SWR Kultur lesenswert - Literatur

Fundiert Fluchen: „Die hohe Kunst des Schimpfens“

4 min · 26. Aug. 2026
Episode Fundiert Fluchen: „Die hohe Kunst des Schimpfens“ Cover

Beschreibung

Schimpfen wie ein Rohrspatz – wer möchte und macht das nicht ab und zu. Auch wenn stilvolles Schelten – wie es der gefiederte Geselle vorlebt – nicht des Menschen Pläsier zu sein scheint. Am wenigsten in einer Gegenwart, die durchfurcht ist von tumben Gehässigkeiten eines amerikanischen Präsidenten, Plumpheiten hetzender Populisten oder Hassreden in sozialen Medien.   DAS WEITE FELD DER BESCHIMPFUNGEN  Dabei ist Sprache so gehaltvoll, um das weite Feld der Beschimpfungen originell zu bestellen, historisch zu düngen und mit literarischen Stilblüten zu schmücken.   > Aasknochen, Blutunke, Klügling > > > Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens Tobias Roth und Wolfgang Hörner begaben sich auf die Suche, erschlossen entlegene, alte Quellen, wühlten in Wörterbüchern, erforschten Dialekte und schauten virtuosen Beleidigern deutschen und internationalen Schrifttums aufs Maul und in die Bücher. Sie brachten reiche Ernte ein, die sie nun in ihrem so kurzweiligen wie bibliophilen Büchlein präsentieren. Auf nahezu jeder Doppelseite ein üppiger Garten neuer Schimpfwörterlüste. In einem wüten Klassiker gegen Klassiker:   „Ein Erzwindbeutel Ruft Johann Heinrich Voss in Richtung Clemens Brentano   Eine völlige Null Nennt Wilhelm von Humboldt Matthias Claudius. Oder:  Mit größerer Majestät ist wohl noch nie ein Verstand still gestanden Wettert Georg Christoph Lichtenberg gegen Friedrich Gottlieb Klopstock."  EIN DERB GRANTELNDER MOZART   Einer, der derb granteln konnte wie kaum ein zweiter und dann auch noch in Wort und Musik findet sich ein paar Seiten weiter: Mozart. Sein sechsstimmiger Kanon aus dem Jahr 1782 fordert, was er auch in unzähligen Briefen immer wieder verlangte: man möge ihn am bzw. im Hinterteil lecken. Für seine Cousine Maria Thekla Mozart hält er sich diesbezüglich zurück. Mit umso größerem kreativen Eifer:  > Poz Himmel Tausend sakristey, Cruaten schwere noth, teüfel, hexen, truden, kreüz-Battalion und kein End. > > > Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens Ein Füllhorn der Flüche: Mozart wie das gesamte Buch. Es findet sich musikalisches Schelten darin ebenso wie dramatisches, lyrisches oder prosaisches, episches oder auch postalisches. So der Brief der Saporoger Kosaken an den türkischen Sultan Mehmet IV. zu Beginn des osmanisch-russisches Krieges 1676. Er ist wohl ein Höhepunkt diplomatischen Levitenlesens. Wer Ilja Repins berühmtes Gemälde „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“ vor Augen hat, sieht und hört sie förmlich fluchen und fabulieren:  „Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und Lande uns mit dir schlagen, Du Babylonischer Küchenchef, Du Mazedonischer Radmacher, Alexandrinischer Ziegenmetzger, Jerusalemitischer Bierbrauer, Erzaushalter des großen und des kleinen Ägypten“, schimpft Mozart. „Du armenisches Schwein, Du Tartarischer Geißbock, Du Henker von Kamenetz und Taschendieb von Podolsk, Du Enkel des leibhaftigen Satans und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres großen Gottes Dummkopf. Schweineschnauze, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufter Schädel!“  Man kann in diesem sorgsam zusammengetragenen Almanach immerzu vor und zurück blättern und stößt allenthalben auf neue Sentenzen, Gedichte, Histörchen, Dialekte oder Kanonaden.   AUCH DIE REZENSENTIN KANN BESCHIMPFT WERDEN  > Bravourdeutsche, Detailkanaille, Fleischverbandsfeuilletonist, Foxtrottel, Vollgermane. > > > Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens Vom wahren Könner Karl Kraus und dem nicht minder gewandten Schopenhauer über Ovid bis Catull zetern sich Große und Kleine durch die Weltgeschichte. Wer die so vergnügliche wie kenntnisreiche „Hohe Kunst des Schimpfens“ studiert hat, ist gewappnet. Kann fürderhin fundiert fluchen. Gegebenenfalls auch gegen die Rezensentin:  > Beckmesser, Literarischer Neuntöter, Rezensentenhund, Cerberus!  > > > Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens

Kommentare

0

Sei die erste Person, die kommentiert

Melde dich jetzt an und werde Teil der SWR Kultur lesenswert - Literatur-Community!

