SWR Kultur lesenswert - Literatur

Tod des Autors im Luxushotel: Slata Roschals neuer Roman

6 min · I går
Billede af episoden Tod des Autors im Luxushotel: Slata Roschals neuer Roman

Description

SLATA ROSCHALS DRITTER ROMAN „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ oder „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“ – die Titel, die Slata Roschal für ihre Bücher wählt, sind ein Albtraum für Verlagsvertreter: Zu lang, das Gegenteil von griffig, erstmal unverständlich. Das gilt auch für ihren neuen Roman, Titel „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“. Vermutlich hat Roschal gute Argumente, um mit so etwas durchzukommen. Zum Beispiel, dass sie schon vielfach ausgezeichnet wurde und Jahr um Jahr mehrere Arbeitsstipendien erhält. Die Münchner Autorin, 1992 in Sankt Petersburg geboren, seit 1997 in Deutschland aufgewachsen und promoviert über Dostojewski, erfreut die Kritik mit Lyrik und erzählender Prosa zwischen widerständiger Originalität und Formbewusstsein. IDENTITÄTEN, DIE NICHT IN DECKUNG ZU BRINGEN SIND Ihr Schreiben speist sich aus ihren eigenen Lebensthemen, ihrer Erfahrung der nicht in Deckung zu bringenden Identitäten zwischen Sprachen, Kulturen, Religionen und weiblichen Rollen. Hinzu kommen ihr israelsolidarisches Engagement und ein scharfer Blick auf die brutalen ökonomischen Tatsachen des gegenwärtigen Literaturbetriebs.   So ist es auch in ihrem neuen Roman mit dem Dreizehn-Wörter-Titel. Da verbringt Lea Stein, eine Frau Mitte dreißig mit Sohn im Grundschulalter, blödem Ehemann und prekärem finanziellem Hintergrund, vier Nächte in einem luxuriösen Literaturhotel. EINE NEUE CHANCE DURCH FINANZIELLE MÖGLICHKEITEN? Eingeladen hat sie Erwin Groß, ein erfolgreicher Literaturagent Mitte fünfzig. Er will Lea als Sekretärin beziehungsweise Mädchen für alles anstellen. Sie sieht den Job als letzte Chance auf einen Neustart, eine Scheidung vielleicht. „Ich will ein anständiges Gehalt und eine Wohnung. Ich will, dass alle Geiseln nach Israel zurückkehren und dass jeder Fanatiker und Frauenhasser erschossen wird. Ich will meinen Mann ängstlich statt verärgert sehen, wenn ich ihm sage, dass ich ihn verlasse.“ Dabei hat Lea kein gutes Verhältnis zu sich selbst, zu ihrem aus dem Leim gegangenen Körper mit dem Intimvirus, zu ihrer Prägung durch die russisch-jüdischen, christlich-frömmelnden, postsozialistisch kleinbürgerlichen Eltern. Sie beobachtet sehr genau die anderen Frauen im Hotel, die selbstsicheren, gepflegt-alterslosen Damen mit Geld, vor allem aber die Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa, die den zahlenden Gästen hinterherputzen und diese ihrerseits beobachten. WAS DAS ZIMMER DER PUTZFRAU ÜBER DEN GAST VERRÄT Neben Lea kommen in Roschals auktorial-multiperspektivischem Erzählen einige dieser Frauen zu Wort. Hana zum Beispiel, die für Leas Zimmer zuständig ist: „Nummer siebzehn ist weg zum Frühstück, denkt Hana um neun Uhr fünfzehn. Ich klopfe. Halte die Karte ran, rolle den Wagen rein  [...] Ich hole neue Mülltüten und spanne sie auf, mache das Bett, sammle Kleidung vom Boden. Dunkelrote Hose, schwarze Bluse, so dünn, dass sie sich nicht falten lässt, Socken, Wäsche, die Unterhose hat mehr Luft als Stoff, wohl breite Hüften und kleine Brust. Wische die Krümel vom Tisch, gehe den Staubsauger holen, am ersten Tag lassen die Leute alles liegen, dann merken sie, dass ich da bin, und räumen auf.“ VOM NEBENEINANDER DER SOZIOTOPE Und dann ereignet sich der vielzitierte Tod des Autors – aber wortwörtlich: Ein Kriminalschriftsteller, der im Hotel eine Lesung geben sollte, wird leblos in seinem Zimmer aufgefunden, mit blutender Kopfwunde. Unfall? Mord? Erwin, ein alter weißer Literaturbetriebsonkel, wie er leider schon vielfach im Buche steht, drängt Lea unmotiviert zu einer Art Ermittlungsarbeit. Die Lösung des Falls wirkt willkürlich. Tut nichts, die locker gestrickte Kriminalhandlung liegt löchrig über dem, wovon Slata Roschal eigentlich erzählen will: Vom Nebeneinander der Soziotope, deren Angehörige sich durch den Zugang zu Finanzmitteln wie zu Distinktionsmarkern unterscheiden. Das gibt Gelegenheit zu ausführlichem Aneinander-vorbei-Reden der beiden und inneren Monologen der, wie könnte es anders sein, scham- und komplexbehafteten Lea. WIE VERORTET MAN SICH IN DER WELT DER FEINEN UNTERSCHIEDE? Die Welt der „feinen Unterschiede“ und die Selbstverortung literarischer Figuren darin, das scheint, nicht erst seit der Erfindung des Konsumkapitalismus, ein unkaputtbares Thema, das jede Autorengeneration neu durchbuchstabiert. Derzeit verbindet es sich bruchlos mit Moden des Buchmarkts – zu denen der Literaturagent Erwin, der sich mit allem gut auskennt, selbstredend eine lässig vorgetragene Ansicht hat: „Arme Migrantenkinder, sag ich mal, die sich auf ihre Wurzeln besinnen, frische Absolventen der Literaturinstitute, die wiederum glauben, ihre traurige Jugend aufarbeiten zu müssen, bevor es mit dreißig ins richtige Leben geht. Der Migrationskontext kann variieren, Türkei, Russland, Armenien, und ob der Absolvent nun nonbinär oder traumatisiert oder schizophren ist, macht keinen großen Unterschied. Und jedes dieser Bücher wird als bahnbrechend, originell beworben, eine Entdeckung der Saison“. SPRACHLICHE AMBITIONEN UND KLISCHEES Ganz falsch liegt Erwin da nicht. Man denke nur an die vielen literarischen Nachahmerprodukte, die, themenfixiert und qualitätsblind eingekauft, die Verlagsprogramme verstopfen und angepriesen werden „für Leser von“ Saša Stanišić [https://www.swr.de/kultur/literatur/sasa-stanisic-reden-gegen-das-nichtstun-106.html] oder Fatma Aydemir [https://www.swr.de/kultur/literatur/hoerbuch-fatma-aydemir-ellbogen-100.html] oder Sasha Marianna Salzmann oder Kim de l‘Horizon [https://www.swr.de/kultur/literatur/das-letzte-lied-des-kaua-i-o-o-dating-protokoll-duett-fuer-einen-bass-100.html]. Slata Roschal wollte unübersehbar anderes und mehr, als auf schmalen 160 Seiten eine traurige Jugend oder migrantische Wurzeln aufarbeiten. Sie wollte sogar viel mehr – Mental Load, Missbrauch und Mansplaining vorkommen lassen zu Beispiel, die Nazizeit, die Schoa sowie das Trauma des 7. Oktober 2023 streifen. Das ist stellenweise einfach zu viel. Zudem lässt sich kaum ignorieren, dass durch sprachlich ambitionierte Sätze nicht selten die Klischees schimmern. Ohne all dies hätte „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“ vermutlich ein guter Roman werden können.

