SWR Kultur lesenswert - Literatur

Lesen als Existenzform: „Eine Seite noch“ von Meike Winnemuth

4 min · 29 jun 2026
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SÜCHTIG NACH LITERATUR Jeder sechste Mensch in Deutschland liest einer aktuellen Studie zufolge überhaupt keine Bücher. Jeder fünfte hat eine so schlechte Lesekompetenz, dass nur einfachste Sätze verstanden werden können. Und jene, die noch regelmäßig lesen, verwenden immer weniger Zeit darauf.   Auch Meike Winnemuth hatte eine Phase, in der Bücher ungelesen im Regal verstaubten. So geht es vielen: Als Kind versinkt man in fremden, fiktiven Abenteuerwelten; als junger Erwachsener in der „Rushhour des Lebens“ hält der Alltag ziemlich viele reale Ablenkungen bereit. Seit 20 Jahren aber ist die Journalistin und Autorin wieder regelrecht süchtig nach Literatur. Und über diese Sucht hat sie nun – was sonst? – ein Buch geschrieben. ANSTECKENDE LEIDENSCHAFT Sie schaut sich dabei auf so unterhaltsame Weise selbst beim Lesen über die Schulter, denkt so charmant übers Lesen, Leben und die Beziehung von Fiktion und Realität nach, dass ihre Leidenschaft sehr ansteckend wirkt. Vertieft man sich in ihr Lesetagebuch „Eine Seite noch“, fragt man sich jedenfalls, wie man bloß auf die Idee kommen kann, seine Zeit mit mittelmäßigen Fernsehserien oder unbefriedigenden Social-Media-Exzessen zu verschwenden.  > Es soll eine Liebeserklärung werden. Ich möchte mir einen Sommer lang beim Lesen auf die Finger gucken, bei den kleinen Ausflügen und großen Expeditionen, auf die mich die Bücher mitnehmen. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch  AUF ACHTTAUSENDER UND IN DIE EBENEN  Die Ausflüge und Expeditionen führen lesend auf unterschiedliche Kontinente und in vergangene Zeiten, auf die „Achttausender“ zu Thomas Manns [https://www.swr.de/kultur/literatur/100-jahre-zauberberg-die-ganze-geschichte-thomas-mann-norman-ohler-rezension-100.html] „Zauberberg“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/thomas-mann-der-zauberberg-als-hoerbuchfassung-100.html] und Leo Tolstois „Krieg und Frieden“, in die Ebenen der deutschen Gegenwartsliteratur, aber auch in bislang unbetretene Gefilde des Spionageromans oder der Romantasy [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-new-adult-halle-auf-der-frankfurter-buchmesse-100.html].  Winnemuth streift Dichterinnen und Denker, die übers Lesen nachgedacht haben, meidet alles, was nach Kanon und Bevormundung aussieht, folgt dem Lust- und Zufallsprinzip. > Lesen ist die egoistischste, luxuriöseste, trotzigste, lohnendste Existenzform, die ich kenne. Und doch ist man nach dem Lesen umso mehr in der Welt. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch Buchstäblich in die Welt führen die Lektüren zuweilen auch: So unterhält sich Winnemuth mit Strandkorbwärter Roger über dessen Lebensbuch „Krieg und Frieden“, mit ihrem Studienfreund und dem heutigen Germanistik-Professor Heinrich Detering übers professionelle Lesen. Sie besucht Silent-Reading-Gruppen. Wird Probandin bei einer psychologischen Studie, die herausfinden will, wie Sprachverarbeitung im Gehirn funktioniert. Einmal trifft sie sich mit dem Literaturkritiker Denis Scheck [https://www.swr.de/kultur/literatur/lesenswert-quartett-mit-denis-scheck-vor-ort-2024-07-05-100.html], der