon Musk und wie wahnsinnig genial seine Visionen sind. Um mal ein paar Namen zu nennen – die meisten Namen sind leider nicht öffentlich, da sie unterhalb der Schwelle für eine Anzeigepflicht liegen. Ganz oben dabei ist ein gewisser Antonio Gracias, ein alter Freund von Elon Musk, der ihm auch schon in Trumps wirren „Sparministerium“ DOGE zur Seite stand. Gracias’ SpaceX-Anteile sind rund 70 bis 100 Milliarden US-Dollar wert. Wenn er sie verkauft, ist er allein dadurch reicher als der reichste Deutsche. Ähnlich verhält es sich mit den Venture-Kapitalisten Luke Nose und Gwynne Shotwell und natürlich ist auch wieder einmal der berühmt-berüchtigte Peter Thiel mit von der Partie, dessen SpaceX-Aktienpaket nun einen zweistelligen Milliardenbetrag wert sein sollte. Interessant ist auch, dass auch Trumps Schwiegersohn Jared Kushner über seine Investmentfirma Affinity Partners mit von der Partie ist – wenn auch in einem im Vergleich zu Musk, Gracias und Thiel eher überschaubaren Rahmen. Wenn sich also eine dieser Personen in Zukunft die nächste Super-Yacht, das nächste Traumanwesen oder dieses oder jenes Unternehmen kauft, denken Sie ruhig daran – einen Teil davon haben Sie indirekt mitfinanziert; über Ihre ETFs. Wie lange das Spiel noch so weitergeht, ist zurzeit offen. Neben der Nasdaq wird SpaceX auch im für ETFs besonders wichtigen globalen MSCI World Index gelistet werden. Einzig und allein der große Indexanbieter Standard & Poors weigert sich zurzeit noch beharrlich, seine Regeln zu Musks Gunsten zu ändern, sodass es noch dauern wird, bis SpaceX auch im S&P 500 vertreten ist und noch mehr Gelder aus der privaten Altersvorsorge über den Umweg ETF den „Wert“ von Musks Unternehmen aufblähen. Musk selbst hat übrigens erst einmal nur auf dem Papier etwas von diesem Wahnsinn. Aber das wird sich schon bald ändern, schließlich zahlen Milliardäre und erst Billionäre ihre Zukäufe ja nicht in bar, sondern per Kredit – abgesichert durch Aktien. Das ist alles Finanzakrobatik, die die Spekulationen vor der letzten großen Finanzkrise mühelos in den Schatten stellt. Wie lange es dauert, bis das Kartenhaus zusammenfällt, ist offen. Noch fließt das Geld ja, mit dem die Party bezahlt wird. Vielleicht wird Elon Musk ja tatsächlich mit Ihrem Geld den Mars „besiedeln“, während Sie sich das Spektakel über Starlink live anschauen können. Vielleicht platzt die Blase aber auch schon bald und mit ihr Ihre private Altersvorsorge. Da passt es ja ganz hervorragend, dass die Rentenkommission Sie jetzt auch noch zwingen will, ein Prozent ihres Bruttogehalts in solche Produkte zu stecken. So lange das Geld fließt, läuft die Party. Der Letzte macht dann irgendwann das Licht aus. Titelbild: Frederic Legrand – COMEO/shutterstock.com[http://vg07.met.vgwort.de/na/6fad8f92f4644057b2212adc5b0c849b]

23 de jun de 202617 min
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Was ist heute links?

Eine verhängnisvolle Begriffsverwirrung verhindert den Politikwechsel. Von Oskar Lafontaine. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. Seit Jahren nimmt die Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung zu. Die parlamentarische Demokratie erfüllt ihren Auftrag, Politik nach dem Willen der Mehrheit zu machen, schon lange nicht mehr. Landauf, landab wird darüber diskutiert, warum das so ist und was sich ändern muss, um einen Weg aus dieser Krise zu finden. In einem Gespräch mit dem Philosophen Richard David Precht sagte der ZDF-Moderator Markus Lanz kürzlich: „Die Leute wollen eine konservative, wenn nicht rechte Politik, bekommen aber eine linke Regierung.“ Viele Politiker und Journalisten stimmen dieser Analyse zu. Aber sie ist auf gefährliche Weise falsch und stärkt die AfD, die man doch angeblich bekämpfen will. Man kann über die Regierung Merz sicherlich vieles sagen, aber nicht, dass sie linke Politik macht. Merz’ Richtschnur Zwar gab es in den letzten Jahren viele unterschiedliche, teils skurrile Antworten auf die Frage, was linke Politik sei, aber in der Praxis, im Alltag ist die Antwort ganz einfach. Linke Politik ist es, den Ärmeren zu helfen und denen Bildungs- und Aufstiegschancen zu sichern, die nicht aus wohlhabenden Verhältnissen kommen. Zudem gehört die Ablehnung von Krieg und Waffengewalt immer zur DNA linker Politik, da sie die Wahrung der Menschenwürde in den Mittelpunkt stellen muss. Im Krieg werden die Normalbürger, die kleinen Leute, gezwungen, sich gegenseitig umzubringen. Die Kriegstreiber findet man immer bei den Oligarchen, die am Krieg verdienen, in den Regierungen, den Parlamenten und im Journalismus, aber nicht an der Front. Die Regierung aus CDU/CSU und SPD unterstützt und verlängert im Widerspruch dazu nicht nur den Ukraine-Krieg, sondern auch den Völkermord im Gazastreifen mit Waffenlieferungen. Deutschland wurde vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt, und der Bundesregierung wurde „Beihilfe zum Völkermord“ vorgeworfen. Wer einer Regierung, die unter dem begründeten Verdacht der Beihilfe zum Völkermord steht, eine linke Politik bescheinigt, leidet unter vollkommener Begriffsverwirrung. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik sieht es nicht anders aus. Bundeskanzler Friedrich Merz hat die rechte Parole „Wir können uns diesen Sozialstaat nicht mehr leisten“ zur Richtschnur seiner „Reformpolitik“ erklärt. Weil die Wähler diese „rechte“ Politik der weiteren Umverteilung von unten nach oben nicht wollen, trauen sich Merz und Klingbeil nicht, ihre Kürzungspläne wirklich offenzulegen. Kommissionen, hinter denen sie sich verstecken können, müssen ran, und einzelne Minister dürfen vorpreschen. Fest steht jetzt schon, dass die Regierung, die nach Meinung der Mehrheit der deutschen Kommentatoren linke Politik macht, Kürzungen bei Renten, Gesundheit und Bürgergeld vornehmen will, also genau das, was rechte Regierungen in aller Welt tun, wenn sie am Ruder sind. Sie lassen das Volk „den Gürtel enger schnallen“ und verschonen die, die es sich am ehesten leisten könnten. Sozialkürzungen sind notwendig, um die maßlose Aufrüstung zu finanzieren, die sich die angeblich linke Regierung vorgenommen hat, um die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Aber linke Politik, die diesen Namen verdient, setzt auf Diplomatie, gute Nachbarschaft und Abrüstung, rechte Politik auf das Schüren von Feindbildern, auf Aufrüstung und im Zweifelsfall auf Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Lackmustest Meinungsfreiheit Neuerdings werden offene Grenzen für alle, Cancel Culture und Gendersprache auch in der politischen Wissenschaft als „kulturell links“ bezeichnet. Auch das ist ein weiteres Beispiel für die babylonische Begriffsverwirrung. Die Politik der offenen Grenzen für alle ist rechts, weil sie sich gegen die Ärmsten in den Herkunftsländern und in den Aufnahmeländern richtet. Die Herkunftsländer verlieren ihre Mittelschicht und fallen deshalb wirtschaftlich zurück, und in den Aufnahmeländern steigen die Mieten, während Löhne und soziale Leistungen sinken. Linke Migrationspolitik begrenzt im Unterschied dazu die Zuwanderung und hilft nachhaltig den Ärmsten vor Ort nach dem Vorbild Albert Schweitzers. Die Cancel Culture, also die Ausgrenzung von Personen, die eine vom Mainstream abweichende Meinung vertreten, führt zu Denunziation und Zensur und in einzelnen Fällen zur Existenzvernichtung von Menschen, die unbequeme Meinungen vertreten. Das kennen wir aus totalitären Systemen. Mit linker Politik hat auch das nichts zu tun. Der Lackmustest auf die Frage „Wie hältst du es mit der Meinungsfreiheit?“ ist die Einstellung zu den EU-Sanktionen gegen Einzelpersonen, die eine abweichende Meinung haben. Dass die in Teilen rechtsextreme Regierung, Merz-Klingbeil mit Außenminister Wadephul, einem solchen, die Meinungsfreiheit immer weiter einschränkenden Vorgehen zustimmt, wundert schon nicht mehr. Dass aber auch die Partei Die Linke dieser Verfolgung Andersdenkender Beifall spendet, zeigt, dass sie ihren Kompass verloren hat. Ihre Parteistiftung hat sie nach Rosa Luxemburg benannt. Deren berühmtester Satz lautet: „Freiheit ist immer die Freiheit Andersdenkender.“ Und die Gendersprache? Wer die Sprache der Arbeiter vergewaltigt, sollte sich nicht einbilden, er könne die Malocher jemals vertreten. Ein Gewerkschafter, der seine Ansprache an die Belegschaft mit den Worten „Liebe Kolleg*innen“ oder „Liebe Mitarbeiter*innen“ beginnt, wird bestenfalls ausgelacht. Interessen der Mehrheit Bei dieser babylonischen Begriffsverwirrung wundert es nicht mehr, dass viele Arbeiter aus Protest AfD wählen, obwohl diese Partei alle Reichensteuern abschaffen und bis zu fünf Prozent der Wirtschaftsleistung für Aufrüstung bereitstellen will. Immerhin wissen Deutschlands Arbeitnehmer im Gegensatz zur SPD-Co-Vorsitzenden Bärbel Bas, dass Millionen Zuwanderer ins Sozialsystem einwandern, mit der Folge, dass die sozialen Leistungen geringer ausfallen, wenn immer mehr Menschen sie in Anspruch nehmen. Und im Gegensatz