Comments

0

Be the first to comment

Sign up now and become a member of the SWR Kultur lesenswert - Literatur community!

Get Started

1 month for 9 kr.

Then 99 kr. / month · Cancel anytime

  • Podcasts kun på Podimo
  • 20 lydbogstimer pr. måned
  • Gratis podcasts

All episodes

5689 episodes

episode „Wenn ich dieses Buch lesen würde, würde ich es gegen die Wand werfen“ artwork

„Wenn ich dieses Buch lesen würde, würde ich es gegen die Wand werfen“

VIELE LÜGEN AB DER ERSTEN SEITE Schon auf der ersten Seite beginnt diese Ruby Cooper, ihre Leserinnen und Leser zu täuschen, lügt und betrügt. Und trotzdem folgt man ihr bereitwillig über mehr als fünfhundert Seiten: > „Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Wochen bin ich neben dem falschen Ehemann aufgewacht. Meine Kleider waren überall im Zimmer verstreut, genauso wie damals in Boston und ich versuchte nicht daran zu denken. Schuld ist meine Schwester.“ > > > Quelle: Liz Nugent – Die Wahrheit über Ruby Cooper LIZ NUGENT BETRITT VERMINTES GELÄNDE Ruby wächst Ende der 90er als Tochter eines Pastors in Boston auf. Ihre Familie ist wohlhabend, liebevoll. Eines Tages beschuldigt sie Milo, den Freund ihrer Schwester Erin, der Vergewaltigung. Die Beweise sind erdrückend und Milo wird zu 13 Jahren Haft verurteilt. Und auch Erin ist schließlich von Milos Schuld überzeugt. > „Er blieb dabei, dass es keine Penetration gegeben habe und dass er sich gegen sie wehren musste. Ein zierliches Mädchen wie Ruby? Ein DNA Test besiegelte sein Schicksal und brach mein Herz in zwei Teile.“ > > > Quelle: Liz Nugent – Die Wahrheit über Ruby Cooper Ohne zu viel zu verraten: die Vergewaltigung hat es nicht gegeben, Ruby lügt. Liz Nugent [https://www.swr.de/kultur/literatur/liz-nugent-seltsame-sally-diamond-102.html] betritt damit vermintes Gelände – und das ganz bewusst: Vorgetäuschte Vergewaltigungen kommen nur äußerst selten vor, viel wahrscheinlicher ist es, dass Vergewaltigungsopfern nicht geglaubt wird. Dass ihr Roman durchaus als antifeministisches Statement betrachtet werden könnte, diese Befürchtung hatte die irische Autorin Liz Nugent beim Schreiben natürlich auch. Trotzdem hofft sie, dass die Leserinnen ihren Frust über Ruby nicht am Buch abreagieren. „ICH HOFFE, DIE LESER WERFEN DAS BUCH NICHT GEGEN DIE WAND“ „Gott, wenn ich dieses Buch lesen würde – würde ich es gegen die Wand werfen oder weiterlesen, sobald ich an diese Stelle komme? Und ich hoffe, dass niemand es gegen die Wand wirft; ich hoffe, dass an dieser Stelle niemand aufgibt, denn man muss einfach weiterlesen, um zu erfahren, was der Vorfall tatsächlich für Konsequenzen hat“, sagt Liz Nugent über ihr Buch. Es geht Liz Nugent weder um einen gesellschaftspolitischen Kommentar, noch um die Details eines Kriminalfalls. Sie interessiert sich für Fragen von Schuld und für das Seelenleben ihrer Figur, einer Figur, die kaum auszuhalten ist. Neben ihrer älteren Schwester Erin fühlt Ruby sich minderwertig, denn Erin ist hübscher, klüger, beliebter – Ruby ist zutiefst neidisch. RUBY IST KEINE EINDIMENSIONALE BÖSEWICHTIN Ruby lügt und täuscht ihre Umgebung jahrzehntelang. Dennoch ist sie keine eindimensionale Bösewichtin- sondern einfach nie über Verletzungen, die sie als Jugendliche erlebt hat, hinweggekommen. Nugent beschreibt: „Zum einen gibt es einen sehr gruseligen Vorfall mit einem Mann aus ihrer Kirchengemeinde. Und dann hört sie eines Abends wie ihr Vater zu ihrer Mutter sagt: Warum kann Ruby nicht wie ihre Schwester Erin sein? Sie macht es einem schwer, sie zu lieben. Und wissen Sie, wenn Sie das Ihren Vater über sich sagen hören, wie verletzt wären Sie?