SWR Kultur lesenswert - Literatur
Um 1600 war England noch keine Großmacht des Welthandels. Indien dagegen beherbergte ein Fünftel der Weltbevölkerung und produzierte, so die Statistiken, ein Viertel der Güter weltweit, vor allem Edelsteine, Pfeffer, Textilien und Salpeter. Wer solche Handelsware nach Europa importierte, konnte mit jeder Schiffsladung Gewinne von mehreren hundert Prozent machen. Um diese Chancen zu nutzen, gründeten 1599 Kaufleute, Entdecker und Investoren in London die East India Company. FEUDALER REICHTUM UND KAPITALISTISCHER GESCHÄFTSSINN Daraus wurde ein Handelsimperium, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Diese erstaunliche Entwicklung beschreibt William Dalrymple in seinem Buch „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600–1874“. In der Einleitung erklärt er: „Ziel dieses Buches ist es nicht, eine vollständige Geschichte der East India Company zu liefern. Vielmehr sucht es eine Antwort auf die Frage, wie es einem einzigen Unternehmen mit Sitz in einem Londoner Bürohaus gelingen konnte, das mächtige Mogulreich als Herrscher über den riesigen Subkontinent abzulösen.“ Entscheidend für diesen beispiellosen Kolonisierungsprozess waren einerseits die riesigen wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen des indischen Mogulreichs jener Zeit und andererseits der erfinderische kapitalistische Geschäftssinn, mit dem sich das englische Handelsunternehmen diese Bedingungen zunutze machte. MOGULHERRSCHER UND EIN PAAR KAUFLEUTE Zunächst aber mussten die Abgesandten der Company klein anfangen und durften die Gunst der ebenso prunksüchtigen wie mächtigen Mogulherrscher nicht verspielen. So beschwerte sich ein verärgerter indischer Würdenträger über einen unfreundlichen Empfang: > ‚Welche Ehre bleibt uns denn noch‘, fragte er, ‚wenn ein paar Kaufmänner, die noch nicht einmal gelernt haben, sich den Hintern zu waschen, auf den Befehl eines Herrschers reagieren, indem sie seinen Gesandten mit Füßen treten?‘ > > > Quelle: William Dalrymple – Anarchie Im Unterschied zu anderen Werken über die Ostindienkompanie hat sich William Dalrymple, wie er betont, vorwiegend auf teils noch unerschlossene Quellen aus indischen Archiven gestützt. Damit rückt er die Geschehnisse auf dem Subkontinent ganz in den Mittelpunkt. ANARCHIE UND TUMULT Diese aber wurden die längste Zeit von chaotischen Konflikten und grausamen Kriegen bestimmt, an denen in wechselnden Bündnissen sowohl die Kolonialmächte England und Frankreich als auch die regionalen Herrscher beteiligt waren. So viele detailreiche, mit plastischen Figurenporträts bereicherte Beschreibungen von Intrigen, Feldzügen und Brandschatzungen bekommt man selten zu lesen. Eine letzte Schlacht wurde 1809 geschlagen. „So schrecklich die Schlacht von Delhi auch war: Damit endete eine über hundert Jahre dauernde Rivalität. Und es endete das unglückselige Jahrhundert, in dem rivalisierende Armeen um Hindustan Krieg führten und es ausplünderten.“ Trotzdem waren „Anarchie und Tumult“, wie es ein englischer Generalgouverneur nannte, kein Hindernis für das Gedeihen der East India Company. William Dalrymples Geschichte dieser ersten Aktiengesellschaft der Welt ist ein fesselndes Lehrstück in vieler Hinsicht. Zum Beispiel über die Urszenen eines Kapitalismus ohne gesellschaftliche Rücksichten. Und darüber, wie sehr das vermeintlich unblutige Geschäft des Handels mit Gewalt und Krieg verflochten sein kann.
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