SWR2 Kultur Aktuell
DAGMAR BERGHOFF BEIM SWF IN BADEN-BADEN Die Spurensuche beginnt eher unglamourös: Auf einem betonierten Parkplatz auf dem SWR-Gelände. Es nieselt. Zusammen mit Bettina Reiss gehe ich über den Parkplatz, oben am Haus des Hörfunks. Bettina Reiss arbeitet im Fotoarchiv des SWR. Sie hat ein altes Bild von Dagmar Berghoff aus deren Zeit beim Südwestfunk mitgebracht. Es zeigt Berghoff, die an einem weißen Auto steht. Bettina Reiss und ich stehen am Waldrand und lassen das Foto auf uns wirken: Die Berghoff von damals trägt ein elegantes schwarzes Kleid und lacht in die Kamera. Es ist das Jahr 1975 – ihr letztes Jahr in Baden-Baden. Dass sie nur ein Jahr später eine eiserne Regel in der damals noch männerdominierten ARD brechen wird – das weiß Berghoff im Moment der Aufnahme noch nicht. DURCH EINEN ZETTEL AM SCHWARZEN BRETT ZUM SÜDWESTFUNK Spulen wir zurück ins Jahr 1967. Da heuert Berghoff beim Südwestfunk an. > Bei mir war's so: Ich habe drei Jahre lang eine Schauspielschule besucht. Dann hing bei uns ein Zettel am Schwarzen Brett, auf dem stand: Südwestfunk sucht junge Dame, die Fernsehansagen machen will, Rundfunksprecherin sein möchte und im Hörspiel, Fernsehspiel tätig sein will. > > > Quelle: Dagmar Berghoff VOM „TELEFONFRÄULEIN“ IM HÖRSPIEL BIS ZUR FERNSEHANSAGERIN Auf der Suche nach Berghoffs ersten Sprechversuchen tauche ich mit Hörfunk-Archivarin Katharina Stephan ab in die Katakomben des SWR. Über hundert Regalreihen gibt es. Bei Regalreihe 49 biegen wir links ab. Katharina Stephan zieht ein gebundenes Buch mit vergilbten Manuskripten aus dem Jahr 1968 heraus: „Duell im Stile der Zeit“, ein Hörspiel von Charles Cohen. Dagmar Berghoff spielt darin ein „Telefonfräulein“. Ihr Einsatz kommt bei Minute 8: „Zentrale“, sagt sie. Auf die Frage des Anrufers, ob sie ihn verbinden könne, antwortet sie: „Das ist leider nicht möglich.“ In ihren neun Jahren beim SWF in Baden-Baden werden die Aufträge größer. Berghoff moderiert Musiksendungen, sagt das Programm im Fernsehen an. ZUM ABSCHIED DANN DOCH NOCH DIE NACHRICHTEN Eine Aufgabe blieb ihr dort jedoch fast bis zum Schluss verwehrt: Das Nachrichtensprechen. Frauen galten als „zu emotional“ – man befürchtete, sie könnten in Tränen ausbrechen. An Berghoffs letztem Tag beim SWF kam es jedoch zu einem Vorfall, der sie schon sanft anklingen ließ: die „neue“ Ära. > Ich saß im Studio, da kam ein hochroter Redakteur rein und sagte: „Unser Nachrichtensprecher ist nicht da!“ Da sag ich: „Ja hier dürfen Frauen nicht Nachrichten sprechen – das müssen Sie machen!“ Sagt er: „Ich?? Nein, auf keinen Fall!“ Da hab ich mich dann vom Südwestfunk tatsächlich mit Nachrichten verabschiedet – im Bild. Zum ersten Mal eine Frau dort. Das war im Nachhinein dann so zeichengebend. > > > Quelle: Dagmar Berghoff In der Tat. 1976 zieht die gebürtige Berlinerin nach Hamburg und wird schließlich vom damaligen Tagesschau-Chefsprecher Karl-Heinz-Köpcke als erste Frau ins Sprecherteam aufgenommen. > Das war Stress für mich. Ich dachte, wenn ich jetzt versage – dann ist dieser Beruf für uns Frauen auf lange, lange Zeit verloren. Ich wusste: Ich musste auf Anhieb gut sein. > > > Quelle: Dagmar Berghoff Und das ist sie: Am 16. Juni 1976 spricht Berghoff fehlerfrei und in der für sie typischen preußisch-zurückhaltenden Art ihre erste Ausgabe – „wundersamerweise“ ohne Tränen. 1995 wird sie noch für ein paar Jahre Chefsprecherin, um sich schließlich am 31. Dezember 1999 aus dem Beruf zu verabschieden. Und wenn man hier ganz genau hinschaut, dann kann man sich durchaus einbilden, dass sie beim allerletzten Satz, den sie vor dem ikonischen blauen Hintergrund sagt, feuchte Augen bekommt. > Ja, meine Damen und Herren – das war's für mich für's Erste. Ich danke Ihnen, dass Sie immer wieder unsere 20-Uhr-Tagesschau als Ihre Nachrichtensendung gewählt haben. [...] Und damit tschüss von diesem Platz. > > > Quelle: Dagmar Berghoff
10846 Folgen
Kommentare
0Sei die erste Person, die kommentiert
Melde dich jetzt an und werde Teil der SWR2 Kultur Aktuell-Community!