SWR Kultur lesenswert - Literatur
VIELE LÜGEN AB DER ERSTEN SEITE Schon auf der ersten Seite beginnt diese Ruby Cooper, ihre Leserinnen und Leser zu täuschen, lügt und betrügt. Und trotzdem folgt man ihr bereitwillig über mehr als fünfhundert Seiten: > „Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Wochen bin ich neben dem falschen Ehemann aufgewacht. Meine Kleider waren überall im Zimmer verstreut, genauso wie damals in Boston und ich versuchte nicht daran zu denken. Schuld ist meine Schwester.“ > > > Quelle: Liz Nugent – Die Wahrheit über Ruby Cooper LIZ NUGENT BETRITT VERMINTES GELÄNDE Ruby wächst Ende der 90er als Tochter eines Pastors in Boston auf. Ihre Familie ist wohlhabend, liebevoll. Eines Tages beschuldigt sie Milo, den Freund ihrer Schwester Erin, der Vergewaltigung. Die Beweise sind erdrückend und Milo wird zu 13 Jahren Haft verurteilt. Und auch Erin ist schließlich von Milos Schuld überzeugt. > „Er blieb dabei, dass es keine Penetration gegeben habe und dass er sich gegen sie wehren musste. Ein zierliches Mädchen wie Ruby? Ein DNA Test besiegelte sein Schicksal und brach mein Herz in zwei Teile.“ > > > Quelle: Liz Nugent – Die Wahrheit über Ruby Cooper Ohne zu viel zu verraten: die Vergewaltigung hat es nicht gegeben, Ruby lügt. Liz Nugent [https://www.swr.de/kultur/literatur/liz-nugent-seltsame-sally-diamond-102.html] betritt damit vermintes Gelände – und das ganz bewusst: Vorgetäuschte Vergewaltigungen kommen nur äußerst selten vor, viel wahrscheinlicher ist es, dass Vergewaltigungsopfern nicht geglaubt wird. Dass ihr Roman durchaus als antifeministisches Statement betrachtet werden könnte, diese Befürchtung hatte die irische Autorin Liz Nugent beim Schreiben natürlich auch. Trotzdem hofft sie, dass die Leserinnen ihren Frust über Ruby nicht am Buch abreagieren. „ICH HOFFE, DIE LESER WERFEN DAS BUCH NICHT GEGEN DIE WAND“ „Gott, wenn ich dieses Buch lesen würde – würde ich es gegen die Wand werfen oder weiterlesen, sobald ich an diese Stelle komme? Und ich hoffe, dass niemand es gegen die Wand wirft; ich hoffe, dass an dieser Stelle niemand aufgibt, denn man muss einfach weiterlesen, um zu erfahren, was der Vorfall tatsächlich für Konsequenzen hat“, sagt Liz Nugent über ihr Buch. Es geht Liz Nugent weder um einen gesellschaftspolitischen Kommentar, noch um die Details eines Kriminalfalls. Sie interessiert sich für Fragen von Schuld und für das Seelenleben ihrer Figur, einer Figur, die kaum auszuhalten ist. Neben ihrer älteren Schwester Erin fühlt Ruby sich minderwertig, denn Erin ist hübscher, klüger, beliebter – Ruby ist zutiefst neidisch. RUBY IST KEINE EINDIMENSIONALE BÖSEWICHTIN Ruby lügt und täuscht ihre Umgebung jahrzehntelang. Dennoch ist sie keine eindimensionale Bösewichtin- sondern einfach nie über Verletzungen, die sie als Jugendliche erlebt hat, hinweggekommen. Nugent beschreibt: „Zum einen gibt es einen sehr gruseligen Vorfall mit einem Mann aus ihrer Kirchengemeinde. Und dann hört sie eines Abends wie ihr Vater zu ihrer Mutter sagt: Warum kann Ruby nicht wie ihre Schwester Erin sein? Sie macht es einem schwer, sie zu lieben. Und wissen Sie, wenn Sie das Ihren Vater über sich sagen hören, wie verletzt wären Sie?