SWR Kultur lesenswert - Literatur
„Barbieland“ prangt in weißen Lettern auf dem knallpinken Cover. Dass es sich hier nicht um ein unverfängliches Kinderbuch handelt, verrät nur der kleingedruckte Zusatz am untersten Rand: „Eine kritische Geschichte der berühmtesten Puppe der Welt“. Das stimmt aber nicht ganz, denn eigentlich geht es um den Hersteller Mattel. AUFMÜPFIGE FANS UND SPIONAGEVORWÜRFE STATT HARMONISCHER BARBIE-WELT Mit chirurgischer Präzision arbeitet sich die Investigativjournalistin Tarpley Hitt auf 400 Seiten durch die Unternehmensgeschichte. Die Aufarbeitung von Gerichtsprozessen und Marktentwicklungen verkehrt das Bild der heilen Barbie-Welt ins Negative. So entzaubert die Autorin den Erfindungsmythos ebenso wie die Vorstellung einer harmonischen Barbie-Familie. Denn die vielen Skandale und strengen Patentauslegungen sorgen selbst bei der eigenen Fangemeinde für Unmut. > Nach drei Jahren voller Skandale wurden die Fanclubs bissig. Ein Sammler aus Chicago, Ian Henzel, versuchte, dem Ärger ein Ventil zu geben, baute die Website «PINK ANGER» und rief einen «Pink Out» aus – einen dreißig Tage währenden Barbie-Boykott. > > > Quelle: Tarpley Hitt - Barbieland Genauso pointiert stellt Hitt die schillernden bis zwielichtigen Persönlichkeiten vor, die am Erfolg der Barbiepuppe beteiligt waren. Top-Manager Seymour Rosenberg zum Beispiel oder Designer Carter Bryant. Er wurde von Mattel nach seiner Kündigung mehrfach wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen verklagt. Ein Streit, der sich in ungeahnte Höhen steigerte. „Mattels Anwalt nannte Bryant „einen Doppelagenten von höchstem Range“. Die Gehässigkeiten waren so hässlich und grenzten derart an Gewalttätigkeit, dass die Entscheidung des Gerichts, nach einigen Jahren einen Schlichter einzuschalten, nur angemessen schien: Pierre Richard Prosper war ein ehemaliger Sonderbotschafter und auf Kriegsverbrechen spezialisiert.“ UNTERHALTSAMER WIRTSCHAFTSKRIMI MIT EINIGEN LÄNGEN Solch irrwitzige und zugleich ernste Schlammschlachten, aber auch die mehrfach drohende Pleite und erbitterten Machtkämpfe machen das Buch zum regelrechten Wirtschaftskrimi. Und der ist, trotz juristischer und ökonomischer Details, dank der spielerischen Sprache und vielen anschaulichen Metaphern sehr unterhaltsam. Stellenweise wird es aber etwas redundant, auch weil viele Fälle ähnlich gelagert sind und trotzdem bis ins kleinste Detail nacherzählt werden. Und hin und wieder verliert sich Hitt in Exkursen, etwa zur Werbepsychologie. Das zieht das Buch in die Länge. Die Energie, die Hitt in diese Recherchen steckt, fehlt am Ende: Nach den ausschweifenden Berichten über die vergangenen Jahrzehnte werden die Ereignisse nach 2016 nur dürftig abgefertigt. Dabei fällt in diesen Zeitraum auch der Kinohit „Barbie“, der den Hype erneut entfachte. Fast scheint es, als sträube sich Hitt, dem Unternehmen seinen langfristigen Erfolg zuzugestehen. KRITISCHER BLICK AUF DIE UNTERNEHMENSWELT Im Zentrum stehen eindeutig die kritischen Aspekte. Zum Beispiel die prekären Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern, Streiks und moralisch fragwürdige Finanzmanöver. Etwa die Vorwürfe der ehemaligen Senior Vice President Michelle Greenwald. „Sie berichtete, [dass] Mattels gigantisches jährliches Wachstum zum Teil auf sogenannte «Push-Programme» zurückzuführen sei. Mattel [stellte] heimlich eine Zahlung an Disney in Höhe von neunzehn Millionen Dollar zurück, was die Gewinne um fünfzehn Prozent nach oben korrigierte.“ Die Reportage macht deutlich, dass auch in der mit Spiel und Spaß assoziierten Spielwarenindustrie brachiale Geschäftsmethoden und Machtkämpfe an der Tagesordnung stehen. Hitts Buch ist also nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit Barbie-Hersteller Mattel. Vielmehr steht die hier nacherzählte Erfolgsgeschichte exemplarisch für eine Unternehmenskultur, die von einer rücksichtslosen Profitgier getrieben ist. Damit ist „Barbieland“ auch eine deutliche Kritik am kapitalistischen System an sich.
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