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Urszenen des Kapitalismus

4 min · Ayer
Portada del episodio Urszenen des Kapitalismus

Descripción

Um 1600 war England noch keine Großmacht des Welthandels. Indien dagegen beherbergte ein Fünftel der Weltbevölkerung und produzierte, so die Statistiken, ein Viertel der Güter weltweit, vor allem Edelsteine, Pfeffer, Textilien und Salpeter. Wer solche Handelsware nach Europa importierte, konnte mit jeder Schiffsladung Gewinne von mehreren hundert Prozent machen. Um diese Chancen zu nutzen, gründeten 1599 Kaufleute, Entdecker und Investoren in London die East India Company.   FEUDALER REICHTUM UND KAPITALISTISCHER GESCHÄFTSSINN  Daraus wurde ein Handelsimperium, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Diese erstaunliche Entwicklung beschreibt William Dalrymple in seinem Buch „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600–1874“. In der Einleitung erklärt er: „Ziel dieses Buches ist es nicht, eine vollständige Geschichte der East India Company zu liefern. Vielmehr sucht es eine Antwort auf die Frage, wie es einem einzigen Unternehmen mit Sitz in einem Londoner Bürohaus gelingen konnte, das mächtige Mogulreich als Herrscher über den riesigen Subkontinent abzulösen.“  Entscheidend für diesen beispiellosen Kolonisierungsprozess waren einerseits die riesigen wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen des indischen Mogulreichs jener Zeit und andererseits der erfinderische kapitalistische Geschäftssinn, mit dem sich das englische Handelsunternehmen diese Bedingungen zunutze machte.     MOGULHERRSCHER UND EIN PAAR KAUFLEUTE  Zunächst aber mussten die Abgesandten der Company klein anfangen und durften die Gunst der ebenso prunksüchtigen wie mächtigen Mogulherrscher nicht verspielen. So beschwerte sich ein verärgerter indischer Würdenträger über einen unfreundlichen Empfang:  > ‚Welche Ehre bleibt uns denn noch‘, fragte er, ‚wenn ein paar Kaufmänner, die noch nicht einmal gelernt haben, sich den Hintern zu waschen, auf den Befehl eines Herrschers reagieren, indem sie seinen Gesandten mit Füßen treten?‘ > > > Quelle: William Dalrymple – Anarchie Im Unterschied zu anderen Werken über die Ostindienkompanie hat sich William Dalrymple, wie er betont, vorwiegend auf teils noch unerschlossene Quellen aus indischen Archiven gestützt. Damit rückt er die Geschehnisse auf dem Subkontinent ganz in den Mittelpunkt.    ANARCHIE UND TUMULT  Diese aber wurden die längste Zeit von chaotischen Konflikten und grausamen Kriegen bestimmt, an denen in wechselnden Bündnissen sowohl die Kolonialmächte England und Frankreich als auch die regionalen Herrscher beteiligt waren. So viele detailreiche, mit plastischen Figurenporträts bereicherte Beschreibungen von Intrigen, Feldzügen und Brandschatzungen bekommt man selten zu lesen. Eine letzte Schlacht wurde 1809 geschlagen.  „So schrecklich die Schlacht von Delhi auch war: Damit endete eine über hundert Jahre dauernde Rivalität. Und es endete das unglückselige Jahrhundert, in dem rivalisierende Armeen um Hindustan Krieg führten und es ausplünderten.“  Trotzdem waren „Anarchie und Tumult“, wie es ein englischer Generalgouverneur nannte, kein Hindernis für das Gedeihen der East India Company. William Dalrymples Geschichte dieser ersten Aktiengesellschaft der Welt ist ein fesselndes Lehrstück in vieler Hinsicht. Zum Beispiel über die Urszenen eines Kapitalismus ohne gesellschaftliche Rücksichten. Und darüber, wie sehr das vermeintlich unblutige Geschäft des Handels mit Gewalt und Krieg verflochten sein kann.