Kostenlos testen

30 Tage kostenlos testen

4,99 € / Monat nach der Testphase. · Jederzeit kündbar

  • Podcasts nur bei Podimo
  • 20 Stunden Hörbücher / Monat
  • Alle kostenlosen Podcasts

Alle Folgen

5725 Folgen

Episode Fundiert Fluchen: „Die hohe Kunst des Schimpfens“ Cover

Fundiert Fluchen: „Die hohe Kunst des Schimpfens“

Schimpfen wie ein Rohrspatz – wer möchte und macht das nicht ab und zu. Auch wenn stilvolles Schelten – wie es der gefiederte Geselle vorlebt – nicht des Menschen Pläsier zu sein scheint. Am wenigsten in einer Gegenwart, die durchfurcht ist von tumben Gehässigkeiten eines amerikanischen Präsidenten, Plumpheiten hetzender Populisten oder Hassreden in sozialen Medien.   DAS WEITE FELD DER BESCHIMPFUNGEN  Dabei ist Sprache so gehaltvoll, um das weite Feld der Beschimpfungen originell zu bestellen, historisch zu düngen und mit literarischen Stilblüten zu schmücken.   > Aasknochen, Blutunke, Klügling > > > Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens Tobias Roth und Wolfgang Hörner begaben sich auf die Suche, erschlossen entlegene, alte Quellen, wühlten in Wörterbüchern, erforschten Dialekte und schauten virtuosen Beleidigern deutschen und internationalen Schrifttums aufs Maul und in die Bücher. Sie brachten reiche Ernte ein, die sie nun in ihrem so kurzweiligen wie bibliophilen Büchlein präsentieren. Auf nahezu jeder Doppelseite ein üppiger Garten neuer Schimpfwörterlüste. In einem wüten Klassiker gegen Klassiker:   „Ein Erzwindbeutel Ruft Johann Heinrich Voss in Richtung Clemens Brentano   Eine völlige Null Nennt Wilhelm von Humboldt Matthias Claudius. Oder:  Mit größerer Majestät ist wohl noch nie ein Verstand still gestanden Wettert Georg Christoph Lichtenberg gegen Friedrich Gottlieb Klopstock."  EIN DERB GRANTELNDER MOZART   Einer, der derb granteln konnte wie kaum ein zweiter und dann auch noch in Wort und Musik findet sich ein paar Seiten weiter: Mozart. Sein sechsstimmiger Kanon aus dem Jahr 1782 fordert, was er auch in unzähligen Briefen immer wieder verlangte: man möge ihn am bzw. im Hinterteil lecken. Für seine Cousine Maria Thekla Mozart hält er sich diesbezüglich zurück. Mit umso größerem kreativen Eifer:  > Poz Himmel Tausend sakristey, Cruaten schwere noth, teüfel, hexen, truden, kreüz-Battalion und kein End. > > > Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens Ein Füllhorn der Flüche: Mozart wie das gesamte Buch. Es findet sich musikalisches Schelten darin ebenso wie dramatisches, lyrisches oder prosaisches, episches oder auch postalisches. So der Brief der Saporoger Kosaken an den türkischen Sultan Mehmet IV. zu Beginn des osmanisch-russisches Krieges 1676. Er ist wohl ein Höhepunkt diplomatischen Levitenlesens. Wer Ilja Repins berühmtes Gemälde „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“ vor Augen hat, sieht und hört sie förmlich fluchen und fabulieren:  „Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und Lande uns mit dir schlagen, Du Babylonischer Küchenchef, Du Mazedonischer Radmacher, Alexandrinischer Ziegenmetzger, Jerusalemitischer Bierbrauer, Erzaushalter des großen und des kleinen Ägypten“, schimpft Mozart. „Du armenisches Schwein, Du Tartarischer Geißbock, Du Henker von Kamenetz und Taschendieb von Podolsk, Du Enkel des leibhaftigen Satans und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres großen Gottes Dummkopf. Schweineschnauze, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufter Schädel!“  Man kann in diesem sorgsam zusammengetragenen Almanach immerzu vor und zurück blättern und stößt allenthalben auf neue Sentenzen, Gedichte, Histörchen, Dialekte oder Kanonaden.   AUCH DIE REZENSENTIN KANN BESCHIMPFT WERDEN  > Bravourdeutsche, Detailkanaille, Fleischverbandsfeuilletonist, Foxtrottel, Vollgermane. > > > Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens Vom wahren Könner Karl Kraus und dem nicht minder gewandten Schopenhauer über Ovid bis Catull zetern sich Große und Kleine durch die Weltgeschichte. Wer die so vergnügliche wie kenntnisreiche „Hohe Kunst des Schimpfens“ studiert hat, ist gewappnet. Kann fürderhin fundiert fluchen. Gegebenenfalls auch gegen die Rezensentin:  > Beckmesser, Literarischer Neuntöter, Rezensentenhund, Cerberus!  > > > Quelle: Wolfgang Hörner, Tobias Roth (Hg.) – Die hohe Kunst des Schimpfens

