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Gewalt auf drei Kontinenten: Inga Machels neuer Roman: „Harte Strandparty“

5 min · 19 de jun de 2026
Portada del episodio Gewalt auf drei Kontinenten: Inga Machels neuer Roman: „Harte Strandparty“

Descripción

Inga Machel schaut auf die Existenzen am Rand, und sie schaut genau hin. Das war bereits so in ihrem viel gelobten Debütroman „Auf den Gleisen“, in dem ein junger Mann nach dem Suizid seines Vaters auf die abschüssige Bahn geriet. Im Fall von „Harte Strandparty“, Machels neuem Buch, stellt sich die Frage: Ist das überhaupt ein Roman? In drei langen Erzählungen, angesiedelt auf drei Kontinenten, ist Machel sehr nahe an der Innenwelt ihrer beschädigten Hauptfiguren. In der ersten Geschichte, die dem Buch seinen Titel gibt, ist es eine junge Frau im Übergang von der Pubertät zum Erwachsenenleben, deren soziales Umfeld kalkuliert rätselhaft bleibt. Der Adressat ihrer Gedanken ist keine reale Person, sondern ein Gegenstand: „Seit ich es gefunden habe, denk ich immerzu an das Messer. Auch, wenn ich es gar nicht sehen kann“, schreibt Machel. „Sobald ich im Haus bin, geh ich sofort in mein Zimmer und setz mich mit ihm in die Ecke, hole es aus der Schachtel, halte es in der Hand, fühle an der Klinge, überlege, wie gut es noch schneiden kann, ritze ein bisschen damit rum und erzähl ihm Sachen von mir, so ähnlich, als würd ich beten, nur dass ich von dem Messer ja eigentlich gar nichts will.“ Antihelden in unheimlichem Licht Machels Tonfall ist assoziativ, das Geschehen bleibt uneindeutig; die Sprache ist hart und poetisch aufgeladen. Das erzeugt einen durchaus charismatischen Sound, in dem Inga Machel die Lebenswirklichkeiten ihrer unterprivilegierten Antihelden in ein unheimliches Licht rückt. Wer sind diese jungen Menschen, die, wie es einmal heißt, das Schlechte in sich tragen, von ihren Eltern vernachlässigt werden und der Welt kaum noch etwas zu sagen haben? Im ersten Text raunt es hin und wieder, doch ist er die Exposition zur literarisch brillanten zweiten Erzählung, die allein schon die Lektüre lohnt: „Im Paradies“ ist angesiedelt in Neuseeland. Der Protagonist ist dieses mal keine junge Frau, sondern ein alter Mann, von dem es zu Beginn heißt: > Er hat noch nie Regeln befolgt und wird in diesem Leben auch nicht mehr damit anfangen. > > > Quelle: Inga Machel – Harte Strandparty ROADTRIP MIT LEICHE Schicht um Schicht und höchst raffiniert erzählt Inga Machel hier zum einen eine trostlose Road Novel und fächert wie nebenbei ein ganzes Leben auf: Paul Richard Williams ist ein Maori, also ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung. Rassismus und Diskriminierung gehören von jeher zu seinem Leben; von seiner Familie hat er sich entfremdet. Ein Outlaw, der abgerutscht ist in Drogengeschäfte und andere kriminelle Machenschaften. Bei einer unerwartet gewaltsamen Konfrontation zieht Pauls Ziehsohn Kenny, der leibliche Sohn seines besten Freundes, plötzlich eine Waffe und wird selbst erschossen: > Kennys Körper sinkt auf die Knie – als wäre er ein scheiß Heiliger – , und dann fällt er langsam nach vorn, seltsam geschmeidig, wie einer, der es hinter sich hat. Das Geräusch des Aufkommens sickert in den Teppich. > > > Quelle: Inga Machel – Harte Strandparty Von nun an fährt Paul mit dem toten Jungen im Kofferraum über das Land, nicht hadernd mit seinem Schicksal, aber voller Trauer und Schuld und komplett desillusioniert. Das ist eine bewegende Prosa, sprachlich sorgfältig austariert. Inga Machel zeigt Menschen, die in soziale Ausweglosigkeit hineingeboren wurden. In einer langen Rückblende erinnert Paul sich an ein Erlebnis in seiner Kindheit, als er von einem Ranger im Wald aufgegriffen und diesem ausgeliefert war: „Als ich es wagte, hinter vorgehaltenen Händen die Augen aufzumachen, stand vor mir, über mir, im gleißenden Sonnenlicht, ein erwachsener weißer Mann in einer graugrünen Uniform, der mich anstierte, als wollte er mich zertreten.“ LETZTE STUNDEN EINER MÖRDERIN Transgenerative Traumata, Erfahrungen von Ausgrenzung, Gewalt: Inga Machels Protagonistinnen und Protagonisten sind gezeichnet von Strukturen, die weit über das Individuelle hinausgehen. Die dritte Geschichte mit dem Titel „Im Mondlicht“ schlägt, Stichwort Messer, einen motivischen Bogen zum Anfang: Die 17-jährige Jessie Mann hat ihre beiden Adoptiveltern erstochen. Jessie, mutmaßlich die Tochter mexikanischer Einwanderer, wurde als Säugling in einer Mülltonne gefunden. Nun, etwa fünfzehn Jahre nach der Tat, soll sie in einem texanischen Gefängnis hingerichtet werden. Erzählt werden Manns letzte Stunden quasi in Echtzeit aus der Perspektive einer Frau namens Connie Meyers, einer unabhängigen Gefängnis-Protokollantin. Sie entwickelt eine Faszination für die Delinquentin: „Obwohl sie nicht schön war, sah Jessie Mann aus wie ein Star. Ihr Gesichtsausdruck war kühl, gelangweilt, verschlossen, das Resultat, so glaubte Conny zu erkennen, jahrelanger Übung vor dem Spiegel, oder blanker Lebensmüdigkeit.“ Der dritte Teil dieses Buchs ist in seiner Identifikation zwischen Protokollantin und Täterin und in der Anhäufung von Gewalterfahrungen deutlich übersteuert, erzählerisch im Kontrast zur Neuseeland-Geschichte noch dazu erstaunlich konventionell. Die komplexe Realität einer durch imperialistische und kolonialistische Strukturen zugerichteten Welt habe sie beschreiben wollen, so schreibt die Autorin in einem überflüssigen Nachwort. Das hätte man sich ohnehin denken können. Aber: Allein der Mittelteil von „Harte Strandparty“ lohnt die Lektüre.