zu vielen Politikern und Journalisten wissen sie auch, dass die Zuwanderung zu Mietpreissteigerungen und niedrigeren Löhnen führt. Solange Deutschlands Politiker und Meinungsmacher rechts und links verwechseln, können sie den direkten und geraden Weg aus der Krise nicht finden, und Deutschland steigt weiter ab. Die Leute wollen seit Jahren eine linke, sprich: sozial gerechtere Politik, bekommen aber immer eine rechte Regierung, die Kriege mit Waffenlieferungen unterstützt, die Lebenshaltungskosten verteuert, soziale Leistungen kürzt und die wachsende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen fördert, mit dem Ergebnis, dass in letzter Konsequenz die Demokratie abgeschafft wird. Demokratisch ist eine Gesellschaft nämlich nur, wenn sich in ihr die Interessen der Mehrheit durchsetzen. Davon kann in Deutschland, wenn fünf Prozent der Bevölkerung nach den Daten der Europäischen Zentralbank fast die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen, nicht die Rede sein. Oskar Lafontaine ist Finanzminister Deutschlands a. D. und ehemaliger Vorsitzender der SPD. Dieser Artikel erschien zuerst in der Weltwoche Deutschland Nr. 25.26 [https://weltwoche.de/daily/was-ist-heute-links/]. Titelbild: DesignRage/shutterstock.com

23 de jun de 20268 min
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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (26)

„Ein schickes Mercedes-Cabrio nahm mich mit, und am Steuer saß der UFA-Star Josef Sieber (Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!). Er war in Luftwaffenuniform. Aber ich glaube, dass es sich bei der Uniform um ein Kostüm handelte, denn er war, wie er mir sagte, auf dem Weg zu den Studios in Babelsberg. Mit seiner berühmten sonoren Stimme brüllte er mir im offenen Cabriolet zu: ‚Na mein Junge, du glaubst doch sicher auch noch an den Endsieg!‘ Diesem Satz folgte eine apokalyptische Lachsalve.“ Gerade wollten wir unsere Reihe mit Folge 24 abschließen – doch dann erreichten uns noch zwei eindrucksvolle Texte mit den Erinnerungen des Vaters eines Lesers an die letzten Kriegsmonate, die er als 15-Jähriger erlebte. Gerne veröffentlichen wir diese, wieder sehr interessanten und bewegenden, Zeitzeugenberichte als Folgen 25 und 26. Hier der zweite Teil. Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar. ---------------------------------------- Hier können Sie den ersten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150403], den zweiten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150464], den dritten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150486], den vierten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150605], den fünften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150632], den sechsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150671], den siebenten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150740], den achten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150816], den neunten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150812], den zehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=150802], den elften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151038], den zwölften Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151098], den dreizehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151156], den vierzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151209], den fünfzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151229], den sechzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151393], den siebzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151418], den achtzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151461], den neunzehnten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151530], den zwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151546], den einundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151551], den zweiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151731], den dreiundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=151881], den vierundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152445] sowie den fünfundzwanzigsten Teil [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152535] der Zusendungen unserer Leser nachlesen. ---------------------------------------- Flucht Der Heldentod in Schneidemühl war mir erspart geblieben (Anm. d. Red.: Siehe hierzu Teil 25 [https://www.nachdenkseiten.de/?p=152535]). Aber in dieser Zeit musste man nicht lange auf die nächste