SWR Kultur lesenswert - Literatur

Das Entgangene vergeht nicht: Hans-Ulrich Treichels „Das Karussell“

6 min · Ayer6 min
Portada del episodio Das Entgangene vergeht nicht: Hans-Ulrich Treichels „Das Karussell“

Descripción

Wenn das Leben sich dem Alter zuneigt, ist es doch immer wieder erstaunlich, wie schnell es vorbeigegangen ist. Das gilt auch für Bernhard, einen ehemaligen Hochschullehrer für Wirtschafts- und Politikwissenschaft, bei dem vom Blutdruck bis zur Pension alles die richtige Höhe hat. Einzig die Scheidung von seiner Frau und das daraus resultierende Alleinsein schmerzen verhalten. SIEBZIGSTER GEBURTSTAG ALS WENDEPUNKT Bernhard ist ein Mann der Mittellage, ein durchschnittlicher, nicht besonders ambitionierter aber mit leisem Humor ausgerüsteter typischer Treichel-Held, der akut seinem siebzigsten Geburtstag entgegenblickt. So Bernhard: „Er hatte sich schon länger darauf gefreut, endlich einmal Zeit für sich zu haben und einmal all das tun zu können, wozu er bisher keine Zeit und keine Gelegenheit gehabt hatte. Doch was war das eigentlich? Wofür hatte er keine Zeit gehabt? Es wollte ihm nicht einfallen. Nicht zu Beginn des Ruhestands und in den Jahren danach auch nicht.“ Doch dann ruft Italien. Salerno. Eine Geschichte, die rund vierzig Jahre zurückliegt und die in einer großen Rückblende die erste Hälfte des Romans ausmacht. Damals, Anfang der 1980er unterrichtete Bernhard in Salerno „Deutsch als Wirtschaftssprache“. Dort lernte er nicht nur den Strandbadbetreiber Luciano und dessen Sohn Alfredo kennen, sondern auch die wunderschöne Arianna, die Bernhard den Kopf verdreht, als sie ihren Kopf durch Alfredos Zimmertür steckt und „Ciao Ragazzi“ ruft. Bernhard spürt, dass ihr Anblick etwas mit ihm macht, auch wenn er noch nicht ahnt, was. Von Flieh- und Anziehungskräften Dort, im Strandbad, befindet sich auch das Karussell, ein Kinderkarussell aus dem 19. Jahrhundert mit Pferdchen, Delphinen, Mond und Kutsche. Es liegt, in Einzelteile verpackt, in einer Lagerhalle und wartet darauf, irgendwann einmal repariert und wieder in Betrieb genommen zu werden, vielleicht dann, wenn Arianna ihr Studium der Ingenieurswissenschaften beendet hat. In ihrer zupackenden Art, ihrer Bestimmtheit und Unverkrampftheit ist sie das ziemlich exakte Gegenteil von Bernhard, doch Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an, und um Kräfteverhältnisse, Flieh- und Anziehungskräfte, geht es in diesem Roman. Beide, die verheiratete Arianna ebenso wie das kaputte Karussell, sind uneingelöste Versprechen, liegengebliebene Möglichkeiten, Hoffnungen auf Glück und Bewegung, und sei es auch nur im Kreis. VOM NICHT-GESCHEHENEN Treichel erzählt liebevoll und mit leiser Melancholie von dem, was nicht geschieht, was aber als Nicht-Geschehenes ein ganzes Leben prägt. Der lange, intensive Kuss, den Arianna Bernhard schenkt, ist mehr Abschied als Anfang, überdauert aber in der Erinnerung die folgenden vierzig Jahre, in denen Bernhard nichts von Arianna hört und weiß. > Aber keinen Kontakt halten, bedeutete ja nicht, nicht miteinander zu kommunizieren. Auch wer schweigt, teilt etwas mit. > > > Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell „Mal leise und fast unhörbar. Doch gegebenenfalls auch laut und deutlich. Manchmal lärmte es geradezu in seinem Kopf vor lauter Schweigen und Kontaktlosigkeit.