SWR Kultur lesenswert - Literatur

„Zwei Menschen sind in mir“ – die Bachmann-Biografie zum 100. Geburtstag | Buchkritik

4 min · 24 de jun de 2026
Portada del episodio „Zwei Menschen sind in mir“ – die Bachmann-Biografie zum 100. Geburtstag | Buchkritik

Descripción

Die Annäherungen an Ingeborg Bachmann zum 100. Geburtstag [https://www.swr.de/kultur/literatur/bachmann-100-erzaehlungen-einer-ikone-100.html] sind vielfältig und kreativ – allzu oft wird ihr Leben aber vom Ende, also von ihrem tragischen Tod 1973 her erzählt. Damit ergibt sich eine Zwangsläufigkeit ihres Lebens auf eine Katastrophe hin – Andrea Stoll [https://www.swr.de/kultur/literatur/andrea-stoll-ingeborg-bachmann-biografin-gespraech-2026-05-02-100.html] ist so klug, ihre Biografie chronologisch zu schreiben. Und mit einem Blick in eine Vergangenheit, die für Bachmann von essenzieller Bedeutung war: „Als Ingeborg Bachmann am 25. Juni 1926 im Klagenfurter Landeskrankenhaus zur Welt kam, war der Habsburger Vielvölkerstaat unter Kaiser Franz Joseph II. erst wenige Jahre zuvor untergegangen, das Denken und Fühlen seiner Bewohner aber noch immer von dem Sonnensystem der österreichischen Hauptstadt bestimmt.“ Diese historisch und gesellschaftlich verortende Erzählweise ist ein großes Geschenk für alle Bachmann-Interessierten. In einem sicheren Stil, der zuweilen selbst literarische Qualitäten hat, schildert Stoll Bachmanns Leben und ihr beeindruckendes Netzwerk. Geschickt weist sie an den richtigen Stellen ihrer Lebenserzählung auf die wichtigen Motive im Werk der Autorin hin – etwa die Schuld, die sie als Tochter eines schon 1932 in die NSDAP eingetretenen Täters schuldlos mit auferlegt bekommt. Zwischen Überinterpretation und scharfer Analyse Die Bachmann-Forschung ist voll von biografischen Überinterpretationen, die auch Stoll befeuert, wenn sie die von Bachmann selbst erklärte Trennung von Leben und Werk leugnet. Nichtsdestotrotz bietet die Literaturwissenschaftlerin, die über „Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstands im Werk Ingeborg Bachmanns“ promoviert hat, viele bemerkenswerte Interpretationen: „Es ging ihr nicht nur um ein Abbilden der österreichischen Nachkriegsgesellschaft, nicht nur um das Abbilden eines kommunikativen Miteinanders“, heißt es in dem Buch. „Es ging ihr auch um eine psychologische Tiefenbohrung in die Unterströmungen dessen, was die Menschen antrieb, um das, was sie hofften und träumten, um ihre notdürftig verdrängten Traumata, aber auch um das, was sich an ideologischem Unrat und Müll in den Jahren des Faschismus und Naziterrors in ihnen angesammelt hatte.