Chance warten. Ich wurde in Stettin zum HJ Volkssturm eingezogen. Das hieß, dass wir in einer ehemaligen Schule kaserniert wurden. Es war eine merkwürdige Situation in der eigenen Heimatstadt, nur Minuten von zuhause entfernt, eingesperrt zu werden. Kameraden standen Tag und Nacht vor dem Schultor mit dem Befehl, jeden der versuchen sollte sich aus der Schule zu entfernen, zu erschießen. Die Kurzausbildung für die Front erhielten wir von verwundeten Soldaten. Sie unterrichteten uns vor allem im Schießen und an der Panzerfaust. Zu diesem Zweck hatte man alte PKWs an den Seiten mit den Silhouetten von russischen T34 Panzern dekoriert. An die durften wir uns dann Tag und Nacht heranrobben, und unsere Panzerfäuste bedienen. Wer besonders gut im Schießen war, erhielt „Heimaturlaub”. Da wir zuhause viel mit dem Luftgewehr geschossen hatten, war ich der Dauerurlauber. Und dann passierte etwas Groteskes. Als ich von einem dieser Urlaube morgens in die Schul-Kaserne zurückkehrte, wurden wir alle in die Aula der Schule gerufen. Und dort verkündete man uns einen „Tagesbefehl des Führers”. Der Wortlaut ist mir bis heute unauslöschlich in Erinnerung. > „Der Jahrgang 1929 ist auf Führer-Befehl für den letzten kriegsentscheidenden Schlag zurückgestellt!” Mehr hirnverbrannten Zynismus kann man sich kaum vorstellen. Deutschland wurde im Westen und Osten von übermächtigen Armeen überrollt, die Wehrmacht hatte keine koordinierte Führung mehr, die Luftwaffe existierte nicht mehr, Panzer und Infanterie hatten zu wenig Munition, das unmittelbare Ende stand bevor. Aber mein Jahrgang würde den kriegsentscheidenden Schlag ausführen! Wieder hielt mein Schutzengel die Hand über mich. Obwohl ich eher dachte: Meine zweite Chance ist vertan. Nun war ich also wieder zu Haus. Das Bethesda Krankenhaus, in dem mein Vater Chefarzt war, hatte man inzwischen umfunktioniert zu einem Hauptverbandsplatz. Da alle Schwestern bereits evakuiert waren, wurde dort jede Hand gebraucht. Dieses Krankenhaus lag in Stettin-Zülchow direkt an der Oder. Auf der gegenüberliegenden Oderseite lag Altdamm. Und von den Fenstern aus dem Operationssaal der Klinik konnten wir, wie von einem Feldherrnhügel, die Schlacht um Altdamm beobachten. Und wir sahen auch, wie Boote die Verwundeten im Geschosshagel über die Oder zu uns brachten. Mein Vater rüstete mich mit einer Bleischürze und einem so genannten Kryptoskop aus. Ein Kryptoskop ist ein tragbares Röntgengerät. Es gab natürlich reguläre Röntgengeräte. Aber es gab keine Röntgenfilme mehr. Und so war das Kryptoskop die einzige Möglichkeit die Splitter in den verwundeten Körpern zu orten. Ich saß also den ganzen Tag wie an einem Fließband. Von links wurden die Verwundeten herangeschoben. Ich ortete und sondierte die Splitter, die mein Vater rechts neben mir dann herausoperierte. Eine merkwürdige Tätigkeit für einen Fünfzehnjährigen. Bevor die Verwundeten in den OP kamen, wurden die frisch Eingelieferten nach Verwundungen sortiert. Dabei musste ich die im Feldlazarett angelegten Notverbände entfernen. Am ersten Tag wusste ich noch nicht, dass die Einschüsse relativ klein sind im Vergleich zu den zerfetzten Ausschüssen. Und als ich bei einem Oberschenkeldurchschuss zaghaft den Verband abwickelte, und die zerfetzte Innenseite erreichte, fiel ich in Ohnmacht. Aber erstaunlich! Das geschah nur einmal. Es ist unglaublich, wie schnell man sich an eine solche Tätigkeit gewöhnt. Wie man nur noch funktioniert. Die Verwundeten nannten mich „Herr Doktor”, obwohl ich meistens kurze Hosen unter dem weißen Kittel trug. Noch schlimmer war für mich, wenn sie von mir menschliche Ratschläge erbaten. Ein verwundeter Fallschirmjäger, für den eine Oberschenkelamputation die letzte Rettung war, da sich in der Wunde Gasbrand entwickelt hatte, fragte mich, ob seine Frau ihn wohl zurücknehmen würde mit nur einem Bein. Amputationen mitzuerleben war für mich ohnehin das Schlimmste. Der Anblick der amputierten Gliedmaßen, und wenn diese dann in einen Container entsorgt wurden, das war einfach unerträglich. Wir operierten manchmal Tag und Nacht. Je nachdem, wie viele Verwundete von der Front zu uns gebracht wurden. Zwischen den Operationen schlief ich einfach ein. Im Sitzen oder im Stehen. Und ich war immer froh, wenn in diesem gnadenlosen Rhythmus eine Pause eintrat, und wir nachhause konnten. Um Benzin zu sparen, und auch weil die Straßen ständig unter Beschuss lagen, fuhren wir öfter auf Schleichwegen mit dem Fahrrad nach Hause. Aber dieses „nach Hause kommen” war auch eher unheimlich. Stettin war zu einer Geisterstadt geworden. Deserteure oder entflohene Häftlinge irrten durch die Stadt, und man ging jeder Begegnung aus dem Weg, weil man immer damit rechnen musste, erschossen zu werden. Zuhause war meistens eingebrochen worden. Die Einbrecher hatten es allerdings weniger auf Wertsachen abgesehen, als auf Essbares. Wir waren selbst zum Essen zu müde. Wir schliefen im Eltern-Schlafzimmer. Ich in dem Bett meiner Mutter. Mein Vater gab mir eine Pistole, die ich entsichert auf den Nachttisch legte. Allerdings war ich so übermüdet, hatte einen so totenähnlichen Schlaf, dass ein Einbrecher mich nebst Waffe hätte wegtragen können. Mein Vater musste mich morgens wachrütteln, und dann ging es wieder in den Operationssaal. Ich weiß nicht mehr, wie lange dieser Albtraum dauerte. Ich weiß nur, dass mein Vater eines Morgens sagte: „Komm, ich muss dir Fahren beibringen.” Die Verwundeten, die wir behandelten, waren Mitglieder der SS Division „Frundsberg”. Und mein Vater hatte erfahren, dass diese Division im Eiltempo nach Berlin sollte, um dort in die Schlacht um Berlin einzugreifen. Ein Kommandeur hatte meinem Vater zugesagt, dass sie bereit wären, einen Wagen „ins Schlepp“ zu nehmen. Mein Vater besaß zwei größere Autos, hatte sich aber im Krieg wegen der Benzinrationierung einen kleinen Fiat Topolino gekauft. Und auf diesem Topolino lernte ich dann in einer Stunde Kuppeln und Gas geben. Am Nachmittag verstauten wir in dem winzigen Auto einige Habseligkeiten, Kleidung und vor allem meinen Tesching (Anm. d. Red.: Ein Kleinkalibergewehr). Und dann hatte mein Vater wieder eine seiner fabelhaften Ideen, die meinen Schutzengel Überstunden kostete. Er gab mir nämlich zur Begleitung einen netten Holländer namens Wilhelmus Philippus van der List mit, der insofern eine gefährliche Begleitung für mich darstellte, weil er ein entlassener KZ-Häftling war. Wilhelmus Philippus, oder Flip wie ich ihn nannte, hatte im Krankenhaus meines Vaters als Pfleger gearbeitet, obwohl er Medizinstudent im letzten Semester war, als er im holländischen Widerstand verhaftet wurde. Es ehrt meinen Vater sehr, dass er Flip als Kollegen behandelte und ihm die Flucht aus Stettin ermöglichen wollte. Aber wenn man sich vorstellt, dass im Frühjahr 1945 grundsätzlich jedes männliche Wesen in Zivil für einen Deserteur gehalten wurde, dann waren Flip und ich ein potentiell gefundenes Fressen für jede Militärpolizei Streife. Und die gab es an jeder Ecke. In einem bewaldeten Vorortbezirk von Stettin wurde der SS Convoy von 30-40 großen Lkws zusammengestellt. Die meisten hatten Geschütz- Lafetten als Anhänger, aber der letzte Lkw in der Kolonne hatte unseren Topolino als Anhänger. Am späten Nachmittag ging es endlich los. Autobahnen und Straßen konnten solche Kolonnen nicht mehr benutzen. Aus der Luft wurden sämtliche Militärbewegungen geortet und angegriffen. Deshalb bewegte sich unsere Kolonne auf Waldwegen. Für mich war das ein immenses Abenteuer: am Steuer eines Autos als Teil einer Militärkarawane. Aber dieses Hochgefühl sollte sich sehr bald ins Gegenteil verwandeln. Der Lkw, der unser Auto schleppte, war überfüllt mit Flüchtlingen. Da gab es keine Sitzgelegenheiten, die Menschen standen zusammengepfercht. Und plötzlich entdeckte ich unter ihnen eine mir wohl bekannte Dame. Eine gewisse Frau Rieschel. Sie hatte im Krankenhaus meines Vaters als Krankengymnastin gearbeitet, nachdem ihr Mann als Offizier im Osten gefallen war. Meine Geschwister und ich waren im Elternhaus zu unbedingter Höflichkeit gegenüber jedermann erzogen worden. Es kam mir deshalb unmöglich vor, Frau Rieschel in dieser schrecklichen Lage zu sehen, während ich gemütlich in meinem Auto saß. Als der Konvoi eine Pause einlegte, bot ich deshalb Frau Rieschel und ihrem siebenjährigen Sohn den Beifahrersitz in unserem kleinen Auto an. Flip übernahm das Steuer. Aber ich wollte auf keinen Fall in diesem Lkw fahren. Stattdessen setzte ich mich auf ein Fahrrad, das der Frau Rieschel gehörte, und dass man außen am Lkw angebunden hatte. Da die Kolonne ohnehin nur sehr langsam fuhr, hielt ich es für eine leichte Übung, mich am geöffneten rechten Fenster des Autos mit der linken Hand festzuhalten und mich so mitziehen zu lassen. Jeder Mensch, der einmal Waldwege mit einem Fahrrad befahren hat, weiß dass das nicht gut gehen kann. Auch hatte ich das Gefühl, dass Flip immer mehr nach rechts steuerte. Ständig schrie ich: „Flip! Mehr nach