davon erzählt, wie er als Kind durchs Lesen der Einsamkeit entkommen ist und wenig später mit 13 seine erste Literaturagentur gegründet hat. EIN BISSCHEN WAHNSINN ZUM GEBURTSTAG  Und sie schenkt sich zum 65. Geburtstag ein sündhaft teures Ticket für ein Virginia-Woolf-Event samt Champagner und Exklusivführung durch Monk’s House in East Sussex, wo Woolf und ihr Mann lebten – die günstigere Variante bietet lediglich eine Lesung auf dem Rasen vor Virginias Schreibhütte.  > 50 Pfund oder 1250 Pfund? Schließlich murmelte ich ‚Ach, was soll’s‘ und klickte auf 1250. Mal zwei. Manchmal muss man so was einfach machen. Und überhaupt, das Leben ist kurz. Ich schenke mir ein bisschen Wahnsinn zum Geburtstag. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch Sage da noch wer, Leserinnen seien nicht abenteuerlustig. Eine Freundin erklärt ihr einmal, was passiere, wenn man sich auf Bücher einlasse:  > Es poetisiert das Leben. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch ALLE GEFÜHLE AUF EINMAL Auf jeden Fall macht es reicher. Nach sechs Monaten blickt Winnemuth auf den nicht gerade niedrigen Stapel gelesener und als Hörbuch gehörter Bücher und stellt fest:  „Ich bin in andere Leben verreist, ohne auch nur vom Sofa aufstehen zu müssen. Ich bin aus mir selbst herausgekommen. Ich würde behaupten, nahezu alle Gefühle gehabt zu haben, die man so haben kann, die ganz großen herzerweiternden und die heimlichen, kleinlichen, peinlichen.“  Das Wunderbare: Das Medium für diese Reisen im Kopf ist nicht nur vielfältig und erschwinglich; seine Inhalte sind zudem schier unerschöpflich. Also: Auf ins Vergnügen!

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Lesen als Existenzform: „Eine Seite noch“ von Meike Winnemuth

SÜCHTIG NACH LITERATUR Jeder sechste Mensch in Deutschland liest einer aktuellen Studie zufolge überhaupt keine Bücher. Jeder fünfte hat eine so schlechte Lesekompetenz, dass nur einfachste Sätze verstanden werden können. Und jene, die noch regelmäßig lesen, verwenden immer weniger Zeit darauf.   Auch Meike Winnemuth hatte eine Phase, in der Bücher ungelesen im Regal verstaubten. So geht es vielen: Als Kind versinkt man in fremden, fiktiven Abenteuerwelten; als junger Erwachsener in der „Rushhour des Lebens“ hält der Alltag ziemlich viele reale Ablenkungen bereit. Seit 20 Jahren aber ist die Journalistin und Autorin wieder regelrecht süchtig nach Literatur. Und über diese Sucht hat sie nun – was sonst? – ein Buch geschrieben. ANSTECKENDE LEIDENSCHAFT Sie schaut sich dabei auf so unterhaltsame Weise selbst beim Lesen über die Schulter, denkt so charmant übers Lesen, Leben und die Beziehung von Fiktion und Realität nach, dass ihre Leidenschaft sehr ansteckend wirkt. Vertieft man sich in ihr Lesetagebuch „Eine Seite noch“, fragt man sich jedenfalls, wie man bloß auf die Idee kommen kann, seine Zeit mit mittelmäßigen Fernsehserien oder unbefriedigenden Social-Media-Exzessen zu verschwenden.  > Es soll eine Liebeserklärung werden. Ich möchte mir einen Sommer lang beim Lesen auf die Finger gucken, bei den kleinen Ausflügen und großen Expeditionen, auf die mich die Bücher mitnehmen. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch  AUF ACHTTAUSENDER UND IN DIE EBENEN  Die Ausflüge und Expeditionen führen lesend auf unterschiedliche Kontinente und in vergangene Zeiten, auf die „Achttausender“ zu Thomas Manns [https://www.swr.de/kultur/literatur/100-jahre-zauberberg-die-ganze-geschichte-thomas-mann-norman-ohler-rezension-100.html] „Zauberberg“ [https://www.swr.de/kultur/literatur/thomas-mann-der-zauberberg-als-hoerbuchfassung-100.html] und Leo Tolstois „Krieg und Frieden“, in die Ebenen der deutschen Gegenwartsliteratur, aber auch in bislang unbetretene Gefilde des Spionageromans oder der Romantasy [https://www.swr.de/kultur/literatur/neue-new-adult-halle-auf-der-frankfurter-buchmesse-100.html].  Winnemuth streift Dichterinnen und Denker, die übers Lesen nachgedacht haben, meidet alles, was nach Kanon und Bevormundung aussieht, folgt dem Lust- und Zufallsprinzip. > Lesen ist die egoistischste, luxuriöseste, trotzigste, lohnendste Existenzform, die ich kenne. Und doch ist man nach dem Lesen umso mehr in der Welt. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch Buchstäblich in die Welt führen die Lektüren zuweilen auch: So unterhält sich Winnemuth mit Strandkorbwärter Roger über dessen Lebensbuch „Krieg und Frieden“, mit ihrem Studienfreund und dem heutigen Germanistik-Professor Heinrich Detering übers professionelle Lesen. Sie besucht Silent-Reading-Gruppen. Wird Probandin bei einer psychologischen Studie, die herausfinden will, wie Sprachverarbeitung im Gehirn funktioniert. Einmal trifft sie sich mit dem Literaturkritiker Denis Scheck [https://www.swr.de/kultur/literatur/lesenswert-quartett-mit-denis-scheck-vor-ort-2024-07-05-100.html], der davon erzählt, wie er als Kind durchs Lesen der Einsamkeit entkommen ist und wenig später mit 13 seine erste Literaturagentur gegründet hat. EIN BISSCHEN WAHNSINN ZUM GEBURTSTAG  Und sie schenkt sich zum 65. Geburtstag ein sündhaft teures Ticket für ein Virginia-Woolf-Event samt Champagner und Exklusivführung durch Monk’s House in East Sussex, wo Woolf und ihr Mann lebten – die günstigere Variante bietet lediglich eine Lesung auf dem Rasen vor Virginias Schreibhütte.  > 50 Pfund oder 1250 Pfund? Schließlich murmelte ich ‚Ach, was soll’s‘ und klickte auf 1250. Mal zwei. Manchmal muss man so was einfach machen. Und überhaupt, das Leben ist kurz. Ich schenke mir ein bisschen Wahnsinn zum Geburtstag. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch Sage da noch wer, Leserinnen seien nicht abenteuerlustig. Eine Freundin erklärt ihr einmal, was passiere, wenn man sich auf Bücher einlasse:  > Es poetisiert das Leben. > > > Quelle: Meike Winnemuth - Eine Seite noch ALLE GEFÜHLE AUF EINMAL Auf jeden Fall macht es reicher. Nach sechs Monaten blickt Winnemuth auf den nicht gerade niedrigen Stapel gelesener und als Hörbuch gehörter Bücher und stellt fest:  „Ich bin in andere Leben verreist, ohne auch nur vom Sofa aufstehen zu müssen. Ich bin aus mir selbst herausgekommen. Ich würde behaupten, nahezu alle Gefühle gehabt zu haben, die man so haben kann, die ganz großen herzerweiternden und die heimlichen, kleinlichen, peinlichen.“  Das Wunderbare: Das Medium für diese Reisen im Kopf ist nicht nur vielfältig und erschwinglich; seine Inhalte sind zudem schier unerschöpflich. Also: Auf ins Vergnügen!