“ Viele überzeugende Analysen hat Stoll schon in ihrer ersten Bachmann-Biografie im Jahr 2013 vorgebracht. Die neue Biografie ist nicht nur knapp 100 Seiten länger – Stoll hat auch einen anderen Ansatz gewählt und bietet nicht mehr nur das Bild des tüchtigen „Working Girl“ und der perfektionistischen Autorin. Bachmann erscheint in der neuen Biografie als Einzelkämpferin, die für ihre Kunst das glückliche Leben opfern muss. Darin besteht laut Stoll ihr radikaler persönlicher Freiheitsentwurf. Beim Lesen dieser Deutung vermisst man manchmal die zentrale Kategorie, mit der man nicht nur an Bachmanns Werk, sondern auch Leben herantreten muss: Ambivalenz. Tausende neue Bachmann-Seiten In den letzten Jahren wuchs das Material der Bachmannforschung um tausende Seiten an. Das liegt an der großartigen Salzburger Edition, in der alle Texte und Briefwechsel Bachmanns nach und nach neu herausgegeben werden. Der Briefwechsel mit Max Frisch gehört da dazu, er bietet nicht nur privateste Einblicke in eine Beziehungstragödie, sondern hat auch zu einer Neubewertung von Bachmanns Opferrolle in dieser Beziehung geführt. Auch Bachmanns Tagebucheintragungen, die im Band „Senza Casa“ abgedruckt sind, und die Stoll wie viele andere Zitate geschmeidig in ihre biografische Erzählung einbettet, lassen neue Rückschlüsse auf Bachmanns Leben und Schreiben zu: Aus dem Tagebuch deutet Stoll etwa das „Psychogramm eines hypersensiblen Menschen“. So lohnend also eine erneute Auseinandersetzung aufgrund der neuen Quellenlage auch ist – leider geht die „germanistische Privatdetektei“, wie die Bachmann-Interpretin Sigrid Weigel schon 1999 formulierte, manchmal zu weit. Eine äußerst fragwürdige Aussage eines irrelevanten Bekannten Bachmanns, Martin Mumme, übernimmt Stoll begeistert: > Mumme attestierte Bachmann eine Vorliebe für „muskulöse Männer, Typ Matrose. Sie war es, die die Männer aussuchte. Um sie zu kriegen, zog sie sich an wie eine Prostituierte. > > > Quelle: Andrea Stoll - „Zwei Menschen sind in mir“ Diese Erinnerung bietet keinen Erkenntniswert, sondern reproduziert nur Bachmann-Klischees, die Stoll an anderer Stelle problematisiert. So ein Patzer trübt leider den Eindruck einer ansonsten hervorragend recherchierten und klug komponierten Biografie.