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Urszenen des Kapitalismus

Um 1600 war England noch keine Großmacht des Welthandels. Indien dagegen beherbergte ein Fünftel der Weltbevölkerung und produzierte, so die Statistiken, ein Viertel der Güter weltweit, vor allem Edelsteine, Pfeffer, Textilien und Salpeter. Wer solche Handelsware nach Europa importierte, konnte mit jeder Schiffsladung Gewinne von mehreren hundert Prozent machen. Um diese Chancen zu nutzen, gründeten 1599 Kaufleute, Entdecker und Investoren in London die East India Company.   FEUDALER REICHTUM UND KAPITALISTISCHER GESCHÄFTSSINN  Daraus wurde ein Handelsimperium, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Diese erstaunliche Entwicklung beschreibt William Dalrymple in seinem Buch „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600–1874“. In der Einleitung erklärt er: „Ziel dieses Buches ist es nicht, eine vollständige Geschichte der East India Company zu liefern. Vielmehr sucht es eine Antwort auf die Frage, wie es einem einzigen Unternehmen mit Sitz in einem Londoner Bürohaus gelingen konnte, das mächtige Mogulreich als Herrscher über den riesigen Subkontinent abzulösen.“  Entscheidend für diesen beispiellosen Kolonisierungsprozess waren einerseits die riesigen wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen des indischen Mogulreichs jener Zeit und andererseits der erfinderische kapitalistische Geschäftssinn, mit dem sich das englische Handelsunternehmen diese Bedingungen zunutze machte.     MOGULHERRSCHER UND EIN PAAR KAUFLEUTE  Zunächst aber mussten die Abgesandten der Company klein anfangen und durften die Gunst der ebenso prunksüchtigen wie mächtigen Mogulherrscher nicht verspielen. So beschwerte sich ein verärgerter indischer Würdenträger über einen unfreundlichen Empfang:  > ‚Welche Ehre bleibt uns denn noch‘, fragte er, ‚wenn ein paar Kaufmänner, die noch nicht einmal gelernt haben, sich den Hintern zu waschen, auf den Befehl eines Herrschers reagieren, indem sie seinen Gesandten mit Füßen treten?‘ > > > Quelle: William Dalrymple – Anarchie Im Unterschied zu anderen Werken über die Ostindienkompanie hat sich William Dalrymple, wie er betont, vorwiegend auf teils noch unerschlossene Quellen aus indischen Archiven gestützt. Damit rückt er die Geschehnisse auf dem Subkontinent ganz in den Mittelpunkt.    ANARCHIE UND TUMULT  Diese aber wurden die längste Zeit von chaotischen Konflikten und grausamen Kriegen bestimmt, an denen in wechselnden Bündnissen sowohl die Kolonialmächte England und Frankreich als auch die regionalen Herrscher beteiligt waren. So viele detailreiche, mit plastischen Figurenporträts bereicherte Beschreibungen von Intrigen, Feldzügen und Brandschatzungen bekommt man selten zu lesen. Eine letzte Schlacht wurde 1809 geschlagen.  „So schrecklich die Schlacht von Delhi auch war: Damit endete eine über hundert Jahre dauernde Rivalität. Und es endete das unglückselige Jahrhundert, in dem rivalisierende Armeen um Hindustan Krieg führten und es ausplünderten.“  Trotzdem waren „Anarchie und Tumult“, wie es ein englischer Generalgouverneur nannte, kein Hindernis für das Gedeihen der East India Company. William Dalrymples Geschichte dieser ersten Aktiengesellschaft der Welt ist ein fesselndes Lehrstück in vieler Hinsicht. Zum Beispiel über die Urszenen eines Kapitalismus ohne gesellschaftliche Rücksichten. Und darüber, wie sehr das vermeintlich unblutige Geschäft des Handels mit Gewalt und Krieg verflochten sein kann.