26. Aug. 20264 min
Episode 500 Jahre gewaltsame Kulturkontakte: Karin Harassers „Des Teufels Leibspeise“ Cover

500 Jahre gewaltsame Kulturkontakte: Karin Harassers „Des Teufels Leibspeise“

Werner Herzog [https://www.swr.de/unternehmen/kommunikation/werner-herzog-2026-100.html] reproduzierte am Set von „Fitzcarraldo" jene kolonialen Strukturen, die der Film vorgeblich kritisierte. Im peruanischen Regenwald formierte sich Widerstand gegen das rücksichtslose Vorgehen der deutschen Filmgesellschaft. Er mündete in die Vertreibung der Filmcrew vom ursprünglich vorgesehenen Drehort.   Produzent Walter Saxer ärgerte sich noch Jahrzehnte später über den international bekannten Sprecher der rebellierenden Awajún. Evaristo Nugkuak habe, wenn er in die Stadt gefahren sei, Ray-Ban und Cowboystiefel getragen, meinte Saxer in einem Interview. Damit hatte er in den Augen des Produzenten offenbar seine Legitimität als „echter Indio“ verwirkt.   INDIGENITÄT ALS WERKZEUG FÜR SOZIALE KÄMPFE  Karin Harrasser, die diese Begebenheit in ihrem neuen Buch „Des Teufels Leibspeise“ schildert, hält nichts von einem derartig essentialistischen Kulturbegriff. Indigenität sieht sie viel mehr als „Prozess und Kraft“ innerhalb der Globalisierung, ein Werkzeug für soziale Kämpfe.   „In Fitzcarraldo können die Indigenen, nachdem sie das Schiff über den Berg geschleppt haben, dieses für ihre eigenen Zwecke requirieren, als Geschenk an die Götter und Vehikel einer Fahrt in die Zukunft. Sowohl für die Awajún als auch für die Ashéninka/Asháninka war der Film vielleicht so ein Vehikel, zumindest aber ein Moment für die Politisierung ihrer Anliegen.“   In sehr unterschiedlichen, fünf Jahrhunderte umspannenden Kapiteln erzählt die Kulturwissenschaftlerin Geschichten gewaltvoller Kulturkontakte zwischen Südamerika und Europa. Sie bedient sich dabei einer ungewöhnlichen Metapher:   > Der Begriff [- das Verschlungene -] ermöglicht uns, noch einmal andere transatlantische Verschlingungsgeschichte und -geschichten zu schreiben. > > > Quelle: Karin Harrasser - Des Teufels Leibspeise „Sie handeln davon, wie sich Europa den Rest der Welt einverleibt hat, aber auch davon, was sich dieser Einverleibung widersetzt hat - was unverdaulich, nicht assimilierbar blieb. Und davon, wie umgekehrt Europa einverleibt wurde.“  KREATIVE EINVERLEIBUNG DES FREMDEN  Indigene Gruppierungen sind in diesen Erzählungen keine passiven Opfer imperialer Beutezüge, sondern Akteure, die sich gekonnt und gewitzt widersetzen und Fremdes kreativ inkorporieren.   In einem Kapitel über jesuitische Musik stellt Harrasser die Frage, warum sich die bolivianischen Chiquitanos für diese Musik interessierten, die ihrer eigenen Missionierung in den Jesuitenreduktionen diente. Warum sangen sie mit? Die mögliche Antwort, die Harrasser in Praktiken der brasilianschen Araweté erkundet, fällt aus europäischer Sicht überraschend aus:  „Die Feinde haben auch die Funktion, neue Lieder zu bringen. Diese Art der Musik trägt bei den Araweté den Namen maraka hin, Zukunftsmusik. In dieser Hinsicht stellt sich das Interesse der Indigenen an der neuen, der europäischen, barocken Musik, die die Missionare brachten, ganz anders da.“  > Die Musik der Fremden (der Feinde) wurde dann vielleicht absorbiert, um Zukunftsmusik zu gewinnen und um das Gemeinwesen zu stärken.“  > > > Quelle: Karin Harrasser - Des Teufels Leibspeise GEGEN SCHEINBAR SELBSTVERSTÄNDLICHE EUROPÄISCHE GRUNDANNAHMEN  Der fundamentale Wert, den es hier zu bewahren gilt, ist der Austausch, nicht die Identität. Immer wieder konfrontiert uns Harrasser mit europäischen Grundannahmen, die nur auf den ersten Blick selbstverständlich sind. Anhand der Begeisterung des Chronisten Peter Martyr für das mittelamerikanische „Kakaogeld“ zeigt sie etwa, dass unsere gegenwärtige Form globalen Wirtschaftens nichts anderes ist als eine „lokale Praxis“, die sich erst im 16. Jahrhundert im Zuge der europäischen Expansion universalisierte.  „Des Teufels Leibspeise“ ist kein Buch, das sich in Bullet Points zusammenfassen ließe, keine zügige Reise von A nach B, sondern eher ein geduldiges Auskundschaften von Trampelpfaden. Selbstreflexiv und theoretisch anspruchsvoll sucht und findet Harrasser Auswege aus dem „Spiegelkabinett europäischer Projektionen“.