“ Liz Nugent entschuldigt ihre Protagonistin nicht, macht aber deutlich, wie sehr Kränkungen sich in die Seele eingraben können. Die Geschichte folgt Ruby über Jahrzehnte ihres Lebens. Sie zieht mit ihrer Mutter, die ursprünglich aus Irland kommt, weg aus den USA, nach Dublin. Die einst glückliche Familie zerreißt und Ruby findet keinen Frieden. Passenderweise wird sie Schauspielerin. Und: Alkohol- und Drogenabhängig, die Sucht ist der Preis, den sie für die Lüge zahlt. OHNE EHRLICHKEIT KANN MAN DIE SUCHT NICHT BESIEGEN „Ich sollte eine siebenwöchige Entziehungskur machen. Man musste bei der Ankunft nüchtern sein. Mom gab mir noch ein paar Ratschläge, bevor ich hineinging: ‚Denk dran, Ruby, du bist ein Vergewaltigungsopfer, das ist die Wurzel deines Problems. Sag ihnen, was du der Polizei gesagt hast. Ich bin sicher, sie werden dir helfen können‘“. Suchterkrankungen sind ein großes Thema des Romans. Liz Nugent kennt sich damit aus, auch ihr Vater war alkoholabhängig. „Ehrlichkeit ist der erste Schritt auf dem Weg aus der Sucht. Aber Ruby kann nicht ehrlich sein. Sie hat Phasen, in denen sie trocken ist, aber sie ist nie wirklich trocken, weil sie nie wirklich ehrlich ist“, erklärt Liz Nugent. DIE FIGUREN FÜHREN LIZ NUGENT DURCH DEN ROMAN „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein Roman, der genau darum kreist: Unehrlichkeit und Selbsttäuschung – um die Geschichten, die Menschen sich erzählen, damit sie weiterleben können. Liz Nugent braucht keine billigen Cliffhanger, sondern vertraut auf die Sogwirkung des komplexen Psychogramms ihrer Figur. Sie plant ihre Romane nicht bis ins Detail, weiß selbst am Anfang nicht wie die Geschichte ausgeht. Sie lässt sich einfach von ihren Figuren leiten: „Ich fordere meine Leser gerne heraus, und ich mag es, wenn die Dinge unvorhersehbar sind. Ich glaube, genau deshalb plane ich meine Bücher auch nicht im Voraus“, sagt Liz Nugent über ihren Schreibprozess. „Würde ich sie planen, könnte ich es mir wahrscheinlich nicht verkneifen, hier und da einen kleinen Hinweis einzubauen. Aber das mache ich nicht. Und ich denke: Wenn es für mich eine Überraschung ist, dann ist es das auch für den Leser.“ PSYCHOTHRILLER AUF HÖCHSTEM NIVEAU Immer wieder bekommt Ruby die Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen. Und immer wieder entscheidet sie sich dagegen. Man sieht ihr dabei zu, wie sie das Leben aller Menschen zerstört, die ihr nahestehen – und schließlich auch ihr eigenes. Sie führt ihre Leserinnen und Leser tief in Rubys Gedankenwelt – und es ist wirklich keine schöne Welt.  „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein Psychothriller auf höchstem Niveau, brillant konstruiert, der mit jeder Seite heftigere Emotionen auslöst.  „Ich weiß, dass man Ruby nicht mögen wird. Sie ist keine sympathische Figur, aber irgendwie kompliziert. Als ich sie geschrieben habe, war ich sie gewissermaßen selbst. Deshalb kann ich alles aus ihrer Perspektive sehen. Und ich verstehe, wie viel sie zu verlieren hat, wenn sie die Wahrheit sagt.“ So beschreibt Nugent ihre Protagonistin: „Ich habe wohl etwas mehr Mitgefühl mit ihr, als es die Leser vermutlich haben werden. Ich glaube, die Leser werden sie wirklich hassen, aber ich hoffe, dass sie sich trotzdem auf die Reise mit ihr einlassen.“ EIN EXTREM KLUGER SOGROMAN „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ ist ein extrem kluger Sogroman über Schuld und die zerstörerische Macht einer einzigen Lüge. Ruby Cooper ist eine Figur, die man liebt zu hassen. Man möchte sie schütteln, anschreien, sie endlich die Wahrheit sagen hören – gerade deshalb kann man Ruby einfach nicht entkommen. Selten war eine Romanfigur so schwer zu ertragen – und so unmöglich wieder zu vergessen.

