SWR Kultur lesenswert - Literatur

Künstliche Intelligenz als Spiegel der Gesellschaft

4 min · 7 de jun de 2026
Portada del episodio Künstliche Intelligenz als Spiegel der Gesellschaft

Descripción

Als Marshall McLuhan Anfang der 1960er Jahre den Begriff des „globalen Dorfs“ geprägt hat, verband er damit den Anbruch eines neuen Zeitalters. Lange vor dem Internet galten dem kanadischen Medientheoretiker bereits Radio und Fernsehen als Agenten eines tiefgreifenden Wandels, der die Welt zu einem großen Live-Ereignis machen würde.  Während das Zeitalter des Buchdrucks eng mit der Vorstellung eines kontinuierlichen Fortschritts verknüpft war, geschah nun alles auf einmal.  In den Kanälen der elektronischen Medien schrumpfte die Welt zu einem einzigen Moment zusammen, in dem nicht nur alles mit allem verbunden schien, sondern auch Vergangenheit und Zukunft miteinander verschmolzen.  DIE DIGITALISIERUNG DER GESELLSCHAFT  Im Anschluss an McLuhans visionäre Ausblicke hat sich der Soziologe Dirk Baecker in seinem Buch „Digitalisierung“ die Frage vorgenommen, was die Digitalisierung der Gesellschaft mit dieser Gesellschaft macht.  Für den Systemtheoretiker handelt es sich nämlich nicht nur um einen Gewinn an Effizienz, sondern um die Konfrontation mit einer „neuen Wirklichkeit“:  „Dieser Wirklichkeit liegen digitale Datenformate zugrunde, doch sie begleitet die gesellschaftliche Wirklichkeit analog, nämlich kontinuierlich, widerständig und auf der dauernden Suche nach Übersetzungen aus analogen in digitale und aus digitalen in analoge Datenformate.“  DAS GEDÄCHTNIS DER GESELLSCHAFT  Mit der Übersetzung von analogen in digitale Formate und umgekehrt gehen nicht allein starke Reibungsverluste einher, sondern auch fundamentale Widerstände.  Die „neue Wirklichkeit“, erzeugt von intelligenten Algorithmen mithilfe riesiger Datenmengen, liegt in einem beständigen Konflikt mit den bisherigen Weisen der Gesellschaft, ihre Wirklichkeit zu konstruieren.  Denn die Daten, mit denen die Algorithmen arbeiten, stammen aus dem Gedächtnis der Gesellschaft. Dort sind die erprobten Lösungen des Problems aufbewahrt, wie sich aus zufälligen Umständen eine stabile Wirklichkeit gewinnen lässt.  Die „neue Wirklichkeit“ hingegen entsteht, indem dieses Gedächtnis immer wieder zufällig neu zusammengesetzt wird:  „Maschinenlernmodelle arbeiten daher nicht nur statistisch im Sinne der Errechnung erwarteter im Verhältnis zur Gesamtmenge möglicher Ereignisse, sondern stochastisch im Sinne der Zähmung des Zufalls mit den Mitteln des Zufalls.“  DIE ENTWICKLUNG DER GESELLSCHAFT  Statistik und Stochastik, die Kunst der Datenerhebung und die Kunst der Zufallsberechnung, gehören schon länger zum Instrumentenkasten der modernen Gesellschaft. Seit der Epoche der Aufklärung dienen sie dazu, gesellschaftliche Entwicklungen zu erfassen und zu steuern, ohne deren Ursachen bis ins Einzelne verstehen zu müssen.  Maschinenlernmodelle machen nach Baecker im Grunde nichts anderes. Sie generieren aus Zufällen reproduzierbare Zustände und setzen diese wiederum neuen Zufällen aus.  Analog zur modernen Gesellschaft bewirken sie so ihre eigene Entwicklung, nur dass ihre Lernergebnisse aus denen der Gesellschaft resultieren und diese zugleich in Frage stellen:   „Aber je mehr man sich den generativen und stochastischen Modellen der Künstlichen Intelligenz nähert, desto deutlicher wird, dass deren Kombinatorik der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, in dem diese Mühe hat, sich wiederzuerkennen.“  Vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass die Künstliche Intelligenz immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist, gelingt es Baecker eindrucksvoll, das Unbehagen an der Digitalisierung zu erkunden und eine soziologische Antwort auf die Frage zu geben, warum die Entwicklung der Gesellschaft bereits heute eng an die Entwicklung Künstlicher Intelligenz gekoppelt ist.