29 jun 20264 min
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An Kipp-Punkten des Lebens: Julia Wolfs Erzählband „Du, hier“

„Du, hier“ heißt der Erzählband von Julia Wolf. Man könnte dahinter ein Fragezeichen setzen. Denn in allen Erzählungen sind die Frauen um die Vierzig, die stets im Mittelpunkt stehen – Männer bleiben nur Randfiguren –, erstaunt darüber, wohin ihr Leben sie geführt hat.  Das vorläufige Resümee fällt selten positiv aus. Es überwiegt ein Unbehagen. Darüber, sich verheddert zu haben in den Fallstricken des Lebens. Gestrandet zu sein. Zum Beispiel in einem Einfamilienhaus in der Provinz, wie in der titelgebenden Geschichte. BRANDENBURGER TRISTESSE  In dieser begegnen sich zwei Freundinnen aus Schulzeiten unverhofft vor einem Baumarkt auf dem Land wieder. Toni, eine Tennisspielerin, ist auf der Durchreise, Stella lebt in der Gegend ­– inmitten der „Brandenburger Monokultur“. „Stella, bist du das?“, fragt die Freundin – es ist die abgewandelte Form von „Du, hier?“.  Beide hatten einmal gedacht, dass aus Stella etwas Besonderes werden würde. Aber jetzt? Sie trinkt zu viel, ist arbeitslos, kann sich nicht konzentrieren, macht eine Therapie. In ihre Ehe hat sich ein herablassender Ton eingeschlichen. „Als sie sich kennengelernt haben, gab es so etwas nicht, damals herrschte eine Stimmung zärtlicher Verwunderung zwischen ihnen. Dass sie einander gefunden hatten.“ > Philip war zu diesem Zeitpunkt genauso verloren wie Stella, nur auf andere Art. Von der Behutsamkeit ist nicht viel übriggeblieben, ihr Umgang ist rauer geworden, neulich hat Philip sie sogar nachgeäfft. > > > Quelle: Julia Wolf - Du, hier HALTLOSER GEDANKENSTROM In einigen der Erzählungen wirkt die Corona-Pandemie als Katalysator des Missbehagens. Ein andermal ist der unerfüllte Kinderwunsch ein Krisenverstärker oder aber umgekehrt die krasse Überforderung mit einem Kind, wie in „Kopfbewohner“. In dieser Geschichte kriecht Julia Wolf förmlich in den Kopf ihrer Protagonistin, deren Gedankenstrom immer verworrener und haltloser wird, während sie – passend dazu – mit der Berliner U-Bahn in endlosen Schleifen unterwegs ist.  In einer Prosa, die immer kurzatmiger wird und am Ende in ein Stakkato übergeht, führt Julia Wolf diese Frau im Ausnahmezustand bis nah an den Kollaps. > Atmen. Atmen.  > Schlesisches Tor.  > Ich werde das überleben. Natürlich. Das fühlt sich jetzt schlimmer an, als es ist.  > Mich juckt’s halt auf einmal am ganzen Körper.  > Augen auf.  > Hallo, kleine Stadt.  > Ja, ich bin’s nochmal. Sitze immer noch an derselben Stelle. Ich mit meinen. Kopfbewohnern. > > > Quelle: Julia Wolf - Du, hier Das Buch bietet eine große Bandbreite unterschiedlicher Erzählweisen. Sie probiere immer wieder aus, was am besten zu einer Geschichte passe, sagt Julia Wolf. Die Erzählung „DELETE“, die sich um Missbrauch dreht, besteht etwa aus nichts anderem als einer Reihe immer neuer, nicht abgeschickter E-Mails.  In keiner der Stories verlässt Julia Wolf die Perspektive der Figuren, nie mischt sich eine auktoriale Instanz kommentierend ein. Die „vermeintlich neutrale Draufsicht“ interessiere sie nicht, sagt sie.  AKTE DER SELBSTERMÄCHTIGUNG  „Für mich gewinnt das Erzählen eine gewisse Dynamik, wenn ich in einer Figur drinbleibe oder an einer Figur dranbleibe, die ich brauche, um einen Text schreiben zu können“, so Julia Wolf. „Ich habe immer das Gefühl, wenn ich den Ton und die Perspektive gefunden habe, ergibt sich alles andere, Fragen des Plots und so weiter lassen sich lösen. Ich muss diese Haltung finden im Text, und dann kann ich auch einen Text schreiben. Ich bin immer auf der Suche, wie die Form den Inhalt noch besser hervorheben kann.“  Julia Wolfs Erzählungen sind im Alltag verankert. Doch in überraschenden Momenten großer Intensität verlassen die Protagonistinnen die einmal eingeschlagenen Pfade. Die Autorin spricht von „Akten der Selbstermächtigung“. Es sind Kipppunkte, die Möglichkeitsräume öffnen. Ob die Frauen dieser Erzählungen tatsächlich immer zu etwas Neuem aufbrechen, bleibt offen. Diese Rätselhaftigkeit spricht indes keineswegs gegen diese ausgereiften Stories, sie macht vielmehr zum nicht geringen Teil deren Reiz aus.