30. juli 20266 min
episode Lieben mit Preisschild artwork

Lieben mit Preisschild

Michelle ist Anfang 30 und steht vor dem Nichts: Ihre Mutter ist an Krebs gestorben, sie hat hohe Schulden, und den kleinen Schmuckladen, in den sie so viel Herzblut gesteckt hatte, musste sie schließen. Also steigt sie auf ihre Vespa, lässt die Kleinstadt in der Lausitz, in der sie aufgewachsen ist, hinter sich und nimmt einen Job in einem Hotel an. Sie kommt gerade so über die Runden: „Wenn ihr am 20. des Monats die Raten für die Kredittilgung abgezogen wurden, lebte sie bis zur Lohnzahlung am 29. oder 30. von Nudeln und Gemüsebrühe. Sie wollte auf keinen Fall die Vespa verkaufen, dann lieber nach Feierabend noch eine Extra-Runde auf den Fluren drehen und kalte Pommes von den Servierwagen klauen.“ LIEBE AUF UNGLEICHEM TERRAIN Eines Abends lernt Michelle Henry kennen. Er ist attraktiv, intelligent, durch und durch ehrlich und – zumindest in Michelles Augen reich, denn er wohnt in einer Eigentumswohnung und verdient gut in der Finanzbranche. Schnell verliebt sich Henry heftig in Michelle. Er ist fasziniert von ihrer Bodenständigkeit und träumt bald von einer gemeinsamen Zukunft. Nur, dass Geld so ein großes Thema für Michelle ist, versteht er nicht, denn in seiner Welt gab es immer genug davon. „‚Wie fühlt es sich eigentlich an, so abgesichert zu sein?‘, fragte sie ihn in einer Nacht, in der sie nicht schlafen konnte. ‚Es fühlt sich…normal an. Schätze ich‘, sagte er schließlich langsam. ‚Es ist etwas … Selbstverständliches für mich.‘ ‚Ich stelle es mir vor wie eine warme Dusche, wie ein weiches Bett, als wäre das Leben dann perfekt.‘“ In ihrem zweiten Roman erzählt Ruth Maria Thomas keine klassische Liebesgeschichte, sondern davon, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Welt erleben können - je nachdem, mit welchen Voraussetzungen sie ins Leben gestartet sind. Klassenunterschiede verhandelt sie in den kleinen Reibungen des Alltags: beim Restaurantbesuch, bei Urlaubs- und Zukunftsplänen. ROMANTIK MUSS MAN SICH LEISTEN KÖNNEN Michelle ist dabei die stärkste Figur des Romans. An ihr zeigt Thomas, dass Armut nicht nur den Kontostand verändert, sondern auch das Denken. Michelle fehlt nicht das Selbstvertrauen – ihr fehlt die Freiheit, Risiken einzugehen. Sie wirkt sehr berechnend, sieht überall Preisschilder und scheint sich ebenso in Henrys finanzielle Sicherheit wie in den Mann selbst zu verlieben. Romantik ist für Michelle kein Luxus, den sie sich leisten kann. > ‚Du möchtest mich heiraten, damit ich … mich sicher fühle?‘ ‚Damit du abgesichert bist.‘ Statt nach dem Ring griff sie nach ihrer Zigarettenschachtel. ‚Mit wie viel Geld wäre ich denn abgesichert?‘ > > > Quelle: Ruth-Maria Thomas – Die zweitgrößte Liebe Ihm wurde heiß, sein Kopf wurde schwerer, wieso musste sie von Zahlen anfangen, sie waren im Urlaub im Land der Liebe, und er hatte ihr gerade einen verdammten Ring an den Finger stecken wollen. WO DER ROMAN ZU VIEL ERKLÄRT Ruth-Maria Thomas besitzt ein gutes Gespür für Dialoge und zwischenmenschliche Spannungen. Ihre Figuren sprechen lebendig und lebensnah, sie findet starke Szenen. Gleichzeitig vertraut sie der Wirkung dieser Szenen nicht immer und lässt stattdessen ihre Figuren ihre Gefühle und gesellschaftlichen Konflikte erklären, obwohl die längst klar sind: „‚Zieh zu mir. Zieh zu mir, spar dir die Miete, ich unterstütze dich.‘ Und er erschrak kurz über seine eigene Courage. ‚Du spinnst‘, sagte sie, und er konnte nicht erkennen, ob sie ihr Gesicht verzog“, schreibt sie. „Mit den nun glühendsten Wangen des Universums entschuldigte er sich, so habe er es nicht gemeint, nein, unterstützen im Sinne von dabei unterstützen, vielleicht doch noch einmal anzufangen, mit dem Schmuck, mit dem, was sie so sehr konnte und liebte, und da seufzte sie nur: ‚Ach, du Träumer.‘“ „Die zweitgrößte Liebe“ ist ein Roman, der die richtigen Fragen stellt: Wie frei kann Liebe eigentlich sein, wenn Geld ständig mit am Tisch sitzt? Nicht jede Szene trifft den richtigen Ton, doch Ruth Maria Thomas gelingt ein präzises Porträt zweier Menschen, die sich lieben – und dennoch an völlig unterschiedlichen Vorstellungen von Sicherheit scheitern.