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Achtung, Achtsamkeit! Der neue Roman „Einatmen. Ausatmen.“ von Maxim Leo

Meditation, Yoga, Waldbaden, Energiearbeit, Ayurveda – das und noch einiges mehr bietet die „Academy“. Ausgebrannte Overachiever können hier regenerieren, aufstrebende Führungskräfte sich den Habitus der Empathie antrainieren. Marlene Buchholz hält zwar wenig von solchem Psychokram, aber sie wird von der Konzernleitung der „Aviola“ zur Teilnahme verdonnert. Denn manche Mitarbeiter werfen ihr einen kalten Führungsstil vor – ein Hindernis für ihren anstehenden Karrieresprung zur CEO des Unternehmens.  „Zuerst hatte sie es für einen Witz gehalten, aber dann merkte sie, dass Dr. Finckenstein es wirklich ernst meinte. ‚Sie gehen zu Alex Grow, ein ausgezeichneter Unternehmens-Coach’, sagte er. ‚Es gibt Intensivkurse, zwei Wochen lang in einem kleinen Schloss in Brandenburg. Danach sprechen wir uns wieder.‘“  Alex Grow – der Name ist Programmmusik, wie so vieles im neuen Roman des Schriftstellers Maxim Leo. AUGENZWINKERN UND TRÄNEN  Der Achtsamkeitsbetrieb mit seinem Jargon und seiner ganz eigenen Betulichkeit ist ergiebiger Stoff für Komödien. Maxim Leo liegt es jedoch fern, die Komik ins Schmerzhafte zu treiben. Ein bisschen Augenzwinkern – unbedingt. Etwa wenn ausgerechnet der Super-Coach Alex Grow, der äußerlich als Profi der Tiefenentspannung auftritt, seine innere Panik kaum noch kontrollieren kann.  Marlenes anfängliche spöttische Reserviertheit aber wird nach alter psychoanalytischer Manier bald als „Widerstand“ erkennbar: Die Business-Frau will nicht heran an ihre Gefühle, weil sie diese seit ihrer Kindheit zu verdrängen gelernt hat. Während einer Familienaufstellung in der Academy brechen dann die Tränen und Einsichten über sich selbst, ihre Mutter und die Kriegserlebnisse ihrer Großmutter nur so aus ihr heraus:   „Sie begann zu ahnen, wie das Drama der Großmutter, die Kälte der Mutter und ihre eigenen Beziehungsprobleme zusammenhingen. Sie verstand, dass das Böse durch die Generationen wandert, so lange, bis man sich ihm stellte. Dass ein Gefühl sich nicht mit Schweigen begraben ließ. Es war schwer für sie, das alles an sich heranzulassen.“ GÄNGIGE MUSTER UND THEMEN  Für Marlene mögen dies überraschende Enthüllungen sein. Nicht aber für die Leser, die an dieser Stelle des Romans kaum etwas anderes erwartet haben dürften als den zeitgemäßen Rekurs auf „transgenerationale Traumata“. Auch sonst reichert Maxim Leo den Plot mit gängigen Debattenthemen an. Da gibt es zum Beispiel in der Nähe des Schlosses ein Protestcamp im Wald. Dort ketten sich Demonstranten an die Bäume, damit diese nicht gefällt werden für den Bau einer riesigen Geflügelmastanlage.   Eine klaffende Leerstelle bleibt dagegen die Firma „Aviola“. Was wird dort produziert und welche Leistungen haben Marlene so weit nach vorne gebracht? Solche Details wären nicht unwichtig in einem Roman über eine Managerin. Maxim Leo begnügt sich mit ein paar austauschbaren Business-Sprechblasen. WUNDERSAME WANDLUNG Endgültig verliert der Roman die psychologische Bodenhaftung, wenn es um Marlenes wundersame Wandlung im Zeitraffertempo geht. Wichtigen Anteil hat dabei ihre rasch aufblühende Freundschaft ausgerechnet mit dem Hausmeister des Achtsamkeits-Schlosses. Günther Mattissen (man sieht den Schauspieler Charly Hübner in einer möglichen Verfilmung schon vor sich) gibt sich anfangs schroff, taut dann aber auf – ein liebenswerter Kauz mit dem Herz auf dem rechten Fleck.   Schon nach wenigen Stunden Bekanntschaft vertritt Marlene ihn am Sterbebett seiner Mutter und wird von der Verwirrten für die endlich gefundene Schwiegertochter gehalten – das ist ebenso rührend gemeint wie schief erzählt. Und wenn Marlene dann noch gemeinsam mit Mattissen Rehe befreit, fragt man sich, was für eine Vorstellung Maxim Leo vom Mindset deutscher Führungskräfte hat. Der Schriftsteller wird gelobt als „Garant für filmreife Geschichten“. Nur dass man dabei diesmal nicht ans große Kino denken sollte, sondern an den ZDF-Fernsehabend mit seinen Kulissen und Klischees.

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