SWR2 Kultur Aktuell
Die Opernfestspiele Heidenheim [https://www.opernfestspiele.de/]haben sich zu einem der wichtigen Opernfestivals der vergangenen Jahre gemausert, nicht zuletzt durch Inszenierungen der frühen Opern Giuseppe Verdis, die von Festspielintendant Marcus Bosch in der Chronologie ihrer Entstehung aufs Programm gesetzt werden. 2026 steht Verdis düstere Shakespeare-Vertonung des „Macbeth“ in einer Inszenierung von Andreas Baesler auf dem Programm. Gespielt wird nicht die bekannte, von Verdi für die Pariser Uraufführung überarbeitete Fassung, sondern die selten gespielte Urfassung von 1847. SWR Kultur Opernredakteur zeigt sich angetan von der Inszenierung und der musikalischen Interpretation. Die Hexerei des Theaters Wer oder was sind die Hexen? Eine entscheidende Frage für Giuseppe Verdis „Macbeth“, die auch die literarische Vorlage von William Shakespeare nicht so einfach beantwortet. Sind sie eine Kraft, die mit Zauberei manipuliert oder sind sie veräußerlichter Ausdruck von Macbeth unterbewusstem Willen zur Macht, den sie ihm lediglich bestätigen? Bei den Opernfestspielen in Heidenheim sind sie in der Inszenierung von Andreas Baesler die oft verkannte Macht im Hinter- und Untergrund einer Opernbühne: Bühnenarbeiterinnen, die die Szene herrichten für ein Rollenspiel, das sie subtil beeinflussen. Ihre Zauberei ist die des Theaters mit seinen Mitteln zwischen Illusion und Wirklichkeit. Das ist perfekt inszeniert, einschließlich eines durchaus ironischen Tanzes mit dem Besen in der großen Prophezeiungsszene des dritten Aktes und fabelhaft gesungen vom alles überstrahlenden Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn, der auch das übrige wankelmütige Theatervolk darstellerisch wie sängerisch exzellent realisiert. Theater über Theater Das Ende ist schon der Anfang, wenn sich der Theaterkönig Duncan – eine stumme Rolle – nach Ende der Vorstellung eines Königsdramas im Hermelin- und Pupurmantel während des Vorspiels verbeugt. Alsbald sorgen die Hexen dafür, dass Macbeth sich diesen Mantel des königlichen Darstellers anpassen und überstreifen will. Begleitet wird er dabei von seinem Kampfgefährten Banco, der hier den Dirigenten am Klavier gibt – mit machtvoll dunklem Bass hervorragend von Don Lee gegeben – und den er alsbald an den Tod verraten wird, den er auch dem Theaterkönig hinter der Bühne in seiner Garderobe bereitet. Ein finster-ironisches Königsdrama der Bühne auf der Bühne. Lady Macbeth ist hier die Primadonna, die ihren zaudernden Partner und Mann zur Machtergreifung drängt. Sie beide spielen Rollen, die ihnen eigentlich nicht zustehen und an deren Illusion sie auch zerbrechen werden. Hier wird das Theater zum Spiegel der Politik: Hier wie dort geht es um jene Rollenspiele, die die Wirklichkeit manipulieren. Die große Hexenszene macht das deutlich. Die Hexen lassen ihre Prophezeiungen auf dem Proszenium vor dem Vorhang abspielen, Macbeth tritt aus dem Zuschauerraum auf die Bühne. Und auch er erliegt den einfachen Tricks des visionären Illusionismus dieser Theaterhexen. Er besteht aus einfachen Lichteffekten mit den Falten des Bühnenvorhangs. Hier nutzt die Regie brillant die Begrenzungen der Mittel der Opernfestspiele. Auch das ein Theater über Theater. Ein vokaler Drahtseilakt Allein Lady Macbeth scheint das Rollenspiel zu beherrschen, wandelt sich mit ihrem Kostüm vom nächtlichen Schwarz über das blutige Rot des Staatsempfangs im zweiten Akt bis zum paradoxen Unschuldsweiß des Nachtgewands in ihrer großen Wahnsinnsszene. Denn sie zerbricht am Irrsinn des Machtspiels, während Macbeth zu einem lebenden Toten wird und das ganze Theatergebäude verfällt. Leah Gordon hat sich die Lady regelrecht einverleibt. Es lässt sich kaum sagen, welche Stimme sie hat. Mal ist sie divenhafte Stimmmacht, dann Domina, schließlich kindliche Unschuld und dann wieder mezzohafte Geschlechtsuntiefe. Leah Gordon beherrscht alle diese Stimmfarben: eine echte Offenbarung in dieser Partie. Dagegen ist Thomas Weinhappel brüchiger, auch stimmlich der Zauderer, der an seinen Bruder im Geist erinnert, an Hamlet, der ein Guter ist, aber damit das Böse schafft, während der zaudernde Macbeth genau dadurch dem Bösen erliegt. Für die Lady wünschte sich Verdi eine hässliche Stimme. Davon kann bei der großartigen Leah Gordon keine Rede sein. Aber Thomas Weinhappel erfüllt diese Brüchigkeit perfekt vom rauen Singen bis hin zum Sprechen, Schreien und Stöhnen seines letzten Todeskampfes, nachdem ihn sein Konkurrent Macduff erdolcht – nobel verkörpert von David Esteban. Die Entdeckung der Urfassung von Verdis "Macbeth" Eine Entdeckung ist die Erstfassung der Oper. Hier klingt noch mehr von der Zirkusmusik an, der Verdi in der Zweitfassung das grell Ironische entzieht, wenn beispielsweise König Duncan ins Schloss und hier auf die Bühne zurückkehrt, zu einer der banalsten Bühnenmusiken, die Verdi je für eine Banda geschrieben hat. Dieser ironisch absichtsvolle Kommentar ist gewollt und konsequent als Auftritt des Schmierenkomödianten inszeniert, um den Theaterkönig zu geben: Mehr Schein als Wirklichkeit. Die Cappella Aquileia spielt unter der mehr als souveränen, immer subtil die Stimmen begleitenden Leitung von Marcus Bosch, teilweise historisch informiert. Das betrifft vor allem die Blechinstrumente mit dem Tubaklang des Cimbasso und den Ventilposaunen, Instrumente für die Verdi 1847 komponiert. Das klingt weniger scharf als das moderne Instrumentarium und gibt dem hochgefahrenen, engen aber breiten Graben, wie er damals in Italien üblich war, ein samtiges Klangbett, allerdings in tiefstem Schwarz. Man begreift, warum Verdis Zeitgenossen diese Oper als zu düster abgelehnt haben. In unseren Zeiten der ausufernden Machtspiele nicht nur im Theater passt das perfekt. Jedenfalls auch ein Lehrstück für die politische Kaste, bei der Première durch Cem Özdemir vertreten, der als erster baden-württembergischer Ministerpräsident die Opernfestspiele in Heidenheim besucht hat. Wie alle anderen, konnte auch er eine musikalische und szenische Sternstunde der Verdiinterpretation erleben.
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