SWR Kultur lesenswert - Literatur
Norbert Scheuer steht auf dem Kalvarienberg oberhalb von Prüm in der Eifel und blickt in einen Abgrund. Unter ihm liegt der riesige, mittlerweile von Bäumen und Gebüsch zugewucherte Krater, der bis heute von einer Explosion von ungeheurem Ausmaß zeugt. Am Abend des 15. Juli 1949 gingen 500 Tonnen Sprengstoff hoch, den die französischen Besatzer hier gelagert hatten, in den Katakomben des Kalvarienbergs. Die Bergkuppe wurde weggesprengt, Gestein wurde Hunderte von Metern in die Höhe geschleudert; das Städtchen Prüm, das sich gerade im Wiederaufbau nach dem Krieg befand, wurde nahezu komplett zerstört. EINE KATASTROPHE, DIE WEITERLEBT Dass nur zwölf Menschen dabei ums Leben kamen, lag daran, dass zwischen der Entdeckung eines Brandes am Berg und der Explosion rund eine Stunde verstrich – Zeit genug, um 2000 Einwohner zu evakuieren. Norbert Scheuer, der zwei Jahre nach der Katastrophe geboren wurde, kennt die Erzählungen rund um die Explosion seit frühester Kindheit: „Ich komme aus Prüm. Meine Mutter hatte hier in Prüm eine Gastwirtschaft. Sie hat nicht viel erzählt, außer diese Geschichte, wie, nachdem sie alarmiert worden sind, sie mit meinem älteren Bruder aus der Stadt floh und dann plötzlich alles verdunkelt war, und aus dem schönen Sommerabend wurde plötzlich finstere Nacht“, erinnert sich Scheuer. „Das hat sich bei mir tief eingegraben, und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das irgendwann in einen Roman einfließt.“ DIE EIFEL ALS SPIELWIESE In „Holunderholz“, Norbert Scheuers neuem und beeindruckenden Roman, schwebt die Explosion des Kalvarienbergs wie eine apokalyptische Verheißung über dem Text. Was genau zu dem Brand geführt hat, ist bis heute ungeklärt. Zwei Wachsoldaten, ein Jugoslawe und ein Ungar, hatten nachweislich wenige Tage zuvor ihre Ausreise nach Australien geplant und verschwanden spurlos. Scheuer lässt sie auf seine eigene, spekulative Weise im Roman auftreten. Die Eifel ist Norbert Scheuers Heimat und seine große literarische Spielwiese. Er kennt die Geografie, die Mentalität, die Atmosphäre. Welche Bedeutung, so frage ich ihn, hat die verheerende Explosion heute noch für die Region und ihre Bewohner? „Also, in der Landschaft wirkt sie als große, riesige Narbe. Man sieht den Krater, der sehr große Ausmaße hat, und bei den Menschen wirkt das auch immer noch weiter, auch wenn sie das gar nicht mehr selbst miterlebt haben“, erzählt der Autor. „Aber so ist das wohl immer bei dramatischen Ereignissen: dass sie immer über Generationen hinweg auch unbewusst vorhanden sind. Wie Kriegsereignisse, und im Grunde ist es ja ein Kriegsereignis.“ ZWISCHEN EINSAMKEIT UND ERINNERUNG Zwei Zeitebenen sind in „Holunderholz“ kunstvoll miteinander verknüpft. Da ist zum einen Johann Arimond, ein Angehöriger der weitverzweigten Arimond-Familie, die das Grundgerüst von Norbert Scheuers Eifel-Saga bildet und die der Autor nach und nach ausweitet. Johann ist eine der deprimierendsten Figuren, die Norbert Scheuer je erfunden hat. Er arbeitet als Programmierer in einem Softwareunternehmen und lebt in einer kleinen Hochhauswohnung am Rand einer größeren Stadt, die als Köln zu identifizieren ist. Johann beobachtet Vögel, geht regelmäßig zu einer Gelegenheitsprostituierten und verbringt seine Abende an einer Autobahnraststätte. Als seine Mutter in der Eifel stirbt, macht Johann sich daran, die Tonbänder eines alten Magnetophons abzuhören, auf denen bruchstückhafte Aufzeichnungen seines Großvaters aus der Nachkriegszeit gespeichert sind. Norbert Scheuer sagt über seinen Ich-Erzähler: „Er ist einsam und konzentriert sich erst einmal ganz auf Technik. Und Technik macht, wenn man sich nur damit beschäftigt, einsam.“ „Und über diese Beschäftigung mit der Technik und im Grunde nur dieser Tatsache, dass auf diesen Tonbändern irgendetwas ist, dem man nachlauscht, kommt er immer näher und ohne es zu wissen an sich selbst, an seine Geschichte, die er ganz am Ende erkennt, und man könnte ja behaupten, dass er dann auch nicht mehr einsam ist.“ DER GESCHICHTE AUF DER SPUR Wir sitzen mittlerweile im Garten in Norbert Scheuers Haus in Kall in der Eifel. Vor sich auf dem Tisch hat Norbert Scheuer Bücher ausgebreitet, Chroniken mit Dokumenten von der Explosion im Jahr 1949. Sein Ich-Erzähler Johann Arimond hört die brüchigen Bänder ab und rekonstruiert daraus eine Geschichte, die wahr sein könnte oder erfunden. Das K3-Magnetophon, das Johann geerbt hat, ist für Scheuer das ideale Medium, um Schlaglichter auf Ereignisse zu werfen, die sich letztendlich aber nur aus Schlaglichtern, Spekulationen und der Fantasie des Autors zusammensetzen: „Dieses K3 existiert seltsamerweise nirgendwo. Es gibt die Hinweise darauf, aber es gibt kein funktionierendes Gerät. Es gibt Bilder von der Serie davor und danach, die so ähnlich aussehen, aber das K3 hat man nie mehr zum Laufen bekommen – nur Johann hat das geschafft“, berichtet uns der Autor. EIN EINZIGARTIGER ROMAN Worum geht es also in „Holunderholz“? Um die Hintergründe einer Katastrophe, das auch. Um den Brückenschlag zwischen der Gegenwart und der Nachkriegszeit, die in ein milchiges Licht und eine traumähnliche Stimmung getaucht ist. Um ein junges Mädchen namens Rose, die den Großvater bei seinen Touren durch die Eifel begleitet hat und deren Schicksal im Dunkeln bleibt. Um den zwielichtigen Herrn Vincentini, der bereits seit mehr als zwanzig Jahren durch Scheuers Romane irrlichtert. Um Technik, die den Menschen zunehmend beherrscht. Und um einen Erkenntnisprozess, den Johann Arimond durchläuft: „Er hat zum Beispiel erkannt, dass man nichts erkennen kann. Dass alles nur Fragmente sind. Und dass wir uns aus diesen Fragmenten eine Wirklichkeit zusammensetzen.“ Die Arbeit an dieser fragmentierten Wirklichkeit, die Norbert Scheuer in immer neuen Anläufen zum poetischen Bild einer Landschaft zusammensetzt, ist in der deutschsprachigen Literatur einzigartig. „Holunderholz“ ist ein weiteres Meisterwerk im so bestechend schönen wie verwirrenden Kosmos dieses Autors.
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