Ayer4 min
Portada del episodio „Man kann ja nicht nur dasitzen und vor sich hin leiden.“

„Man kann ja nicht nur dasitzen und vor sich hin leiden.“

DIE AVENUES SYMBOLISIEREN SIMBABWE Sprung hinein in „Die Avenues“ in Harare! In diesem lebendigen Viertel spielt Farai Mudzingwas Debütroman. Er hat selbst mal in den Avenues gelebt, dem ersten Viertel, wo einst die Kolonialherren ihre Villen errichteten, erzählt er auf SWR Kultur. „Als ich dort lebte“, erinnert sich Mudzingwa, „fiel mir auf, dass die Gegend nicht mehr ganz so ruhig und wohlhabend war. Das hat mein Interesse geweckt: Die Veränderungen, die sich in den Avenues vollzogen, spiegelten die Veränderungen, die zu dieser Zeit im ganzen Land stattfanden.“ OHNE WITZE GEHT ES NICHT So wurde der Roman „Die Avenues“ zweierlei: Zunächst erzählt er die Geschichte des jungen Elektrikers Jedza, der nach Harare kommt und nach seiner verschwundenen Schwester sucht. Zugleich ist er ein Tiefenporträt der jüngeren politischen Geschichte Simbabwes, wozu die Folgen des Kolonialismus, grassierende Korruption und die wirtschaftliche Notlage des Landes gehören. Zur politischen Analyse tragen auch die bissigen Fußnoten bei, die Farai Mudzingwa in den Text streut. „Wir Simbabwer müssen jede Menge Witze reißen über unser Elend“, sagt Mudzingwa, „denn wir können ja nicht einfach nur dasitzen und vor uns hin leiden.“ DIE PFÜTZEN, IN DENEN DIE WASSERGEISTER LEBEN „Die Avenues“ spielen vor allem in der Gegenwart der Jahre 2016-2018. Einige Kapitel gehen aber auch Jahrzehnte zurück. Darin erleben wir Jedza als Kind oder seine Schwester Natsai vor ihrem Verschwinden als Journalistin in Harare. Auch von der Stadtgründung als Kolonialsiedlung im 19. Jahrhundert erzählt Mudzingwa. Weil Harare auf Sumpfland gebaut wurde, entstehen in der Gegenwart des Romans immer wieder rätselhafte Pfützen, in denen die Wassergeister von einst leben. DAS POLYPHONE SPIEL DER MBIRA Farai Mudzingwa hat seinen Roman bewusst vielstimmig angelegt. Vorbild war die Mbira, das simbabwische Daumenklavier. „Wenn man Mbira spielt, verweben sich verschiedene Melodien miteinander. Man kann einer Melodie lauschen, oder man kann einer anderen Melodie lauschen, aber man hört doch alle Melodien gleichzeitig, und sie erzeugen all diese polyphonen Rhythmen. Ich habe also versucht, etwas von dieser Musik ins Storytelling des Romans zu übernehmen.“ „DIE AVENUES“ SIND IN HARARE NICHT ERHÄLTLICH Deswegen ist es auch so unglaublich, dass man „Die Avenues“ in Simbabwe selbst gar nicht kaufen kann. Den Zusammenbruch des Verlagswesens im wirtschaftlich gebeutelten Simbabwe erlebt Farai Mudzingwa als sehr quälend. Deswegen ist die Übersetzung seines Debütromans ins Deutsche eine umso größere Freude. Zumal ihn sein Übersetzer Jan Schönherr während der Arbeit am Buch für ein paar Wochen in Harare besucht hat: „Das war eine schöne Zeit“, sagt Farai Mudzingwa. Von all dem berichtet er exklusiv auf SWR Kultur.

7 de ago de 202623 min
Portada del episodio Etiketten sind etwas für Apotheker: Jeet Thayil über „Chelsea Girls“