Gisteren3 min
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„Zwei Menschen sind in mir“ – die Bachmann-Biografie zum 100. Geburtstag | Buchkritik

Die Annäherungen an Ingeborg Bachmann zum 100. Geburtstag [https://www.swr.de/kultur/literatur/bachmann-100-erzaehlungen-einer-ikone-100.html] sind vielfältig und kreativ – allzu oft wird ihr Leben aber vom Ende, also von ihrem tragischen Tod 1973 her erzählt. Damit ergibt sich eine Zwangsläufigkeit ihres Lebens auf eine Katastrophe hin – Andrea Stoll [https://www.swr.de/kultur/literatur/andrea-stoll-ingeborg-bachmann-biografin-gespraech-2026-05-02-100.html] ist so klug, ihre Biografie chronologisch zu schreiben. Und mit einem Blick in eine Vergangenheit, die für Bachmann von essenzieller Bedeutung war: „Als Ingeborg Bachmann am 25. Juni 1926 im Klagenfurter Landeskrankenhaus zur Welt kam, war der Habsburger Vielvölkerstaat unter Kaiser Franz Joseph II. erst wenige Jahre zuvor untergegangen, das Denken und Fühlen seiner Bewohner aber noch immer von dem Sonnensystem der österreichischen Hauptstadt bestimmt.“ Diese historisch und gesellschaftlich verortende Erzählweise ist ein großes Geschenk für alle Bachmann-Interessierten. In einem sicheren Stil, der zuweilen selbst literarische Qualitäten hat, schildert Stoll Bachmanns Leben und ihr beeindruckendes Netzwerk. Geschickt weist sie an den richtigen Stellen ihrer Lebenserzählung auf die wichtigen Motive im Werk der Autorin hin – etwa die Schuld, die sie als Tochter eines schon 1932 in die NSDAP eingetretenen Täters schuldlos mit auferlegt bekommt. Zwischen Überinterpretation und scharfer Analyse Die Bachmann-Forschung ist voll von biografischen Überinterpretationen, die auch Stoll befeuert, wenn sie die von Bachmann selbst erklärte Trennung von Leben und Werk leugnet. Nichtsdestotrotz bietet die Literaturwissenschaftlerin, die über „Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstands im Werk Ingeborg Bachmanns“ promoviert hat, viele bemerkenswerte Interpretationen: „Es ging ihr nicht nur um ein Abbilden der österreichischen Nachkriegsgesellschaft, nicht nur um das Abbilden eines kommunikativen Miteinanders“, heißt es in dem Buch. „Es ging ihr auch um eine psychologische Tiefenbohrung in die Unterströmungen dessen, was die Menschen antrieb, um das, was sie hofften und träumten, um ihre notdürftig verdrängten Traumata, aber auch um das, was sich an ideologischem Unrat und Müll in den Jahren des Faschismus und Naziterrors in ihnen angesammelt hatte.“ Viele überzeugende Analysen hat Stoll schon in ihrer ersten Bachmann-Biografie im Jahr 2013 vorgebracht. Die neue Biografie ist nicht nur knapp 100 Seiten länger – Stoll hat auch einen anderen Ansatz gewählt und bietet nicht mehr nur das Bild des tüchtigen „Working Girl“ und der perfektionistischen Autorin. Bachmann erscheint in der neuen Biografie als Einzelkämpferin, die für ihre Kunst das glückliche Leben opfern muss. Darin besteht laut Stoll ihr radikaler persönlicher Freiheitsentwurf. Beim Lesen dieser Deutung vermisst man manchmal die zentrale Kategorie, mit der