Gestern4 min
Episode Ein vielschichtiges und lebendiges Bild des Sudan Cover

Ein vielschichtiges und lebendiges Bild des Sudan

Die 1960er Jahre im Süden des Sudan. Elf Kinder hatte Eddo geboren, zehn sind gestorben. Deshalb hat sie Angst, dass das noch überlebende kleine Mädchen auch sterben wird.  Auf Anraten einer älteren Frau nennt sie es Irinu – die Vielscheißerin. Mit diesem Namen sollte selbst der Tod Abscheu vor ihr haben! Tatsächlich überlebt Irinu, wird von christlichen Missionaren in Lucy umbenannt und eine reizende junge Frau.  Am Todestag ihrer Mutter macht ihr der junge Mann Marco einen Antrag. Sie nimmt ihn an – und wird fortan erfüllen, was ihre Mutter vor ihrem Tod von ihr verlangt hat: All die Kinder zu bekommen, die Eddo verloren hat.   So wundersam beginnt Stella Gaitanos Roman „Eddos goldenes Lächeln“ – voller Mythen und Spiritualität, voller starker Frauen, die es mit dem Tod und gewalttätigen Männern aufnehmen. Doch die Kämpfe um die Unabhängigkeit des Südsudan rücken näher:  „Dann breitete sich Bedrücktheit aus im Dorf, Kugeln zerteilten die Himmelskuppel in der tiefen Finsternis, sirrten eine Zeit lang in der Luft, bis ihr Licht schließlich erlosch wie verirrte Sterne. Menschen suchten Zuflucht in ihrem Dorf und brachten Nachrichten von Tod und Feuer mit, auf den Kleidern getrocknetes Blut von Opfern, die sie nicht hatten bestatten können.“  NEUES LEBEN IN KARTHUM  Marco und Lucy fliehen in den Norden des Landes, in die Hauptstadt Karthum. Sie ziehen zu Marcos Studienfreund Peter und seiner Familie.  Das Urbane und das Arabische brechen in Lucys Leben ein – und der Tonfall des Romans verändert sich, der Personen- und Erzählstimmenkreis erweitert sich:  Peter erzählt seine Geschichte. Er ist mittlerweile Offizier in der sudanesischen Armee. Auch er kommt aus dem Süden, ist aber bei einem arabischen Kaufmann aufgewachsen und anders als Lucy das Leben in der Stadt gewöhnt.  Eine andere Perspektive gehört seiner beeindruckenden Ziehschwester – eine feministische Rechtsanwältin – in deren Leben nicht Mutterschaft im Zentrum steht.  Die verschiedenen Stimmen lassen sich in der überzeugenden Übersetzung von Larissa Bender mühelos am Tonfall unterscheiden und im Zusammenspielt mit dem episodischen Erzählen entsteht ein vielschichtiges und lebendiges Bild des Sudan bis in die 1980er Jahre hinein.  Die politischen Ereignisse – das Abkommen von Addis Abeba, der zweite Bürgerkrieg – schwelen lange im Hintergrund, dann erreichen bewaffnete Kämpfe auch Karthum. Durch die Konzentration auf die Figuren wird deutlich, wie die Politik alle Lebenswege beeinflusst, wie das Misstrauen größer wird, die Gewalt allgegenwärtiger. Aber auch der Gedanke, dass das Zusammenleben verschiedener Religionen und Sprachen grundsätzlich möglich wäre.   FAST SCHON PROPHETISCH  Stella Gaitano wurde 1979 in Karthum geboren, aber ihre Eltern stammen aus dem Süden des Sudans. Mit der Unabhängigkeit des Südsudans 2011 verloren ihre bisherigen Ausweispapiere ihre Gültigkeit und sie musste den Norden verlassen. Seit 2022 lebt sie in Deutschland. Dieser Roman ist im arabischen Original bereits 2018 erschienen – und manche Passagen lesen sich angesichts der Gegenwart im Sudan fast prophetisch:   > Obwohl ich Offizier der bewaffneten Streitkräfte bin, bin ich gegen die Herrschaft des Militärs über einige der zivilen Institutionen. Das ist einer unserer historischen Fehler, der uns wie ein Fluch verfolgen wird. > > > Quelle: Stella Gaitano - Eddos goldenes Lächeln „Das Fieber der Militärputsche, wenn sie von Parteien unterstützt werden, genau wie wir unsere Regierungszeit begonnen haben, wird leider nicht abnehmen, sondern sie werden sich vermehren wie Algen. Selbst der dümmste Soldat hat angefangen, von der Macht zu träumen.“  Der kluge und komplexe Roman spart Konflikte und Gewalt nicht aus, aber wie schon in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Endlose Tage am Point Zero“ gibt es viel Wärme, Humor und sehr originelle Bilder. Da erscheint Lucy der Himmel nackt, „weil er sich seine Wolken nicht übergezogen hatte“ oder brennt die mutige Sonne mit „Kühnheit auf die Köpfe“. Es ist ein einzigartiger Stil einer sehr talentierten Autorin. Hoffentlich wird es noch mehr von Stella Gaitano zu lesen geben!