links!” Es kam wie es kommen musste: ich wurde zwischen Auto und Wegbegrenzung eingeklemmt und stürzte. Verzweiflung pur! Ich mit einem kaputten Knie, einem verbeulten Fahrrad mitten im Wald, nicht wissend wo, und an der nächsten Biegung verschwand unser Topolino mit unseren letzten Habseligkeiten. — Mir blieb nur eines: der Weg zurück. Ich fragte mich durch, ich fand den Weg, und erreichte bei Dunkelheit mein Elternhaus. Es war eine andere Zeit. Da gab es nicht: „Mein armer Schatz!” Oder: „Ruh dich erstmal aus!” Nein, mein Vater stauchte mich zusammen, machte mir nochmal klar, dass dieses Auto nebst Inhalt der Rest unserer Habe sei. Er telefonierte fieberhaft, und fand tatsächlich heraus, wo dieser Konvoi sein nächtliches Biwak aufschlagen würde. Dann beschrieb er mir den Weg anhand von Karten, hämmerte mir ein, nie mehr meinen Platz im Auto aufzugeben und schickte mich in die Nacht. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer ich in dieser Nacht ohne Licht gestrampelt bin. Ich weiß nur, dass ich das Biwak im Morgengrauen erreichte. Gerade rechtzeitig, als der Konvoi sich fertig machte zum Abmarsch. Unvergesslich ist mir allerdings auch, wie Frau Rieschel und Flip mich anschauten, als ich mit dem verbeulten Fahrrad auf der Waldlichtung auftauchte. Es hatte tatsächlich etwas von Macbeths Reaktion beim Erscheinen von Banquos Geist. War mir das Abdrängen nach rechts, als ich mit dem Fahrrad am Auto hing, schon merkwürdig erschienen, hatte ich nun das absolute Gefühl: Flip wollte mich abhängen. Eigentlich unfassbar, wenn man sich vorstellt, was mein Vater für ihn und seine Sicherheit getan hatte. Aber es waren eben Zeiten, wo es für jeden ums Überleben ging. Und die Situation kann man vielleicht vergleichen mit dem Kampf um einen Platz im Rettungsboot der Titanic. — Wir haben natürlich nie über diese Vermutung gesprochen. Und das Gute ist, dass man mit 15 nicht nachtragend ist und schnell vergisst. Von da an waren wir jedenfalls wieder eine verschworene Gemeinschaft. Aber auch dieser Tag brachte wieder ein dramatisches Ereignis. Es war ein warmer trockener Vorfrühlingstag. Die Kolonne vor uns wirbelte unendlich viel Staub auf, so dass wir in dem kleinen Auto fast erstickten. Auch bei geschlossenen Fenstern drangen der Staub durch alle Ritzen und nahm uns die Sicht. Die Hitze wurde fast unerträglich. Und dann passierte es. Bei einbrechender Dunkelheit näherte sich die Kolonne der Autobahn, dem so genannten Berliner Ring. Im Schlepp fahren erfordert eine ständige Konzentration. Da dieses kleine Auto praktisch kaum Gewicht hatte, geriet es leicht ins Rollen. Dann musste man bremsen um nicht aufzufahren. Aber dann musste man natürlich schnell wieder von der Bremse gehen, wenn der Lkw anzog. Und einmal ging Flip eben nicht schnell genug von der Bremse. Der Lkw zog an, und das Seil riss. — Tatsächlich war es gar nicht gerissen. Wir hatten das Seil sträflicher Weise um die Traverse gewickelt, die die beiden Kotflügel miteinander verband. Diese Traverse war aus Blech, und es ist ein Wunder, dass sie den Strapazen des Schleppens solange standgehalten hatte. Nun war sie an einem Kotflügel abgerissen, und das Seil schleifte hinter dem weiterfahrenden Lkw. Wir stürzten aus dem Auto und schoben es mit Aufbietung aller Kräfte hinter dem Lkw her. Gott sei Dank stoppte die Kolonne, und wir wurschtelten das Seil irgendwie fest. Kurz danach bogen wir bei Dunkelheit in die Autobahn. Nun konnten wir die Fenster aufreißen, hingen die Beine raus und schrieen und sangen vor Freude es nochmal geschafft zu haben. Bei der Ausfahrt nach Potsdam stoppte der Lkw und hing uns ab. Der Fahrer sagte nur, dass wir jetzt alleine weiter müssten. Potsdam Potsdam ist meine Geburtsstadt. Und in Potsdam hatten meine Eltern viele Freunde. Also fand ich das ganze gar nicht so schlecht. Das Ausfahrtsschild zeigte die Entfernung bis Potsdam mit 9 km an. Es war kurz vor Mitternacht, als wir feststellten, dass die Batterie völlig leer war. Auch mit anschieben, und Gang rein, es ging nichts. Also schoben wir das Auto, Flip links, ich rechts auf der Landstraße nach Potsdam. Das klingt schwerer als es war. Es gab keine Steigungen, und das Auto war sehr leicht zu schieben. Aber nach drei Stunden waren wir erschöpft und müde, setzten uns ins Auto und schliefen. Im Morgengrauen schoben wir weiter. Und irgendwo in der Nähe von Potsdam kamen wir an einer Reparaturwerkstatt vorbei. Über uns flog eine riesige Flotte von B 52 – Bombern Richtung Berlin. Und