30. juli 20264 min
episode Tod des Autors im Luxushotel: Slata Roschals neuer Roman artwork

Tod des Autors im Luxushotel: Slata Roschals neuer Roman

SLATA ROSCHALS DRITTER ROMAN „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“ oder „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“ – die Titel, die Slata Roschal für ihre Bücher wählt, sind ein Albtraum für Verlagsvertreter: Zu lang, das Gegenteil von griffig, erstmal unverständlich. Das gilt auch für ihren neuen Roman, Titel „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“. Vermutlich hat Roschal gute Argumente, um mit so etwas durchzukommen. Zum Beispiel, dass sie schon vielfach ausgezeichnet wurde und Jahr um Jahr mehrere Arbeitsstipendien erhält. Die Münchner Autorin, 1992 in Sankt Petersburg geboren, seit 1997 in Deutschland aufgewachsen und promoviert über Dostojewski, erfreut die Kritik mit Lyrik und erzählender Prosa zwischen widerständiger Originalität und Formbewusstsein. IDENTITÄTEN, DIE NICHT IN DECKUNG ZU BRINGEN SIND Ihr Schreiben speist sich aus ihren eigenen Lebensthemen, ihrer Erfahrung der nicht in Deckung zu bringenden Identitäten zwischen Sprachen, Kulturen, Religionen und weiblichen Rollen. Hinzu kommen ihr israelsolidarisches Engagement und ein scharfer Blick auf die brutalen ökonomischen Tatsachen des gegenwärtigen Literaturbetriebs.   So ist es auch in ihrem neuen Roman mit dem Dreizehn-Wörter-Titel. Da verbringt Lea Stein, eine Frau Mitte dreißig mit Sohn im Grundschulalter, blödem Ehemann und prekärem finanziellem Hintergrund, vier Nächte in einem luxuriösen Literaturhotel. EINE NEUE CHANCE DURCH FINANZIELLE MÖGLICHKEITEN? Eingeladen hat sie Erwin Groß, ein erfolgreicher Literaturagent Mitte fünfzig. Er will Lea als Sekretärin beziehungsweise Mädchen für alles anstellen. Sie sieht den Job als letzte Chance auf einen Neustart, eine Scheidung vielleicht. „Ich will ein anständiges Gehalt und eine Wohnung. Ich will, dass alle Geiseln nach Israel zurückkehren und dass jeder Fanatiker und Frauenhasser erschossen wird. Ich will meinen Mann ängstlich statt verärgert sehen, wenn ich ihm sage, dass ich ihn verlasse.“ Dabei hat Lea kein gutes Verhältnis zu sich selbst, zu ihrem aus dem Leim gegangenen Körper mit dem Intimvirus, zu ihrer Prägung durch die russisch-jüdischen, christlich-frömmelnden, postsozialistisch kleinbürgerlichen Eltern. Sie beobachtet sehr genau die anderen Frauen im Hotel, die selbstsicheren, gepflegt-alterslosen Damen mit Geld, vor allem aber die Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa, die den zahlenden Gästen hinterherputzen und diese ihrerseits beobachten. WAS DAS ZIMMER DER PUTZFRAU ÜBER DEN GAST VERRÄT Neben Lea kommen in Roschals auktorial-multiperspektivischem Erzählen einige dieser Frauen zu Wort. Hana zum Beispiel, die für Leas Zimmer zuständig ist: „Nummer siebzehn ist weg zum Frühstück, denkt Hana um neun Uhr fünfzehn. Ich klopfe. Halte die Karte ran, rolle den Wagen rein  [...] Ich hole neue Mülltüten und spanne sie auf, mache das Bett, sammle Kleidung vom Boden. Dunkelrote Hose, schwarze Bluse, so dünn, dass sie sich nicht falten lässt, Socken, Wäsche, die Unterhose hat mehr Luft als Stoff, wohl breite Hüften und kleine Brust. Wische die Krümel vom Tisch, gehe den Staubsauger holen, am ersten Tag lassen die Leute alles liegen, dann merken sie, dass ich da bin, und räumen auf.