24. Aug. 20264 min
Episode Hitlers ungeliebter Nobelpreisträger: Der jüdische Krebsforscher Otto Warburg Cover

Hitlers ungeliebter Nobelpreisträger: Der jüdische Krebsforscher Otto Warburg

WIEDERENTDECKUNG EINES BEDEUTENDEN KREBSFORSCHERS  Sam Apple hat sich an einem Spagat versucht, denn anders als der deutsche Titel suggeriert, geht sein Buch weit über den Rahmen einer Biographie hinaus. Der Kaiser von Dahlem erzählt zur Hälfte Wissenschaftsgeschichte.   Rund um Otto Warburg, den 1970 verstorbenen Forscher, dessen Erkenntnisse lange vergessen waren, bis sie Ende des letzten Jahrhunderts von der Zunft wiederentdeckt wurden. Apple stellt fest:  > Einer der wichtigsten Beiträge der Warburg-Renaissance besteht darin, dass sie die Einstellung vieler Mediziner zu Ernährung und Krebs verändert hat. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem WEGE UND UMWEGE DER FORSCHUNG Wie genau, das fächert Sam Apple im Detail auf. Er blickt dabei vor allem auf die Forschung seines Landes, der USA. Er erzählt von Wissenschaftlern wie den Biochemikern Britton Chance und Craig Thompson, die Warburgs Forschungen wieder hervorkramten und sie mit den neuen Erkenntnissen der Genetik und Molekularbiologie abglichen:  „Die Veränderung in der Art und Weise, wie eine Zelle ihre Nahrung aufnimmt und verwertet, ist nicht nur eines von mehreren Ereignissen auf dem Weg zum Krebs. Die ungezügelte Nahrungsaufnahme bildet den eigentlichen Ursprung der Krankheit, indem sie die Zelle für die Möglichkeit des Wachstums aktiviert und die nachfolgende Krebsentwicklung vorantreibt.“  > Krebs, so argumentieren diese Wissenschaftler, sei eine genetische Krankheit, doch könne die genetische Veränderung nicht getrennt von der Stoffwechselveränderung betrachtet werden. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem Im Duktus einer populärwissenschaftlichen Forschungsgeschichte erzählt Apple von Wegen und Umwegen der letzten Jahrzehnte, auch von enttäuschten Hoffnungen. Wenn es etwa um die Zusammenhänge zwischen Diabetes und Krebs ging oder um die Rolle des Zuckerkonsums.   EIN EITLES, SELBSTVERLIEBTES GENIE  Wer wiederum der Mann war, der heutige Forscher mit seinen Erkenntnissen inspirierte, jener Otto Warburg – davon erzählt der erste Teil des Buches. Ein eitler, selbstverliebter  Professor, wie er im Buche steht. Ein brillanter Wissenschaftler, der sich aber auch selbst im Wege stand.  > Er war schon immer gespalten gewesen. Mit seinem aristokratischen Denken war er ein Mensch des 19. Jahrhunderts, aber gleichzeitig auch ein moderner naturwissenschaftlicher Visionär. Ein charmanter Gesprächspartner und ein von seiner eigenen Bedeutung erfüllter Diktator. > > > Quelle: Sam Apple - Der Kaiser von Dahlem Warburg verbaute sich durch seine Eitelkeit die Chance, aus Fehlern zu lernen, die andere ihm nachwiesen. Auffallend bleibt der im deutschen Buchtitel angerissene Punkt: Als jüdischer Forscher konnte er in NS-Deutschland bis zuletzt arbeiten. Apple erklärt das schlüssig aus der brennenden Angst vor der Krankheit Krebs, die viele  führende NS-Größen beherrschte. Hitler, Himmler und andere hofften eben doch, dass Otto Warburg das Mittel gegen die tödliche Krankheit finden könnte. Warburg hätte in die USA fliehen können, doch er tat es nicht.   GUT LESBARES DENKMAL FÜR EINEN VOLLBLUT-WISSENSCHAFTLER  Sam Apples Buch macht deutlich, wie die Deutschen ihren Status als wissenschaftliche Weltmacht, die Nobelpreisträger am Fließband hervorbrachte, sehenden Auges opferten: auf dem Altar wehleidiger Großmannssucht, perversen Rassismus und schierer Dummheit. Die führende Rolle in der Krebsforschung übernahmen nun die USA. Apple hat dem unbequemen, menschlich schwierigen Vollblut-Wissenschaftler Warburg ein gut lesbares Denkmal gesetzt. Wohl sollte man für den zweiten Teil des Buches Grundkenntnisse der Biochemie mitbringen, um die Fülle von Details fassen zu können. Wie man sich im ersten Teil ein wenig in der deutschen Geschichte auskennen sollte.  Zwischen den Zeilen schwingt die Ahnung mit, dass die Krebsforschung heute womöglich einen großen Schritt weiter wäre, hätten die beiden Weltkriege mit ihren Folgen nicht unschätzbare Ressourcen aller Art verschlungen.

23. Aug. 20264 min
Episode Kleiderhaufen als Tatort einer Affäre: „Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie Cover

Kleiderhaufen als Tatort einer Affäre: „Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie

Anfang der 2000er-Jahre hatte Annie Ernaux [https://www.swr.de/kultur/literatur/annie-ernaux-die-besessenheit-100.html] eine Affäre mit dem Fotografen und Journalisten Marc Marie. Als sie sich kennenlernten, stand Ernaux kurz vor einer Brustkrebs-OP. Wie verändern sich Lust und Intimität, wenn der eigene Körper schwer krank ist? Und wie hält man eine solche Affäre fest? NACH 20 JAHREN ERSTMALS AUF DEUTSCH Annie Ernaux und Marc Marie haben einen Weg gefunden: Sie haben Fotos gemacht von den Kleidern, die sie sich am Vorabend beim Sex von den Leibern gerissen haben. Und sie haben zu diesen Fotos Texte geschrieben. Völlig frei, ohne dem anderen den Text zu zeigen und ohne darüber zu sprechen, bis alle fertig waren. „Kompositionen“ nennt Annie Ernaux die Ergebnisse. Daraus ist das Buch „L‘usage de la photo“ entstanden, das 2005 in Frankreich erschienen ist und nun unter dem Titel „Auf den Bildern“ erstmals von Sonja Finck ins Deutsche übersetzt wurde. EIN KLEIDERHAUFEN ALS FOTOGRAFISCHES STILLLEBEN Die Autorin und Romanistin Julia Schoch [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-02-03-102.html] begleiten die Bücher von Annie Ernaux schon lange: Sie hat sie begeistert gelesen, als Ernaux hier in Deutschland noch eine Unbekannte war. Und ähnlich wie Annie Ernaux arbeitet auch Julia Schoch mit autofiktionalen Texten, wie in ihrer Trilogie „Biografie einer Frau“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/bestenliste-2025-02-03-102.html]. Im Gespräch mit SWR Kultur sagt Schoch, diese Kleiderhaufen-Stillleben wirkten wie Tatorte: „Da liegen praktisch die Beweise einer Nacht. Einerseits beschreiben die beiden ihre Klamotten, die da rumliegen, aber auch die Räume oder was an dem Tag passiert ist. Eigentlich sind die Fotos gar nicht so sehr Erzählungen darüber, was jetzt wirklich zwischen den Körpern passiert ist, sondern eher Assoziationsauslöser.“ EINE AFFÄRE VOR DEM HINTERGRUND EINER KREBSERKRANKUNG Und diese Assoziationen nehmen weite Wege: Die beiden verbringen einige Tage in Brüssel. Ein Foto aus dem Hotelzimmer zeugt davon: Man sieht im Hintergrund ein offenes Fenster, in der Bildmitte ein Bett mit zerwühlter Bettwäsche, davor ein Tischchen mit den Resten eines Frühstücks. Rechts ragen ein paar dunkelrote Rosen ins Bild. Während Annie Ernaux erzählt, wie sie sich in diesem Zimmer Marc Marie zum ersten Mal ohne Perücke gezeigt hat, denkt Marc Marie darüber nach, dass er in demselben Hotel einige Jahre zuvor den Tod seiner Mutter zu verarbeiten versuchte. Das Seltsame: Auch Annie Ernaux war, lange bevor sie Marc Marie