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Das Chaos der Ordnung: „Spiel auf vielen Trommeln“ von Olga Tokarczuk

Kriminalromane zu lesen, glaubt die Heldin in einer der Geschichten von Olga Tokarczuk, hat etwas Beruhigendes. Ein bisschen sei es wie aufräumen.  > Schritt für Schritt verwandelt Chaos sich in Ordnung. Manchmal aber hat man auch genug von der Ordnung. > > > Quelle: Olga Tokarczuk - Spiel auf vielen Trommeln Tatsächlich hat sie diesmal genug vom schleppenden Gang der Erzählung. Eine Gruppe von Krimi-Autoren trifft sich auf einem flämischen Landsitz, aber es geschieht eigentlich nichts. Die leidenschaftliche Leserin erträgt das nicht. Anders als in Woody Allens Film „Purple Rose of Cairo“, wo sich Filmstars von der Leinwand ins wirkliche Leben verirren, geht Tokarczuks Protagonistin den umgekehrten Weg: Sie mischt sich unter die fiktiven Krimi-Autoren, schubst die Handlung an und wird schließlich zu einer heillos Umherwandelnden zwischen den Welten. „Als sie am Morgen die Katze auf den Balkon ließ, sah sie, wie vor ihrem Hochhaus ein Streifenwagen vorfuhr. Drei Männer stiegen aus und strebten dem Eingang zu ihrem Treppenhaus entgegen. Einer von ihnen trug einen Trenchcoat und einen seltsam altmodischen Hut. Es war ihr, als müsste sie ihn von irgendwoher kennen.“    IM WARTESAAL DER WIRKLICHKEIT  Diese erste von neunzehn Geschichten im Band „Spiel mit vielen Trommeln“ trägt den schön doppelbödigen Titel „Mach die Augen auf, du lebst nicht mehr“. Sie mag als Parabel auf die Macht der Illusion, den Schein des Realen und das unbewusste Weiterwirken der Kunst gelesen werden. Als literarisches Spiel mit kleinen Verschiebungen in der Wahrnehmung und der unberechenbaren Verrückung des Alltäglichen, das die Literaturnobelpreisträgerin wunderbar beherrscht. So wird eine polnische Schriftstellerin in einem anderen Text von einer Schottin für einen Monat beherbergt – sie möchte Gesellschaft, im Gegenzug soll der Autorin ein kreatives Ambiente geschaffen werden. Zeit zum Schreiben, Zeit, um über das Schreiben nachzudenken.  „Die Literatur ist letztlich eine sanktionierte, von ethischen Beschränkungen befreite, gesellschaftlich anerkannte und bewunderte Lüge. Ebendarum, so denke ich, hat mich das Schreiben schon immer angezogen.“ VON ALLEM WAS DABEI Auf einen Nenner sind diese neunzehn Erzählungen dennoch nicht zu bringen: Sie greifen aus ins Fantastische, beherbergen Spurenelemente des Lebens Tokarczuks, handeln von Gestrandeten und Verstörten, von Wandernden und sich fortwährend Verwandelnden, zuweilen eben auch von jenen professionellen „Anarchisten des Universellen“, wie Schriftsteller einmal bezeichnet werden. Die Geschichten sind mal kürzer und manchmal dutzende Seiten lang, kreisen um oder bewegen sich zu auf eine Kuriosität. Es schwingt in ihnen eine sentimentale Note mit, oder es herrscht ein ironischer Grundton. In der Titelgeschichte „Spiel auf vielen Trommeln“, entstanden während Tokarczuks Zeit als DAAD-Stipendiatin in Berlin, ist es eine Erzählerin, die von ihrem Küchenfenster aus in den Hof auf eine Wagenburg blickt. Immer mehr taucht sie in diese ihr fremde Welt ein, und sie ist fasziniert vom Trommelspiel, das abends anhebt und einen Rhythmus für dieses andere Leben vorgibt, einen Puls. Gleichzeitig fehlt ihr selbst dieser Takt, die Stadt erscheint ihr konturlos, es ist, als würde sie die Kontrolle verlieren, wenn sie sie mit der Bahn durchquert.  HALTLOSER BLICK  „Mein ganzes offenes, aufnahmebereites, von Eindrücken schwellendes Ich löste sich auf, da mein Blick nichts einfangen konnte.“  Im Original ist dieser Erzählungsband bereits 2001 erschienen, 2006 dann erstmals in Auszügen auf Deutsch in der Übersetzung von Esther Kinsky. Nun liegen alle Texte in der auch die verschiedenen Stimmungen und Töne treffenden Übertragung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein vor. Wie bei vielen großen Autorinnen und Autoren ist auch die Sprache Tokarczuks nicht komplex, nicht experimentell, nicht darauf aus, Kunstfertigkeit auszustellen. Das Geheimnis liegt vielmehr zwischen den oft klar formulierten, eine poetische Aura in sich tragenden Sätzen. Die im vermeintlich Einfachen verborgene Poesie aber in eine andere Sprache hinüberzuretten, ist gar nicht so einfach. Palmes und Quinkenstein gelingt das vortrefflich.

8 de jul de 20264 min
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Achtung, Achtsamkeit! Der neue Roman „Einatmen. Ausatmen.“ von Maxim Leo