“ VOM NEBENEINANDER DER SOZIOTOPE Und dann ereignet sich der vielzitierte Tod des Autors – aber wortwörtlich: Ein Kriminalschriftsteller, der im Hotel eine Lesung geben sollte, wird leblos in seinem Zimmer aufgefunden, mit blutender Kopfwunde. Unfall? Mord? Erwin, ein alter weißer Literaturbetriebsonkel, wie er leider schon vielfach im Buche steht, drängt Lea unmotiviert zu einer Art Ermittlungsarbeit. Die Lösung des Falls wirkt willkürlich. Tut nichts, die locker gestrickte Kriminalhandlung liegt löchrig über dem, wovon Slata Roschal eigentlich erzählen will: Vom Nebeneinander der Soziotope, deren Angehörige sich durch den Zugang zu Finanzmitteln wie zu Distinktionsmarkern unterscheiden. Das gibt Gelegenheit zu ausführlichem Aneinander-vorbei-Reden der beiden und inneren Monologen der, wie könnte es anders sein, scham- und komplexbehafteten Lea. WIE VERORTET MAN SICH IN DER WELT DER FEINEN UNTERSCHIEDE? Die Welt der „feinen Unterschiede“ und die Selbstverortung literarischer Figuren darin, das scheint, nicht erst seit der Erfindung des Konsumkapitalismus, ein unkaputtbares Thema, das jede Autorengeneration neu durchbuchstabiert. Derzeit verbindet es sich bruchlos mit Moden des Buchmarkts – zu denen der Literaturagent Erwin, der sich mit allem gut auskennt, selbstredend eine lässig vorgetragene Ansicht hat: „Arme Migrantenkinder, sag ich mal, die sich auf ihre Wurzeln besinnen, frische Absolventen der Literaturinstitute, die wiederum glauben, ihre traurige Jugend aufarbeiten zu müssen, bevor es mit dreißig ins richtige Leben geht. Der Migrationskontext kann variieren, Türkei, Russland, Armenien, und ob der Absolvent nun nonbinär oder traumatisiert oder schizophren ist, macht keinen großen Unterschied. Und jedes dieser Bücher wird als bahnbrechend, originell beworben, eine Entdeckung der Saison“. SPRACHLICHE AMBITIONEN UND KLISCHEES Ganz falsch liegt Erwin da nicht. Man denke nur an die vielen literarischen Nachahmerprodukte, die, themenfixiert und qualitätsblind eingekauft, die Verlagsprogramme verstopfen und angepriesen werden „für Leser von“ Saša Stanišić [https://www.swr.de/kultur/literatur/sasa-stanisic-reden-gegen-das-nichtstun-106.html] oder Fatma Aydemir [https://www.swr.de/kultur/literatur/hoerbuch-fatma-aydemir-ellbogen-100.html] oder Sasha Marianna Salzmann oder Kim de l‘Horizon [https://www.swr.de/kultur/literatur/das-letzte-lied-des-kaua-i-o-o-dating-protokoll-duett-fuer-einen-bass-100.html]. Slata Roschal wollte unübersehbar anderes und mehr, als auf schmalen 160 Seiten eine traurige Jugend oder migrantische Wurzeln aufarbeiten. Sie wollte sogar viel mehr – Mental Load, Missbrauch und Mansplaining vorkommen lassen zu Beispiel, die Nazizeit, die Schoa sowie das Trauma des 7. Oktober 2023 streifen. Das ist stellenweise einfach zu viel. Zudem lässt sich kaum ignorieren, dass durch sprachlich ambitionierte Sätze nicht selten die Klischees schimmern. Ohne all dies hätte „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“ vermutlich ein guter Roman werden können.

Yesterday6 min
episode Spannend, komisch, traurig und klug: Yael Inokais neuer Roman „Die Auster“ artwork