“ Hans-Ulrich Treichel [https://www.swr.de/kultur/literatur/der-verlorene-von-hans-ulrich-treichel-100.html] vollbringt das Kunststück, ein ganzes Leben zu erzählen, indem er fast alles weglässt. Das vierzig Jahre währende, zunehmend mühsame Hochschullehrerdasein bietet nicht viele Höhepunkte. Die kinderlose Ehe gipfelt in der Scheidung, nachdem Bernhards Frau ihn für einen geringfügig Jüngeren, geringfügig Sportlicheren, geringfügig Besserverdienenden verlassen hat, der außerdem auch interessenstechnisch – exotische Pflanzen, Skilanglauf, Querflöte – etwas breiter aufgestellt ist als er selbst. Das Damals und das Jetzt Doch all das spielt keine Rolle mehr, da er sich angesichts des bevorstehenden siebzigsten Geburtstages entschließt, endlich nach Salerno zu reisen, um zu sehen, was aus dem Karussell und was aus Arianna geworden ist. Tatsächlich scheint seit damals kein Tag vergangen zu sein, wenn die beiden wieder am Lungomare auf einer Bank nebeneinandersitzen und aufs Meer schauen, das zum Schweigen einlädt. > Die Zeit schien in ihm zu arbeiten. Dieser Sprung über die Jahrzehnte hinweg. Ein Sprung, der ja eigentlich gar nicht zu fassen war. Einen Moment lang schnurrten das Damals und das Jetzt zusammen. Um einen Moment später wieder auseinanderzudriften. > > > Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell Das Karussell, dessen Inbetriebnahme dank Ariannas Ingenieurskunst unmittelbar bevorsteht, ist das Sinnbild dieser Bewegung auf der Stelle, einer Zeit, die vergeht, ohne voranzukommen. Es ist das Sinnbild dieses Lebens, des Lebens überhaupt, so wie Treichel es in seinen Büchern immer wieder zu fassen sucht. > Das Vergangene verging nicht. Zumindest solange man lebte. Das Entgangene offenbar auch nicht. > > > Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell Bedeutsam sind eben nicht die Karrieren und Katastrophen, beruflich oder privat, die guten Absichten und zurückgelegten Wege, sondern einzelne Augenblicke, die ihre Bedeutung aus sich selbst heraus haben. DAS KARUSSELL DREHT SICH Mit „Das Karussell“ erzählt Hans-Ulrich Treichel eine Liebesgeschichte, die so gut wie gar nicht stattgefunden hat, was aber an ihrer Bedeutung nichts ändert. Ganz im Gegenteil: Gerade weil das Versprechen Versprechen bleibt, ist die Zuneigung so haltbar, die Liebe so rein. Das Uneingelöste hat größeres imaginäres Potential als der Vollzug. Das gilt im Übrigen auch für das Karussell, das dann, wenn es sich zu drehen beginnt, plötzlich an Attraktivität verliert. Wer ein Ziel erreicht hat, hat ein Ziel verloren. So ist es mehr als mitfühlend, dass Treichel am Ende dieses zärtlichen, leisen, humorvollen Romans alles offen lässt. Mag sein, dass die Zeit der Träume vorbei ist und da, wo das Karussell stand, sich schon bald ein Gebrauchtwagenhändler breitmacht. Aber auch das ist nur eine von vielen Möglichkeiten.

