SWR Kultur lesenswert - Literatur
Die Annäherungen an Ingeborg Bachmann zum 100. Geburtstag [https://www.swr.de/kultur/literatur/bachmann-100-erzaehlungen-einer-ikone-100.html] sind vielfältig und kreativ – allzu oft wird ihr Leben aber vom Ende, also von ihrem tragischen Tod 1973 her erzählt. Damit ergibt sich eine Zwangsläufigkeit ihres Lebens auf eine Katastrophe hin – Andrea Stoll [https://www.swr.de/kultur/literatur/andrea-stoll-ingeborg-bachmann-biografin-gespraech-2026-05-02-100.html] ist so klug, ihre Biografie chronologisch zu schreiben. Und mit einem Blick in eine Vergangenheit, die für Bachmann von essenzieller Bedeutung war: „Als Ingeborg Bachmann am 25. Juni 1926 im Klagenfurter Landeskrankenhaus zur Welt kam, war der Habsburger Vielvölkerstaat unter Kaiser Franz Joseph II. erst wenige Jahre zuvor untergegangen, das Denken und Fühlen seiner Bewohner aber noch immer von dem Sonnensystem der österreichischen Hauptstadt bestimmt.“ Diese historisch und gesellschaftlich verortende Erzählweise ist ein großes Geschenk für alle Bachmann-Interessierten. In einem sicheren Stil, der zuweilen selbst literarische Qualitäten hat, schildert Stoll Bachmanns Leben und ihr beeindruckendes Netzwerk. Geschickt weist sie an den richtigen Stellen ihrer Lebenserzählung auf die wichtigen Motive im Werk der Autorin hin – etwa die Schuld, die sie als Tochter eines schon 1932 in die NSDAP eingetretenen Täters schuldlos mit auferlegt bekommt. Zwischen Überinterpretation und scharfer Analyse Die Bachmann-Forschung ist voll von biografischen Überinterpretationen, die auch Stoll befeuert, wenn sie die von Bachmann selbst erklärte Trennung von Leben und Werk leugnet. Nichtsdestotrotz bietet die Literaturwissenschaftlerin, die über „Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstands im Werk Ingeborg Bachmanns“ promoviert hat, viele bemerkenswerte Interpretationen: „Es ging ihr nicht nur um ein Abbilden der österreichischen Nachkriegsgesellschaft, nicht nur um das Abbilden eines kommunikativen Miteinanders“, heißt es in dem Buch. „Es ging ihr auch um eine psychologische Tiefenbohrung in die Unterströmungen dessen, was die Menschen antrieb, um das, was sie hofften und träumten, um ihre notdürftig verdrängten Traumata, aber auch um das, was sich an ideologischem Unrat und Müll in den Jahren des Faschismus und Naziterrors in ihnen angesammelt hatte.“ Viele überzeugende Analysen hat Stoll schon in ihrer ersten Bachmann-Biografie im Jahr 2013 vorgebracht. Die neue Biografie ist nicht nur knapp 100 Seiten länger – Stoll hat auch einen anderen Ansatz gewählt und bietet nicht mehr nur das Bild des tüchtigen „Working Girl“ und der perfektionistischen Autorin. Bachmann erscheint in der neuen Biografie als Einzelkämpferin, die für ihre Kunst das glückliche Leben opfern muss. Darin besteht laut Stoll ihr radikaler persönlicher Freiheitsentwurf. Beim Lesen dieser Deutung vermisst man manchmal die zentrale Kategorie, mit der man nicht nur an Bachmanns Werk, sondern auch Leben herantreten muss: Ambivalenz. Tausende neue Bachmann-Seiten In den letzten Jahren wuchs das Material der Bachmannforschung um tausende Seiten an. Das liegt an der großartigen Salzburger Edition, in der alle Texte und Briefwechsel Bachmanns nach und nach neu herausgegeben werden. Der Briefwechsel mit Max Frisch gehört da dazu, er bietet nicht nur privateste Einblicke in eine Beziehungstragödie, sondern hat auch zu einer Neubewertung von Bachmanns Opferrolle in dieser Beziehung geführt. Auch Bachmanns Tagebucheintragungen, die im Band „Senza Casa“ abgedruckt sind, und die Stoll wie viele andere Zitate geschmeidig in ihre biografische Erzählung einbettet, lassen neue Rückschlüsse auf Bachmanns Leben und Schreiben zu: Aus dem Tagebuch deutet Stoll etwa das „Psychogramm eines hypersensiblen Menschen“. So lohnend also eine erneute Auseinandersetzung aufgrund der neuen Quellenlage auch ist – leider geht die „germanistische Privatdetektei“, wie die Bachmann-Interpretin Sigrid Weigel schon 1999 formulierte, manchmal zu weit. Eine äußerst fragwürdige Aussage eines irrelevanten Bekannten Bachmanns, Martin Mumme, übernimmt Stoll begeistert: > Mumme attestierte Bachmann eine Vorliebe für „muskulöse Männer, Typ Matrose. Sie war es, die die Männer aussuchte. Um sie zu kriegen, zog sie sich an wie eine Prostituierte. > > > Quelle: Andrea Stoll - „Zwei Menschen sind in mir“ Diese Erinnerung bietet keinen Erkenntniswert, sondern reproduziert nur Bachmann-Klischees, die Stoll an anderer Stelle problematisiert. So ein Patzer trübt leider den Eindruck einer ansonsten hervorragend recherchierten und klug komponierten Biografie.
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