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Kicken mit Walblick: „Der Weltatlas der Fußball-Stadien“ von John Gillard

DIE HEIMAT DER FUSSBALLFANS Ein Stadion ist mehr als nur ein Sportplatz mit ein paar Tribünen drumherum. Zum einen ist das Stadion für Fans und Mannschaften so etwas wie eine Heimat. Nicht ohne Grund greifen Fußballer in diesem Kontext gerne zu militärischen Begriffen wie dem der Bastion.  Zum anderen kann der Spielort konkrete Auswirkungen auf das Spiel selbst haben: Lage, Wind, die Ausrichtung zur Sonne – all das hat Einfluss.  SPIEL IN RICHTUNG STEINWAND Zur Europameisterschaft in Portugal im Jahr 2008 hatte der Stararchitekt Eduardo Souto de Moura in der Stadt Braga ein spektakuläres Stadion mit Tribünen ausschließlich auf den Längsseiten errichtet. Hinter den Toren sitzen keine Fans; lediglich Felsformationen ragen in die Höhe. Nicht wenige Profis zeigen sich deutlich irritiert davon, auf eine Steilwand spielen zu müssen. John Gillard findet im Vorwort seines Bandes pathetische Worte für das Fußballstadion als Sammelbecken von Gefühlen: „Stadien sind voller Erinnerungen und Emotionen. Sie bringen Gemeinschaften zusammen, sind Schauplatz von Rivalitäten und Freundschaften, schaffen magische Momente und herzzerreißende Niederlagen.“  1.000 STADIEN UND IHRE GESCHICHTEN 1.000 Stadien, sortiert nach Kontinenten und dort wiederum gegliedert nach Nationalstaaten, hat Gillard in diesem reichlich bebilderten Buch gesammelt. Und gerade, wer ein Faible für das Abseitige hat, kommt in Gillards Weltatlas auf seine Kosten. Sicher, die großen, imposanten Arenen mit ihrem zum Teil aber auch austauschbaren Erscheinungsbild, dürfen nicht fehlen. Und auch nicht Kultstätten wie die atmosphärisch unfassbare „Bombonera“ (Pralinenschachtel) in Buenos Aires, die Spielstätte der Boca Juniors, dem Club von Diego Maradona.  Dann aber blättert man sich durch Deutschland und stößt zwischen der Veltins-Arena auf Schalke und dem Wildparkstadion in Karlsruhe auf das Schwabenstadion, den Ground des Bayernligisten FC 1920 Gundelfingen, und liest dazu: „Lehnen Sie sich zurück, entspannen Sie sich und genießen Sie Fußball der unteren Liga am Ufer des Gartnersees.“ FLOSKELHAFTE BILDBESCHREIBUNGEN Das ist doch mal eine sehr spezifische Information. A propos Wildparkstadion: Das größte Problem dieses Buchs sind die kurzen Texte neben den Fotos. Die sind entweder schlecht übersetzt oder mutmaßlich gar durch eine KI generiert. Anders kann es nicht sein, so floskelhaft und auch sinnentstellt lesen sie sich zum Teil. Zum Karlsruher Stadion heißt es: „Trotz seines Namens sieht dieses Stadion alles andere als wild aus; sein klares Design ist symmetrisch und funktional. Vielleicht sind es ja die Fans des Karlsruher SC, die die Wildheit in die Spiele bringen.“ Offensichtlich wussten weder der Herausgeber noch der Verlag, was ein Wildpark ist. Beispiele dieser Art finden sich zu Dutzenden. KARLSRUHE, KOH PANYEE UND KURIOSES Da hilft dann nur, die Stadionfotos zu betrachten, und das macht wirklich großen Spaß: Im thailändischen Koh Panyi wird auf einem auf Pontons im Meer schwimmenden Platz gekickt. Wer den Ball ins Wasser schießt, muss ihn auch zurückholen.  Das Estadio Hernando Siles in Boliviens Hauptstadt La Paz ist mit knapp 3.700 Metern das höchstgelegene Stadion der Welt. Der Brasilianer Neymar bezeichnete die Bedingungen dort als „unmenschlich“.  Der grönländische Club Qeqertarsuaq trägt hingegen seine Heimspiele auf einem Kunstrasen mit Aussicht auf Eisberge und Wale aus. RELIKTE ALTER FUSSBALLKULTUR  Ein besonders aufmerksamer Blick lohnt sich auf die Stadien im Fußball-Mutterland England: Beim heutigen Drittligisten Luton Town müssen die Fans quasi durch die Treppenhäuser der benachbarten Wohnsiedlungen, um ins Stadion zu kommen.  So sehr der englische Fußball sich durch den Einstieg von Großinvestoren auch verwandelt hat – im Weltatlas der Fußball-Stadien finden sich noch zahlreiche Relikte der alten Fußballkultur. Und noch eines zeigt dieses Buch: Im Kern bleibt der Fußball ein Spiel für alle. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Sportplatz.

5 de jul de 20264 min