kennenlernte, ebenfalls in diesem Brüsseler Hotel und hatte kurz danach vom Tod ihrer Mutter erfahren. Intimität drückt sich in diesen Fotos also nicht nur auf der Bildebene aus. Auch in den Texten treffen und berühren sich Ernaux‘ und Maries Assoziationen. DIE LIEBENDEN LASSEN SICH VOM KREBS NICHT AUFHALTEN Durch den ganzen Band zieht sich, mal mehr, mal weniger präsent, Annie Ernaux‘ Krebsbehandlung. Man sieht sehr private Fotos von Annie Ernaux‘ Spitzenunterwäsche, die auf ihrem Wohnzimmerboden liegt, dazu Beschreibungen, wie die Therapie ihren Körper verändert. Marc Marie nennt sie im Scherz einmal „keine richtige Krebspatientin“, weil Ernaux zwischen zwei Chemotherapie-Sitzungen mit ihm eine Reise nach Venedig unternimmt, auf der sie „wie zwei verliebte Teenager“, so Julia Schoch, die größten Albernheiten begehen. Ihre Krebsgeschichte webe sich beiläufig, beinahe elegant in Ernaux‘ Fototexte ein, findet Julia Schoch. KLEINE BILDAUSSCHNITTE MIT GROSSER AUSSAGE Die meisten der vierzehn Fotos wurden in Annie Ernaux’ Haus in der Nähe von Paris aufgenommen. Mit den Bildern bewegen wir uns durch ihr Haus: Wir erfahren, dass sie in der Küche mit den gelb-blauen Fliesen im Schachbrettmuster morgens einen Orgasmus hatte. Wir sehen, wie das kalte, graue Winterlicht auf den Teppichboden im Schlafzimmer fällt. Jedes Foto zeigt nur einen engen Ausschnitt des Raumes. Im Schlafzimmer etwa sehen wir links in einem Foto nur die Bettkante mit einer weißen Tagesdecke. Auf dem blassgelben Teppichboden liegt ein bunter Kleiderhaufen, in dem man einzelnen Kleidungsstücke gar nicht erkennt. Im Bildhintergrund ist eine offene Tür, vor ihr liegt ein schwarzer Kleiderhaufen und daneben zwei Männerschuhe. Ein harmloses Bild, bei dem Annie Ernaux jedoch schreibt, sie sehe in diesem Foto den Tod ihres Körpers. Und auch Marc Marie schreibt: „Ich sehe dort nicht mehr die Spuren unserer Gegenwart, sondern unsere Abwesenheit, wenn nicht gar unseren Tod.“ Das sind die besonders spannenden Momente, findet Julia Schoch: Wenn sich die Texte von Ernaux und Marie nahekommen, obwohl sie ja gar nicht wussten, was der andere über das Foto schreibt. WAS KÖNNEN FOTOS LEISTEN? „Auf den Bildern“ sei ein Buch über Fotografie und über die Frage, was Fotos leisten können, so die Autorin Julia Schoch: „Es ist der Versuch in einem Bild, das Flüchtige und das Vergängliche der Liebe und des Sex einzufangen, obwohl man gleichzeitig weiß, dass das nicht funktioniert.