SWR Kultur lesenswert - Literatur
Lyrik, Gedichte, das klingt gerade im Rilke-Jahr [https://www.swr.de/kultur/literatur/was-hat-uns-rilke-heute-noch-zu-sagen-100.html], nach etwas Erhabenem, Gehobenem, nach großen Gedanken, schwierigen Versen, nach, ja, Unverständlichem, auf jeden Fall nach etwas, was mit unserem normalen, alltäglichen Sprechen wenig oder gar nichts zu tun hat. Aber das muss nicht so sein. Es gibt auch eine Tradition des zugänglichen, zugewandten Gedichts. Und es ist vielleicht nicht zu viel behauptet, wenn man davon ausgeht, dass sie – religiös oder auch nicht – in der Erbfolge des Gebets steht, der Aufmerk- und Achtsamkeit gegenüber den Dingen, die uns umgeben. Vor der Schöpfung sind sie alle gleich und nur wir haben das verlernt und sortieren sie nach Nutzen oder Nutzlosem. DICHTER DER RANDLAGE Einer, der in dieser Tradition schreibt, ist der Schriftsteller Walle Sayer [https://www.swr.de/kultur/literatur/walle-sayer-etwas-wie-ein-koffer-aus-dem-ein-hemdzipfel-schaut-100.html]. Er wurde 1960 bei Tübingen geboren und veröffentlicht seit seinem Debut von 1984 in großer Regelmäßigkeit Gedichtbande, die nie ganz die Aufmerksamkeit erzielen konnten, die sie verdient hätten. Wenn das Klischee nicht so abgegriffen wäre, dann müsste man sagen, er ist einer der Stillen im Lande. Er lebt in Horb im Schwarzwald, weit weg vom Literaturbetrieb, er ist ein Dichter der Randlage. Sein neuer Band trägt den vielsagenden Titel „Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut“, der fast so etwas wie ein dichterisches Programm beinhaltet. Denn diese Zipfel, das sind die Gedichte selbst, der Koffer dagegen, der Ort der Ordnung, der Regeln, der nie ganz perfekt schließt. In sieben Zyklen beobachtet Walle Sayer die Details, die kleinen Dinge, eben die Zipfel. DAS HEIMLICHE IM ALLTAG Sie tragen selbst poetische Namen: „Tageskrümel, Rückwärtssuche, Die Detailsammlung aufschlagen, Kontrapunktisches, Gegenständliche Meditation, Kritzelelegien.“ Was sie verbindet, ist das dichterische Verfahren, das Umschlagen des Gewöhnlichen in Überraschendes durch Sprache. Da beobachtet einer, schaut genau hin, und erkennt, dass da noch etwas Heimliches, ja manchmal Unheimliches verborgen ist. Eines der Gedichte heißt: „In einem Straßencafé sitzen und eine Postkarte an sich selbst schreiben“ Und endet so: > Um nicht auseinandergerissen zu werden, / hält sich das Liebespaar an der Hand. // Die Spatzenschar, / die nicht aufschreckt vom Martinshorn, / weitersucht nach Krumen zwischen den Tischen. // An einem davon ich sitze / herumrühre in meiner Tasse und jemand bin, der hineinblickt / in die Stromschnellen. > > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut DER EINZELNE SATZ ALS GLUTKERN Merkt man diesen kleinen Versatz? Die Unwucht, weil es nicht geschmeidig heißt: „An einem davon sitze ich“, sondern „An einem davon ich sitze“, weil das beobachtende Ich gerade nicht im Ablauf der Geschehnisse aufgeht? Die Gedichte von Walle Sayer trumpfen nicht auf, oft versammeln sie einzelne Sätze und verzichten auf einen erzählerischen Überbau. Auch das gehört zu einem Dichten ohne Richten. Der einzelne Satz ist der Glutkern der Gedichte, der das Gewicht des Details trägt: > Die Schlafkuhle, die der alte Kater, für den das Bett Tabu ist, auf dem Kopfkissen hinterließ. > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut Oder: > Am Seitenstreifen der Landstraße, / das Mahnwachenflackern, die Flämmchenzunge, / neben der frischbepflanzten Blumenschale. > Einbehalten oder liegengeblieben, / im Gartenwinkel eines Nachbargrundstücks, / der Farbvokal des roten Balles. > > > Quelle: Walle Sayer - Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut Oder: > Die meerblauen / Tintentränen des / klecksenden Füllers. Walle Sayer ist im besten Sinne ein Heimatdichter, wenn Heimat keinen Namen trägt, sondern benennt, was uns im Alltag umgibt. Mit ihm können wir ihn sehen lernen. Also keine Angst vor Lyrik!
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