Meditation, Yoga, Waldbaden, Energiearbeit, Ayurveda – das und noch einiges mehr bietet die „Academy“. Ausgebrannte Overachiever können hier regenerieren, aufstrebende Führungskräfte sich den Habitus der Empathie antrainieren. Marlene Buchholz hält zwar wenig von solchem Psychokram, aber sie wird von der Konzernleitung der „Aviola“ zur Teilnahme verdonnert. Denn manche Mitarbeiter werfen ihr einen kalten Führungsstil vor – ein Hindernis für ihren anstehenden Karrieresprung zur CEO des Unternehmens.  „Zuerst hatte sie es für einen Witz gehalten, aber dann merkte sie, dass Dr. Finckenstein es wirklich ernst meinte. ‚Sie gehen zu Alex Grow, ein ausgezeichneter Unternehmens-Coach’, sagte er. ‚Es gibt Intensivkurse, zwei Wochen lang in einem kleinen Schloss in Brandenburg. Danach sprechen wir uns wieder.‘“  Alex Grow – der Name ist Programmmusik, wie so vieles im neuen Roman des Schriftstellers Maxim Leo. AUGENZWINKERN UND TRÄNEN  Der Achtsamkeitsbetrieb mit seinem Jargon und seiner ganz eigenen Betulichkeit ist ergiebiger Stoff für Komödien. Maxim Leo liegt es jedoch fern, die Komik ins Schmerzhafte zu treiben. Ein bisschen Augenzwinkern – unbedingt. Etwa wenn ausgerechnet der Super-Coach Alex Grow, der äußerlich als Profi der Tiefenentspannung auftritt, seine innere Panik kaum noch kontrollieren kann.  Marlenes anfängliche spöttische Reserviertheit aber wird nach alter psychoanalytischer Manier bald als „Widerstand“ erkennbar: Die Business-Frau will nicht heran an ihre Gefühle, weil sie diese seit ihrer Kindheit zu verdrängen gelernt hat. Während einer Familienaufstellung in der Academy brechen dann die Tränen und Einsichten über sich selbst, ihre Mutter und die Kriegserlebnisse ihrer Großmutter nur so aus ihr heraus:   „Sie begann zu ahnen, wie das Drama der Großmutter, die Kälte der Mutter und ihre eigenen Beziehungsprobleme zusammenhingen. Sie verstand, dass das Böse durch die Generationen wandert, so lange, bis man sich ihm stellte. Dass ein Gefühl sich nicht mit Schweigen begraben ließ. Es war schwer für sie, das alles an sich heranzulassen.“ GÄNGIGE MUSTER UND THEMEN  Für Marlene mögen dies überraschende Enthüllungen sein. Nicht aber für die Leser, die an dieser Stelle des Romans kaum etwas anderes erwartet haben dürften als den zeitgemäßen Rekurs auf „transgenerationale Traumata“. Auch sonst reichert Maxim Leo den Plot mit gängigen Debattenthemen an. Da gibt es zum Beispiel in der Nähe des Schlosses ein Protestcamp im Wald. Dort ketten sich Demonstranten an die Bäume, damit diese nicht gefällt werden für den Bau einer riesigen Geflügelmastanlage.   Eine klaffende Leerstelle bleibt dagegen die Firma „Aviola“. Was wird dort produziert und welche Leistungen haben Marlene so weit nach vorne gebracht? Solche Details wären nicht unwichtig in einem Roman über eine Managerin. Maxim Leo begnügt sich mit ein paar austauschbaren Business-Sprechblasen. WUNDERSAME WANDLUNG Endgültig verliert der Roman die psychologische Bodenhaftung, wenn es um Marlenes wundersame Wandlung im Zeitraffertempo geht. Wichtigen Anteil hat dabei ihre rasch aufblühende Freundschaft ausgerechnet mit dem Hausmeister des Achtsamkeits-Schlosses. Günther Mattissen (man sieht den Schauspieler Charly Hübner in einer möglichen Verfilmung schon vor sich) gibt sich anfangs schroff, taut dann aber auf – ein liebenswerter Kauz mit dem Herz auf dem rechten Fleck.   Schon nach wenigen Stunden Bekanntschaft vertritt Marlene ihn am Sterbebett seiner Mutter und wird von der Verwirrten für die endlich gefundene Schwiegertochter gehalten – das ist ebenso rührend gemeint wie schief erzählt. Und wenn Marlene dann noch gemeinsam mit Mattissen Rehe befreit, fragt man sich, was für eine Vorstellung Maxim Leo vom Mindset deutscher Führungskräfte hat. Der Schriftsteller wird gelobt als „Garant für filmreife Geschichten“. Nur dass man dabei diesmal nicht ans große Kino denken sollte, sondern an den ZDF-Fernsehabend mit seinen Kulissen und Klischees.

6 de jul de 20264 min