Spannend, komisch, traurig und klug: Yael Inokais neuer Roman „Die Auster“

EIN KAUFHAUS ALS ROMAN-SCHAUPLATZ „Dass ich über ein Kaufhaus schreiben wollte, das wusste ich schon sehr lange. Für mich steckt da wahnsinnig viel Verheißung drin, ein unfassbarer Aufwand für diese Verheißung und auch die ganze Leere des Konsums. Das ist etwas, das ich immer spannend fand und wo ich dachte, da möchte ich Figuren haben, da möchte ich was erzählen," verrät Yael Inokai. In ihrem neuen Buch „Die Auster“ führt sie ihre Leser nun an einen mondänen Ort par excellence: das Nobelkaufhaus. Darin ist die Schweizerin geübt: Sie gehört zu den ortskundigsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ihre Romane leben von Schauplätzen, die weit mehr sind als bloße Kulisse: Sie erzeugen eigene soziale Regeln, Wahrnehmungen und Zeitlichkeiten und werden so zu literarischen Mikrokosmen. In „Ein simpler Eingriff“ von 2022 sorgten eine Klinik und das zugehörige Schwesternwohnheim für die sanft-beklemmende Grundstimmung des Romans. Das Kaufhaus in „Die Auster“ – das unverkennbar an das Berliner KaDeWe erinnert, hat seine besten Tage hinter sich: Auch wenn man in der Feinkostabteilung unterm Dach noch Austern schlürfen kann, ist der Glanz des Exquisiten längst dem schnöden Konsum gewichen. IM HERZ DES WOHLSTANDS Doch damit nicht genug: eines Morgens im Winter wird der Leiter des Kaufhauses, Dr. Joachim Bronstedt, ermordet in seiner Villa in Berlin-Grunewald aufgefunden. Die erste am Tatort: seine 73-Jährige Putzfrau Leonora Bloch. „Er lag am wärmsten Ort des Hauses. Leonora hatte sich selbst einmal auf diesen Boden gelegt, in einem selbstvergessenen Moment vor vielen Jahren. Seither war das für sie untrennbar mit Reichtum verknüpft: nach einem Arbeitstag an der Tür die Schuhe ausziehen und barfuß durch das Haus spazieren.“ > Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fußbodenheizung getröstet werden. > > > Quelle: Yael Inokai - Die Auster Leonora kennt den Westberliner Wohlstand aus jahrzehntelanger Anschauung. Nicht nur reinigte sie rund 40 Jahre lang Bronstedts Villa, sie kann auch auf eine lange „Karriere“ als Aushilfe im Kaufhaus zurückblicken. Obwohl Leonora ihr Leben lang gearbeitet hat, hat sie nie viel besessen – und bereits vor Jahrzehnten das Wichtigste verloren: ihren Sohn Sebastian. Seither macht sie um Gespräche einen Bogen und führt ein Leben am Rand der Gesellschaft: nicht glücklich, aber immerhin selbstbestimmt. SEHEN, OHNE GESEHEN ZU WERDEN > Im Großen und Ganzen war sie unsichtbar, konnte durch die Welt gehen, als gäbe es sie nicht. > > > Quelle: Yael Inokai - Die Auster „Nur manchmal hob sich das auf. Dann war es wie ein Scheinwerfer, der auf sie fiel. Die Leute kamen drauf, dass sie als Putzfrau arbeitete, sie dachten an ihre Omas und Mütter, an ihre eigene Rente, an das Elend des Älterwerdens, und die Augen füllten sich mit Mitleid.“ Wer so unsichtbar ist wie Leonora Bloch, bekommt viel mit. Klar, dass sie, die den Toten fand, in Verdacht gerät. Zumal sie vor dem Eintreffen der Polizei noch pflichtbewusst alle Blutspuren bereinigt hat.  Mit großem Vergnügen verfolgt man, wie Inokai aus der Gemengelage von Polizei, Presse und neugierigem Großstadtpublikum eine kollektive Erregung entstehen lässt. Und wie diese Aufregung in Leonora Bloch einen unerbittlichen Wellenbrecher findet, an dem alle aufdringlichen Fragen abprallen. In Begleitung dieser renitenten Antiheldin kommen weder die Leser noch die Polizei der Lösung des Falles näher. Doch genau diese Langsamkeit wird zum eigentlichen Kunstgriff des Romans. Denn so souverän Inokai diese Klaviatur auch bespielt, ihr Text ist weit mehr als nur ein Krimi. POETIK DES ALTERS „Die Auster“ ist ein beeindruckender Roman über Müdigkeit und über das Altern in einer rastlosen Gegenwart. Am beeindruckendsten aber ist, wie Inokai die Mühsal des Alters in eine literarische Qualität verwandelt. Denn unter der Langsamkeit der Leonora Bloch dehnt sich der Raum um sie und tritt wie in Zeitlupe geschärft hervor: Das Kaufhaus, das mit seinen tausend Gerüchen, den Menschenmassen und dem Lärm im Grunde genommen eine einzige große Zumutung ist. Und Berlin, diese große Stadt, deren Hektik sich in Leonoras Müdigkeit bricht und für deren winterliche Trostlosigkeit der Roman die richtigen Worte findet. „Ein einsamer Fahrradfahrer trat gegen den Wind an. Nicht einmal die Stadt selbst sah an dieser Ecke aus, als wäre sie gern hier. Viel lieber hätte sie Gehsteige, Gebäude, ihre Straßenlampen und Bushaltestellen eingepackt, um über die Bahngleise an einen netteren Ort abzuhauen.“ > ‚Bringt nichts‘, brummte Leonora. Sie hatte immer geglaubt, anderswo könne ein Winter unmöglich so traurig sein wie hier. Aber er reiste allen hinterher, die schon zu lange in dieser Stadt lebten. > > > Quelle: Yael Inokai - Die Auster Yael Inokai ist ein Roman gelungen, der vieles zugleich ist: spannend, komisch, traurig und klug – und bei alledem zutiefst berlinerisch. Vor allem aber ist er, wie schon ihre früheren Bücher, eine gute Schule für unsere Aufmerksamkeit.