Etiketten sind etwas für Apotheker: Jeet Thayil über „Chelsea Girls“

„CHELSEA GIRLS HAT MICH NICHT MEHR LOSGELASSEN.“ „Ich habe Eileen Myles Buch „Chelsea Girls“ vor vielen, vielen Jahren gelesen, und es hat mich seither nicht mehr losgelassen“, schwärmt der indische Autor Jeet Thayil. Darin erzählt die amerikanische Autor*in Myles von den 1980er Jahren in New York: von den eigenen lesbischen Beziehungen, den ersten künstlerischen Arbeiten und von der durchaus rauen amerikanischen Kunstszene. Das Buch erschien 1994 und wurde 2020 erstmals ins Deutsche übersetzt. BELLETRISTIK, SACHBUCH ODER MEMOIR? „Das Buch ist bewegend, es zeugt von emotionaler Intelligenz und es ist wunderschön geschrieben,“ äußert Jeet Thayil. „Außerdem ist es ein experimentelles Werk, denn schon vor so langer Zeit wusste Eileen Myles, dass diese Etiketten, die wir der Literatur aufdrücken – Belletristik, Sachbuch, Memoir –, nichts bedeuten. Etiketten sind etwas für Apotheker und ihre Regale. Aber Etiketten sind nichts für Künstler.“ EILEEN MYLES PERFORMT MIT DER ILB HOUSE BAND Jeet Thayil ist Kurator beim internationalen literaturfestival berlin 2026. Da er auch Musiker ist, wird das diesjährige Festival außergewöhnlich musikalisch. Sogar eine ILB House Band wurde gegründet. Bandleader ist der Schlagzeuger Diego Piñera. Mit dieser Band wird auch Eileen Myles während des Festivals performen.

7 de ago de 20261 min
Portada del episodio Der Versroman „Golden Gate“ von Vikram Seth

