SWR2 Kultur Aktuell
Am Sonntag wollen Aktivistinnen und Aktivisten in Palma erneut gegen den Massentourismus demonstrieren. Die Organisatoren sprechen von einem gewaltfreien Protest. Gleichzeitig sorgt ein veröffentlichtes Handbuch für Diskussionen: Darin werden unter anderem Farbschmierereien oder das Blockieren von Schlüsselboxen vorgeschlagen – jener Kästen, über die Ferienwohnungsvermieter ihren Gästen die Wohnungsschlüssel übergeben. Die Bild-Zeitung griff das auf und titelte: „Touristenhasser rufen zu Sabotage gegen Urlauber auf.“ Die Tourismusfeindlichkeit auf der Lieblingsinsel der Deutschen nehme immer weiter zu. Patrick Schirmer, Redakteur der Mallorca Zeitung, beobachtet die Proteste seit Jahren. Im Gespräch mit SWR Kultur ordnet er die Entwicklung ein. SIND DIE PROTESTE WIRKLICH GEWALTTÄTIG? Schirmer hält die Darstellung, die Aktivistinnen und Aktivisten seien gewaltbereit, für überzogen. „Ich finde, es ist eine sprachliche Eskalation, von gewaltaffin zu sprechen“, sagt er. Tatsächlich habe es in den vergangenen Jahren immer wieder Graffiti-Aktionen gegen touristische Unternehmen oder Immobilienfirmen gegeben. Ob man das bereits als Gewalt bezeichnen müsse, darüber könne man durchaus diskutieren. Neu sei allerdings, dass die Organisatoren der Demonstration in ihrem Handbuch ausdrücklich dazu aufrufen, Schlüsselboxen von Ferienwohnungen unbrauchbar zu machen. Das habe ihn überrascht. Ob sich dadurch die Stimmung bei der Demonstration verändern werde, sei aber offen. Die Proteste seien in den vergangenen Jahren „immer recht ruhig“ verlaufen. WARUM GEGEN DIE ORGANISATOREN DER PROTESTE ERMITTELT WIRD Die Initiative „Weniger Tourismus, mehr Leben“, die die Demonstration organisiert, ruft bereits zum dritten Mal zu Protesten im Hochsommer auf. Während sich an der Bewegung vor zwei Jahren noch viele Menschen beteiligt hatten und der Zulauf groß war, fiel die Beteiligung im vergangenen Jahr geringer aus. Nachdem das Protest-Handbuch veröffentlicht wurde, erstattete eine Anwaltskanzlei Anzeige gegen die Organisation. Der Grund: Die Anwaltskanzlei wertet die darin beschriebenen Aktionen als Aufruf zu Straftaten. Für zusätzliche Empörung sorgte die Festnahme zweier Aktivisten, die bereits Ende Mai Graffiti auf ein Immobilienbüro gesprüht haben sollen. Sie wurden auf offener Straße in Handschellen abgeführt. Schirmer glaubt, dass gerade dieses Vorgehen den Protesten am Sonntag sogar mehr Zulauf bescheren könnte. Die Bilder seien von vielen auf Mallorca als „grobe Eskalation“ empfunden worden. Dass Graffiti-Sprayer wie Schwerverbrecher behandelt würden, habe viele Menschen irritiert. WOHNUNGSNOT STATT TOURISTENHASS Für Schirmer richtet sich die Wut der Protestierenden ohnehin weniger gegen Urlauberinnen und Urlauber direkt als gegen die Folgen des Massentourismus. Besonders der Wohnungsmarkt habe sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Nach der Corona-Pandemie sei Mallorca für digitale Nomaden, Auswanderer und Menschen mit Zweitwohnsitz noch attraktiver geworden. Sie verfügten häufig über deutlich mehr finanzielle Mittel als viele Einheimische. „Es gibt nur noch wenige Personen, die nicht betroffen sind“, sagt Schirmer. Zwar schütze das spanische Mietrecht Mieter zunächst vor drastischen Erhöhungen. Läuft ein Vertrag jedoch aus, könnten Vermieter die Miete nahezu beliebig anheben. Für viele Familien werde das „zum Genickbruch“. Immer mehr Menschen könnten sich das Leben auf Mallorca schlicht nicht mehr leisten. „Es ist eine Riesenbedrohung für viele Menschen, die hier aufgewachsen sind und sich bald diese Insel nicht mehr leisten können“, betont Schirmer. Dass inzwischen sogar Menschen vom spanischen Festland mit dem Flugzeug zur Arbeit auf Mallorca pendelten, zeige, wie angespannt der Wohnungsmarkt inzwischen sei. WARUM DER MASSENTOURISMUS WEITER ZUNIMMT Trotz der Proteste rechnet Spanien auch in diesem Sommer wieder mit Besucherrekorden. Allein in den Sommermonaten werden rund 43 Millionen Gäste erwartet – sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Für Schirmer liegt das nicht daran, dass die Proteste wirkungslos seien. Vielmehr fehle der Regionalregierung an entscheidenden Stellen der Einfluss. So könne Mallorca beispielsweise gar nicht selbst festlegen, wie viele Flugzeuge auf der Insel landen. Darüber entscheide der staatliche Flughafenbetreiber. Hinzu komme ein großes illegales Angebot an Ferienwohnungen. Zwar sei die Vermietung von Wohnungen in Mehrfamilienhäusern in Palma verboten. „Aber das heißt ja nicht, dass es sie nicht gibt“, sagt Schirmer. Das Geschäft sei nach wie vor äußerst lukrativ, viele Vermieter nähmen hohe Bußgelder deshalb in Kauf. Auch aus der Tourismusbranche selbst gebe es bislang nur wenig Bestrebungen, das Wachstum einzudämmen. DER DRUCK WÄCHST WEITER Für Patrick Schirmer zeigt sich deshalb ein grundsätzliches Problem: Immer mehr Menschen wollten auf die Insel – als Urlauber, als Auswanderer oder als digitale Nomaden. Gleichzeitig bleibe Wohnraum begrenzt. „Der Druck nimmt jedes Jahr zu. Es kommen immer neue Menschen.“ Die Proteste gegen den Massentourismus dürften deshalb auch über diesen Sommer hinaus nicht verstummen.
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