Kleiderhaufen als Tatort einer Affäre: „Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie
Anfang der 2000er-Jahre hatte Annie Ernaux [https://www.swr.de/kultur/literatur/annie-ernaux-die-besessenheit-100.html] eine Affäre mit dem Fotografen und Journalisten Marc Marie. Als sie sich kennenlernten, stand Ernaux kurz vor einer Brustkrebs-OP.
Wie verändern sich Lust und Intimität, wenn der eigene Körper schwer krank ist? Und wie hält man eine solche Affäre fest?
NACH 20 JAHREN ERSTMALS AUF DEUTSCH
Annie Ernaux und Marc Marie haben einen Weg gefunden: Sie haben Fotos gemacht von den Kleidern, die sie sich am Vorabend beim Sex von den Leibern gerissen haben.
Und sie haben zu diesen Fotos Texte geschrieben. Völlig frei, ohne dem anderen den Text zu zeigen und ohne darüber zu sprechen, bis alle fertig waren.
„Kompositionen“ nennt Annie Ernaux die Ergebnisse. Daraus ist das Buch „L‘usage de la photo“ entstanden, das 2005 in Frankreich erschienen ist und nun unter dem Titel „Auf den Bildern“ erstmals von Sonja Finck ins Deutsche übersetzt wurde.
EIN KLEIDERHAUFEN ALS FOTOGRAFISCHES STILLLEBEN
Die Autorin und Romanistin Julia Schoch [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-02-03-102.html] begleiten die Bücher von Annie Ernaux schon lange: Sie hat sie begeistert gelesen, als Ernaux hier in Deutschland noch eine Unbekannte war.
Und ähnlich wie Annie Ernaux arbeitet auch Julia Schoch mit autofiktionalen Texten, wie in ihrer Trilogie „Biografie einer Frau“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-02-03-102.html].
Im Gespräch mit SWR Kultur sagt Schoch, diese Kleiderhaufen-Stillleben wirkten wie Tatorte: „Da liegen praktisch die Beweise einer Nacht. Einerseits beschreiben die beiden ihre Klamotten, die da rumliegen, aber auch die Räume oder was an dem Tag passiert ist.
Eigentlich sind die Fotos gar nicht so sehr Erzählungen darüber, was jetzt wirklich zwischen den Körpern passiert ist, sondern eher Assoziationsauslöser.“
EINE AFFÄRE VOR DEM HINTERGRUND EINER KREBSERKRANKUNG
Und diese Assoziationen nehmen weite Wege: Die beiden verbringen einige Tage in Brüssel.
Ein Foto aus dem Hotelzimmer zeugt davon: Man sieht im Hintergrund ein offenes Fenster, in der Bildmitte ein Bett mit zerwühlter Bettwäsche, davor ein Tischchen mit den Resten eines Frühstücks. Rechts ragen ein paar dunkelrote Rosen ins Bild.
Während Annie Ernaux erzählt, wie sie sich in diesem Zimmer Marc Marie zum ersten Mal ohne Perücke gezeigt hat, denkt Marc Marie darüber nach, dass er in demselben Hotel einige Jahre zuvor den Tod seiner Mutter zu verarbeiten versuchte.
Das Seltsame: Auch Annie Ernaux war, lange bevor sie Marc Marie kennenlernte, ebenfalls in diesem Brüsseler Hotel und hatte kurz danach vom Tod ihrer Mutter erfahren.
Intimität drückt sich in diesen Fotos also nicht nur auf der Bildebene aus. Auch in den Texten treffen und berühren sich Ernaux‘ und Maries Assoziationen.
DIE LIEBENDEN LASSEN SICH VOM KREBS NICHT AUFHALTEN
Durch den ganzen Band zieht sich, mal mehr, mal weniger präsent, Annie Ernaux‘ Krebsbehandlung. Man sieht sehr private Fotos von Annie Ernaux‘ Spitzenunterwäsche, die auf ihrem Wohnzimmerboden liegt, dazu Beschreibungen, wie die Therapie ihren Körper verändert.
Marc Marie nennt sie im Scherz einmal „keine richtige Krebspatientin“, weil Ernaux zwischen zwei Chemotherapie-Sitzungen mit ihm eine Reise nach Venedig unternimmt, auf der sie „wie zwei verliebte Teenager“, so Julia Schoch, die größten Albernheiten begehen.
Ihre Krebsgeschichte webe sich beiläufig, beinahe elegant in Ernaux‘ Fototexte ein, findet Julia Schoch.
KLEINE BILDAUSSCHNITTE MIT GROSSER AUSSAGE
Die meisten der vierzehn Fotos wurden in Annie Ernaux’ Haus in der Nähe von Paris aufgenommen. Mit den Bildern bewegen wir uns durch ihr Haus:
Wir erfahren, dass sie in der Küche mit den gelb-blauen Fliesen im Schachbrettmuster morgens einen Orgasmus hatte. Wir sehen, wie das kalte, graue Winterlicht auf den Teppichboden im Schlafzimmer fällt.
