SWR Kultur lesenswert - Literatur
Vor 1804 hätten sich nur wenige Besucher in das abgelegene Olevano in den Monti Prenestini verirrt, schreibt der Kunsthistoriker Golo Maurer in seiner Studie „Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden“. Doch dann seien die wanderlustigen ‚Tedeschi‘ gekommen, deutsche Künstler: „Sie waren überwiegend jung, überwiegend nicht rechtgläubig, also Heiden, zogen sich an, wie niemand sich eigentlich anzieht, waren dabei oft kränklich und starben auch manchmal. Abends hockten sie palavernd beisammen, des Tags strömten sie aus.“ > Aber nicht zum Holzsammeln oder sonst was Nützlichem, sondern um auf kleinen Brettchen, an denen sie stundenlang hockten, Papierbögen mit feinen Bleistiftstrichen zu bedecken. > > > Quelle: Golo Maurer - Olevano EINE DEUTSCHE KÜNSTLERKOLONIE ENTSTEHT Nach dem Pionier Joseph Anton Koch, einem Maler, der Olevano noch als felsiges Hirten-Idyll inszenierte und damit bekannt machte, wandelten bald junge Landschaftsmaler wie Karl Philipp Fohr, Franz Theobald Horny, Heinrich Reinhold oder Julius Schnorr von Carolsfeld auf den wilden Pfaden des Lazio. Hinzu stießen Dichter wie Wilhelm Waiblinger oder Friedrich Rückert, der seine romantische Gesinnung in die Worte „Ich bin der Welt abhandengekommen“ kleidete. EIN JUNGER HIGH-POTENTIAL AUS DER GOETHESTADT TRITT AUF Zum Kronzeugen der „heroischen“, romantisch produktiven Jahre Olevanos zwischen 1804 und 1829, macht Maurer den Maler Franz Horny. Der „geborene Romantiker“ besuchte zunächst die Fürstliche Zeichenschule in Goethes Weimar. Seine stimmungsvollen Baum-Motive zeigten ... „... eine eigentümliche Fähigkeit, im nur organisch Belebten so etwas wie eine seelische Persönlichkeit, einen individuellen Zustand zu entdecken und wiederzugeben, der durchaus menschliche Züge trägt.“ 1816 durfte Horny mit einem Förderer aus dem Umkreis Goethes eine Italienreise antreten. In Rom tauchte der 17-jährige Hoffnungsträger in den Bienenstock des Caffé Greco ein, einen Treffpunkt deutscher Künstler, die, so Maurer, „dem Vaterland wieder auf die Beine helfen“ wollten, das nach Napoleonischer Besatzung und Wiener Kongress darnieder lag. Die Maler und Dichter trugen ‚altdeutsche Tracht‘, eine Art Mittelalter-Kostümierung, und lange Haare. Golo Maurer nennt sie „reaktionäre Revolutionäre“. > Man floh vor den politisch-gesellschaftlichen Zuständen der Heimat, also vor Restauration und Unterdrückung. > > > Quelle: Golo Maurer - Olevano „Man floh vor einer Gegenwart, die noch heute als Beginn des wissenschaftlich-technischen Fortschritts gilt und die als seelenlos zu bezeichnen damals Mode wurde: Rationale Betriebsamkeit und bürgerlicher Gewerbegeist, Handel, Börse, Automaten, Manufakturen und Dampfmaschinen – eine aus dem gemütlichen Takt langer Jahrhunderte gekommene Menschheit.“ LANDSCHAFTEN WIE AUS DEN MÄRCHEN DER GEBRÜDER GRIMM Eingeschüchtert vom „ewigen Rom“ entwickelten die jungen Maler in den Sommerfrischen in Olevano zwischen Steineichen und Felsen eine Landschaftsmalerei von mittelalterlich-märchenhafter Anmutung, die sich von der dominierenden französischen Kunst absetzte und bald als typisch deutsch geschätzt wurde. Man war, wie Maurer spöttisch sagt, „Landschaftserlebnisweltmeister“. Unter den ‚Olevanern‘ war auch Franz Horny. Er kam 1817 in die Monti Prenestini, die er als „Zauberland“ empfand. Trotz seiner Tuberkulose aquarellierte und zeichnete er in früher Meisterschaft Landschaften, die aussahen wie aus Grimms Märchen. Er starb 1824, mit nur 25 Jahren, in Olevano. Golo Maurers Buch ist eine grandiose deutsch-italienische Kunst- und Kulturgeschichte. Fast im Plauderton entreißt Maurer die frühromantischen Pioniere dem Vergessen – und amüsiert, etwa, wenn er den romantikfeindlichen Goethe respektlos „den alten Gockel von Weimar“ nennt.
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