man nicht nur an Bachmanns Werk, sondern auch Leben herantreten muss: Ambivalenz. Tausende neue Bachmann-Seiten In den letzten Jahren wuchs das Material der Bachmannforschung um tausende Seiten an. Das liegt an der großartigen Salzburger Edition, in der alle Texte und Briefwechsel Bachmanns nach und nach neu herausgegeben werden. Der Briefwechsel mit Max Frisch gehört da dazu, er bietet nicht nur privateste Einblicke in eine Beziehungstragödie, sondern hat auch zu einer Neubewertung von Bachmanns Opferrolle in dieser Beziehung geführt. Auch Bachmanns Tagebucheintragungen, die im Band „Senza Casa“ abgedruckt sind, und die Stoll wie viele andere Zitate geschmeidig in ihre biografische Erzählung einbettet, lassen neue Rückschlüsse auf Bachmanns Leben und Schreiben zu: Aus dem Tagebuch deutet Stoll etwa das „Psychogramm eines hypersensiblen Menschen“. So lohnend also eine erneute Auseinandersetzung aufgrund der neuen Quellenlage auch ist – leider geht die „germanistische Privatdetektei“, wie die Bachmann-Interpretin Sigrid Weigel schon 1999 formulierte, manchmal zu weit. Eine äußerst fragwürdige Aussage eines irrelevanten Bekannten Bachmanns, Martin Mumme, übernimmt Stoll begeistert: > Mumme attestierte Bachmann eine Vorliebe für „muskulöse Männer, Typ Matrose. Sie war es, die die Männer aussuchte. Um sie zu kriegen, zog sie sich an wie eine Prostituierte. > > > Quelle: Andrea Stoll - „Zwei Menschen sind in mir“ Diese Erinnerung bietet keinen Erkenntniswert, sondern reproduziert nur Bachmann-Klischees, die Stoll an anderer Stelle problematisiert. So ein Patzer trübt leider den Eindruck einer ansonsten hervorragend recherchierten und klug komponierten Biografie.

24 jun 20264 min
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„Als Kind ist man immer ein Dichter“ - Erzählungen von Stig Dagerman

Die bekannteste Erzählung Stig Dagermans entstand kurioserweise als Auftragswerk der „Nationalvereinigung für die Förderung der Verkehrssicherheit“. Die hatte im Jahr 1948 eine neue Werbe-Maßnahme gestartet, um die Zahl der Verkehrstoten auf Schwedens Straßen zu senken.  Dagerman, damals 25 Jahre alt, schrieb einen zu Herzen gehenden Text, der sowohl in seiner literarischen Eindringlichkeit und Form als auch im Sinne der sicherheitsfördernden Kampagne überzeugte. In „Ein Kind töten“ werden die Minuten vor einem verhängnisvollen Unfall aus zwei Perspektiven erzählt – jener eines kleinen Jungen, der nur rasch die Straßenseite wechselt, um in einem Laden fürs Frühstück Zucker zu besorgen; und jener des Autofahrers, der gerade noch als glücklich Verliebter eine hell scheinende Zukunft vor sich hat.  „Hinterher ist alles zu spät. Hinterher steht ein blaues Auto schräg auf der Straße. Hinterher öffnet ein Mann eine Autotür und versucht, sich auf den Beinen zu halten, obwohl er ein Loch aus Grauen in sich hat.“ > Hinterher liegen ein paar weiße Würfel Zucker sinnlos verstreut in Blut und Kies, und ein Kind liegt regungslos auf dem Bauch, das Gesicht hart auf die Straße gepresst.  > > > Quelle: Stig Dagerman - Unser nächtlicher Badeort SCHICKSAL UND SCHULD  In diesem gerade einmal fünf Seiten langen Text, enthalten im Band „Unser nächtlicher Badeort“, steckt einiges von dem, was Stig Dagermans Erzählungen auszeichnet: eine lakonische, ruhige Sprache, in der ein sich plötzlich auftuender existenzieller Abgrund umso verstörender wirkt. Schicksal und Schuld, die das Konzept Freiheit zweifelhaft erscheinen lassen. Und nicht zuletzt das Empfinden, in einem inneren Gefängnis festzustecken und zum Leben mit all seiner Absurdität verurteilt zu sein.  Diese Irrationalität wird einem schon im Kindesalter bewusst. In zwei Geschichten taucht ein Junge namens Åke auf, der seine Mutter zu retten versucht, indem er spielt … „… dass er unsichtbar ist und sich dorthin wünschen kann, wo er sein will, wenn er nur daran denkt. [Seine Mutter] weiß nicht, was er für sie tut, wenn sie nachts allein sind und sie denkt, dass er schläft. Sie weiß nicht, zu welchen Reisen er aufbricht und in welche Abenteuer er ihr zuliebe stürzt.“  Andere von Dagermans Erzählungen haben parabelhafte Züge – der Autor hat seinen Kafka [https://www.swr.de/kultur/literatur/gen-z-feiert-franz-kafka-als-viralen-trend-auf-tiktok-und-instagram-100.html]gewissenhaft gelesen. So spielt eine Geschichte in einer grotesken, Gefühle kontrollierenden Welt, in der ein Angestellter von seinem Chef gedrängt wird, den Tod einer Schauspielerin und Nationalheiligen zu beweinen – wie es jeder in der Firma, ja, jede und jeder im ganzen Land tue. Herr Storm ist dazu nicht in der Lage und droht entlassen zu werden. Am Ende fließen aber auch bei ihm die Tränen, wenn auch aus ganz anderen, intimeren Gründen.  GROSSE, UNBEANTWORTBARE SINNFRAGEN Es sind die großen, unbeantwortbaren Sinnfragen, die den jungen Stig Dagerman in den 1940er Jahren umtreiben. Woher sie rühren, beantwortet ein Text, der den Auftakt der von Paul Berf exzellent übersetzten Sammlung markiert. „Die Memoiren eines Kindes“ sind die Memoiren Dagermans: Zurückgelassen von der Mutter, lebt das Kind bis zum Alter von neun Jahren auf dem Bauernhof seiner Großeltern, in einer archaischen Welt, in der Armut herrscht, aber auch Herzensgüte. Und Vertrauen. Das wird fundamental erschüttert, als der Großvater ermordet wird – die Gewalttat hinterlässt Spuren im Kind, sie hinterlässt Spuren in Dagermans Werk.  ZUMUTUNGEN UND ANFEINDUNGEN DER UMWELT  Von da an wächst Dagerman bei seinem Vater in Stockholm auf, wo er das zu entwickeln sucht, was man heute gerne Resilienz nennt: eine Fähigkeit, sich den Zumutungen und Anfeindungen der Umwelt zu widersetzen. > „Als Kind ist man immer ein Dichter. Dann wird es einem – in den meisten Fällen – abgewöhnt. Die Kunst, ein Dichter zu werden, besteht also unter anderem darin, nicht zuzulassen, dass das Leben oder die Menschen oder das Geld es einem abgewöhnen.“  > > > Quelle: Stig Dagerman - Unser nächtlicher Badeort Stig Dagerman ist – trotz allem – zum Dichter geworden. Als er Anfang der 50er Jahre aber am Dichten verzweifelte, in eine Schreibkrise geriet, wusste er nicht weiter. Er nahm sich mit nur 31 Jahren das Leben.