Comentarios

0

Sé la primera persona en comentar

¡Regístrate ahora y únete a la comunidad de SWR Kultur lesenswert - Literatur!

Empezar

2 meses por 1 €

Después 4,99 € / mes · Cancela cuando quieras.

  • Podcasts solo en Podimo
  • 20 horas de audiolibros / mes
  • Podcast gratuitos
Empezar

Todos los episodios

5587 episodios

Portada del episodio Das Entgangene vergeht nicht: Hans-Ulrich Treichels „Das Karussell“

Das Entgangene vergeht nicht: Hans-Ulrich Treichels „Das Karussell“

Wenn das Leben sich dem Alter zuneigt, ist es doch immer wieder erstaunlich, wie schnell es vorbeigegangen ist. Das gilt auch für Bernhard, einen ehemaligen Hochschullehrer für Wirtschafts- und Politikwissenschaft, bei dem vom Blutdruck bis zur Pension alles die richtige Höhe hat. Einzig die Scheidung von seiner Frau und das daraus resultierende Alleinsein schmerzen verhalten. SIEBZIGSTER GEBURTSTAG ALS WENDEPUNKT Bernhard ist ein Mann der Mittellage, ein durchschnittlicher, nicht besonders ambitionierter aber mit leisem Humor ausgerüsteter typischer Treichel-Held, der akut seinem siebzigsten Geburtstag entgegenblickt. So Bernhard: „Er hatte sich schon länger darauf gefreut, endlich einmal Zeit für sich zu haben und einmal all das tun zu können, wozu er bisher keine Zeit und keine Gelegenheit gehabt hatte. Doch was war das eigentlich? Wofür hatte er keine Zeit gehabt? Es wollte ihm nicht einfallen. Nicht zu Beginn des Ruhestands und in den Jahren danach auch nicht.“ Doch dann ruft Italien. Salerno. Eine Geschichte, die rund vierzig Jahre zurückliegt und die in einer großen Rückblende die erste Hälfte des Romans ausmacht. Damals, Anfang der 1980er unterrichtete Bernhard in Salerno „Deutsch als Wirtschaftssprache“. Dort lernte er nicht nur den Strandbadbetreiber Luciano und dessen Sohn Alfredo kennen, sondern auch die wunderschöne Arianna, die Bernhard den Kopf verdreht, als sie ihren Kopf durch Alfredos Zimmertür steckt und „Ciao Ragazzi“ ruft. Bernhard spürt, dass ihr Anblick etwas mit ihm macht, auch wenn er noch nicht ahnt, was. Von Flieh- und Anziehungskräften Dort, im Strandbad, befindet sich auch das Karussell, ein Kinderkarussell aus dem 19. Jahrhundert mit Pferdchen, Delphinen, Mond und Kutsche. Es liegt, in Einzelteile verpackt, in einer Lagerhalle und wartet darauf, irgendwann einmal repariert und wieder in Betrieb genommen zu werden, vielleicht dann, wenn Arianna ihr Studium der Ingenieurswissenschaften beendet hat. In ihrer zupackenden Art, ihrer Bestimmtheit und Unverkrampftheit ist sie das ziemlich exakte Gegenteil von Bernhard, doch Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an, und um Kräfteverhältnisse, Flieh- und Anziehungskräfte, geht es in diesem Roman. Beide, die verheiratete Arianna ebenso wie das kaputte Karussell, sind uneingelöste Versprechen, liegengebliebene Möglichkeiten, Hoffnungen auf Glück und Bewegung, und sei es auch nur im Kreis. VOM NICHT-GESCHEHENEN Treichel erzählt liebevoll und mit leiser Melancholie von dem, was nicht geschieht, was aber als Nicht-Geschehenes ein ganzes Leben prägt. Der lange, intensive Kuss, den Arianna Bernhard schenkt, ist mehr Abschied als Anfang, überdauert aber in der Erinnerung die folgenden vierzig Jahre, in denen Bernhard nichts von Arianna hört und weiß. > Aber keinen Kontakt halten, bedeutete ja nicht, nicht miteinander zu kommunizieren. Auch wer schweigt, teilt etwas mit. > > > Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell „Mal leise und fast unhörbar. Doch gegebenenfalls auch laut und deutlich. Manchmal lärmte es geradezu in seinem Kopf vor lauter Schweigen und Kontaktlosigkeit.