Der Versroman „Golden Gate“ von Vikram Seth

San Francisco 1980. Aus der einstigen Hochburg der Hippies ist längst eine Stadt von Yuppies geworden. Falls sich jemand nicht erinnern sollte: Der Begriff Yuppie stand damals für die gut ausgebildeten und karrierehungrigen Young Urban Professionals, jene höchstproblematische soziale Kohorte, die dem Siegeszug des Neoliberalismus assistierte. Der in Kalkutta geborene Vikram Seth lebte in den Achtzigern als Wirtschaftsstudent in der Stadt – und stolperte eines Tages in eine Buchhandlung und dort über eine Ausgabe von Alexander Puschkins berühmtem „Eugen Onegin“. Dieser Versroman inspirierte ihn. Wie bei einem Sonett besteht bei Puschkin jede Strophe aus vierzehn Zeilen. VERSE MIT AKTUELLEN FIGUREN Vikram Seth wollte das ebenfalls ausprobieren, allerdings mit aktuellen Figuren. War Puschkins Titelfigur ein gelangweilter Dandy aus dem Petersburg der 1820er Jahre, so schreibt Seth über die Yuppies seiner Zeit. Sie leben im sonnigen Kalifornien – irgendwo zwischen Aufstiegsträumen und Kriegsangst, Selbstzweifel und Hedonismus: „Los geht’s, weil mir die Muse lacht! Ich / Erzähle die Geschichte von / ’nem Kerl um Neunzehnhundertachtzig, / Den wir jetzt treffen: Er heißt John, / Ist sechsundzwanzig, macht Karriere, / Zu Hause herrscht die große Leere, /Und eine rote Frisbee killt / Ihn fast im Golden-Gate-Park. Wild / Geworfen, knapp verpasst – nun fragt er:“ „‚Wenn ich mal sterbe, nicht mehr bin, / Wer merkt das überhaupt? Wen in- / teressiert’s?‘ Und um nicht noch verzagter /Zu werden, spielt er Vogel Strauß / Und blendet die Probleme aus.“ So liest sich Seths Versform. DAS POLITISCHE DES PRIVATEN John ist ein haltloser junger Mann, der in der Rüstungsindustrie gutes, wenn auch schmutziges Geld verdient – das Privatleben aber ist holprig. Seine Ex-Freundin Janet, die in einer Punk-Band Schlagzeug spielt und sich als bildende Künstlerin durchschlägt, kann das Elend nicht länger mit ansehen und schaltet für John eine Er-sucht-sie-Annonce in der Zeitung. Das bringt weitere Figuren ins Spiel: allen voran Liz, Rechtsanwältin und Aktivistin und Johns Kurzzeitgeliebte; ihren Bruder Ed, einen Werber mit starkem katholischen Überbau. GRETCHENFRAGE DES KAPITALISMUS Den alleinerziehenden Vater Phil, der seinen hochdotierten Job im Silicon Valley aus moralischen Skrupeln gekündigt hat und mit Ed eine nicht ganz unproblematische Beziehung eingeht, um dann letztlich Liz zu heiraten, was wiederum John zur Weißglut bringt. Was Menschen in ihren 20ern und 30ern halt so umtreibet – und dazu kommen noch die ganzen Probleme der frühen 80er: Die Panik vor einem atomaren Krieg angesichts grenzenloser Aufrüstung in den Reagan-Jahren ist immer spürbar. Und überhaupt stellt sich die Gretchenfrage des Kapitalismus, wie ein richtiges Leben im falschen geführt werden könnte und wie Hedonismus sich mit Verzweiflung verträgt. A - B - A - B - C- C - D - D - E - F - F- E - G - G A - B - A - B - C- C - D - D - E - F - F- E - G - G – so lautet das traditionelle Reimschema, das Seth im Windschatten Puschkins über mehr als 300 Seiten in „Golden Gate“ durchhält. Was für eine Leistung! Und nicht nur Vikram Seth wahrt die Form, auch sein Übersetzer Christophe Fricker. Denn jene verspielten, mit kuriosen Reimen und fantasievollen Satzstellungen improvisierenden Verse von Vikram Seth ins Deutsche zu bringen, muss eine schweißtreibende und titanische Arbeit gewesen sein. Sowas ist bewundernswert und geht doch nicht ohne Reibungsverlust: Den Drive des knappen Englischen ins manchmal etwas schwerfällige Deutsche zu transportieren, ist schier unmöglich. HERAUSFORDERUNG DER ÜBERSETZUNG Viele Wortspiele lassen sich nicht übersetzen, zumal, wenn sie sich auch noch reimen müssen. So wird die deutsche Fassung zum eigenständigen Text, der durchaus funktioniert, wenngleich er artifizieller, gewollter wirkt als das Englische. Hier ein Beispiel von vielen. „A year. A year. That snooty tweedy / Son-of-an-East-Coast-bitch – I thought / You’d see right through this act, his weedy / Compliant charm – or would have fought / The flattery, pressure – what? – temptation? / – What a laugh! – whimsy, inspiration..." So klingt Seth höchstselbst. Daraus werden, nah zwar am Original, aber weniger schmissig, bei Fricker folgende Zeilen: > Ein Jahr. Ein Jahr. Der kleine Schisser, / Der Schnösel aus der Schnöselwelt, / Der sich an dich heranschmiss, Pisser, / Der mehr sich selbst als dir gefällt, / Hast du den nicht durchschaut? Verführung, / Und Druck und schmierige Berührung ... > > > Quelle: Vikram Seth – Golden Gate EIN SÜSSER ÜBERFLUSS Bei aller Kunstfertigkeit stellt sich aber doch irgendwann die Frage: Warum eigentlich erzählt Seth seine moderne Geschichte in altertümlicher Lyrik, wenn es Prosa auch getan hätte? Er fragt sich das sogar selbst: „Wie kann ich diese Form begründen, / Den ganzen komplizierten Reim, / Sind das nicht alles Jugendsünden, / Ein gammeliger Haferschleim, / Den ich in Puschkins Backform gieße? / Was braucht die Welt – verquirlte Grieße?“ Die simple Antwort wäre: Der Autor wählt die Form schlicht aus Jux und Tollerei, also aus reiner Lust am Sonett. Aber diese Lust überträgt sich auf die Lesenden: Lässt man sich auf den Rhythmus ein, auf Sprachmelodie und Sprechtakt, wird man davon leichterhand fortgetragen. MEHRWERT DURCH LYRISCHE FORM Und automatisch immer tiefer in die Geschichte hineingezogen. Die lyrische Form erzeugt so durchaus einen Mehrwert. An einer Stelle weist der Erzähler darauf hin, wie sehr einen „Eugen Onegin“ mitreißt – und by the way, warum nicht auch „Golden Gate“? > Ich möchte Ihnen nahelegen, / Sich von dem schönen Buch bewegen / Zu lassen, dessen leichter Fluss, / Ja, dessen süßer Überfluss / Mich angeregt hat, so zu schreiben. > > > Quelle: Vikram Seth – Golden Gate Auch der Rezensent kommt zum Schluss, was hier sprießt und fließt, was fasziniert man liest, ist durchaus Genuss, übersetzerisch zuweilen verwegen, weil‘s sich halt reimen muss: deswegen.

7 de ago de 20266 min