Jedes Foto zeigt nur einen engen Ausschnitt des Raumes. Im Schlafzimmer etwa sehen wir links in einem Foto nur die Bettkante mit einer weißen Tagesdecke. Auf dem blassgelben Teppichboden liegt ein bunter Kleiderhaufen, in dem man einzelnen Kleidungsstücke gar nicht erkennt.
Im Bildhintergrund ist eine offene Tür, vor ihr liegt ein schwarzer Kleiderhaufen und daneben zwei Männerschuhe. Ein harmloses Bild, bei dem Annie Ernaux jedoch schreibt, sie sehe in diesem Foto den Tod ihres Körpers.
Und auch Marc Marie schreibt: „Ich sehe dort nicht mehr die Spuren unserer Gegenwart, sondern unsere Abwesenheit, wenn nicht gar unseren Tod.“
Das sind die besonders spannenden Momente, findet Julia Schoch: Wenn sich die Texte von Ernaux und Marie nahekommen, obwohl sie ja gar nicht wussten, was der andere über das Foto schreibt.
WAS KÖNNEN FOTOS LEISTEN?
„Auf den Bildern“ sei ein Buch über Fotografie und über die Frage, was Fotos leisten können, so die Autorin Julia Schoch: „Es ist der Versuch in einem Bild, das Flüchtige und das Vergängliche der Liebe und des Sex einzufangen, obwohl man gleichzeitig weiß, dass das nicht funktioniert.“
Das ist auch das große Thema der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. In „Auf den Bildern“ hält sie fest:
> „Ich will nur Texte schreiben, die niemand sonst verfassen kann“.
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> Quelle: Annie Ernaux, Marc Marie - Auf den Bildern
Das, worüber sie schreibt, kommt aus ihrem Leben: Wie sie, geboren 1940, als Kind einfacher Leute in Nordfrankreich aufgewachsen ist, sich von dieser Arbeiterherkunft freigemacht und als erste in ihrer Familie studiert hat.
Annie Ernaux erzählt von ihrem Klassenwechsel und ihrer Emanzipation auch anhand körperlicher Erfahrungen: Die Pubertät, eine Vergewaltigung, eine Abtreibung – all das spart sie nicht aus.
Sie sei eine „Ethnologin ihrer selbst“. Doch Julia Schoch ist der Ansicht, Ernaux sei keine Chronistin, die historische Momente festhalte.
Sie beschreibe in ihren autofiktionalen Texten das „Verfließen von Zeit“, so Schoch: „Es geht immer um die Frage, wie kann man Veränderung beschreiben? Wie kann man die Veränderung festhalten, was ja eigentlich ein Paradox ist?“
FOTOS ALS AUSLÖSER FÜR ERINNERUNG
Annie Ernaux sei sich bewusst, dass ein Foto nur einen Ausschnitt eines Ereignisses zeige und vor allem ein Auslöser sei, um Erinnerungen hervorzuholen. Das passt auch zum originalen französischen Titel dieses Buches: „L’usage de la photo“, auf Deutsch „Vom Nutzen der Fotografie“.
Fotos sind bei ihr der Ausgangspunkt für eine Erinnerung, der sie literarisch nachgeht. Ein Verfahren, das sie später intensiv in ihrem Buch „Die Jahre“ verwendet. Dort werden Fotos allerdings nur beschrieben und nicht abgedruckt.
Julia Schoch glaubt, dass Annie Ernaux‘ Krebserkrankung sowas wie ein Beschleuniger für ihre Art des Schreibens gewesen sei:
Ernaux habe sich, nachdem 2005 „L’usage de la photo / Auf den Bildern“ in Frankreich erschienen ist, nicht lange mit formalen Spielchen aufgehalten, sondern in ihrem darauffolgenden Buch „Die Jahre“, das 2008 in Frankreich erschien, die Idee der Fotobeschreibungen ausgeweitet hin zu einer „sozialen Collage“, so Schoch.
FOTOSZENEN LEBEN IM KOPF DER LESENDEN WEITER
Doch eine Sache bleibt auffällig: Das, was ein Foto nicht zeigt. In dem Band „Auf den Bildern“ sind die beiden Liebenden nie zu sehen. Die Fotos fangen quasi ihre Abwesenheit ein. Und ihre Spuren mit den in den Zimmern verteilten Kleidern und den leeren Weingläsern.
Das lässt Raum für Assoziationen bei den Leserinnen und Lesern und das ist die eigentliche Hoffnung der Autorin Ernaux, wie sie in ihrem Vorwort schreibt: Einen erotischen Moment könne man weder festhalten noch abbilden.
Der Realität komme man am nächsten, wenn sich die Fototexte in den Köpfen zu eigenen Szenen verwandeln, so der Wunsch der Autorin.
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