über der Werkstatt öffnete sich ein Fenster. Ein Mann im Pyjama sah die Flugzeuge und schrie: „Das haben wir alles nur diesem Verbrecher zu verdanken!” Wen er meinte war klar. Und was mit ihm geschehen würde, wenn das ein linientreuer Volksgenosse gehört hätte, war auch klar. Und das war vor allem seiner Frau klar, die ihn vom Fenster zurückriss: „Bist du wahnsinnig? Willst du uns unglücklich machen?” Und dann sahen die beiden uns, wie wir unser kleines Auto auf den Hof schoben. Flips KZ-Vergangenheit und die politische Einstellung des Mannes am Fenster waren die idealen Voraussetzungen für eine rasche Reparatur. In Potsdam hatte ich meine frühen Kinderjahre bis zur zweiten Volksschulklasse erlebt. Um ein paar Ecken wohnte die Familie Defoy. Mein Vater hatte eine der drei Töchter Defoy operiert, und daraus war eine enge familiäre Freundschaft entstanden, die nicht nur die Eltern betraf, sondern auch uns Kinder. Mir hatte es besonders die zweite Tochter Erika, genannt Eka, angetan. Während ich es hasste, und nur mit Brachialgewalt meines Vaters dazu gezwungen wurde, an den grässlichen Weihnachtsspielen teilzunehmen, die meine älteste Schwester Barbara konzipierte, war ich begeistert, im Hause Defoy als Knecht Ruprecht zu agieren, weil Eka der Weihnachtsengel war. Und so war die Vorfreude groß, als ich Tante Annemarie, Ekas Mutter von der Reparaturwerkstatt aus anrief, und sie mich und Flip herzlich einlud. Flip blieb allerdings erstmal bei dem Wagen, um die Batterie laden, und die Frontpartie reparieren zu lassen. Ich fuhr per Anhalter nach Potsdam und hatte dabei eine wunderbare Begegnung. Ein schickes Mercedes-Cabrio nahm mich mit, und am Steuer saß der UFA-Star Josef Sieber (Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!). Er war in Luftwaffenuniform. Aber ich glaube, dass es sich bei der Uniform um ein Kostüm handelte, denn er war, wie er mir sagte, auf dem Weg zu den Studios in Babelsberg. Mit seiner berühmten sonoren Stimme brüllte er mir im offenen Cabriolet zu: „Na mein Junge, du glaubst doch sicher auch noch an den Endsieg!” Diesem Satz folgte eine apokalyptische Lachsalve. Ich blieb die Antwort schuldig, aber war sehr aufgeregt ob dieser Begegnung. Und dann: Potsdam, Eisenhartstraße (…), Familie Defoy. Was für ein herzliches Wiedersehen. Als Flip dann auch noch auftauchte, und wir es uns im Gästezimmer bequem gemacht hatten, erlebten wir ein paar Tage wie im tiefsten Frieden. Stettin, Blut und Tod, alles existierte plötzlich nicht mehr. Es war absolut unwirklich: Flip und ich, flankiert von Bärbel, der ältesten Tochter und Eka, so spazierten wir bei traumhaften Frühlingswetter durch das unversehrte Potsdam. Es hieß immer, Potsdam würde von den Luftangriffen verschont bleiben wegen der unersetzlichen historischen Gebäude. Auch sei Potsdam von den Alliierten als Sitz einer Militärregierung nach dem Kriege vorgesehen. Ach, so ein Blödsinn! Am 19. April 1945 wurde die historische Altstadt von Potsdam durch einen der sinnlosesten Angriffe in Schutt und Asche gelegt. Aber noch war es heil. Die Sonne schien und ich war verknallt. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes „aus der Zeit gefallen”. Ich hatte verdrängt oder vergessen, warum ich eigentlich hier war. Die Flucht — das war alles plötzlich ganz weit weg. Ich nahm mir einfach das Recht, so zu leben, wie man in diesem Alter eigentlich leben sollte. Aber die Erwachsenen behielten den Überblick. Und nach einigen Tagen sagte Tante Annemarie mit ernstem Unterton: „Wir würden dich ja so gerne hierbehalten. Aber glaubst du nicht, dass du weiterfahren müsstest?” Sie hatte recht. Natürlich musste ich das. Am nächsten Tag gab es den Abschied von Eka, von der wunderbaren Familie Defoy, und vom heilen Potsdam. Wir hatten in der Familie als Fluchtpunkt den kleinen Ort Mariensee bei Neustadt am Rübenberge ausgemacht. Dorthin waren vor Wochen und Monaten meine Mutter und meine beiden Schwestern geflohen. Wenn man an die unzähligen Suchdienste der Nachkriegszeit denkt, dann begreift man, wie hilfreich ein solcher gemeinsamer Fluchtpunkt ist. Jeder der durchkommen sollte, wusste, wo er die Familie, bzw. das was davon übrig geblieben war, finden konnte. In Mariensee gab es ein stattliches Klostergebäude. Im 12. Jahrhundert als Zisterzienser Kloster gegründet, wurde es nach völliger Zerstörung im dreißigjährigen Krieg, als evangelisches Konventsgebäude wieder aufgebaut. Die Bewohner waren nun keine Nonnen mehr, sondern so genannte