Yesterday5 min
episode Auf der Suche nach „Zukunftsmut“. Gabriele von Arnims Tagebuch der Polykrise artwork

Auf der Suche nach „Zukunftsmut“. Gabriele von Arnims Tagebuch der Polykrise

Gabriele von Arnim [https://www.swr.de/kultur/literatur/der-trost-der-schoenheit-matinee-swr-kultur-20260517-100.html] wird achtundsiebzig und beschließt an ihrem Geburtstag, ein Jahr lang Tagebuch zu führen über das Thema Abschied in seinen vielen Formen: als Trennung und Verlust ebenso wie als Befreiung und Verwandlung.  Im Verlauf dieses Jahres wird in den USA Trump die Allianzen in der Welt verändern, Israel wird den Iran angreifen und Friedrich Merz wird mit Hilfe der AfD sein sogenanntes „Zustrombegrenzungsgesetz“ durch den Bundestag bringen. Die engagierte Demokratin von Arnim ist entsetzt.     SPRACHE PRÄGT DAS DENKEN  „Sprache prägt das Denken, und aus dem Denken erwachsen Handlungen, Taten. Je häufiger wir das Wort hören, umso weniger soll es uns stören. Wieder ein gefährliches Normalisierungsgeschleiche in unsere Köpfe. Um dann ungestört die neue Normalität durchzusetzen“, schreibt von Arnim in ihrem Tagebuch.  > Trump macht es vor. Merz übt sich innenpolitisch noch im Trumpismus. Ich musste die Debatte im Bundestag immer wieder abstellen, weil mir übel wurde.  > > > Quelle: Gabriele von Arnim – Abschied leben Gabriele von Arnim muss sich im Jahr 2025 von vielen Gewissheiten verabschieden, politisch und privat. Freundinnen werden dement und schwer krank, sie selbst ist gehbehindert und wagt sich bei Glatteis nicht mehr auf die Straße. Aber sie verabschiedet sich auch von ihrem lebenslangen Kontrollzwang und erlaubt es sich, Tage auf dem Sofa zu verträumen. „Ich will auf Zerstörung nicht mit Selbstzerstörung antworten“, sagt sie, aber dann stürzt sie sich jeden Morgen wieder mit, wie sie es nennt, „räuberischer Gier“ auf die Nachrichten.  „Immer mal wieder entferne ich mich vom Weltgeschehen, übe mich in der Ausblendung aktueller Schrecken. Aber die Gefühle des Entsetzens, die innere Unruhe fräsen sich immer mehr in mich hinein. Immer wieder muss ich Kraft und Lachen suchen in mir, Weltmut.“  AUF DER SUCHE NACH ZUKUNFTSMUT  Politik nimmt den größten Raum in diesem Tagebuch ein, und heute wissen wir: Es ist vieles noch schlimmer gekommen. Das Medium Buch eignet sich nicht gut für Tagespolitik, das können Zeitungen und das Internet besser. Gabriele von Arnim macht sich bei Psychologinnen, Historikern, Soziologen und Schriftstellerinnen auf die Suche nach dem, was sie Zukunftsmut nennt. Sie findet durchaus Beispiele gelebten Miteinanders, aber sie selbst scheint sich nicht ermutigt zu fühlen und wird von Fragen umgetrieben.  > Wie kann eine Gesellschaft resilienter, wie repariert werden, wie übt man Widerstandskraft, wie lernen, den erreichten Fortschritt zu beschützen und daraus Befriedigung zu ziehen. Woran sich orientieren, wenn ‚Weltverlust‘zu ‚Selbstverlust‘ führt. > > > Quelle: Gabriele von Arnim – Abschied leben RÄUME DES GEGENSEITIGEN VERTRAUENS SCHAFFEN  Das ganze Jahr über ringt Gabriele von Arnim darum, trotz der Ereignisse in der Welt ihre Kraft nicht zu verlieren. Dieser Balance-Akt ist Menschen, die bewusst leben, sehr vertraut. Gerade deshalb wäre es so wichtig gewesen, dass diese kluge Autorin nicht nur ein Zeitgefühl in Worte fasst, sondern zeigt, wie man sich auch als politisch wache Person Freude und Leichtigkeit bewahren kann. Im Grunde weiß sie ja, was nötig wäre, auch wenn es bei ihr vorerst noch wie eine Beschwörung klingt.  „Jetzt gilt es mehr denn je, Anstand und Rebellion, Mitgefühl und Freiheit zu leben und zu bewahren, Ideen zu entwickeln. Uns mit anderen zu verbinden und zusammen kleine Räume der Offenheit oder gar Zartheit zu gestalten, Räume des gegenseitigen Vertrauens. Das Freiheits-Fundament, das wir noch haben, zu befestigen, damit auch die nächste Generation noch einigermaßen stabil darauf stehen kann.“

28. juli 20264 min