23 jun 20264 min
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Carsten Gansels überfälliges Kompendium zur DDR-Literatur

Etwa 80 Millionen Bücher wurden vernichtet. In stillgelegte Tagebaue gekippt, auf Feldern verstreut oder untergepflügt. Abgewickelte Verlage, Bibliotheken, Betriebsbüchereien, Kulturhäuser oder Geschäfte warfen 1990 tonnenweise Werke aus DDR-Produktion weg. Doch nicht nur den Büchern, auch ihren Produktionsstätten wurde der Garaus gemacht. Die 78 Verlage, zu 90% staatliches Eigentum, wurden binnen kürzester Zeit von der Treuhandanstalt entsorgt. > Die meisten Verkäufe wurden in der Folgezeit innerhalb eines Jahres abgewickelt, es gab keine Zeit, um die oftmals verwickelte Rechtslage zu prüfen und nach seriösen Käufern zu suchen. > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? BÜCHERN UND VERLAGEN WIRD DER GARAUS GEMACHT Mit ebenso nüchternen wie beklemmenden Fakten wie diesen beantwortet Carsten Gansel gleich im ersten Kapitel die titelgebende Frage seines Buches „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“. Aber es gab in den folgenden Jahren, und gibt sie noch immer, viele weitere Versuche, Werke und Autoren jener Zeit zu diskreditieren, mit wenig Interesse an Differenzierung zu stigmatisieren oder ausschließlich zu ideologisieren. Davon – und mit nicht geringer Empörung – berichtet der Germanist aus Güstrow, der viele Jahre lang der einzige ostdeutsche Germanistikprofessor an einer westdeutschen Universität war. So erinnert er an den Literaturstreit um Christa Wolf des Jahres 1990, der erbittert und scharf geführt worden und einzig und allein als grundsätzliche Abrechnung mit Autorinnen und Autoren ihrer Generation angelegt gewesen sei, so Gansel. Sein Fazit: > Es ist angeraten, die DDR Literatur an ihrem eigenen Selbstverständnis zu messen und nicht an von außen herangetragenen Maßstäben, die einer westlichen Gesellschaft abgezogen sind. > > > Quelle: Carsten Cansel - Ausradiert? BLICK IN DIE LITERATURGESCHICHTE DER DDR Und so widmet sich der Autor in einem weiteren – dem größten Teil – seines Buches der Geschichte der DDR-Literatur. „Volker Braun hatte das Glück, im Kombinat „Schwarze Pumpe“ vom Schriftsteller Ehepaar Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann betreut zu werden. Das junge Ehepaar war noch Hoyerswerda gekommen, um neue literarische Wege zu finden und endlich eine eigene Wohnung zu erhalten.“ Der junge Volker Braun ging in die Plattenbaustadt und ihr Kombinat, weil er keinen Studienplatz erhalten hatte und nun hoffte, über die Arbeit in der Produktion an die Universität delegiert zu werden. Nach drei Jahren klappte es. Er wurde zu einem der wichtigsten Autoren der DDR, anfangs überzeugt, dann immer kritischer. Wie seine Mentorin Brigitte Reimann, deren Roman über ihre Zeit in Hoyerswerda „Franziska Linkerhand“ sie 1974 berühmt machte. Bereits in den 50er Jahren gehörte sie dem „Donnerstagskreis“ junger Autoren an. Dort debattierten Walter Janka, Erich Ahrendt oder Fritz J. Raddatz offen, lebhaft – und mutig. In ihr Tagebuch notierte die engagierte Schriftstellerin: > Die Gruppe ist illegal. Der Geist bei uns lebt illegal – Herrgott, ist das eine Welt! > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? KULTURELLE LEISTUNG VERSUS IDEOLOGISCHE ABWERTUNG Brigitte Reimann wird sich an dieser widersprüchlichen DDR-Welt ihr Leben lang ebenso abarbeiten wie wie viele weitere ihrer Schriftstellerkollegen. Von ihnen und ihrem Schaffen berichtet das Buch. Von den mündigen Lesern ihrer Werke. Damals wie heute. Grundiert wird das sorgsam recherchierte, von vielen persönlichen Begegnungen mit den Autorinnenen und Autoren profitierende Kompendium von Wut. Carsten Gansels Wut über den weiter unausgewogenen Umgang mit DDR Literatur. Und er ist damit nicht allein, wie aus einem Gespräch mit Volker Braun im August letzten Jahres hervorgeht: > Wunschdenken unserer beamteten Wissenschaft sei ein Narrativ der Sieger durchzusetzen. Das ist ihr Problem, nicht das der Literatur. Der Autor ist ja der Zweifelnde, Suchende, der sich Fragen stellt. > > > Quelle: Carsten Gansel - Ausradiert? Dem in den Werken von Volker Braun, Christa Wolf, Brigitte Reimann und vieler anderer nachzuspüren, dazu stiftet das engagierte Buch von Carsten Gansel an – und liefert ein faktenreiches Fundament für die Auseinandersetzung.

22 jun 20264 min