SWR Kultur lesenswert - Literatur
UNRECHT, DAS WEITERES UNRECHT GENERIERT Heike Geißler [https://www.swr.de/kultur/literatur/heike-geissler-arbeiten-100.html]s „Michaela Kohlhaas“ spielt in Leipzig. Dorthin will schon Kleists Rosshändler reisen, bevor er an einem Grenzübergang willkürlich aufgehalten wird und das Unrecht, das weiteres Unrecht generiert, seinen Ausgang nimmt. Gemessen am Original fehlt Geißlers Roman vor allem die dramatische Wucht. Schon der Ausgangspunkt wirkt auffallend schwach motiviert: Eine Frau entscheidet sich plötzlich für die Obdachlosigkeit, weil ein Immobilienhai einen Plattenbaublock frisst. Inklusive ihrer Lieblingskneipe, die „Tronkenburg“ heißt – ein oberflächlicher Brückenschlag zu Kleist. Diese unverhältnismäßige Reaktion nachzuvollziehen, fällt schwer. Bei Kleist beginnt die Katastrophe mit einem Verbrechen: „Die Rechtssache war in der Tat klar“, heißt es dort. Michaela Kohlhaas’ Untergang hingegen folgt keiner tragischen Verkettung. Liest man diese formale Schwäche als Aussage, ist der Roman durchaus gelungen. Erzählt wird das zwölfmonatige Ableben von Michaela Kohlhaas, die zuerst obdachlos, dann krank, dann abgehärtet, pöbelnd und friedlich zugleich und, am schönsten, ein Wald wird: > Das ist alles meine ganze echte Abgenutzheit. Das ist alles mein fettiges, ranziges Haar und mein saurer Geruch. Das ist alles mein Wachstum und mein Zerfall. Das ist alles mein Schmutz. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas „Ich habe niemanden und nichts bezahlt, mir das Antlitz der Abnutzung, der Benutzung zu geben. Das war ich alles selbst. Jede Zelle und jede Faser echte Abnutzung, echter Verschleiß, echtes Aufbäumen gegen jeden Status quo.“ Vergegenwärtigung einer Aussteigerin Das letzte Jahr der zum Erzählzeitpunkt bereits verstorbenen Heldin Michaela Kohlhaas wird von einer Kontrastfigur erinnert, einem Ich: weiblich, vom Alltag überfordert, aber funktional und bequem, „ohne Outdoorkompetenz“ und den nötigen Mut, auszubrechen. Dieses Ich begegnet Michaela Kohlhaas auf einem Friedhof, wo Kohlhaas als stellvertretende Verwalterin arbeitet. Eine Bekanntschaft von Gleichgesinnten. Bis Kohlhaas sich von ihrem geregelten Leben losreißt und ihren „Innenraumkörper“ obdachlos werden lässt, verwittern, zerfallen. Das erzählende Ich bleibt ihr einziger Ankerpunkt in der sogenannten Normalität. Kohlhaas meldet sich mit irritierenden Whats-App-Nachrichten bei ihr. Oder bei uns – das Ich bietet nämlich reichlich Identifikationspotential. Oder eine Anleitung zur Selbstkritik. Tod dem Kapitalismus Michaela Kohlaas vollzieht anders als ihr literarischer, männlicher Vorfahre kein mörderisches „Geschäft der Rache“, wie es bei Kleist heißt. Sie hält sich fern von Geschäftigkeit und handelt nur mit Nicht-Sterben-Zertifikaten– oder richtiger: dem Tod. Geißler ist eine beinharte Gegnerin des Kapitalismus. Was sich vorerst am Beispiel einer Systemsprengerin platt andeutet, geht wunderbar auf in der Formel: > Sich das Ende des Kapitalismus vorzustellen, ist tatsächlich unmöglich. Aber das Ende des Kapitalismus zu vollziehen, ist leicht. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas Auf der Handlungsebene wird dieser Vollzug mit der selbstgewählten Obdachlosigkeit der Protagonistin so beiläufig angestoßen, dass man sich über das billige Movens auch ärgert. „Schnarch, sagte sie und rief: Ich bin nicht vorbereitet. Ja, rief sie, zugleich bin ich bestens vorbereitet und stelle fest, die Vorbereitung, die schon mein ganzes Leben lang anhielt, läuft nun auf Schnarchen, Liegen, Grunzen hinaus. Und ich schwöre, das ist eine Menge.“ ICH-ERZÄHLERIN HÄLT NICHT MIT Michaela Kohlaas stinkt, ist laut, im Weg und auch mal kriminell – sie lebt zivilen Ungehorsam und damit eine Lebensweise, die der Text als Maßnahme heranträgt, um die kranke Gesellschaft durch Nonkonformismus ins Wanken zu bringen. Oder zumindest zu stören – koste es ihr Leben. Die Ich-Erzählerin schaut bewundernd zu, oder geflissentlich weg, wenn sie Kohlhaas’ Nummer für die Zeit ihres Urlaubs blockiert, um sich „nicht unterbrechen“ zu lassen. Michaela Kohlaas bricht in ihr Leben ein und bringt sie auch in Versuchung, selbst daraus auszubrechen. Der Erzählerin gelingt das aber im Gegensatz zu Michaela Kohlhaas nicht: > Aber ich war nicht gut im Gehen, ich war besser im Bleiben. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas Oder brutaler: > Wenn ich ehrlich war, dachte ich immer lieber an sie zurück, als dass ich ihr wirklich begegnete. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas Die letzte Konsequenz trägt nur die Romanheldin. Risse im System Einer gültigen Logik, einem Kausalzusammenhang, wie man ihn sich beim Lesen wünscht, zeigt Kohlhaas die Zunge: > Sie war auf Löcher und Lücken aus, auf Bruchstellen, auf Schäden in den Argumentationsketten und feindseligen Klein- und Großarchitektur. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas Um diese Wirkung als Roman zu erzielen, konstruiert Geißler keine schlüssige Handlung. In die dabei entstehenden Risse pflanzt sie Pointen, die funktionieren. Gleichzeitig scheitert sie wagemutig an der selbstgewählten literarischen Referenzgröße. GEISSLER KOMMT NICHT AN KLEIST RAN Heinrich von Kleist ist ein Meister der spannungsvollen Handlungsführung. Er muss auch nicht, wie Geißler, auf dutzenden Seiten Figuren als eigentlich brave Töchter und Staatsbürgerinnen charakterisieren. Kleist gelingt das in einem Satz. Und mehr noch, er macht den Widerspruch, Michael Kohlhaas sei „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ von Anfang an plausibel. Geißler ahmt Kleist im Stil ungelenk nach, nennt Michaela Kohlaas wiederholt „beispielhafte Frau“ und ist nicht nur in ihrer Betonung des exemplarischen und als Exempel dienenden Lebens der „großen Frau des Jahrhunderts“ repetitiv. Die Erwartung, die Kleist am Anfang ein Mal schafft und dann meisterhaft einlöst – „Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder“ – retardiert Geißler ständig, was nervt, aber seinen Zweck nicht verfehlt: zu irritieren.
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