SWR Kultur lesenswert - Literatur
Dieses Buch stammt unverkennbar von einer begeisterten Reisenden. Martina Zschocke hat nicht nur Forschungsergebnisse zusammengetragen; es schwingt auch eigene Faszination mit. Ob es auch daran liegt, dass ihr während ihrer Jugend in der DDR verwehrt war, wirklich die ganze Welt zu bereisen? Reisen, so sagt sie jedenfalls, öffne buchstäblich alle Sinne. Und mehr noch: „Das andere ist, dass durch Reisen einfach ’ne ganz grundlegend positive Stimmung kommt – also auch mehr Aufmerksamkeit, mehr Konzentration, einfach darauf basierend, dass insbesondere Neues sehr viel Dopamin ausschüttet – also, das ist eines unserer besten Neurotransmitter, die wir so haben – was natürlich dazu führt, dass es eben einfach auch dieses Wohlgefühl macht. Das hängt natürlich stark von der Reiseform ab.“ VOM BALLERMANN BIS ZUM SCHWEIGERETREAT: FORMEN DES REISENS Von vielen Reiseformen erzählt die Psychologin in ihrem Buch. Vom atemlos-flüchtigen Erleben der Sensationslustigen ebenso wie vom kontemplativen Wandern in den Bergen mit seiner Wirkung buchstäblich auf Leib und Seele. Das Buch betrachtet, wie Menschen ihre Reise vorbereiten, wie sie sich dann auf den Weg machen, wie sie am Ziel ankommen und wie sie später auf ihre Reise zurückblicken. Alles basiert auch auf der langjährigen eigenen Untersuchung der Autorin. Interessant ist nicht zuletzt, was Reisen eigentlich bewirken kann. REISEN FÖRDERT KREATIVITÄT Unter anderem kann es Kreativität fördern. Martina Zschocke hat dazu mit vielen Kreativen gesprochen: mit Schriftstellern und Dichtern, mit Fotografen, Architekten und Komponisten. „Was ganz interessant war, was viele gesagt haben, dass die Transiträume für die meisten sehr stimulierend sind: also Züge, Bahnhöfe, Cafés, also so Übergangsräume zwischen innen und außen, das so bei vielen dazu führt, dass eben genau dieses Bei-sich-Sein und gleichzeitig Draußensein ja auch so ne sehr stimulierende Wirkung hat. Wobei es da auch ein bisserl domänenabhängig ist: Also, zum Beispiel Architekten haben mir immer erzählt, dass sie in Flugzeugen kreativ werden – was interessant war, weil des nur bei denen war, bei allen anderen nicht – Dichter und Schriftsteller haben eher so Züge gesagt, Flugzeuge und Flughäfen gar nicht aber das sind natürlich Spezifika.“ Wer anders als die Kreativen das ganze Jahr über im Büro oder auf dem Bau arbeitet, der erwartet tendenziell anderes von seiner Reise: Erholung. Aber die zu finden, ist gar nicht so leicht. „Also, bei Erholung ist ganz wichtig, dass eigentlich man erst mal grundsätzlich wissen muss: Was sind die aktuellen Bedürfnisse zu dem jeweiligen Zeitpunkt – und eben nicht das zu machen, was alles machen oder was gerade auf Social Media gehypt wird, sondern wirklich zu wissen: Was braucht man gerade jetzt am meisten für sich?“ SELBST ERLEBEN STATT INSTANT-GLÜCK AUF INSTA Viele lassen sich nach Martina Zschockes Beobachtung eben doch davontragen: von Reiseberatungs-Apps oder den sogenannten sozialen Medien. Gerade der Einfluss von Instagram und Co. drängt das wirkliche Erleben zurück: das Sich-treiben-lassen, um die Welt selbst zu erkunden, mit allen Sinnen. Die Autorin plädiert für diese Form des Reisens, denn dann weite sich entscheidend der Blick. „Manchmal sind’s die Kleinigkeiten am Rand, die man irgendwie entdeckt und dann einen tiefen Eindruck machen – also die, mit denen man eher in Resonanz geht oder die mich eher ansprechen. Also, das ist oft eben genau das, was unerwartet kommt und überraschend kommt, und das kann eben einfach auch ein Lebensstil, eine Lebensweise, eine Art sein, ein bestimmtes Licht, eine bestimmte Art zu bauen, zu leben, zu sein, bestimmte Farben. Alles mögliche.“ Dieses höchst anregende Standardwerk erfüllt eine doppelte Funktion: Zum einen beschreibt es das Reisen umfassend auf wissenschaftlichem Niveau. Zum anderen taugt es mit etwas Weiterdenken als praktische Anleitung auch für Laien: wenn man nämlich selbst eine unvergessliche Reise planen und erleben möchte.
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