Konventualinnen. Das waren meistens unverheiratete Frauen aus begüterten Familien. Es gab keine klösterlichen Gebetsvorschriften, nur die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst wurde erwartet. Jede dieser wohlhabenden Konventualinnen hatte eine zweistöckige geräumige Wohnung und natürlich Personal. Meistens eine Bedienstete, die gleichzeitig die Köchin war. Zu diesen Wohnungen gelangte man über den wunderschönen Kreuzgang. Mehr als problematisch waren die sanitären Verhältnisse im Kloster. Die Wohnungen hatten keine Toiletten und kein Fließwasser. Im Kreuzgang gab es eine große Pumpe, die wunderbares Wasser lieferte, das aber auf sehr beschwerliche Weise in Eimern in die Küchen und Bäder geschleppt werden musste. Die Toiletten waren noch abenteuerlicher. Am Ende des Kreuzgangs gab es eine Art Geruchsschleuse. Eine Tür, ein ca. 6 m langer Gang und wieder eine Tür. Und dann kam man in ein kleines Gebäude, das für jede der Wohnungen ein Plumpsklo enthielt. Plumpsklos waren in meiner Jugendzeit noch vieler Orts zu finden. Klosett mit Wasserspülung war schon was Besonderes. Vor allem auf dem Lande. Als ich Jahrzehnte später in den kanadischen Provincial Parks die Plumpsklos wieder fand, war das für mich eine Kindheitserinnerung, aber für unsere Kinder und Neffen ein absoluter Horror. Dieses Kloster hatte auch eine Oberin, und die war eine entfernte Verwandte meiner Mutter. Und diese verwandtschaftliche Beziehung war letztendlich der Grund für diesen Flucht- und Treffpunkt. Aber noch war Mariensee weit weit entfernt. Flip und ich versuchten uns von Potsdam dahin durchzuschlagen. Heutzutage eine lächerliche Entfernung, war das im Frühjahr 1945 ein Abenteuertrip. Wir versuchten es zunächst auf dem kartographisch kürzesten Weg über die Autobahn. Das war keine so tolle Idee. In kurzen Abständen war die Autobahn mit Panzersperren blockiert. Aber schlimmer: diese Panzersperren wurden kontrolliert von den „Kettenhunden”. So nannte man die Militärpolizisten wegen des Metallschildes, das sie an einer Halskette vor der Brust trugen. Aufschrift: Militärpolizei. Denen müssen wir wie Traumtänzer vorgekommen sein. Zwei Sunnyboys auf Urlaubstrip durch das zusammenbrechende Deutschland. Ich erinnere mich nicht, was für Legitimationen und Papiere ich vorzuweisen hatte. Ich glaube irgendeinen „Überstellungsbescheid”. Und Flip zeigte immer seinen Entlassungsschein aus dem KZ vor. Und natürlich hatten wir beide Personalausweise. Dreimal ist das gut gegangen. Und wir beschlossen, es kein viertes Mal zu versuchen. Mit anderen Worten: Wir verließen die Autobahn und benutzten nur noch kleine und kleinste Straßen. Da wir keine adäquaten Karten hatten, fragten wir uns durch und fuhren sicher ziemlich idiotische Routen. Aber wir fühlten uns sicher. Schwierig war es satt zu werden. Ohne Lebensmittelmarken konnte man nicht einkaufen. Aber da erwies sich die ländliche Route als Vorteil. Denn es gab immer wieder freundliche Menschen, die uns was zu essen gaben. Und dann hatte ich ja schließlich auch noch meinen Tesching. Wir kampierten für die Nacht in einem verlassenen Hof, und auf dem Dach saßen Tauben. Und dann spielten wir ein bisschen „Wilder Westen”. Ich schoss uns zwei Tauben. Das war die leichtere Übung. Das Rupfen erwies sich als wesentlich schwieriger. Aber Hunger weckt viele Talente. Und tatsächlich brieten oder besser “kokelten” die armen Täubchen am Stecken über einem lausigen Feuer. Eigentlich ungenießbar, aber Romantik pur. In meiner Erinnerung waren es drei oder vier Tage, die wir für diese lächerliche Strecke brauchten. Natürlich blieben wir auch einmal ohne Benzin hängen. Nein es war kein „easy trip”, aber als solcher war er ja auch nicht geplant. Es blieb die Tatsache, dass ich ein Auto nach dem Westen gerettet hatte. Ein Auto, das für meinen Vater, als er nach abenteuerlicher Flucht in Mariensee aufkreuzte, ein wichtiger Grundstein zum Aufbau seiner Nachkriegsexistenz wurde. Die Ankunft im Kloster war ein Triumph. Das Wiedersehen mit Mutter und Schwestern ein Fest. Im Waschhaus wurde der Waschkessel angefeuert, und Flip und ich hatten nach Tagen auf der Straße die erste Generalsreinigung im Waschzuber. Titelbild: Cassowary Colorizations [https://www.flickr.com/people/150300783@N07] / Creative Commons [https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons] Attribution 2.0 Generic [https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en] license

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