“ Hans-Ulrich Treichel [https://www.swr.de/kultur/literatur/der-verlorene-von-hans-ulrich-treichel-100.html] vollbringt das Kunststück, ein ganzes Leben zu erzählen, indem er fast alles weglässt. Das vierzig Jahre währende, zunehmend mühsame Hochschullehrerdasein bietet nicht viele Höhepunkte. Die kinderlose Ehe gipfelt in der Scheidung, nachdem Bernhards Frau ihn für einen geringfügig Jüngeren, geringfügig Sportlicheren, geringfügig Besserverdienenden verlassen hat, der außerdem auch interessenstechnisch – exotische Pflanzen, Skilanglauf, Querflöte – etwas breiter aufgestellt ist als er selbst. Das Damals und das Jetzt Doch all das spielt keine Rolle mehr, da er sich angesichts des bevorstehenden siebzigsten Geburtstages entschließt, endlich nach Salerno zu reisen, um zu sehen, was aus dem Karussell und was aus Arianna geworden ist. Tatsächlich scheint seit damals kein Tag vergangen zu sein, wenn die beiden wieder am Lungomare auf einer Bank nebeneinandersitzen und aufs Meer schauen, das zum Schweigen einlädt. > Die Zeit schien in ihm zu arbeiten. Dieser Sprung über die Jahrzehnte hinweg. Ein Sprung, der ja eigentlich gar nicht zu fassen war. Einen Moment lang schnurrten das Damals und das Jetzt zusammen. Um einen Moment später wieder auseinanderzudriften. > > > Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell Das Karussell, dessen Inbetriebnahme dank Ariannas Ingenieurskunst unmittelbar bevorsteht, ist das Sinnbild dieser Bewegung auf der Stelle, einer Zeit, die vergeht, ohne voranzukommen. Es ist das Sinnbild dieses Lebens, des Lebens überhaupt, so wie Treichel es in seinen Büchern immer wieder zu fassen sucht. > Das Vergangene verging nicht. Zumindest solange man lebte. Das Entgangene offenbar auch nicht. > > > Quelle: Hans-Ulrich Treichel – Das Karussell Bedeutsam sind eben nicht die Karrieren und Katastrophen, beruflich oder privat, die guten Absichten und zurückgelegten Wege, sondern einzelne Augenblicke, die ihre Bedeutung aus sich selbst heraus haben. DAS KARUSSELL DREHT SICH Mit „Das Karussell“ erzählt Hans-Ulrich Treichel eine Liebesgeschichte, die so gut wie gar nicht stattgefunden hat, was aber an ihrer Bedeutung nichts ändert. Ganz im Gegenteil: Gerade weil das Versprechen Versprechen bleibt, ist die Zuneigung so haltbar, die Liebe so rein. Das Uneingelöste hat größeres imaginäres Potential als der Vollzug. Das gilt im Übrigen auch für das Karussell, das dann, wenn es sich zu drehen beginnt, plötzlich an Attraktivität verliert. Wer ein Ziel erreicht hat, hat ein Ziel verloren. So ist es mehr als mitfühlend, dass Treichel am Ende dieses zärtlichen, leisen, humorvollen Romans alles offen lässt. Mag sein, dass die Zeit der Träume vorbei ist und da, wo das Karussell stand, sich schon bald ein Gebrauchtwagenhändler breitmacht. Aber auch das ist nur eine von vielen Möglichkeiten.