“ Das ist auch das große Thema der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. In „Auf den Bildern“ hält sie fest: > „Ich will nur Texte schreiben, die niemand sonst verfassen kann“. > > > Quelle: Annie Ernaux, Marc Marie - Auf den Bildern Das, worüber sie schreibt, kommt aus ihrem Leben: Wie sie, geboren 1940, als Kind einfacher Leute in Nordfrankreich aufgewachsen ist, sich von dieser Arbeiterherkunft freigemacht und als erste in ihrer Familie studiert hat. Annie Ernaux erzählt von ihrem Klassenwechsel und ihrer Emanzipation auch anhand körperlicher Erfahrungen: Die Pubertät, eine Vergewaltigung, eine Abtreibung – all das spart sie nicht aus. Sie sei eine „Ethnologin ihrer selbst“. Doch Julia Schoch ist der Ansicht, Ernaux sei keine Chronistin, die historische Momente festhalte. Sie beschreibe in ihren autofiktionalen Texten das „Verfließen von Zeit“, so Schoch: „Es geht immer um die Frage, wie kann man Veränderung beschreiben? Wie kann man die Veränderung festhalten, was ja eigentlich ein Paradox ist?“ FOTOS ALS AUSLÖSER FÜR ERINNERUNG Annie Ernaux sei sich bewusst, dass ein Foto nur einen Ausschnitt eines Ereignisses zeige und vor allem ein Auslöser sei, um Erinnerungen hervorzuholen. Das passt auch zum originalen französischen Titel dieses Buches: „L’usage de la photo“, auf Deutsch „Vom Nutzen der Fotografie“. Fotos sind bei ihr der Ausgangspunkt für eine Erinnerung, der sie literarisch nachgeht. Ein Verfahren, das sie später intensiv in ihrem Buch „Die Jahre“ verwendet. Dort werden Fotos allerdings nur beschrieben und nicht abgedruckt. Julia Schoch glaubt, dass Annie Ernaux‘ Krebserkrankung sowas wie ein Beschleuniger für ihre Art des Schreibens gewesen sei: Ernaux habe sich, nachdem 2005 „L’usage de la photo / Auf den Bildern“ in Frankreich erschienen ist, nicht lange mit formalen Spielchen aufgehalten, sondern in ihrem darauffolgenden Buch „Die Jahre“, das 2008 in Frankreich erschien, die Idee der Fotobeschreibungen ausgeweitet hin zu einer „sozialen Collage“, so Schoch. FOTOSZENEN LEBEN IM KOPF DER LESENDEN WEITER Doch eine Sache bleibt auffällig: Das, was ein Foto nicht zeigt. In dem Band „Auf den Bildern“ sind die beiden Liebenden nie zu sehen. Die Fotos fangen quasi ihre Abwesenheit ein. Und ihre Spuren mit den in den Zimmern verteilten Kleidern und den leeren Weingläsern. Das lässt Raum für Assoziationen bei den Leserinnen und Lesern und das ist die eigentliche Hoffnung der Autorin Ernaux, wie sie in ihrem Vorwort schreibt: Einen erotischen Moment könne man weder festhalten noch abbilden. Der Realität komme man am nächsten, wenn sich die Fototexte in den Köpfen zu eigenen Szenen verwandeln, so der Wunsch der Autorin.

21. Aug. 202618 min