SWR Kultur lesenswert - Literatur
EIN GANZ PERSÖNLICHER ROMAN „Monika“, steht auf der Widmungsseite. Nicht „Für Monika“ oder „Für meine Frau“, sondern einfach nur „Monika“. Das ist viel mehr als jede Zueignung. Monika Helfer [https://www.swr.de/kultur/literatur/schriftstellerin-monika-helfer-ist-tot-100.html] ist alles, und sie ist auch Teil dieses Buches. Michael Köhlmeier [https://www.swr.de/kultur/literatur/michael-koehlmeier-die-verdorbenen-100.html] hat mit „Mein privates Glück“ einen ganz persönlichen Roman geschrieben, autobiographisch, ja, aber nicht in dem Sinne, dass da einer sein Leben erzählt und sich für besonders wichtig hält. Vielmehr ist es seine Familiengeschichte, die Erkundung der Existenz, ein Band voller Geschichten, aber so, dass der, der da „ich“ sagt, mehr Beobachter und Erzähler ist als Mittelpunkt. Selbstverständlich kommt auch Monika Helfer, mit der Köhlmeier seit 1981 verheiratet war, als Gesprächspartnerin darin vor. Es ist von besonderer Tragik, dass sie kurz vor Erscheinen dieses großartigen Buches gestorben ist. DIE FRAGE NACH GOTT Die beiden waren ein äußerst produktives und sehr erfolgreiches Autorenpaar. Dass sie auch große Liebende waren, ergibt sich aus allem, was sie über die Liebe wussten und schrieben, und es ergibt sich erneut aus „Mein privates Glück“. Da kommt Monika Helfer als diejenige vor, die ihrem Mann rät, seine Träume aufzuschreiben. Oder die beiden diskutieren beim Frühstück darüber, warum es in Entenhausen keine Religion gibt. „Nie gehen Onkel Donald und seine Neffen Tick, Trick und Track sonntags in die Kirche. Es gibt keinen Pfarrer, keinen Pastor, keinen Rabbi, keinen Prediger. Nie betet jemand. (…) Monika sagte: ‚Weil in Entenhausen nicht gestorben wird. Wo nicht gestorben wird, dort gibt es keine Religion.‘“ Die Frage nach Gott taucht immer wieder auf, so wie auch der Tod allgegenwärtig ist. All die Figuren, die einem bei der Lektüre ans Herz wachsen, sind längst tot: der Vater, die Mutter, die Großmutter, Tante Helga, Onkel Otto und so fort. Doch wenn er von der Beerdigung der Oma erzählt, ist sie, weil er nicht chronologisch vorgeht, im nächsten Kapitel wieder da und erzählt dem kleinen Michael blutrünstige Schauergeschichten. Das Erzählen – so die Erfahrung – überwindet den Tod. Und so sind sie allesamt Erzähler in dieser großen Familie. DIE UNBEKANNTEN ELTERN Köhlmeier beginnt damit, wie er, noch keine fünf Jahre alt, zusammen mit seiner Schwester in Lindau am Bahnhof von einem Mann abgeholt wird, der sein Vater ist und den er als „Herr Arnold Köhlmeier“ anspricht. Weil die Mutter schwer krank war, nach einem Schlaganfall im Koma, halbseitig gelähmt und ihr Leben lang gehandicapt, wurden die Kinder für zwei Jahre zur Verwandtschaft nach Coburg gegeben. Auch die Frau, die in einem weißen Metallbett liegt, ist dem Jungen unbekannt. „Niemand hatte mir gesagt, wer uns nach der langen Eisenbahnfahrt erwartet. Tante und Onkel, Großmutter und auch meine Schwester meinten, ich müsse doch wissen, dass ich einen Vater und eine Mutter habe. Weil doch jeder Mensch einen Vater und eine Mutter hat. Ich wusste es nicht.“ EINE BEREICHERNDE LEKTÜRE Von da aus aber entwickelt Köhlmeier seine Familiengeschichte. Alles, was er über den Vater mit seinen drei Geliebten, der seiner kranken Frau doch treu ergeben war, schreibt. Alles, was wir über das Leid der Mutter und die übrige Verwandtschaft erfahren, sind Liebeserklärungen, weil sie alle mit ihren Nöten, Ecken und Kanten in ihrer Unvollkommenheit erfasst und doch stark und würdevoll gezeichnet werden. Köhlmeier ist ein großer Erzähler. Er hat die Gabe, alles Unglück in einen schwebenden Glückszustand zu verwandeln, ganz ohne Kitsch und ohne Verlogenheit, indem auch die Lebenslügen zur Sprache kommen. So wird aus dem Leben mit all seinen Schicksalsschlägen ein „privates Glück“. Davon lesend zu erfahren, macht auf bereichernde Weise glücklich.
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