Ayer6 min
Portada del episodio Widerstand stinkt: Heike Geißlers Roman „Michaela Kohlhaas“

Widerstand stinkt: Heike Geißlers Roman „Michaela Kohlhaas“

UNRECHT, DAS WEITERES UNRECHT GENERIERT Heike Geißler [https://www.swr.de/kultur/literatur/heike-geissler-arbeiten-100.html]s „Michaela Kohlhaas“ spielt in Leipzig. Dorthin will schon Kleists Rosshändler reisen, bevor er an einem Grenzübergang willkürlich aufgehalten wird und das Unrecht, das weiteres Unrecht generiert, seinen Ausgang nimmt. Gemessen am Original fehlt Geißlers Roman vor allem die dramatische Wucht. Schon der Ausgangspunkt wirkt auffallend schwach motiviert: Eine Frau entscheidet sich plötzlich für die Obdachlosigkeit, weil ein Immobilienhai einen Plattenbaublock frisst. Inklusive ihrer Lieblingskneipe, die „Tronkenburg“ heißt – ein oberflächlicher Brückenschlag zu Kleist. Diese unverhältnismäßige Reaktion nachzuvollziehen, fällt schwer. Bei Kleist beginnt die Katastrophe mit einem Verbrechen: „Die Rechtssache war in der Tat klar“, heißt es dort. Michaela Kohlhaas’ Untergang hingegen folgt keiner tragischen Verkettung. Liest man diese formale Schwäche als Aussage, ist der Roman durchaus gelungen. Erzählt wird das zwölfmonatige Ableben von Michaela Kohlhaas, die zuerst obdachlos, dann krank, dann abgehärtet, pöbelnd und friedlich zugleich und, am schönsten, ein Wald wird: > Das ist alles meine ganze echte Abgenutzheit. Das ist alles mein fettiges, ranziges Haar und mein saurer Geruch. Das ist alles mein Wachstum und mein Zerfall. Das ist alles mein Schmutz. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas „Ich habe niemanden und nichts bezahlt, mir das Antlitz der Abnutzung, der Benutzung zu geben. Das war ich alles selbst. Jede Zelle und jede Faser echte Abnutzung, echter Verschleiß, echtes Aufbäumen gegen jeden Status quo.“ Vergegenwärtigung einer Aussteigerin Das letzte Jahr der zum Erzählzeitpunkt bereits verstorbenen Heldin Michaela Kohlhaas wird von einer Kontrastfigur erinnert, einem Ich: weiblich, vom Alltag überfordert, aber funktional und bequem, „ohne Outdoorkompetenz“ und den nötigen Mut, auszubrechen. Dieses Ich begegnet Michaela Kohlhaas auf einem Friedhof, wo Kohlhaas als stellvertretende Verwalterin arbeitet. Eine Bekanntschaft von Gleichgesinnten. Bis Kohlhaas sich von ihrem geregelten Leben losreißt und ihren „Innenraumkörper“ obdachlos werden lässt, verwittern, zerfallen. Das erzählende Ich bleibt ihr einziger Ankerpunkt in der sogenannten Normalität. Kohlhaas meldet sich mit irritierenden Whats-App-Nachrichten bei ihr. Oder bei uns – das Ich bietet nämlich reichlich Identifikationspotential. Oder eine Anleitung zur Selbstkritik. Tod dem Kapitalismus Michaela Kohlaas vollzieht anders als ihr literarischer, männlicher Vorfahre kein mörderisches „Geschäft der Rache“, wie es bei Kleist heißt. Sie hält sich fern von Geschäftigkeit und handelt nur mit Nicht-Sterben-Zertifikaten– oder richtiger: dem Tod. Geißler ist eine beinharte Gegnerin des Kapitalismus. Was sich vorerst am Beispiel einer Systemsprengerin platt andeutet, geht wunderbar auf in der Formel: > Sich das Ende des Kapitalismus vorzustellen, ist tatsächlich unmöglich. Aber das Ende des Kapitalismus zu vollziehen, ist leicht. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas Auf der Handlungsebene wird dieser Vollzug mit der selbstgewählten Obdachlosigkeit der Protagonistin so beiläufig angestoßen, dass man sich über das billige Movens auch ärgert. „Schnarch, sagte sie und rief: Ich bin nicht vorbereitet. Ja, rief sie, zugleich bin ich bestens vorbereitet und stelle fest, die Vorbereitung, die schon mein ganzes Leben lang anhielt, läuft nun auf Schnarchen, Liegen, Grunzen hinaus. Und ich schwöre, das ist eine Menge.“ ICH-ERZÄHLERIN HÄLT NICHT MIT Michaela Kohlaas stinkt, ist laut, im Weg und auch mal kriminell – sie lebt zivilen Ungehorsam und damit eine Lebensweise, die der Text als Maßnahme heranträgt, um die kranke Gesellschaft durch Nonkonformismus ins Wanken zu bringen. Oder zumindest zu stören – koste es ihr Leben. Die Ich-Erzählerin schaut bewundernd zu, oder geflissentlich weg, wenn sie Kohlhaas’ Nummer für die Zeit ihres Urlaubs blockiert, um sich „nicht unterbrechen“ zu lassen. Michaela Kohlaas bricht in ihr Leben ein und bringt sie auch in Versuchung, selbst daraus auszubrechen. Der Erzählerin gelingt das aber im Gegensatz zu Michaela Kohlhaas nicht: > Aber ich war nicht gut im Gehen, ich war besser im Bleiben. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas Oder brutaler: > Wenn ich ehrlich war, dachte ich immer lieber an sie zurück, als dass ich ihr wirklich begegnete. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas Die letzte Konsequenz trägt nur die Romanheldin. Risse im System Einer gültigen Logik, einem Kausalzusammenhang, wie man ihn sich beim Lesen wünscht, zeigt Kohlhaas die Zunge: > Sie war auf Löcher und Lücken aus, auf Bruchstellen, auf Schäden in den Argumentationsketten und feindseligen Klein- und Großarchitektur. > > > Quelle: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas Um diese Wirkung als Roman zu erzielen, konstruiert Geißler keine schlüssige Handlung. In die dabei entstehenden Risse pflanzt sie Pointen, die funktionieren. Gleichzeitig scheitert sie wagemutig an der selbstgewählten literarischen Referenzgröße. GEISSLER KOMMT NICHT AN KLEIST RAN Heinrich von Kleist ist ein Meister der spannungsvollen Handlungsführung. Er muss auch nicht, wie Geißler, auf dutzenden Seiten Figuren als eigentlich brave Töchter und Staatsbürgerinnen charakterisieren. Kleist gelingt das in einem Satz. Und mehr noch, er macht den Widerspruch, Michael Kohlhaas sei „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ von Anfang an plausibel. Geißler ahmt Kleist im Stil ungelenk nach, nennt Michaela Kohlaas wiederholt „beispielhafte Frau“ und ist nicht nur in ihrer Betonung des exemplarischen und als Exempel dienenden Lebens der „großen Frau des Jahrhunderts“ repetitiv. Die Erwartung, die Kleist am Anfang ein Mal schafft und dann meisterhaft einlöst – „Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder“ – retardiert Geißler ständig, was nervt, aber seinen Zweck nicht verfehlt: zu irritieren.