“ Liz Nugent entschuldigt ihre Protagonistin nicht, macht aber deutlich, wie sehr Kränkungen sich in die Seele eingraben können. Die Geschichte folgt Ruby über Jahrzehnte ihres Lebens. Sie zieht mit ihrer Mutter, die ursprünglich aus Irland kommt, weg aus den USA, nach Dublin. Die einst glückliche Familie zerreißt und Ruby findet keinen Frieden. Passenderweise wird sie Schauspielerin. Und: Alkohol- und Drogenabhängig, die Sucht ist der Preis, den sie für die Lüge zahlt. OHNE EHRLICHKEIT KANN MAN DIE SUCHT NICHT BESIEGEN „Ich sollte eine siebenwöchige Entziehungskur machen. Man musste bei der Ankunft nüchtern sein. Mom gab mir noch ein paar Ratschläge, bevor ich hineinging: ‚Denk dran, Ruby, du bist ein Vergewaltigungsopfer, das ist die Wurzel deines Problems. Sag ihnen, was du der Polizei gesagt hast. Ich bin sicher, sie werden dir helfen können‘“. Suchterkrankungen sind ein großes Thema des Romans. Liz Nugent kennt sich damit aus, auch ihr Vater war alkoholabhängig. „Ehrlichkeit ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Sucht. Aber Ruby kann nicht ehrlich sein. Sie hat Phasen, in denen sie trocken ist, aber sie ist nie wirklich trocken, weil sie nie wirklich ehrlich ist“, erklärt Liz Nugent. DIE FIGUREN FÜHREN LIZ NUGENT DURCH DEN ROMAN „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein Roman, der genau darum kreist: Unehrlichkeit und Selbsttäuschung – um die Geschichten, die Menschen sich erzählen, damit sie weiterleben können. Liz Nugent braucht keine billigen Cliffhanger, sondern vertraut auf die Sogwirkung des komplexen Psychogramms ihrer Figur. Sie plant ihre Romane nicht bis ins Detail, weiß selbst am Anfang nicht wie die Geschichte ausgeht. Sie lässt sich einfach von ihren Figuren leiten: „Ich fordere meine Leser gerne heraus, und ich mag es, wenn die Dinge unvorhersehbar sind. Ich glaube, genau deshalb plane ich meine Bücher auch nicht im Voraus“, sagt Liz Nugent über ihren Schreibprozess. „Würde ich sie planen, könnte ich es mir wahrscheinlich nicht verkneifen, hier und da einen kleinen Hinweis einzubauen. Aber das mache ich nicht. Und ich denke: Wenn es für mich eine Überraschung ist, dann ist es das auch für den Leser.“ PSYCHOTHRILLER AUF HÖCHSTEM NIVEAU Immer wieder bekommt Ruby die Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen. Und immer wieder entscheidet sie sich dagegen. Man sieht ihr dabei zu, wie sie das Leben aller Menschen zerstört, die ihr nahestehen – und schließlich auch ihr eigenes. Sie führt ihre Leserinnen und Leser tief in Rubys Gedankenwelt – und es ist wirklich keine schöne Welt. „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein Psychothriller auf höchstem Niveau, brillant konstruiert, der mit jeder Seite heftigere Emotionen auslöst. „Ich weiß, dass man Ruby nicht mögen wird. Sie ist keine sympathische Figur, aber irgendwie kompliziert. Als ich sie geschrieben habe, war ich sie gewissermaßen selbst. Deshalb kann ich alles aus ihrer Perspektive sehen. Und ich verstehe, wie viel sie zu verlieren hat, wenn sie die Wahrheit sagt.“ So beschreibt Nugent ihre Protagonistin: „Ich habe wohl etwas mehr Mitgefühl mit ihr, als es die Leser vermutlich haben werden. Ich glaube, die Leser werden sie wirklich hassen, aber ich hoffe, dass sie sich trotzdem auf die Reise mit ihr einlassen.“ EIN EXTREM KLUGER SOGROMAN „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein extrem kluger Sogroman über Schuld und die zerstörerische Macht einer einzigen Lüge. Ruby Cooper ist eine Figur, die man liebt zu hassen. Man möchte sie schütteln, anschreien, sie endlich die Wahrheit sagen hören – gerade deshalb kann man Ruby einfach nicht entkommen. Selten war eine Romanfigur so schwer zu ertragen – und so unmöglich wieder zu vergessen.
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