Ayer6 min
Portada del episodio Literatur als Lebensratgeber - Petra Morsbachs „Orion“

Literatur als Lebensratgeber - Petra Morsbachs „Orion“

Am 1. Juni wird die Schriftstellerin Petra Morsbach 70 Jahre alt. Sie ist eine Autorin, die sorgfältig recherchiert und sich beim Schreiben Zeit lässt. Ihr letzter Roman „Justizpalast“ erschien vor neun Jahren und wurde mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Ein Leben über sechs Jahrzehnte In ihrem neuen Roman „Orion“ erzählt Petra Morsbach ein vermeintlich wenig bedeutsames Leben über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg. Nora Meyer, so der Name ihrer Hauptfigur, studiert in den 1960er-Jahren in München und jobbt nebenbei im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Dort lernt sie auch ihren späteren Ehemann, den verklemmten Theseus Dellendrücker, kennen. Nora wird als Lehrerin arbeiten, die Ehe wird scheitern, doch was stets präsent bleiben wird, ist die Literatur als Spiegel des eigenen Lebens. Satirische Figurenzeichnung Der Literaturkritiker Paul Jandl hebt im Gespräch die Eleganz von Petra Morsbachs Schreiben hervor: „Ich finde das so gelungen, weil es so vielfältig ist.“ Morsbach sei eine Meisterin der Milieuschilderungen und der satirisch überhöhten Figurenzeichnung. Ihre Beschreibungen, so Jandl, „schärfen den eigenen Blick.“ Bereits in der Exposition werde das Motiv der „Literatur als Lebensratgeber“ herausgearbeitet: Noras Großmutter singt sich aus dem Tag heraus; stimmt Abend für Abend ein Lied an, das morbider nicht sein könnte: „Das ist die erste Zündstufe“, so Jandl. Idee der Selbstverbesserung Er liest in „Orion“ eine „pädagogische Idee der Selbstverbesserung.“ Als Lehrerin wolle Nora nicht nur Wissen vermitteln, sondern von ihren Schülern selbst auch etwas lernen. Die Hoffnung, dass Lesen als existentielle Technik noch relevant ist, wird bei Petra Morsbach nicht aufgegeben.

Ayer10 min
Portada del episodio Das Kriegsende hat kein Datum: Martin Piekar im Gespräch

Das Kriegsende hat kein Datum: Martin Piekar im Gespräch

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt des Jahres 2023 stach der Schriftsteller Martin Piekar allein schon durch seine Erscheinung heraus. Der in Schwarz gekleidete, langhaarige Mann mit den schwarz lackierten Fingernägeln lieferte noch dazu eine Performance ab, wie sie lange nicht zu sehen war. Ein langer Schrei In seinen Vortrag aus dem Text „Mit Wänden sprechen/Pole sind schwierige Volk“ hatte Piekar einen lauten, zwei Sekunden langen Schrei eingebaut: Der Schrei der Überforderung eines jungen Mannes, der vaterlos mit seiner Mutter in einer engen Zwei-Zimmer-Wohnung aufgewachsen ist und die Mutter nach ihrer Krebs-Diagnose bis zu ihrem Tod gepflegt hat. Vaterloses Aufwachsen Nun hat Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus als Sohn polnischer Eltern, seinen Debütroman vorgelegt. „Vom Fällen eines Stammbaums“, so der Titel, erzählt die Geschichte eines vaterlosen Aufwachsens in Deutschland als Sohn einer Mutter, die vor dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland geflohen ist. Geboren im Gulag Im Gespräch erzählt Martin Piekar von der Geschichte seiner Mutter, die 1952 im russischen Gulag geboren wurde. Von Traumata, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Davon, dass das Kriegsende kein Datum hat. Von der Scham der Herkunft in einem Deutschland, in der Polenwitze Kultcharakter hatten. Und von der lebensrettenden Wirkung des Schreibens.

Ayer12 min